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In: KulturPoetik 2008, Heft 1

Autor

Thomas Schmidt

Titel

Diskursive Lockerungen
Hans Ulrich Gumbrecht, Lob des Sports. Aus dem Amerikanischen(1) von Georg Deggerich. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005. 176 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Mit Hans Ulrich Gumbrecht hat sich einer der renommiertesten deutschsprachigen Literaturwissenschaftler eines Themas angenommen, das in den Neuphilologien – einschließlich ihrer kulturwissenschaftlichen Transformation ins Konjunkturthema Geschichte des Körpers – bislang ausgesprochen stiefmütterlich behandelt wurde. Gewiss nicht unbeeinflusst von seinem Würzburger Lehrer Josef Göhler, der einst zur frühen Bestandsaufnahme der Nachkriegsgermanistik Deutsche Philologie im Aufriß den Abschnitt Leibesübungen in der deutschen Sprache und Literatur beisteuerte, ringt Gumbrecht mit den Schwierigkeiten, als Intellektueller ebenso unbefangen wie ernsthaft über den Sport zu schreiben. Diese gründeten zuallererst in der Tradition der Metaphysik, die dazu zwinge, 

unablässig scharfe Unterscheidungen zwischen dem zu treffen, was wir in unserer Welt als ›materiell‹ wahrnehmen, und dem, was wir als ›geistig‹ begreifen. ›Metaphysisch‹ zu sein heißt auch, durchgehend die geistige Seite dieser Zweiteilung hervorzuheben. (S. 22)

Diese »diskursive Verklemmung«,(2) die Gumbrecht schon im Vorfeld des Buches mehrfach monierte, will er jedoch nicht mit jener ebenso fein verbrämten wie beißenden Kritik lösen, die sein an Erasmus von Rotterdams Encomium Moriae erinnernder Buchtitel nahe legt. Sein Antrieb ist auch nicht die Erkenntnisneugierde der abendländischen Wissenschaft, sondern in erster Linie die eigene Sportbegeisterung, die nicht ohne Pathos vorgeführt wird und an die die mangelnde kulturelle Wertschätzung des Sports angeglichen werden soll. Er wolle nicht »›kritisch‹ oder gar ›herablassend‹« schreiben, sondern »in der Analyse des Sports« auch seine eigene Dankbarkeit spüren lassen »für all die Momente der Intensität und des ästhetischen Genusses, den mir die Stunden im Stadion und die großen Sportler gegeben haben«.(3) Ausdrücklich ohne soziologische, ökonomische oder politische Systematisierungsbestrebungen wolle er etwa die schöne Bewegung preisen, ohne diese dabei »in etwas Geistiges verwandeln zu müssen« (S. 24).

Dass der Stanforder Romanist die Liebe zum Wort derart uneingeschränkt auf den Sport übertragen kann, hat gewiss eine Ursache im entspannten Umgang mit diesem Thema in seiner Wahlheimat, den USA, wo der Sport – anders als in Deutschland – als Teil der Kultur im Wesentlichen akzeptiert ist. Denn hierzulande rennt Gumbrecht mit seinen Überlegungen keineswegs offene Türen ein, wie ihm vorgeworfen wurde.(4) Der Flirt mit dem Sport gehört allenfalls zum guten Ton unter Geisteswissenschaftlern und Intellektuellen. Obschon eines der bedeutendsten Phänomene der Gegenwart – Religionsersatz und Globalisierungsfaktor in einem –, ist er auch noch immer kein veritabler Gegenstand kultur- und literaturwissenschaftlichen Arbeitens. Auch Wolfgang Welsch beklagt, dass der Sport »ein vernachlässigtes Thema der Ästhetik«(5) sei und die jüngst konstatierte Konjunktur des Themas Literatur und Sport(6) zuallererst beim ambitionierten Nachwuchs anzutreffen, hat fraglos auch karrieretechnische Gründe.      

Zu Beginn seiner antiakademischen Streitschrift stellt Gumbrecht zunächst einige Überlegungen darüber an, warum der Sport »innerhalb der westlichen Kultur kein kanonisierter Gegenstand mehr ist« (S. 22). Im Vergleich zu Pindars Zeiten (hier hätte Gumbrecht freilich auch auf die Athletenkritik eines Euripides verweisen können) habe sich die Fähigkeit, den Sport zu loben, geradezu in ihr Gegenteil, in das Herabsetzen sportlicher Leistungen verkehrt (vgl. S. 19). Nicht nur stehe der in der Aufklärung wurzelnde kritische Habitus des Intellektuellen der epideiktischen Praxis entgegen; der Sport scheine zudem auch kein dem Lob gelegener Gegenstand zu sein.

Für diese »diskursive Verklemmung«, mithin für die fest zementierten Grenzen zwischen jenen Diskursen, die sich mit dem Sport auf der einen und Kultur und Literatur auf der anderen Seite befassen, ließe sich beispielsweise die Diskreditierung der Bewegungskultur durch die Militarisierung des Körpers seit Turnvater Jahn anführen. Gumbrecht indes rückt insbesondere jenes ästhetische Profil in den Blick, das dem Sport von der kultur- und wissenschaftsprägenden bürgerlichen Mittelschicht seit dem 19. Jahrhundert aus Gründen sozialer Unterscheidung verweigert wurde (vgl. S. 26 f.).

Um die herrschenden Rederegeln zu umgehen, argumentiert Gumbrecht konsequent aus einer subjektiven Perspektive, weist jedoch die »akademische Aufwertung« (S. 32) des Sports als Intention strikt von sich. Diese überraschende Abwehr scheint freilich Kalkül. Denn durch die These, ein analytisches, die Komplexität eines Phänomens aufdeckendes Herangehen sei eine angemessene Aktualisierung der Epideiktik, arbeitet Gumbrecht, auch wenn er ohne Anmerkungsapparat auskommt, mit geläufigem geisteswissenschaftlichen Handwerkszeug. Dieses wendet der Autor hauptsächlich in den Überlegungen zur ästhetischen Dimension des Sports und seiner den Künsten vergleichbaren Autonomie (S. 5) an. Überhaupt dürfte der »ästhetische Reiz« (S. 97) bei vielen auf der Leistungsseite weitgehend ausgeschöpften Sportarten zukünftig wichtiger werden. Auch wenn Gumbrecht von sportwissenschaftlicher Seite bereits vorgeworfen wurde, seine Überlegungen trügen »wenig zur Klärung des Definitionsdilemmas«(7) des Sports bei, sollte sein Ansatz dort eigentlich auf Interesse stoßen. Die Placierung im Feld der Ästhetik jedenfalls scheint ein Ausweg aus dem Definitions- und Legitimitätsdefizit des Sports sein zu können. So hat etwa Sven Güldenpfennig in seinen Arbeiten dezidiert an die Autonomieästhetik angeschlossen und Wolfgang Kaysers sprachliches in ein sportliches Kunstwerk transformiert. Durch ihren Platz im »Konzert der Künste«(8) werden ihm die Sportarten zur SportART.(9)

Gumbrecht indes behauptet nicht, dass der Sport eine Kunst sei. Er stellt im Anschluss an Kant vielmehr Differenzkriterien auf, um Sport und Kunst auseinander zu halten (vgl. S. 30). Seine Überlegungen entwickeln sich, anders als die von Welsch, der den Zuschauer »als integralen Bestandteil des Ereignisses«(10) begreift, fast ausschließlich entlang der für einen Literaturwissenschaftler erwartbaren Rezipientenperspektive. Den Kern der Ästhetik des Sports mache die Freude am Zuschauen aus; kinästhetische Erfahrungen der Sportler selbst kommen lediglich am Rande zur Sprache. Auch das häufig thematisierte »Versunkensein in fokussierte Intensität« (S. 33) als Bedingung ästhetischer Sporterfahrung wird in erster Linie auf den Zuschauer bezogen. Für diesen seien jene Körperbewegungen Gegenstände eines ästhetischen Erlebens, die im Sinne des Wortes faszinieren, deren Ästhetik also darauf beruht, »daß der betrachtete Gegenstand [...] durch den Betrachter selbst geprägt wird« (S. 99).     

Mit der bereits angedeuteten und aus der Diskurslage geborenen Double-Bind-Strategie erklärt Gumbrecht, ihm liege nichts ferner, »als die Faszinationen des Sports in der Form eines ›Systems‹ zu präsentieren – oder gar als eine ›Grammatik‹« (S. 102); zugleich aber offeriert er neben den Zuschauertypen teilnehmend-dionysisch und analytisch-apollinisch (vgl. S. 136-141) eine Typologie von sechs verschiedenen dieser Sport-Faszinationen (vgl. S. 101-129).

Auch Gumbrechts Sportdefinition nutzt Begriffe und Konzepte, die in den Kultur- und Geisteswissenschaften nur allzu bekannt sind: Sport sei eine besondere Form von Performanz, die all jene Körperbewegungen umgreift, die »unter der Perspektive der Präsenz betrachtet« (S. 55) werden können. Unter den verschiedenen Performanzformen hebe sich der Sport zudem durch das Zusammenspiel von Agon (als Wettkampf) und Arete (als Streben nach Höchstleistung) heraus (vgl. S. 45-49).(11) Und drittens befinde sich der Sport, hier dem Spielbegriff angenähert, stets im Abstand von Interessen und Strategien des Alltags.

Die Einschränkung des Performanzbegriffes auf menschliche Körperbewegungen »innerhalb der Dimension von Präsenzkultur« (S. 45) verweist auf die entscheidende theoretische Grenzziehung des Buches: auf die zwischen Subjekt- und Präsenzkultur (vgl. S. 41-45). Dadurch soll der Sport aus den Fängen kritischer Auslegung gelöst und seine ästhetische Dimension gesichert werden. Innerhalb der Präsenzkultur sind Repräsentation und Interpretation ausgeschlossen (vgl. S. 149): der Sport drücke dort »überhaupt nichts« (S. 45) aus; zudem habe der Körper gegenüber dem Geist eine größere Bedeutung; das Ausschöpfen von Regeln stehe über dem aktiven Verändern der Welt der Objekte und wichtiger als der überraschende Eintritt eines Ereignisses sei die Wiederholbarkeit eines Geschehens.

Nach all dem lässt sich ohne weiteres sagen, dass Gumbrechts »antihermeneutische Deutung agonistischer Körperschauen als Präsenzerlebnis«,(12) wie das Buch treffend charakterisiert wurde, die Basis der kulturwissenschaftlichen Rede über den Sport erweitern kann. Neben den aus der Antike überkommenen Konzepten Agon und Arete, neben Ideen von Burkhardt, Nietzsche und Brecht sowie dem Konzept der Performanz, auf das etwa auch Welsch rekurriert, (13) bieten sich drei weitere Anschlussstellen an: 1) Kants Kritik der Urteilskraft, die Gumbrecht zur Klärung sportlicher Gegenstände des Gefallens (vgl. S. 26-34) verwendet;(14)  2) die Überlegungen zur schönen Körperbewegung im Rekurs auf Kleists Begriff der Anmut (vgl. S. 111 f.), die im Natürlichkeitsdiskurs des 18. Jahrhunderts wurzelt und die bewegungsästhetische Diskussion (auch unter den Schriftstellern) bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmt; und 3) die Rede über die Aura und ihrer kulturellen Funktion (S. 50 f.).

Gleichwohl muss auch ein heikler Punkt des Buches angesprochen werden. Dabei geht es weniger darum, dass neben einer ästhetischen Würdigung des Sports auch jene Rede über dessen ökonomische, politische und ethische Probleme erlaubt sein muss, die ›Diskurspolizist‹ Gumbrecht mit einem Bann belegt. Gemeint ist auch nicht vorrangig die Intransigenz gegenüber dem akademischen (Sport-)Diskurs, die es dem Buch bislang erschwerte, jenes Erfolgskriterium zu erfüllen, das Gumbrecht für die Geisteswissenschaften selbst formuliert hat: die Polarisierung.(15) Problematisch ist vielmehr das Primat der Zuschauerperspektive. Denn damit wird nicht nur die Geschichte des (sportiven) Körpers ausgeblendet, sondern auch eine Schnittstelle zwischen Sport- und Literaturwissenschaft außer Acht gelassen, die sich in letzter Zeit mit großem Durchlass über den Begriff der Bewegung etabliert hat.(16) In Suhrkamps Bibliothek der Lebenskunst ist das Lob des Sports dennoch gut aufgehoben, denn der bewegungskulturell Interessierte bekommt hier einen nachdrücklichen Impuls, das Buch zuzuklappen und durch die von Gumbrecht aufgestoßene Tür unbefangen auf’m Platz zu gehen, wo, wie man seit Herberger weiß, ohnehin allein die Wahrheit liegt.

Dr. Thomas Schmidt, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Postfach 1162, D-71666 Marbach am Neckar; E-Mail: post@LiteraturundSport.de


Anmerkungen

(1) Eine englischsprachige Ausgabe erschien erst nach der deutschen Ausgabe: Hans Ulrich Gumbrecht, In Praise of Athletic Beauty. Cambridge/Mass., London 2006. [zurück]

(2) Hans Ulrich Gumbrecht, Der Triumph des Leibes. Warum es heute niemandem gelingt, mit Enthusiasmus über die Schönheit des Sports zu schreiben. In: Literaturen (2003) 9, S. 60. [zurück]

(3) So informiert der der Buchausgabe beiliegende ›Waschzettel‹; vgl. auch www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=41689. [zurück]

(4) Vgl. Volker Breidecker, Ölig reflektiert es Verschmelzungsbedürfnis. Hans Ulrich Gumbrecht über Sport. In: Süddeutsche Zeitung, 18. Juli 2005, S. 14; Dirk Schümer, Körper, vereinigt euch! Schön verklärt: Hans-Ulrich Gumbrecht spielt seine typische Intellektualität am Sportlerstammtisch aus. In: FAZ, 16. März 2005, S. L20. [zurück]

(5) Wolfgang Welsch, Sport. Ästhetisch betrachtet – und sogar als Kunst? In: Winfried Simmat (Hg.), Weimarer Vorträge über Beziehungen des Sports zur Kunst und Kultur. Weimar 2000, S. 6-27; hier S. 21.[zurück]

(6) Vgl. Wolf-Dietrich Junghanns, Mehr Brot, bessere Spiele! Zur Konjunktur von Sport und Literatur. In: www.linksnet.de/artikel.php?id=1900; sowie die Bibliographie auf www.LiteraturundSport.de. [zurück]

(7) Ingomar Weiler, Hans Ulrich Gumrecht: Lob des Sports. In: Sportwissenschaft 37 (2007) 2, S. 222; vgl. zur Diskussion um den Sportbegriff das Themenheft: Sport. Einheit und Vielfalt seiner Kulturen der Zeitschrift Erwägen. Wissen. Ethik (Heft 4 2005). [zurück]

(8) Sven Güldenpfennig, Das sportliche Kunstwerk. Die Selbstverständlichkeit des Außergewöhnlichen. Ein ästhetisches Deutungskonzept zur Sinnstruktur des Sports. In: Simmat (Anm. 5), S. 28-50; hier S. 46. [zurück]

(9) Ebd., S. 45. Unterstützt wird solch eine Akzentuierung auch von Welsch, der im Sport »die populärste Kunst unserer Zeit« vermutete (Anm. 5), S. 20 f. [zurück]

(10) Welsch (Anm. 5), S. 18. [zurück]

(11) Gumbrechts Definition von Arete wird von Weiler als ausgesprochen »eigenwillig« kritisiert; Weiler (Anm. 7), S. 222. [zurück]

(12) Junghanns (Anm. 6). [zurück]

(13) Welsch (Anm. 5), S. 16. [zurück]

(14) Zur Bedeutung Immanuel Kants in der Sporttheorie vgl.: Jürgen Court, Kants Beitrag zur Theorie und Praxis von Spiel und Sport. Untersuchungen am Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit. St. Augustin 1989. [zurück]

(15) Vgl. Manuel J. Hartung, Das Spiel mit Sepp. In: Die Zeit, 22. März 2007, S. 47. [zurück]

(16) Vgl. August Nitschke, Körper in Bewegung. Gesten, Tänze und Räume im Wandel der Geschichte. Zürich 1989; Rainer Schönhammer, In Bewegung. Zur Psychologie der Fortbewegung. München 1991; Monika Fikus/Volker Schürmann (Hg.), Die Sprache der Bewegung. Sportwissenschaft als Kulturwissenschaft. Bielefeld 2004; Gabriele Klein, Bewegung. Sozial- und kulturwissenschaftliche Konzepte. Bielefeld 2004; Gunter Gebauer, Bewegung. In: Christoph Wulf (Hg.), Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie. Weinheim 1997, S. 501-516; Thomas Schmidt, Kulturwissenschaftlicher Referent: Sport oder Bewegungskultur? In: Erwägen. Wissen. Ethik. 16 (2005) 4, S. 513-515; Dirk Oschmann, Bewegliche Dichtung. Sprachtheorie und Poetik bei Lessing, Schiller und Kleist. München 2007; Matthias Buschmeier/Till Dembeck (Hg.), Textbewegungen 1800/1900. Würzburg 2007. [zurück]