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In: KulturPoetik 2008, Heft 1

Autor

Larson Powell

Titel

Form und Formen der Kultur?
Dirk Baecker, Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt: Suhrkamp 2005. 285 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Robert Spaemann zufolge ist die Systemtheorie eine ›Herausforderung der Philosophie‹, d.h. ihrer früheren Ansprüche, eine Richterstelle oberhalb des Streits der Fakultäten innezuhaben; dies dürfte auch für die Ästhetik gelten.(1)  Die Herausforderung, um die es geht, ist keine bloß rhetorische (wie im Falle der Dekonstruktion), sondern eine real existierende: Die gegenwärtige Ausuferung der ›Medienkulturwissenschaft‹ ist nicht die geringste der Folgen davon, dass die ehemalige Hochkultur und ihre Kunst durch die Medien entthront worden sind, und das auch innerhalb der Universität. Darüber hatte sich Luhmann keine Illusionen gemacht. Unter seinen Studenten ist Dirk Baecker wohl derjenige, der die Nüchternheit und konstruktivistische Strenge des Meisters am Konsequentesten weiterführt: Form und Formen der Kommunikation ist ein Versuch, Luhmanns Anleihen (seit Soziale Systeme) aus der Logik des George Spencer Brown (Laws of Form, 1969) weiter zu systematisieren. Baecker arbeitet auch weiter mit Claude Shannons Informationstheorie, die seit Max Benses ›informationstheoretischer Ästhetik‹ der 60er Jahre sowohl bei Luhmann wie auch in Friedrich Kittlers Medientheorie eine wichtige Rolle spielt. Insofern ist Baeckers Variante der Systemtheorie eine ›harte‹, zumindest im Vergleich zu Oliver Jahraus’ Vermittlung zwischen Luhmann und der Hermeneutik.(2)

Wie der Titel suggeriert, bietet das Buch ein sehr formales Argument an. Baeckers These ist, dass das Grundschema von Spencer Browns Laws of Form auf alle sozialen Phänomene anwendbar ist. Diese Form bzw. dieses Kalkül ist ein mathematisch-logisches, der Algebra von George Boole (1815-1854) vergleichbar, indem es eine strenge Binarität bewahrt. Es benutzt auch eine eigene Symbolsprache (darin Freges Begriffsschrift ähnlich). Booles Algebra ist später zur Grundlage der modernen Komputerarithmetik geworden. Die Frage hier ist, ob Spencer Browns Kalkül auf soziale ›Formen‹ anwendbar wäre.  Für Baecker bedeutet ›Form‹ im Singular Spencer Browns ›Grundform‹, die basale Form aller sozialen Kommunikation, und ›Formen‹ sind die spezifischen Ausprägungen dieser einen Form in bestimmten, lokalen Gesellschaftsbereichen.  

Baeckers Buch ist in fünf Kapitel gegliedert. In der Einleitung wird der Begriff der Kommunikation dargelegt. Schon hier zeigt sich, dass Baeckers Kommunikationsbegriff viel flexibler konzipiert ist, als etwa bei Max Bense. Kommunikation heißt hier soviel wie: Umgang mit einem Überschuss an Sinn-Möglichkeiten, also auch (mit Luhmanns Wendung): Reduktion von Komplexität. Sie ist rekursiv, wird der alten Kausalität entgegengesetzt, und kann mit Überraschung und Emergenz in Beziehung gebracht werden. Im 2. Kapitel skizziert Baecker ein Modell der Form, und bringt Spencer Brown mit der Spieltheorie (John Von Neumann) zusammen – eine Kombination, die es so bei Luhmann nicht gab. Es wird auch auf die Rolle des Kontextes (›Raum‹) der hochabstrakten Form hingewiesen. Kommunikation wird, mit einer Anleihe aus der Mathematik, als »Einführung und Konditionierung von Freiheitsgraden« definiert (S. 63). Das 3. Kapitel legt dar, wie soziale Ordnung durch reflexive Mechanismen (›Erwartungserwartungen‹ – das, was Talcott Parsons ›double contingency‹ nannte) ermöglicht wird, und wie die Gesellschaft sich selbst ›beschreibt‹. (Solche ›Selbstbeschreibung‹ nimmt den Platz ein, der früher mit Ideologie besetzt war.)  Verschiedene Ebenen des Sozialen – wie Interaktion, Organisation und Gesellschaft – werden sorgfältig unterschieden.  Das 4. und längste Kapitel ist der Frage des Sinns gewidmet, sicherlich nicht nur einer der zentralen Begriffe der Systemtheorie, sondern auch einer der umstrittensten.  Hier kann Baecker seine Diskussion der Medien einbauen. Das 5. Kapitel schließlich behandelt den verhältnismäßig neuen Begriff des Designs. Am Ende des Buches werden alle besprochenen ›Formen‹ des Sozialen dann anschaulich tabelliert. Ein roter Faden durch das Ganze ist Baeckers wiederholte Betonung, das philosophisch Neue an seinem Formbegriff sei seine Fähigkeit, mit dem »Unbestimmten, aber Bestimmbaren« zu operieren (S. 12).  Ein älteres Beispiel dieses Problems wäre der mittelalterliche (und neuaristotelische) Begriff der ›nackten Einzeldinge‹.

Durch solch klare Grenzmarkierungen vermeidet Baecker die Inkonsequenzen der Kittlerschen Medientheorie, die Kunst oder Literatur zum bloßen Überbau oder Reflex einer letztlich rein technologisch gesteuerten Geschichte reduziert (S. 183). ›Form‹ bedeutet bei Baecker ungefähr soviel wie: Differenz, aber in keinem dialektischen Sinne (wie: Differenz von etwas). Eher könnte man seinen Formbegriff mit dem von Gilles Deleuze (Différence et répétition) vergleichen. ›Form‹ übernimmt bei Baecker genau die Schlüsselfunktion, die früher das ›System‹ innehatte. Damit ist das alte Problem der Grenzerhaltung eines sozialen Systems, das schon in der Kontroverse Luhmann-Habermas zentral war, gelöst. Denn Formen sind nichts anderes als klare Grenzen. Wird dabei aber die Wendung des späteren Luhmann zum Problem der ›strukturellen Kopplung‹ nicht auch ausgeklammert? Wie wir sehen werden, ist dies für Theorien der Kunst und Kultur nicht ohne Belang.

Baecker kommt hier aber eher nur beiläufig dazu, über Kunst und Literatur zu sprechen (188 f.); der vorliegende Band sollte deswegen mit einer anderen Publikation des Autors, Wozu Kultur? (Berlin: Kadmos 2000) zusammengelesen werden, wie auch mit Die Form der Kultur (Berlin: Stadtlichter Presse 2006). Die Komplexität der Argumentation kann hier kaum detailliert wiedergegeben werden, denn das Buch ist Baeckers Pendant zu Soziale Systeme: eine Art Grundsteinlegung, programmatisch und dicht argumentiert, die weitere Diskussionen auslösen wird. Stattdessen werden, vorsichtig formuliert, einige ›Fragen eines lesenden Literaturwissenschaftlers‹ an die Systemtheorie gestellt.

Der große Vorteil von Baeckers Ansatz ist seine begriffliche Klarheit. Im Gegensatz zu nicht wenigen kulturwissenschaftlichen Ansätzen (oder Diskussionen über ›kulturelle Identität‹), die alles in einen Topf werfen und damit leider zu einem halbsoziologischen Impressionismus neigen, arbeitet Baecker seine Entscheidungen immer mit Konsequenz und Schärfe heraus. So kann es hier keine ›Medienkulturwissenschaft‹ geben, denn Medien und Kultur werden voneinander getrennt. Laut Baecker liefern sowohl die Massenmedien und die Kultur alternative Selbstbeschreibungen der modernen Gesellschaft (S. 141): die Medien arbeiten mit Fakten (bzw. Informationen), die Kultur aber mit Werten. (Darin antworten beide auf die beunruhigende Kontingenz einer modernen Gesellschaft, die sich auf keine Begründungen ausser sich selbst – wie Gott oder Natur – mehr berufen kann, und demzufolge ihren eigenen Sinn ›autopoietisch‹ produzieren muss.) Bekanntlich war Luhmann selber der Begriff Kultur nicht recht geheuer, und Baecker will auf diesen ›blinden Fleck‹ bei Luhmann antworten.

An systemtheoretischen Kunst- und Kulturdiskussionen wurde oft kritisiert, dass gerade solche begriffliche Sauberkeit, die Trennung von Teilsystemen innerhalb der Gesellschaft, der Kunst nicht zugute kommt oder ihr gar nicht gerecht sein kann. Bei Baecker zum Beispiel werden Urteile über Kunst als bloße Geschmacksfragen behandelt (S. 188). Fällt er nicht dabei hinter Kant zurück? Das mag wohl eine unabdingbare Konsequenz der eigenen Theoriearchitektur sein – denn die Reflexivität der Kantischen Ästhetischen Urteilskraft wird hier durch den Schnittt zwischen Bewusstsein (und Wahrnehmung) und Kommunikation verunmöglicht. (Anstatt solcher Reflexivität, die noch in der ›alt-europäischen‹ Sprache von Subjekt und Objekt formuliert wurde, würden Luhmann und Baecker von ›Paradoxien der Form‹ sprechen.) So schreibt er im Kontext der Kunst:

Ich motiviere mich zu der Musik von John Zorn, zu den Bildern von Gerhard Richter oder zu einer Choreographie von VA Wölfl, weil währenddessen viele andere Kommunikationen ausgeschlossen sind und bestimmte Kommunikationen [= andere Kunstwerke] [...] in Reichweite bleiben (S. 190-191).

Das ist aber nicht ganz konsequent innerhalb einer Theorie, die anderswo die Postmoderne mit Recht ablehnt (S. 135). Bei Luhmann – in Die Kunst der Gesellschaft – funktionieren u.a. Museen, ästhetische Programme (und Stile) und auch Kunstwerke selber, diese Motivation einzugrenzen und nicht-beliebig zu machen. Das Gedächtnis des Kunstsystems hat hier eine entscheidende Rolle zu spielen: damit rücken wir in die Nähe zur Kultur als Gedächtnis. Diese historische Dimension wird bei Baecker weniger detailliert dargestellt, und manchmal hat man den Eindruck, die Unterscheidung zwischen angewandter und nicht-angewandter Kunst sei hier vernachlässigt – so z.B. wenn »die Verbreitungsmedien der Musik, der Bilder, der Architektur, der Möbel und der Mode« (S. 190) alle in einem Atem genannt werden.

Anderswo hat Baecker mit soviel Witz als Recht die Kulturwissenschaften als wissenschaftliche garbage can (Mülltonne) bezeichnet, (3) d.h. als ein inter- und undisziplinäres Chaos; gegen die Unklarheit vieler cultural studies ist Baeckers Hellsichtigkeit und Skepsis eine heilsame Korrektur. Man könnte aber auch meinen, dass wenn die Gefahr der Kulturwissenschaft in der unverdauten Masse der unendlichen thick descriptions (Clifford Geertz) liegt, oder in allzu lockere quasi-historischen Phantasien (New Historicism), dann ist es vielleicht ein Manko bei Baecker, dass die Kunst aus so großer Entfernung gesehen wird, dass sie zum bloß Administrativen schrumpft. Wenn es bei Baecker der Religion zukommt, das Unbestimmbare trotzdem zu bezeichnen (S. 127), könnte man nicht ebenso gut meinen, das sei die Funktion der Kunst?

Der Gegenspieler zum Künstler ist aber der Manager, der eine zentrale Figur in Baeckers anderen Werken war. (4) So endet Form und Formen mit einem Kapitel über ›Design‹, das eine eigenartige Stellung zwischen Theorie und Praxis hat. Das Fremdwort bezeichnet schon mehr als nur Mode, denn seit kurzem bietet die Kunsthochschule Kassel die Möglichkeit einer Promotion in Designwissenschaften an. Wenn wir lernen wollen, was das Wort bedeutet, können wir auf der Webseite der Zeitschrift ROGER lesen: »Design als kommunikative Metakompetenz durchdringt viele Abteilungen – ob Unternehmensstrategie, Marketing oder Produktentwicklung«.(5)  Ist das die Aufhebung des Unterschieds Kunst/Leben, die einst von den historischen Avantgarden angestrebt wurde? So wäre Baeckers Buch auch als Die Geburt des Designs aus dem Geiste der Systemtheorie zu verstehen? Bei Baecker wird das Wort natürlich strenger definiert: »von Design [ist] immer dann die Rede, wenn eine Form in Hinblick auf ihre Funktion untersucht, gestaltet und verbessert wird« (S. 265). Mit einem Terminus Luhmanns könnte man meinen, ›Design‹ sei eine Form der Steigerung.

Der Kalkül der Form(6) ist aber in der Kunst vielleicht doch anders als in der Verwaltung. Wenn Baecker vom Problem spricht, wie man ihn als Kunst-Betrachter dazu motivieren soll, sein »Bewusstsein zu beschäftigen, das ich eifersüchtig hüte wie mein Augapfel« (S. 187), muss man sich daran erinnern, dass es gerade das Projekt der ästhetischen Moderne war, solches Hüten des Bewusstseins aufzulockern, sei es in Baudelaires Flanieren, Bretons automatischem Schreiben, Gottfried Benns gezielter Passivität des Radardenkers, oder Stockhausens intuitiver Musik der 60er Jahre. Ein Manager muss wohl sein ›Bewusstsein hüten wie seinen Augapfel‹; um Kunst aufzunehmen, muss man gerade das Gegenteil üben. Und wenn Baecker seine Erleichterung darüber äußert, dass Kunstwerke nicht nur anfangen, sondern auch aufhören, denn sonst »müsste man befürchten, in der jeweiligen Wahrnehmung hängen zu bleiben, müsste man eben auch befürchten, dass die eigensten Ressourcen der Markierung von Eigensinn und Eigenwille irgendwann aufgebraucht sind« (S. 191), dann muss man kontern, gerade solches Aufbrauchen des bloß je Eigenen – der Kontrolle des bewussten Ichs, psychoanalytisch gesehen – war das Ziel der ästhetischen Moderne, ob bei Wagner oder Proust oder Joyce. Was sonst wollte Faust von Mephistopheles, als ›in der jeweiligen Wahrnehmung hängen zu bleiben‹ – ?

Trotz solcher Zweifel kann man bei Baecker wie bei Luhmann sagen, dass es hier immer etwas zu lernen gibt, dass man stets zu Weiterdenken angeregt wird. In der Literaturwissenschaft würde man sich nur freuen, wenn es eines Tages eine weitere Publikation von Baecker mit dem Titel gäbe: Wozu Kunst?

Dr. Larson Powell, Assistant Professor of German, Department of Foreign Languages and Literatures, University of Missouri at Kansas City, 216 Scofield Hal, 711 East 51st Street, Kansas City, MO 64110; E-Mail: powelllar@umkc.edu 


Anmerkungen

(1) Robert Spaemann, Niklas Luhmanns Herausforderung der Philosophie. In: Ders.,/Niklas Luhmann, Paradigm lost. Über die ethische Reflexion der Moral. Frankfurt/M. 1990, S. 47-73. [zurück]

(2) Vgl. Oliver Jahraus, Literatur als Medium. Weilerswist 2003. [zurück]

(3) Dirk Baecker, Wozu Kultur? Berlin 2000, S. 77. [zurück]

(4) Dirk Baecker, Die Form des Unternehmens. Frankfurt 1993; Ders., Postheroisches Management. Ein Vademecum. Berlin 1994. [zurück]

(5) Siehe www.rogermagazine.net, besonders den Text auf http://roger.kisd.de/182.html. [zurück]

(6) Dirk Baecker (Hg.), Kalkül der Form. Frankfurt/M.1993. [zurück]