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In: KulturPoetik 2008, Heft 2

Autor

Franka Marquardt

Titel

Der älteste Hass – endlich eine Enzyklopädie zur Geschichte des Antisemitismus
Richard Simon Levy (Hg.), Antisemitism. A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution. 2 Bde. Santa Barbara, Denver, Oxford: ABC Clio 2005. 828 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Wohl gerade weil es sich beim Judenhass um »the longest hatred« handelt, wie Richard Simon Levy in seiner Einleitung zu Antisemitism. A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution festhält, ist das 2005 von ihm herausgegebene Lexikon tatsächlich »the first of its kind« (S. XXIX). Schließlich war Antisemitismus die längste Zeit vor allem für Juden ein Problem, für alle anderen hingegen eine wenig bemerkenswerte Selbstverständlichkeit. Auch in der Wissenschaft kam Judenhass, wenn überhaupt, meist nur im Rahmen der ›Jüdischen Geschichte‹ zur Sprache, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert wiederum fast ausschließlich von Juden betrieben wurde. Eine ›Antisemitismusforschung‹, die die »motivations of the Jews’ enemies or the historical contexts, intellectual traditions, or political-religious motivations that shaped their hostility« eigenständig untersucht (S. XXXII), ist demgegenüber ein viel jüngerer Forschungszweig, der erst nach der Shoa in seiner Dringlichkeit erkannt wurde und sich nur allmählich etabliert hat. Viel früher als jetzt wäre es für Levy daher tatsächlich »difficult and perhaps even impossible« gewesen, jenen »remarkable body of scholars« zu versammeln, den er für die Mitarbeit an seiner Enzyklopädie gewinnen konnte (S. XXXII). Auch am erst 1982 gegründeten Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin entsteht jetzt erst ein »Handbuch zur Antisemitismusforschung«, dessen erste Bände noch für dieses Jahr angekündigt sind.(1)

Mit Levys Lexikon liegt nun das erste Nachschlagewerk zur Geschichte des Antisemitismus vor, das, der Omnipräsenz und Langlebigkeit des Phänomens entsprechend, nicht als Fachlexikon gedacht ist, sondern für alle Disziplinen ein unverzichtbares Hilfsmittel darstellen soll. Das Verdienst des Herausgebers besteht dabei nicht nur darin, ein solch groß angelegtes Unternehmen auf schwierigem Terrain überhaupt gewagt zu haben, sondern auch in seinem hohen Anspruch an die Enzyklopädie, dem diese durchgängig gerecht wird: »Its mission is straightforward: to present to the educated reader the most accurate, thorough, and up-to-date information on antisemitism in an unbiased manner« (S. XXIX). Ob interessierten Laien oder Spezialisten auf einem der vielen Fachgebiete, aus denen sich die Antisemitismusforschung zusammensetzt: Dieses Lexikon sei allen wie auch immer »educated readers« nachdrücklich empfohlen.

Die Schwierigkeiten und Fallstricke, die jedem und erst recht einem so umfassenden Vorhaben auf diesem Gebiet zu schaffen machen, liegen auf der Hand und werden in der Einleitung unumwunden angesprochen. Schon die Definition des zentralen Begriffs ist alles andere als unproblematisch: Während manche den – erst rund hundert Jahre alten – Terminus ›Antisemitismus‹ für den vornehmlich ›rassisch‹ begründeten Judenhass ab Mitte des 19. Jahrhunderts reservieren und für die Zeit davor eher von religiös fundiertem ›Antijudaismus‹ oder von ›Judenfeindschaft‹ allgemein sprechen wollen, plädieren andere für ein möglichst weites Verständnis des umgangssprachlich fest etablierten Begriffs. Auch Levy definiert »antisemitism« schlicht als jede Form von »thinking and behaviour intended to do harm to the reputation, rights, and/or physical well-being of Jews« (S. XXX). Die Enzyklopädie trägt damit der Einsicht Rechnung, dass sich die verschiedenen Erscheinungsweisen der Judenfeindlichkeit keineswegs so sauber trennen lassen wie die reinliche Scheidung der Begriffe suggeriert. Wie man in Levys Lexikon selbst nachlesen kann, wurde schließlich schon im Mittelalter der Teufel mit vermeintlich »Semitic features« dargestellt (S. 387), während der religiöse Topos von den ›verblendeten‹, ›verstockten‹ Juden im 19. Jahrhundert durchaus nicht verschwunden ist, sondern etwa im deutschen Kulturkampf der 1870er Jahre regelmäßig wiederkehrt (vgl. S. 406f.) oder die Diffamierung des Talmud auch heute noch und nicht nur unter evangelikalen »radical Christians« zu finden ist (S. 698).

Auch im Blick auf die Frage, wer als Opfer des Antisemitismus verzeichnet werden soll, entscheidet Levy überzeugend pragmatisch. Darunter fallen bei ihm alle, deren wie auch immer hergeleitete »Jewish identity – self-acknowledged, denied, ignored, or totally fabricated –« zur Zielscheibe judenfeindlicher Angriffe wird: »It must be left to the antisemites […] to decide who shall be included« (S. XXIX). Und auch auf die heikle Frage nach der Besonderheit der Judenfeindschaft im Vergleich zu anderen Formen von »Prejudice and Persecution« gibt die Enzyklopädie gleich in der Einleitung eine bestechend einfache Antwort: »Antisemitism […] has not only a lengthier history, lengthier than any other species of ethnic or cultural enmity, but is also the only prejudice that has scriptural sanction« (S. XXX). Dass diese ›Sanktionierung‹ der Judenfeindschaft weniger von den ›Heiligen Schriften‹ selbst als vielmehr von deren so wirkmächtiger Rezeptionsgeschichte ausgeht, zeichnet der Eintrag zu den ›Gospels‹ nach: Durch jene Rezeptionsgeschichte sieht dort judenfeindlich aus, was zunächst nur eine innerjüdische Auseinandersetzung war: »Polemic in the four Gospels […] occurs between Jews, […] these aspects of the Gospels were put to antisemitic purposes in later centuries« (S. 282).

Auf dieser klar dargelegten und ausgewogen argumentierenden Grundlage der »introduction« versammelt das Lexikon insgesamt 612 Artikel. Dabei handelt es sich um in der Regel zwei bis fünf Spalten lange Einträge von beträchtlicher zeitlicher, geographischer und inhaltlicher Spannweite. So findet man zwischen dem ersten Eintrag zur ›Action Française‹ und dem letzten zum erst im Frühjahr 2005 verhafteten Shoa-Leugner ›Ernst Zündel‹ Stichwörter, die von ›Bar Kochba Revolt‹ bis ›Buenos Aires Pogroms‹ reichen, ›Charles E. Coughlin‹, ›Charles Dickens‹ und ›Charles Lindbergh‹ ebenso behandeln wie ›Hamas‹ und ›Hep-Hep‹, ›New Age‹, ›New Left‹ und ›Neo-Nazism‹, die ›Waldheim Affair‹ oder ›Women and British Facism‹. Daneben sind natürlich zahlreiche prominente Antisemiten und Nationalsozialisten verzeichnet, aber auch solche Berühmtheiten, die keineswegs nur und meist nur ungern auch als Antisemiten erinnert werden, wie zum Beispiel Carl Gustav Jung, Rudolf Steiner oder der in Auschwitz ermordete Franziskanerpater Maksymilian Kolbe. Zudem erhalten besonders einflussreiche Texte einen eigenen Eintrag. Dazu zählen die acht Predigten Adversus Iudaeos des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos aus dem vierten Jahrhundert ebenso wie der 1991 von der Nation of Islam verantwortete Band The Secret Relationship between Blacks and Jews. Auch Shakespeares Kaufmann von Venedig, der unter dem Namen der Titelfigur ›Shylock‹ aufgeführt wird, Johann Andreas Eisenmengers Entdecktes Judenthum, Richard Wagners Das Judentum in der Musik, Édouard Drumonts La France juive oder Bram Stokers Dracula werden in Einzeldarstellungen behandelt, ebenso wie die wohl bekanntesten antisemitischen Texte des 19. und 20. Jahrhunderts, etwa Wilhelm Marrs Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum, die Protokolle der Weisen von Zion oder Adolf Hitlers Mein Kampf.

Nahezu sämtliche Artikel erweisen sich auch bei genauerem Hinsehen als gründlich recherchiert, genau fokussiert und sehr gut lesbar. Sie führen allesamt auch insofern weiter, als sie jeweils mit einem Hinweis auf verwandte Einträge und mit einer knappen Auswahl an Forschungsliteratur abgeschlossen werden, wobei jüngeren Publikationen in der Regel der Vorzug gegeben wird. Zur schnelleren Orientierung ist beiden Teilbänden eine Liste sämtlicher Lemmata vorangestellt, und ein Index dient der Ergänzung der – notwendig beschränkten – Zahl aufgenommener Einträge durch Stichwörter, die nur im Rahmen anderer Artikel zur Sprache kommen. Eine Liste der »Contributors and Their Entries« sowie einige schwarz-weiß Illustrationen, die ihrerseits eine ausgewogene Mischung aus Personenportraits und anderen Dokumenten darstellen, runden die fundierte und verlässliche Enzyklopädie ab. Allerdings wäre zur Steigerung der Benutzerfreundlichkeit für eine zweite Auflage zu überlegen, ob im Index nicht unter den Autorennamen explizit auf diejenigen Einträge verwiesen werden könnte, die sich als eigener Artikel mit einem ihrer Texte befassen, da hier gewissen Verwirrungen zumindest nicht vorbeugt wird: Manche Einzeltexte sind anhand ihres originalsprachlichen Titels, manche aber nach dessen englischer Übersetzung alphabetisch eingeordnet, teilweise sogar ohne dass der ursprüngliche Titel überhaupt genannt wird. Während man also Johannes Chrysostomos’ Adversus Iudaeos unter ›A‹, Eisenmengers Entdecktes Judentum unter ›E‹ und Hitlers Mein Kampf unter ›M‹ findet, ist Martin Luthers Von den Juden und ihren Lügen unter ›O‹ wie On the Jews and Their Lies, Gustav Freytags Soll und Haben unter ›D‹ wie Debit und Credit, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier hingegen unter ›H‹ wie ›Hitler’s Table Talk‹ verzeichnet.

Dass auch ein englischsprachiges Lexikon zur Geschichte des Antisemitismus eine große Zahl von Artikeln enthält, die gerade für deutsche Benutzerinnen und Benutzer von besonderem Interesse sein dürften, hat natürlich bedrückend naheliegende Gründe. Angesichts seines vergleichsweise schmalen Umfangs übertrifft das Handbuch aber auch in dieser Hinsicht oft die Erwartungen. So findet sich neben Einträgen etwa zum »Xanten Ritual Murder«, dem »Aryan Paragraph« oder der »Wannsee Conference« eine ganze Reihe von Artikeln, die sich mit vergleichsweise abgelegenen Themen aus der Geschichte des Antisemitismus im deutschsprachigen Raum beschäftigen. Dass zum Beispiel die erste ›völkische‹ Siedlung unter dem Namen Heimland bereits 1909 gegründet und außerdem eine Erfindung desselben Theodor Fritsch ist, der vor allem durch sein Handbuch zur Judenfrage und seinen Hammer. Blätter für deutschen Sinn in unrühmlicher Erinnerung geblieben ist, gehört wohl ebenso wenig zum Grundwissen in dieser Frage wie die Kenntnis der wechselhaften Geschichte des von Erich und Mathilde Ludendorff gegründeten Verlags Ludendorffs Volkswarte. Und dass auch die feinen Unterschiede zwischen Luther und seinem Mitstreiter Phillipp Melanchthon bei der Beurteilung des Judentums dargelegt werden, ›Musicology and National Socialism‹ ein eigenes Lemma erhält, mehrere deutsche Zeitschriften – Fliegende Blätter, Gartenlaube, Kladderadatsch oder Simplicissimus – eigens verzeichnet sind und aus der deutschen Literaturgeschichte nicht nur ›Theodor Fontane‹, ›Thomas Mann‹ und ›Wilhelm Raabe‹ vorkommen, sondern neben Freytags Soll und Haben etwa auch das Oberammergauer Passionsspiel, Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche oder Rainer Werner Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod einzeln behandelt werden, macht das Lexikon für jede Sparte der ›German Studies‹ unverzichtbar.

Angesichts der Fülle und Güte der Enzyklopädie ihre unumgänglichen Lücken zu monieren, wäre kleinlich. Wollte man aber sozusagen textsortengemäß der Würdigung auch Kritisches hinzufügen, so könnte man im Sinne einer zweiten Auflage gewisse Bündelungen vorschlagen, die vor allem denen zugutekämen, die eher an Überblicksdarstellungen als an Einzelanalysen interessiert sind. So fällt etwa das Fehlen eines gerade wieder besonders aktuellen Stichworts auf, das sich zur Zusammenfassung der zwar vorhandenen, aber verstreuten Darstellungen des Phantasmas von der ›jüdischen Weltverschwörung‹ anbieten würde: ›Conspiracy Theories‹. In Analogie zu Artikeln wie ›Deicide‹, ›Ritual Murder‹ oder ›Well Poisoning‹ könnte darunter Einschlägiges aus den Einträgen etwa zu den ›Protocols of the Elders of Zion‹, zum ›Jesuit Order‹ oder zu ›Freemasonary‹ zusammengetragen und möglicherweise bis ›9/11‹ fortgeführt werden – ein Datum, auf das man nirgendwo verwiesen wird. Darüber hinaus wäre auf der Grundlage der Einleitung vielleicht zu überlegen, ob ein einziger Eintrag zu den ›Gospels‹ der so fundamentalen wie delikaten Frage nach den Wurzeln der Judenfeindschaft im Christentum tatsächlich gerecht werden kann. Einzeldarstellungen zur Kirchen-, Theologie- und christlichen Exegesegeschichte hätten der bis heute nicht überwundenen religiösen Judenfeindschaft mehr Gewicht verleihen können. So wird im Eintrag zu den Evangelien zwar auf die grundlegenden Verzerrungen der innerjüdischen Streitigkeiten, von denen dort die Rede ist, zu judenfeindlicher Polemik im Lauf ihrer Rezeptionsgeschichte hingewiesen (vgl. S. 280-282), wie es aber nach und nach zur vollkommenen Verkehrung der Vorzeichen gekommen ist, kann man sich höchstens aus anderen Einträgen – ›Paul‹, ›Church Fathers‹, ›Early‹, ›High‹ und ›Late Middle Ages‹ – zusammensuchen. Dass aber gerade die Analyse der Kirchen- und Theologiegeschichte der Judenfeindschaft als des ›ältesten Hasses‹ nach wie vor dringlich geboten ist, lässt der jüngst entbrannte Streit um die Wiederzulassung der lateinischen Messe erkennen, mit der ausgerechnet ein deutscher Papst auch die judenfeindlichen Passagen der alten Karfreitagsliturgie wieder eingeführt hat. Dass in deren – inzwischen etwas abgeschwächter – Form im Jahr 2008 zwar nicht mehr für die ›treulosen‹ oder ›verblendeten‹ Juden, aber immer noch für die ›Erleuchtung‹ ihrer ›Herzen‹ und ihre Bekehrung zu Jesus Christus gebetet wird (»ut Deus et Dominus noster illuminet corda eorum, ut agnoscant Iesum Christum«(2)), kann als ein aktuelles Beispiel für den Unverstand dienen, der auf christlicher Seite in dieser Frage oft noch herrscht.

Solche Vorschläge und Kleinlichkeiten jedoch nur am Rande. Richard Simon Levys Lexikon ist ein viel zu verdienstvolles, reichhaltiges und lehrreiches Werk, als dass man dessen Lektüre zum Nachdenken über vielleicht noch Fehlendes oder allzu Verstreutes unterbrechen sollte. Stattdessen wünscht man den Bänden eine möglichst weite Verbreitung – und ist zugleich gespannt auf ihre Ergänzung durch das wohl deutlich umfangreichere Projekt aus Berlin. In jedem Fall gehört Antisemitism. A Historical Encyclopedia of Prejudice and Persecution zur seltenen Gattung jener Bücher, die es längst hätte geben müssen und die, wenn sie dann endlich erscheinen, tatsächlich einlösen, was man sich schon immer von ihnen versprochen hat.

Dr. Franka Marquardt, Nordstrasse 183, CH-8037 Zürich; E-Mail: Franka.Marquardt @germ.unibe.ch


Anmerkungen

(1) Vgl. Anonymus, Handbuch zur Antisemitismusforschung [Buchankündigung des Zentrums für Antisemitismusforschung]. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 16 (2007), S. 343-345. [zurück]

(2) L’Osservatore Romano 6, 08.02.2008, S. 1. [zurück]