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In: KulturPoetik 2008, Heft 2

Autor

Andrea Albrecht

Titel

Grundlagenforschung im »Niemandsland« zwischen Poesie und Wissenschaft
(1) Bernhard J. Dotzler/Sigrid Weigel (Hg.), »fülle der combination«. Literaturforschung und Wissenschaftsgeschichte. München: Wilhelm Fink Verlag 2005. 397 S.
(2) Kai Bremer/Fabian Lampart/Jörg Wesche (Hg.), Schreiben am Schnittpunkt. Poesie und Wissen bei Durs Grünbein. Freiburg: Rombach 2007. 308 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Es dürfte kein Zufall sein, dass in den beiden vorliegenden Sammelbänden, in dem von Bernhard J. Dotzler und Sigrid Weigel herausgegebenen Band zu Literaturforschung und Wissenschaftsgeschichte sowie in dem von Kai Bremer, Fabian Lampart und Jörg Wesche edierten Band zu Poesie und Wissen bei Durs Grünbein, von »Grundlagenforschung« die Rede ist. Während Dotzler und Weigel diesen Terminus »im besten Wortsinn« für ihre Pionierarbeit im Grenzbereich von »Literaturforschung & Wissen(schaft)sgeschichte« (Dotzler/Weigel, S. 9) reklamieren, beansprucht Durs Grünbein ihn für seine Dichtung: Bei seinen poetischen Übergriffen auf den Bereich der exakten Wissenschaften gehe es, wie der Lyriker »schwört, [...] um mehr als nur zufälligen Selbstausdruck [...], nämlich um Grundlagenforschung« (Grünbein zit. nach Bremer/Lampart/Wesche, S. 171). Die hier poetische, dort literaturwissenschaftliche Adaption eines Begriffs, der normalerweise Mathematikern und Naturwissenschaftlern zur Abgrenzung eines ›reinen‹ Erkenntnisstrebens von anwendungsorientierter Forschung dient, ist irritierend. Was sollten überhaupt die Anwendungen sein, von denen sich Schriftsteller und Literaturwissenschaftler abgrenzen könnten?

Sowohl in Grünbeins als auch in Dotzlers und Weigels Behauptung, Grundlagenforschung zu betreiben, schwingt sicherlich das ironische Eingeständnis der von Politik und Wirtschaft immer wieder beklagten Anwendungsferne literarischer bzw. geisteswissenschaftlicher Erkenntnisformen mit. Zugleich aber wird im Rekurs auf eine zweite Denotation des Begriffs, derzufolge »Grundlagenforschung« die wissenschaftliche Beschäftigung mit den systematischen und methodischen Voraussetzungen einer neu einzurichtenden oder neu zu justierenden Disziplin meint, ein ernsthafter Vermittlungsanspruch erhoben: Während Grünbein das »Niemandsland« (Grünbein, zit. n. Bremer/Lampart/Wesche, S. 175) zwischen Wissenschaft und Dichtung zum poetischen Territorium erklärt und in seinen Essays und Gedichten als solches immer wieder ausschreitet, beansprucht das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung den literatur- und kulturwissenschaftlichen Deutungsanspruch über die Grenz- und Interferenzbereiche der »sogenannten ›zwei Kulturen‹« (Dotzler/Weigel, S. 10). In diesem Sinne könnte es sich bei beiden Sammelbänden um tatsächlich grundlegende Explorationen handeln, die, ausgehend vom interdiskursiven Charakter der Literatur und vom transdisziplinären Potential literaturwissenschaftlicher Fragestellungen, der »Literaturforschung« neue Untersuchungsbereiche zu erschließen suchen. Am Erfolg dieser Erschließungs- und Fundierungsarbeit müssen sich beide Bände messen lassen.


Bernhard J. Dotzler/Sigrid Weigel (Hg.), »fülle der combination«. Literaturforschung und Wissenschaftsgeschichte. München: Wilhelm Fink Verlag 2005. 397 S.

Der Band versammelt in thematisch, methodisch und qualitativ bunter Mischung Tagungsbeiträge und Beiträge von Gästen und Fellows des 2001 am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung eingerichteten Schwerpunkts Literaturforschung und die Geschichte des Wissens und der Wissenschaften. Trotz der offenkundigen Disparatheit, die das Vorwort gar nicht erst systematisch zu ordnen versucht, bewegen sich alle Beiträge im Bereich von Wissenschaftsgeschichte, Kulturwissenschaft, science studies und literary studies und bemühen sich hier um die Entdeckung und Aufbereitung neuer Forschungsfelder. Der erste Teil, der unter dem feuilletonistischen Titel »Passagen und Interferenzen« firmiert, ist der Untersuchung wechselseitiger Beeinflussungen von »Literatur(en), Wissenschaft(en), Literaturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte« (S. 11) gewidmet. Neben Sven Spiekers etwas sperrig bleibendem Beitrag zur Post- und Nachrichtentechnik in der russischen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts und Henning Schmidgens Studie zur Camera silentia, die er, verstanden als akustischen und als temporalen Raum (S. 74), zum Angelpunkt einer weiträumigen Reflexion über den Zusammenhang von Sinnesphysiologie und Zeiterfahrung macht, finden sich weiterführende Überlegungen vor allem in N. Katherine Hayles’ und Laura Otis’ Untersuchungen zum Konnex von Menschen- und Maschinenbild. Nach einem Kursus durch aktuelle Erkenntnisse der Robotik und der KI-Forschung und deren Implikationen für das Menschenbild, stellt Hayles unter anderem fest, dass aus der Sicht robotischer Simulationen das menschliche Bewusstsein als ein »›Epiphänomen‹« (S. 80) erscheint, kreative und kognitive Prozesse oftmals angemessener als »Resultat blinder Evolutionsprozesse« (S. 92) zu beschreiben und daher auch die Teleologismen der Humangeschichte grundsätzlich zu überdenken seien. Im Unterschied zu Hayles wählt Laura Otis den Zugang über Sprache und Literatur und zeigt in kommunikations- und identitätstheoretischer Hinsicht, dass bereits im 19. Jahrhundert »Technische Netze als Vorbilder für Organische Netze« (S. 36) und »Organische Netze als ›Vorbilder‹ für technische Netze« (S. 39) gedient hätten. – Naheliegende Brückenschläge zwischen den Beiträgen von Schmidgen, Hayles und Otis, etwa im Hinblick auf die Positionierung des Menschen in der technik- und humangeschichtlichen Ordnung der Dinge, erfolgen bedauerlicherweise nicht, so dass die vorgeführten »Passagen und Interferenzen« Einzelunternehmungen bleiben.

Die unzureichende Dialogisierung der Beiträge kennzeichnet auch den zweiten, »Wissen im Prozess der Literatur« überschriebenen Teil des Bandes, in dem die literarische Erkundung unterschiedlicher Wissenssysteme im Vordergrund steht. In einem – zu großen Teilen schon veröffentlichten, aber dennoch – äußerst lesenswerten Beitrag zu Friedrich Schlegels »Chemo-Poetik« (S. 103) zeigt Michel Chaouli, wie der Autor die um 1800 noch zwischen alchemistisch-magischer und moderner Methode schwankende Chemie zu einer »mächtigen Allegorie« für sein »poetischen Projekt« (S. 107) ausbaut. Schlegels »›Verwandtschaftstafeln der Buchstaben‹« (S. 101) dienen Chaouli zu einer einleuchtenden Korrektur der dichotomischen Gegenüberstellung von organischen und mathematischen Aufschreibesystemen. Ohad Parnes weist in seinem Beitrag überzeugend nach, dass sich die Figur der »Generation« im 19. Jahrhundert nicht nur im Feld der Biologie, wie bislang angenommen, sondern zeitgleich auch im Feld der Sozialwissenschaften auszubilden begann und auf ein Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften umfassendes Bedürfnis nach epistemischer Ordnung antwortete. Erst aus dieser mehrfachen Kodierung sieht Parnes die »Erklärungsmacht« (S. 128) generationellen Denkens resultieren. Robert Stockhammer liest Moby-Dick im Kontext der zeitgenössischen Cetologie, der Wissenschaft von den Meeressäugern, und nimmt die im Text inszenierte Verschränkung von Wissenschaft und Ästhetik zum Anlass für eine materialgestützte Methodenreflexion und ein eloquentes, wenn auch nicht besonders originelles Plädoyer für eine kulturwissenschaftlich geöffnete Literaturwissenschaft. Jutta Müller-Tamm analysiert in einer Auskopplung aus ihrer Habilitationsschrift das Verhältnis von Wahrnehmungswissenschaft und Poetik bei Hermann Bahr und Robert Müller, und Wolf Kittler entfaltet eine reizvolle, aber leicht überzeichnete Lesart des Mann ohne Eigenschaften, die ganz auf metaphorischen und analogischen Referenzen zur Gaskinetik beruht. – Obgleich in beinah allen Beiträgen Theorieelemente von Foucault und Friedrich Kittler aufscheinen und einen gemeinsamen konzeptionellen Diskussionshintergrund erahnen lassen, kommt es zu keinen Bezugnahmen zwischen den einzelnen Fallstudien, so dass zwangsläufig auch eine Verständigung über Konsens- oder Kontroverspunkte ausbleibt. Dieser Mangel an grundlagenkritischer Reflexion bleibt auch im dritten Teil des Bandes bestehen, wird hier jedoch durch die methodenreflexive Sensibilität der Fallstudien kompensiert.

Bernhard J. Dotzler rekapituliert die Kritik an Goethes Arbeiten zur Farbenlehre in der Absicht, sie unabhängig von ihrem wissenschaftlichen Wert als »Testfall auf die Aktualität heutiger Wissenschaftsgeschichtsschreibung« (S. 234) zu nehmen. Als »matter of fact« (S. 236) der Wissenschaftsgeschichte eröffne Goethes physiologisch-psychologischer Zugriff auf die Farben nicht nur Einblicke in die Inklusions- und Exlusionsstrategien der scientific community; die »Literarität« seiner Darstellung erlaube zudem auch, Aussagen über den Prozess der »epistemologischen Purifizierung des Wissens« (S. 232) zu treffen. Robert Matthias Erdbeer nutzt seine kluge Fallstudie über Alexander von Humboldts »szientifische Beschreibungsprosa« (S. 240) zu einer exemplarischen Methodenreflexion literaturwissenschaftlich fundierter Wissenschaftsgeschichtsschreibung, die im Gesamtzusammenhang des Bandes Standards setzt. Am Beispiel des Kosmos-Projekts zeigt Erdbeer, wie in Humboldts »Deskriptionspoetik« Naturphilosophie und Naturwissenschaft (S. 243), »narratio« und »enumeratio« (S. 249) miteinander konkurrieren und eine »neue Sprache« hervortreiben: Humboldt gestalte ein »Hybrid aus textuellen, piktographischen und nicht zuletzt numerischen Signifikanten« (S. 254), mit denen er zwar nicht unbedingt dem Anspruch auf Popularisierung, aber dem Anspruch auf Exaktheit nachzukommen meinte. Birgit Grieseckes Bemühungen, Wittgensteins »Verfahren einer ›übersichtlichen Darstellung‹« (S. 279) am Beispiel der »lateralen Figur Experiment/Versuch/Essay« (S. 273) zu erproben und als Methode kulturgeschichtlicher Wissenschaftsforschung zu profilieren, bleibt weitgehend in programmatischen Bekundungen stecken, ähnlich wie auch der Beitrag Karlheinz Barcks, der aber immerhin in seinem emphatischen Plädoyer für eine »LiteraturForschung«, die sich als »science intermédiaire« (S. 301) profiliert, auch konkrete, bislang unaufgearbeitete Forschungsfelder identifiziert.

Der abschließende vierte Teil des Bandes arrangiert Fallstudien um Fragen der »Inschriftlichkeit des Wissens«. Helmut Müller-Sievers macht in der erweiterten Fassung seines bereits auf Englisch erschienenen Beitrags zur Praxis des ›Ablesens‹ auf eine strukturelle Verwandtschaft zwischen Textkritik (S. 306) und naturwissenschaftlicher Methode aufmerksam, bleibt jedoch transfergeschichtliche Belege für den behaupteten wechselseitigen Einfluss schuldig. Christoph Hoffmann erprobt in seiner akribischen Lektüre der medizinischen Schriften Gottfried Benns literaturwissenschaftliche Erkenntnisformen an nicht-literarischen Texten. Angesichts seiner generalisierenden Schlussfolgerungen über medizinische Publikationskonventionen drängen sich allerdings Fragen nach der Repräsentativität Benns auf. Hans-Jörg Rheinbergers konziser Beitrag zur Laborforschung konzentriert sich auf den Raum »epistemischer Dinge«, die zwischen der Materialität des Experimentalsystems und der verschriftlichten Form wissenschaftlicher Ergebnispräsentation liegen und sich in »Kritzel und Schnipsel« (S. 343 f.), in Labornotizen und anderen Formen provisorischer Datenablage manifestieren. Am Beispiel des Botanikers Carl Correns weist Rheinberger nicht nur das »epistemische Potential und die erkenntniserzeugende Funktion des Notierens« (S. 352) nach, sondern kann auch zeigen, dass sich anhand dieser »primärverschrifteten Forschungsspuren« (S. 344) instruktive Einsichten in die ungeordneten und kreativen Prozesse wissenschaftlichen Versuchens gewinnen lassen. Sigrid Weigel übt in ihrem Beitrag zur »›inneren Spannung im alphanumerischen Code‹« Kritik an Vilém Flussers »›bedrückender Diagnose‹«, dass die im 19. Jahrhundert erfolgte »›Auswanderung der Zahlen aus dem alphanumerischen Code‹« die totalitäre Quantifizierung qualitativer Welterfahrung eingeleitet und somit die »Trennung der ›zwei Kulturen‹« (S. 357 f.) begründet habe. Im Rückgriff auf Grammatologie und Wissenschaftsgeschichte europäischer Schrift- und Zahlensysteme stellt Weigel völlig zu recht klar, dass Vlusser das »Verhältnis zwischen Buchstaben und Zahlen« (S. 361) falsch taxiert. So bestehen die Aufschreibesysteme »(natur-)wissenschaftlicher Disziplinen« tatsächlich nicht nur aus Zahlen, sondern kombinieren in der Regel »Buchstaben, Zahlen und Schemata« (S. 366). Dies gilt allerdings auch für die Fachsprache der Mathematik, was Weigel in ihrer Identifizierung »rein mathematischer« Operationen mit »Zahlenoperationen« (S. 366) überraschenderweise zu übersehen scheint. Vlussers Gegenüberstellung der zwei Kulturen wird somit in eine ähnlich problematische Gegenüberstellung von Semantik und Mathematik überführt.

Wie stellt sich der Ertrag des Sammelbandes aber nun in der Gesamtschau dar? Kann er dem Anspruch, philologisch-kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung zu betreiben, genügen? Welche fundierten und fundierenden Einsichten erlaubt die präsentierte »›fülle der combination‹« in die »Verflochtenheit der sogenannten ›zwei Kulturen‹« (S. 10)? Trotz der fehlenden Vernetzung und trotz der nur ansatzweise erfolgenden methodischen Reflexion gelingt es den Einzelbeiträgern, Interesse und Aufmerksamkeit für eine Vielzahl noch weitgehend unerschlossener Forschungsgebiete zu wecken. Die immer wieder beklagte Einseitigkeit vermeintlich transdisziplinärer Ansätze in der literaturwissenschaftlichen Forschung wird dabei konsequent zugunsten einer zwischen und jenseits der disziplinären Vorgaben operierenden Forschungspraxis überwunden, was einerseits, wie jede wahrhaft explorative Praxis, Risiken birgt, andererseits aber, und dies vermag der Band eindrücklich zu belegen, neue Horizonte öffnen kann.


Kai Bremer/Fabian Lampart/Jörg Wesche (Hg.), Schreiben am Schnittpunkt. Poesie und Wissen bei Durs Grünbein. Freiburg: Rombach 2007. 308 S.

In diesem Sammelband zu der im November 2004 veranstalteten Göttinger Tagung Poetisierte Wissenssysteme. Durs Grünbeins ästhetische Positionierung zwischen Kultur- und Naturwissenschaften wird der Dichter als poeta doctus exponiert, der sich zum einen durch eine produktive poetische Auseinandersetzung mit geistes- und naturwissenschaftlichen Diskursen, zum anderen durch eine gezielte Anknüpfung an die europäischen Kanones auszeichne. Erklärtes Ziel des Bandes ist es, Grünbeins eigentümlicher Stellung »zwischen kulturalen und szientifischen Wissenssystemen« in systematischer Form Rechnung zu tragen (S. 9). Im ersten Teil des Bandes geschieht dies aus einer an Pierre Bourdieu orientierten Metaperspektive, und zwar durch eine »kritische Reflexion der wechselnden medialen Positionierung« (S. 10), die Grünbein im literarischen Feld der 1990er Jahre erfahren hat. In programmatischer Absicht analysiert Fabian Lampart die Vereinnahmung des Autors durch die Literaturgeschichtsschreibung, in der Grünbein wechselnden »Repräsentativitätsfunktionen« (S. 22) genügen musste. Um den Blick jedoch für die spezifische Eigentümlichkeit seiner Dichtung zu öffnen, plädiert Lampart für eine heuristische Trennung von »Autor und öffentlicher Autorrolle« (S. 36). Die Anlage des Tagungsbandes spiegelt den Einfluss dieses Plädoyers. So ist, bevor im zweiten und dritten Teil Grünbein als Autor, das heißt vor allem sein Œuvre, ins Zentrum rückt, sowohl Sylvia Heudeckers Beitrag zu Durs Grünbein in der Kritik – eine etwas seriell geratene Tour de force durch die Repräsentation Grünbeins im deutschsprachigen Feuilleton – als auch Giovanna Cordibellas Beitrag zur Grünbein-Rezeption in Italien der öffentlichen Autorrolle gewidmet. Vor allem dem letztgenannten, luzide verfassten Beitrag gelingt es, am Beispiel Grünbeins einen Einblick in das feldstrukturierende Zusammenspiel von Dichtung, Literaturkritik, Verlagswesen und Übersetzungsprozessen zu vermitteln.

Der zweite Teil des Bandes versammelt unter der generischen Überschrift »Literatur, Musik, Geschichte« neben Debora Batrams informativem Beitrag zu Grünbeins Opernprojekt Berenice zwei Untersuchungen zu Grünbeins erinnerungspoetischem Verfahren. Gesa von Essen zeigt in ihrer philologisch genauen Studie, wie Grünbein in Das erste Jahr »Weltgeschichte und Privatgeschichte« (S. 84) verschränkt und in der Überlagerung kalendarischer, lokaler und körperlich gebundener Erinnerungsprozesse die »Simultaneität unterschiedlicher Geschichts- und Gedächtnisebenen« (S. 98) literarisch evident werden lässt. In einer assoziativen Untersuchung zu Grünbeins Lemuren und der Übersetzung von Aischylos’ Die Perser kommt Kai Bremer zu dem Ergebnis, dass Grünbein seine Dramenübersetzungen nicht als Gespräche mit den Toten, sondern als monologische, »Trauer, Sprechen und Arbeit« vereinende »Echos« (S. 111-113) konzipiert habe. – Die alle drei Beiträge kennzeichnende Konzentration auf Grünbeins Texte ermöglicht interessante Auslegungen, impliziert aber zugleich auch, dass die BeiträgerInnen eine vergleichende Einbettung schuldig bleiben. Wie verhält sich Grünbeins Erinnerungspoetik zu der anderer zeitgenössischer Autoren? Wie stoßen sich andere Autoren vom theatralen Erbe Heiner Müllers ab? Die isolierende Konzentration auf Grünbein setzt sich auch in Hinrich Ahrends Lektüre der Schädelbasislektion fort. So sehr seine empathischen Gedichtinterpretationen im Detail zu überzeugen vermögen, so fragwürdig bleibt doch Ahrends Anliegen, eine neue Hybridgattung der »essayistischen Lyrik« allein am Beispiel Grünbein zu definieren. Das behauptete »wechselseitige Kontaminationsverhältnis« von Prosa und Lyrik (S. 164) ist zudem wohl vor allem ein Effekt der Umschrift des lyrischen Texts in einen kommentierenden Essay und somit weniger ein literarisches Phänomen als vielmehr ein vom Interpreten erzeugtes Artefakt.

Im dritten Teil, der als das Herzstück des Bandes betrachtet werden darf, geht es schließlich um Grünbeins Positionierung im poetischen Dialog mit den (Natur-)Wissenschaften – die schon in der Einleitung benannte Forschungslücke, an deren Schließung sich der Band in vorbildlicher Weise beteiligt. Den Auftakt dazu macht Torsten Hoffmann, der durch seine Botho Strauß und Raoul Schrott mit einbeziehende Perspektive Grünbeins Auseinandersetzung mit den sciences im literaturhistorischen Rahmen der 1990er Jahre zu verorten versteht. Er kann nachweisen, dass die von den Autoren gleichermaßen »beklagte Kluft zwischen Naturwissenschaft und Literatur« nicht zuletzt auch dazu dient, »sich selbst als Überwinder der Frontenstellung zu inszenieren« (S. 173). Doch während Grünbein und Strauß die »Überlegenheit« der Poesie naturwissenschaftlich begründen (S. 182 f.), sind Schrotts »Rekurse auf die Naturwissenschaften [...] von einem agonalen Moment« (S. 185) geprägt. Hoffmann legt dar, wie die Legitimation der Dichtung mit bzw. gegenüber den Naturwissenschaften auch die Auseinandersetzungen innerhalb des literarischen Feldes strukturiert. In ähnlich überzeugender Form warnt Jörg Wesche davor, Grünbeins »biologische Poesie« (S. 217) als ernsthafte Auseinandersetzung mit aktuellem Fachwissen misszuverstehen. Vielmehr könne man seine Verbindung von Wissenschaft und Dichtung als eine Transformation charakterisieren, durch die »im öffentlichen Diskurs präsente Gemeinplätze« in ästhetisch kodierte »Denkbilder« (S. 237) umgesetzt würden, die sowohl Grünbeins Faszination als auch sein schelmisch-spielerisches Interesse für die Naturwissenschaften belegen. Das Spektrum der in Grünbeins Dichtung verhandelten Wissensysteme wird zum einen durch Stefanie Stockhorsts Beitrag zur Verortung der Schädelbasislektion in »der Geschichte der literarischen Anatomie« (S. 192), zum anderen durch Bernadette Malinowskis und Gert-Ludwig Ingolds Beitrag zur Repräsentation der cartesianischen Physik in Grünbeins Versepos Vom Schnee ergänzt. Die durch die philologisch-physikalische Koautorschaft naheliegende interdisziplinäre Auseinandersetzung wird hier aber leider nicht genutzt.

Der sich bei der Lektüre der Einzelstudien aufdrängenden Frage nach den dichtungs- und erkenntnistheoretischen Grundlagen sind schließlich zwei auch hinsichtlich ihres philologischen Ertrags kontrastiv angelegte Beiträge gewidmet. Olav Krämer untersucht aus systematischer und exegetischer Perspektive, wie Grünbein dichtungstheoretische Positionen der Klassischen Moderne, denen zufolge poetisches wie wissenschaftliches Erkennen gleichermaßen auf Anschauung und Abstraktion, Bildlichkeit und Diskursivität, Sinnlichkeit und Reflexivität angewiesen ist, fortschreibt und variiert. In einer eindrucksvoll genauen und informierten Lektüre von Grünbeins Essays kann Krämer nachweisen, dass Grünbeins Auseinandersetzung mit der Wissenschaftsgeschichte der Intention folgt, diesen Erkenntnismodus »als den ursprünglichen Modus der Erkenntnis überhaupt« (S. 257) zu rehabilitieren. Hinter diesen philologischen Befund fällt Tilmann Köppes Beitrag zurück: Wenige, aus dem Kontext isolierte Zitate aus Grünbeins Essays werden hier dazu genutzt, Grünbeins poetischen Erkenntnisanspruch an einem Erkenntnisbegriff der analytischen Philosophie zu messen. Das Ergebnis, dass der eine nicht mit dem anderen kongruiere, ist wenig überraschend.

Der Sammelband überzeugt nicht in allen Beiträgen gleichermaßen, liefert in der Zusammenschau aber eine klare, systematisch durchdachte und kluge Aufbereitung des diskursiven Spektrums, aus dem sich Grünbeins Dichtung und sein poetisches Selbstverständnis speisen. Zwar sind die Beiträge allesamt auf das literarische Auftreten wissenschaftlicher Motive und Diskurse konzentriert, kommen also nicht Dotzlers und Weigels Forderung nach einer auf die wechselseitigen Beeinflussungen von Literatur und Wissenschaften gerichteten Perspektive nach. Als exemplarische »science in literature«-Studien aber leisten sie einen entscheidenden Beitrag nicht nur zur Grünbein-Forschung, sondern auch zur Vermessung des noch in der Konstitutionsphase befindlichen Forschungsfelds einer kultur- und wissenschaftshistorisch informierten Literaturwissenschaft.

Dr. Andrea Albrecht, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutsches Seminar II, Werthmannplatz 3, D-79085 Freiburg; E-Mail: andrea.albrecht@germanistik.uni-freiburg.de