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In: KulturPoetik 2008, Heft 1

Autor

Sigrid G. Köhler

Titel

Das ›Versprechenstier‹ Mensch zwischen Recht, Moral und Sprache
Manfred Schneider (Hg.), Die Ordnung des Versprechens. Naturrecht – Institution – Sprechakt. München: Wilhelm Fink Verlag 2005. 423 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Der Mensch ist ein »Thier […], das versprechen darf«, heißt es bei Nietzsche. Sein zentrales Merkmal ist, dass es »Herr des freien Willens«, ja »Souverän« ist, denn der Mensch kann, indem er etwas verspricht, willentlich über die Zukunft verfügen.(1) Verantwortlich für die Einhaltung des Versprechens zeichnet nach Nietzsche das Gewissen des modernen Menschen, das als »dominirender Instinkt«(2) die Funktion der moralischen Instanz übernimmt. Die Vorform des Versprechens erkennt er jedoch schon in der Rechtsfigur des Vertrags, die das Versprechen an Fragen des Rechts bis hin zum Römischen Recht zurückbindet.

Nietzsches Überlegungen folgend nennt Manfred Schneider im Vorwort zum Sammelband Die Ordnung des Versprechens den Menschen ein »Versprechenstier« (S. 13) und zeigt, inwiefern das Versprechen zwischen Recht und Moral anzusiedeln ist. Und auch um das dritte Bezugsfeld, nämlich das der Sprache, zu eröffnen, greift Schneider auf Nietzsche zurück: In Morgenröthe fragt Letzterer nach der ›Kraft‹ des Versprechens. Zwar stellt Nietzsche fest, dass sie nicht allein in den Worten liegen könne (S. 11), (3) da Versprechen jedoch versprachlicht werden müssen, können sie – zumindest aus heutiger Perspektive – auch nicht ohne Sprache vollzogen werden.

Der interdisziplinären Dimension des Versprechens zwischen Recht, Moral und Sprache trägt der vorliegende Band Rechnung, indem er Beiträge von Philosophen, Juristen, Theologen sowie Sprach- und Literaturwissenschaftlern versammelt, welche in zweifacher Weise nach der ›Ordnung‹ des Versprechens fragen: Es geht um die für das Versprechen konstitutiven Merkmale wie etwa den Willen, der ein Versprechen auslöst, die Sprachlichkeit, der das Versprechen bedarf, oder die zeichenhaften Konventionen, an denen ein Versprechen ablesbar ist – und zwar unabhängig davon, ob es »als göttliche Verheißung, […] als bürgerliche Stipulation, […] als transzendentale Pflicht, als anthropologische Differenz oder als diskurstheoretisches Paradigma« (S. 10) verstanden wird; und es geht um die Frage, welche Ordnung denn eigentlich durch das Versprechen hergestellt wird: eine rechtsverbindliche, eine moralische, eine soziale und/oder eher eine sprachliche?

Die historischen und systematischen Schwerpunkte des Bandes bilden die Stellung des Versprechens im Naturrecht des 17. und 18. Jahrhunderts und sprachpragmatische Überlegungen zum Versprechen als Sprech- bzw. als sozialer Akt im 20. Jahrhundert. Der Band gliedert sich dazu in fünf Teile: Im ersten Teil zu ›Versprechen und Illokution‹ finden sich Beiträge zur Sprechakttheorie (Eckard Rolf) und zur Transzendentalpragmatik Karl-Otto Apels (Peter Friedrich). Eröffnet wird dieser Teil jedoch durch den bemerkenswerten Aufsatz von Rüdiger Campe. Campe formuliert dort die im Prinzip für den ganzen Band leitende These, dass »die Analyse des Naturrechts« – d.h. in erster Linie der für die »naturrechtliche Selbstbindung rechtsrelevanten Akte« – »als Geschichte und Systembildung einer allgemeinen Kommunikation aufzugreifen« (S. 37 f.) sei. Ausgangspunkt ist Austins ›historische Hypothese‹, die er an Grotius’ Versprechenstheorie nachvollzieht. Austin zufolge existiert Performanz zunächst in impliziten, nicht ausdifferenzierten Rohformen (die Campe bei Grotius wieder erkennt), die sich zu explizit-performativen Äußerungen in der modernen Sprache ausdifferenzieren (vgl. S. 34).

Der zweite Teil widmet sich dann ganz konkret der Stellung des Versprechens im Naturrecht. Ausgehend von der konstitutiven Funktion des Versprechens im Gesellschaftsvertrag wird Gemeinschaft zunächst als Rechtsgemeinschaft verstanden. Durch das Versprechen wird Gemeinschaft jedoch gleichzeitig, wie Martin Annen anhand von Positionen von Grotius bis Wolf zeigt, zur Kommunikationsgesellschaft, denn das Versprechen impliziert die von den unterschiedlichen Naturrechtlern kontrovers diskutierte Annahme eines ›stillschweigenden Vertrags‹, d.h. die Annahme eines allgemein verbindlichen, wahrhaftigen Gebrauchs der Sprache als Bedingung für Gemeinschaft. Wie die Ausdifferenzierung von Vertrag und Versprechen als rechtliche respektive moralische Größe vor sich geht, zeichnet Friedrich Vollhardt im nächsten Beitrag dann exemplarisch für das 18. Jahrhundert nach.

Besonderer Blickfang des zweiten Teils ist der Beitrag von Paul de Man. Es handelt sich um den sehr sperrigen Aufsatz Promises (Social Contract) zu Rousseaus Gesellschaftsvertrag aus Allegories of Reading, der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Ergebnisse von de Mans dekonstruktiver Lektüre sind (und dies gilt auch für den Beitrag von Werner Hamacher zu Hobbes’ Leviathan) zwar erwartbar, wenn z.B. die Aporie des Gesellschaftsvertrags (Ordnung zu begründen, obwohl er Ordnung immer schon voraussetzt) als ›rhetorische Struktur‹ (vgl. S. 168) beschrieben wird. Die Art und Weise jedoch, wie beide diese Aporie an den Texten aufzeigen, ist durchaus faszinierend. So macht Hamacher deutlich, dass die Sonderstellung des Souveräns ›außerhalb‹ des Vertrags nicht nur der Legitimation des absolutistischen Herrschaftsverhältnisses diene. Vielmehr sei sie die Konsequenz eines auf Versprechen gegründeten Gesellschaftsvertrags. Im Souverän, der den durch Versprechen geschlossenen Vertrag repräsentiert, kehre als das ›Andere‹ wieder, was durch den Vertrag ausgeschlossen werden und die Selbsterhaltung ermöglichen sollte: die uneingeschränkte Gewalt.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem Naturrecht wird im dritten Teil anhand historischer Positionen vom Beginn des 19. und 20. Jahrhunderts diskutiert: Sobald die Rechtslehre nicht mehr dazu dient, die Rechtsverhältnisse des Naturrechts zu klären, sondern Bedingungen für eine funktionierende Gemeinschaft zu setzen, wird die Frage nach der Verbindlichkeit des Versprechens erneut virulent, denn Recht und Moral bilden für den Willensakt nicht mehr den konstitutiven Rahmen. Armin Burkhardt zeigt anhand des Rechtsphänomenologen Adolf Reinach, dass auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor Austin und Searle, die Kraft des Versprechens in der Realisierung des Aktes selbst gesehen worden ist. Durch die klugen Aufsätze von Michael Niehaus zum ›Recht der Sprache‹ und von Deniz Co?kun zum ›linguistic turn‹ im Gesellschaftsvertrag wird die Sprache als Beschreibungskategorie in den Mittelpunkt gerückt. Co?kuns These, dass es erst Cassirer sei, der den »(›aktiven‹, prospektiven) Gebrauch der Sprache [im Gesellschaftsvertrag] erblickt« (S. 274), ist in dieser Radikalität sicherlich nicht zu halten, wie ein Blick auf die Funktion der Sprache bei Hobbes, aber auch auf die anderen Beiträge des Bandes zeigt. Dennoch macht Co?kun – genauso wie Niehaus – deutlich, dass nun neben das Recht und die Moral das Eigenrecht der Sprache tritt. Die Idee der naturrechtlichen stillschweigenden Verträge kehrt damit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie Niehaus nahe legt, in transformierter Form als eine Diskursethik avant la lettre wieder.

Nachdem in den ersten drei Teilen des Bandes das Versprechen systematisch in seiner historischen Ausdifferenzierung zwischen Recht, Moral und Sprache dargestellt worden ist, haben der vierte und fünfte Teil eher ergänzende Funktion. Die Beiträge sind im Einzelnen deswegen aber nicht minder interessant: Der vierte Teil beschäftigt sich mit der ›Genealogie des Versprechens‹: es geht u.a. um eine begriffsgeschichtliche Perspektive (Gerald Hartung) und um die Ablösung der naturrechtlich fundierten Tauschökonomie durch die romantische Ökonomie des Kredits, die das Versprechen auf unmittelbaren Ausgleich aufgibt (Joseph Vogl). Konkrete Fallbeispiele werden im letzten Teil ›Fälle und Ausfälle‹ vorgestellt: Sie reichen von einer Deleuze/Guattari-Lektüre (Wim Peters) über den Fall Wotans in Wagners Ring (Peter Risthaus) bis hin zu dem sehr lesenswerten Aufsatz von Manfred Schneider über die ›kontraktuellen Sprachmanöver‹ zwischen jüdischer und christlicher Rechtsauslegung im Kaufmann von Venedig.

Insgesamt handelt es sich um eine gelungene Zusammenstellung. Der Band bietet eine umfassende Einführung in die gemeinschaftsbildende Funktion des Versprechens – zunächst als Kategorie des Naturrechts im 17. und 18. Jahrhundert, dann als sozialer respektive sprachlich-kommunikativer Akt im 20. Jahrhundert. Durch die Anordnung hat Schneider als Herausgeber (zusammen mit Michael Niehaus, Peter Friedrich und Wim Peeters) seinerseits eine ›Ordnung des Versprechens‹ geschaffen, die historisch wie systematisch überzeugend Perspektiven und Leitlinien entwirft. Ein Manko des Bandes ist, dass die Beiträge selbst wenig thematisch einführend sind und auch in der Einleitung kein für die Lektüre leitender Überblick angeboten wird. Man ist also gezwungen, sich diesen selbst zu verschaffen. Dass dies gelingt, liegt an der engen Verzahnung der Beiträge. Der Eindruck, es könne sich um Spezialfälle und ?probleme handeln, ist also schnell widerlegt, vorausgesetzt man bleibt ›dran‹.

Im Rahmen der Recht-und-Literatur-Debatte setzt der Band Standards, denn es geht nicht einseitig um die Verarbeitung von Rechtsdiskursen in der Literatur und auch nicht um das Auffinden von literarischen Verfahren im Recht. Mit dem Versprechen ist vielmehr eine Figur ins Zentrum gerückt, die schon aufgrund ihrer Verfahrensweisen interdisziplinär funktioniert. Mit anderen Worten: Das Versprechen fordert eine interdisziplinäre Arbeit, welche die Schnittstelle von Recht und Literatur als eine der Verfahren und Methoden fokussiert. Es reicht nicht, dass die eine Disziplin das Material für die andere liefert. Die Ordnung des Versprechens formuliert damit auch ein Versprechen für die interdisziplinäre Arbeit zwischen Recht und Literatur in der Zukunft.

Dr. Sigrid G. Köhler, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Germanistisches Institut, Abteilung: Neuere deutsche Literatur, Domplatz 20-22, D-48143 Münster; E-Mail: sigrid.koehler@uni-muenster.de


Anmerkungen

(1) Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. In: Ders., Kritische Studienausgabe Bd. 5. Hg. v. Giorgi Colli u. Mazzino Montinari. München 2. durchges. Aufl. 1999, S. 293. [zurück]

(2) Ebd., S. 294. [zurück]

(3) Vgl. Nietzsche, Morgenröthe. In: Ders., Studienausgabe (Anm. 1), Bd. 3, S. 239. [zurück]