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In: KulturPoetik 2008, Heft 1

Autor

Matthias Schöning

Titel

Praktische Literaturwissenschaft?
Susanne Kaul/Rüdiger Bittner (Hg.), Fiktionen der Gerechtigkeit. Literatur – Film – Philosophie – Recht. Baden-Baden: Nomos, 2005. 196 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

›Praktische Literaturwissenschaft‹, diese ungewöhnliche Begriffsbildung im Titel dieser Rezension ist nicht mit ›angewandte Literaturwissenschaft‹ zu verwechseln. Vielmehr ist sie in Analogie zur Bezeichnung ›Praktische Philosophie‹ zu begreifen, d.h. als Abgrenzung von solchen Arbeiten und Arbeitsweisen im selben disziplinären Feld, die mit der ›inneren Logik‹, dem Proprium eines Aussagesystems beschäftigt sind. Praktische Literaturwissenschaft wäre also eine Form der Literaturforschung, die vorrangig nicht die Regeln der literarischen Aussage und ihre Bedingungen, sondern deren je konkrete Anschlussfähigkeit für Grundfragen der kulturellen und sozialen Praxis fokussiert – wovon die fallweise Anwendung noch zu unterscheiden wäre.

Angeregt wird eine solche Frage nach der in diesem Sinne praktischen Relevanz der Literatur durch einen im Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) entstandenen Sammelband der Literaturwissenschaftlerin Susanne Kaul und des Philosophen Rüdiger Bittner. Dieser Sammelband stellt sie zwar nicht direkt, seine Beiträge laufen aber immer wieder auf die Frage zu, was die Literatur und die Wissenschaft von ihr zum Problem der Gerechtigkeit als einem zentralen Gegenstand der praktischen Philosophie beitragen können. Damit hebt er sich wohltuend von der geläufigeren Problematisierung des Verhältnisses von Philosophie und Literatur in theoretischer, d.h. hier epistemologischer Hinsicht ab, die im Gefolge Nietzsches zuletzt von der Dekonstruktion aufgeworfen wurde. Insbesondere die Beiträge der ersten beiden Sektionen »Gerechtigkeit und überlieferte Ordnungen« und »Gerechtigkeit und göttliche Ordnung«, auf die ich mich vor allem konzentriere, sind in ihren konkurrierenden Einschätzung des praktisch-philosophischen Reflexionspotentials eng miteinander verzahnt.

Der dritte Abschnitt, der »Gerechtigkeit und politische Ordnungen« überschrieben ist und Beiträge von Wolfgang Graf Vitzthum über Juli Zehs Bilder vom Balkan (S. 117-133), Timo Skradies über Michel Houellebecq (S. 135-162), Reinhold Görling über J.M. Coetzee (S. 163-180) und Lothar van Laak über Brecht (S. 181-191) enthält, weist demgegenüber lediglich eine lockere Verbindung zur wiederkehrende Frage zum Verhältnis von Praktischer Philosophie und Literaturwissenschaft auf. Nimmt man diesen Sachverhalt symptomatisch, so besteht das Problem womöglich darin, dass sich die im einzelnen lesenswerten Beiträge in ihrer Zuordnung zum Problem des Politischen einem Terrain konfrontiert sehen, das in seiner Ausgedehntheit mittels der Untersuchung von Einzeltexten schlechterdings nicht zu bändigen ist. Gegenüber der Vielzahl von Fragen, die allein die politische Praxis der Bearbeitung der jugoslawischen Sezessionskriege aufwirft, nehmen sich die Möglichkeiten allegorischer Darstellungen von Völkerrechtsproblemen doch eher bescheiden aus, so sehr die konkrete Zurückhaltung eine Autorin wie Juli Zeh auch ehren mag (Wolfgang Graf Vitzthum, S. 129-133). Es scheint angesichts der Virulenz des Politischen nur die Möglichkeit zu bestehen, entweder das kleine Format der Literatur noch einmal programmatisch aufzuwerten (Reinhold Görling, S. 178) oder das große Format des politischen Theaters zur »humanisierenden Geste« zu minimieren (Lothar van Laak, S. 191), die als Korrektur von Brecht-Klischees ihr Recht hat, den Anspruch von dessen Theaters aber wohl doch verfehlen dürfte.

Weiterführend erscheinen jene Beiträge, die auf der linken Seite der Konjunktion von »Gerechtigkeit und ...« ansetzen, indem sie konkrete Fälle der Behauptung und Problematisierung von Gerechtigkeit in literarischen Texten (oder Filmen) auf ihre Tragfähigkeit prüfen und von dort zur gemeinsamen Frage vorstoßen. Den Anfang des Bandes macht Thomas Pogge, der in seinem Beitrag Was ist Gerechtigkeit? (S. 13-30) auf Literatur oder Film gar nicht eingeht, sondern in analytischer Weise den Gerechtigkeitsdiskurs erschließt, indem er sowohl die Dreistelligkeit von Gerechtigkeitsurteilen herausarbeitet (S. 13-18), als auch ihre formalen und materialen Dimensionen auffächert (S. 18-21). Dabei gelingt es Pogge, dem zentralen Thema des Bandes zuzuarbeiten, indem er aus seiner Metaanalyse der philosophischen Rede von Gerechtigkeit ein Plädoyer für sprachliche Vielfalt ableitet und dem utilitaristischen Reduktionismus entgegensetzt:

Dieser geht davon aus, dass die moralische Bewertung von Akteuren, Handeln und sozialen Regeln ausschließlich auf deren Auswirkungen (insbesondere auf die Glückseligkeit von Menschen) basieren muss. [...] Akzeptiert man diesen Gedanken, dann verlieren die umgangssprachlichen Unterscheidungen zwischen moralischen Prädikaten ihre Bedeutung. [...] Welches Wort auch immer man verwenden mag, um eine Handlung, Regel oder Person moralisch zu kritisieren – feige, ungerecht, böse, unanständig, usw. – der Vorwurf läuft immer auf dasselbe hinaus: darauf, dass das Iudicandum menschliche Glückseligkeit nicht optimal befördert. Wer utilitaristisch denkt, braucht die übliche Palette moralischer Prädikate nicht, weil es letztlich unwichtig ist, wie ein suboptimales Iudicandum mögliche Glückseligkeit vergeudet. (S. 25)

Begreift man die Literatur als ein Medium der Verdichtung innerhalb des Bereichs der Normalsprache, dann impliziert das anti-reduktionistische Plädoyer von Thomas Pogge eine philosophische Unverzichtbarkeitserklärung an die Adresse einer Literatur, die das moralische Vokabular pflegt und den Fundus bereitstellt aus dem differenzierte Gerechtigkeitsdiskurse sich bedienen. Wie der Beitrag von Rainer Forst zeigt, der Die Ungerechtigkeit der Gerechtigkeit betitelt ist und am Beispiel von Henrik Ibsen, Stanley Cavell und Theodor W. Adorno dem Umschlag von Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit nachgeht (S. 31-42), lässt sich der philosophische Rückgriff auf Literatur, der vielfach das Gedankenexperiment ersetzt, leicht nachweisen. Hier ist es nicht zufällig Henrik Ibsen, dessen analytische Dramen Nora. Ein Puppenheim und Die Wildente schon Adorno und Cavell vorzüglich dazu geeignet schienen, um den dialektischen Wendepunkt zu markieren, an dem die gerechtfertigte Aufklärung von Lebenslügen in Starrsinn und Zynismus umschlägt und Gerechtigkeit in zerstörerischem Gerechtigkeitsfieber versinkt. Anders als bei Adorno ist das Zutrauen in die Literatur bei Rainer Forst allerdings begrenzt: »Dass die Literatur an [die] Nichtidentität erinnern kann, bleibt freilich ebenso eine philosophische Erkenntnis wie die des unauslöschlichen Moments an ›Nichtidentität‹ im Begriff der Gerechtigkeit« (S. 41). – In seinen Schlussfolgerungen nicht unverwandt argumentiert der Beitrag von Rüdiger Bittner, der dem »Pathos der Gerechtigkeit« auf den Zahn fühlt, das E.L. Doctorows Roman The Book of Daniel probehalber exponiert. Nach einer überzeugenden Analyse des Buches, das einen realen Fall aus der McCarthy-Ära zum Gegenstand hat, der mit der Todesstrafe für ein der kommunistischen Spionage verdächtigtes Ehepaar endete, kritisiert er die »prophetische Optik«, die fiktionale Exposition einer Perspektive, die sich zumutet, »den Menschen zu sagen, wie die Welt ist vor Gott« (S. 72). Dem stellt Bittner, der zunächst konzediert, dass vom Gerechten und Ungerechten nicht anders als in prophetischer Einstellung geredet werden kann, mit Wittgenstein entgegen, »dass vom Gerechten« unter diesen Umständen »gar nicht zu reden ist. Denn ein Rückgriff auf das Bild der Welt vor Gottes Angesicht steht uns nicht zu Gebote. Wenn es das, woran das Rechte sich misst, nicht auf Erden gibt, dann gibt es das überhaupt nicht« (S. 80). So sympathisch das umgekehrte Pathos der ›Himmellosigkeit‹ auch sein mag, Bittners Schlussfolgerungen funktionieren nur, wenn man die prophetische Rede als tatsächlich in eine transzendente Gott-Welt ausgreifende Rede versteht. Das aber verkennt den fiktionalen Charakter der Literatur, der es eben möglich macht, in der realen Welt etwas Fiktives (Gerechtigkeit) zur Sprache zu bringen, ohne einen wahrheitswertfähigen Geltungsanspruch zu erheben. Dreht man seine Argumentation um, so wäre ihm entgegenzuhalten, dass die Leistung der Literatur eben darin besteht, auf dem als eingeschlossenes Ausgeschlossenes fungierenden Felde der Literatur das Unmögliche möglich zu machen, nämlich im Bewusstsein, dass von Überwölbungen lediglich zu erwarten ist, dass sie einstürzen (Plessner), prophetisch zu reden und einen god’s-eyes-point-of-view zu imaginieren. Das wäre schließlich auch Rainer Forst entgegenzuhalten: Die Leistung der Philosophie, erkenntnisförmig auf den Begriff bringen zu können, was Literatur vorführt, markiert zugleich ihre Grenze. Sie besteht darin, vom Einzelfall auf eine wie auch immer zu charakterisierende Ebene der Universalisierbarkeit nicht nur springen zu können, sondern eben auch zu müssen, während die Literatur im Milieu der Zweideutigkeit verbleiben darf – d.h. dort, wo es wenigstens näherungsweise so zugeht wie im Leben.

In eine ähnliche Richtung zielt der Beitrag von Gerhard Sprenger, der sich unter dem Titel Gerechtigkeit und Schicklichkeit dem Werk Fontanes widmet. Nachdem er in akribischer Stellenkunde den Belang der Gerechtigkeitsfrage für das Werk Fontanes herausgearbeitet hat, stellt Sprenger das Problem der Einzelfallgerechtigkeit ins Zentrum seines Aufsatzes. Er arbeitet die Spannung zwischen der »Notwendigkeit der Generalisierung« (S. 52) des Rechts und des dadurch bedingten Passungsverlusts gegenüber dem Einzelfall heraus und kann überzeugend zeigen, wie Fontane der Dialektik zwischen Sitte und Verstoß den Vorzug vor starren Rechtsprinzipien gibt. Hilfreich sind auch die Hinweise auf das preußische Allgemeine Landrecht, an dessen starrer Kasuistik, die jede Rechtsentwicklung ausschließt, sich Fontane abarbeitet (S. 50). Letztlich weniger überzeugend sind dagegen die Schlussfolgerungen, die nun ihrerseits das rekonstruierte Plädoyer Fontanes generalisieren und »Rechtsbesserung« (S. 65) ganz der urwüchsigen Dialektik von Sitte und Lebenswirklichkeit überantworten. Hier wird nicht nur die Möglichkeit eines kontinuierlichen Fortschreitens unterstellt, die an den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts längst zerschellt ist, sondern auch das Potential literarischer Anwaltschaft überdehnt.

Der Vorzug der Beiträge von Susanne Kaul und Wolfgang Braungart besteht den komplementären Auf- und Abwertungen von Philosophie und Literatur, Universalität und Einzelfall gegenüber darin, dass sie eher nach einer Balance suchen, die beide Seiten in ihrem Recht belässt – auch das eine Form von Gerechtigkeit. So zieht Susanne Kaul aus ihrem Beitrag Deus ex mafia. Poetische Gerechtigkeit in Lars von Triers Dogville den Schluss, dass Gerechtigkeit Gewalt im Schlepptau haben muss, solange es Ungerechtigkeit faktisch gibt. Begnadigend oder richtend wird im Namen der Gerechtigkeit Gewalt entweder positiv sanktioniert oder mit Gegengewalt beantwortet: 

Der Film zeigt also, und darin ist er nicht nur destruktiv ironisch, wie aus der Berufung auf Gerechtigkeit Gewalt entsteht und wie der Anspruch auf moralische Erziehung die ungezwungene Mitmenschlichkeit ersticken kann. In diesem Punkt ist Gnade genauso zerstörerisch wie Vergeltung. (S. 91)

Wolfgang Braungart (Warum es die Tragödie gibt und was sie mit Recht und Gerechtigkeit zu tun hat, S. 93-116) geht von hier aus einen Schritt weiter, um nach einer instruktiven Auseinandersetzung mit der Tragödientheorie von Aristoteles der Orestie des Aischylos den einzig möglichen Ausweg abzulesen, den Ausweg nämlich, dass die Gewalt selbst gerecht ausgeübt wird (S. 110-114):

Athene sieht genau, dass es den Fortbestand der Polis nur gibt, weil es die Furcht vor der archaischen Gewalt gibt. Archaische Gewalt ist der ›Grund‹ der Polis. Nur wenn man dies weiß und wenn man deshalb das Recht als für alle gleichermaßen gültiges Prinzip anerkennt und dauerhaft institutionalisiert, kann diese archaische Gewalt gebändigt werden. Nur dann werden aus den Eumeniden nicht wieder Erinyen, nur dann schlägt das Glück des Gemeinwesens nicht um in den Krieg aller gegen alle. (S. 113)

Die eigentlich zivilisatorische Leistung ist nicht Abschaffung, sondern Transformation der Gewalt. Zur Realisierung dieser bis in die Antike zurückreichenden, aber immer wieder erinnerungsbedürftigen Einsicht gehört wesentlich dazu, dass die gerecht ausgeübte Gewalt ihrerseits gerecht beurteilt wird, ohne Überforderung durch zuviel Utopie, ohne Unterforderung durch allzu schwarze Anthropologie. – Und weil diese Balance der Gerechtigkeit von einzelnen Institutionen schwierig zu halten ist, sollen sich Philosophie und Literatur, universalisierungsfähige und am Einzelfall orientierte Rede, gemeinsam darum kümmern.

Matthias Schöning, Universität Konstanz, Forschungszentrum und FB Literaturwissenschaft, PF 5560 D 164, D-78457 Konstanz; E-Mail: matthias.schoening@uni-konstanz.de