Detailansicht

In: KulturPoetik 2008, Heft 1

Autor

Ralf Bogner

Titel

Literatur und letzter Wille: Eine Kulturgeschichte des Testaments
Imre Kurdi, Reden über den Tod hinaus. Untersuchungen zum ›literarischen‹ Testament. Frankfurt/M.: Peter Lang 2007. 294 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Bereits in den 1970er Jahren wurde die Vernachlässigung der literarischen Gebrauchsformen durch die neugermanistische Forschung beklagt und ein größeres Interesse für so unterschiedliche Gattungen wie Predigt, Tagebuch und Brief gefordert. Einzelne dieser Bereiche von Gebrauchstexten haben seither tatsächlich größere Aufmerksamkeit gefunden. So sind beispielsweise zahlreiche Studien zu Biographie und Autobiographie entstanden und die Tagebücher und Briefe etlicher Autoren nicht nur editorisch erschlossen, sondern auch als literarische Texte detailliert analysiert und interpretiert worden. Einzelne Gebrauchsformen freilich sind weiterhin ganz außerhalb des germanistischen Blicks geblieben.

Dazu zählt auch das Testament. Es gehört natürlich zum einen zu den juristischen Textsorten wie das Gerichtsurteil oder das juristische Gutachten. Zum anderen aber lässt es trotz der Anforderung der Kompatibilität mit dem jeweils gültigen Recht, der es genügen muss, große Spielräume für individuelle, ja artifizielle Gestaltung – und zwar durch jeden ›einfachen‹ Menschen wie durch Künstler und Schriftsteller. Zudem ist das Testament immer wieder Gegenstand der Fiktionalisierung, etwa bei Jean Paul in den Flegeljahren. Es eröffnet sich mithin ein reiches Untersuchungsfeld für hochinteressante kulturhistorisch-literaturwissenschaftliche Arbeit.

Die vorliegende Monographie widmet sich diesem Desiderat der bisherigen Forschung und analysiert und interpretiert die Wechselbeziehungen zwischen deutscher Literatur und Testament an einschlägigen Beispielen aus dem frühen 16. bis mittleren 20. Jahrhundert. Dazu gehören die letzten Willenserklärungen von Autoren und Künstlern wie Luther, Kant, Beethoven, Heine, Grillparzer, Rilke und Brecht und die literarische Verarbeitung des Themas in einigen ausgewählten erzählenden und dramatischen Texten, unter anderem im Dil Ulenspiegel, in Gellerts Die zärtlichen Schwestern und in Stifters Nachsommer. Der Verf. legt an die untersuchten Texte ein einheitliches Untersuchungsschema an. Er fragt nach dem Aufbau des Testaments, nach der Übereinstimmung mit oder dem Abweichen von den jeweiligen Rechtsnormen, nach konventionalisierten Einleitungs- und Schlussformeln und deren eventueller Brechung, überhaupt nach der sprachlichen Gestaltung zwischen juristischer Fachterminologie und individueller Idiosynkrasie und künstlerischer Prägung, schließlich nach den Gegenständen, die vererbt werden, sowie nach möglichen Begründungen dafür, und nach allen weiteren besonderen Bestimmungen, die getroffen werden, etwa zur Beerdigungsfeier und zur Grabstätte.

Auf dieser Grundlage entfaltet sich eine breite und facettenreiche Literatur- und Kulturgeschichte des Weitergebens und Vererbens. Der große zeitliche Horizont der Studie lässt signifikante Tendenzen im Umgang mit Testamenten über die Jahrhunderte hinweg erkennen. So bildet sich der Sinn für das eigene geistige Erbe, für die Sorge um den eigenen schriftstellerischen Nachlass und seine Aufbewahrung und Pflege durch die Nachkommen erst sukzessive als Produkt des Prozesses der Säkularisierung aus, um in der selbstzweiflerischen Moderne schließlich in Verfügungen über die Vernichtung der eigenen Hinterlassenschaft umzuschlagen. Der Umgang mit dem eigenen Testament zeigt im diachronen Schnitt auch die immer weiter gehende Etablierung und Loslösung der Künste aus dem Bereich des juristisch Fassbaren bis hin zum bizarren Spiel mit den Erbstücken. Spannend sind auch die zahlreichen Beobachtungen des Verf. zu den diversen Instrumentalisierungen von Testamenten. Die Gattung wird für alle nur erdenklichen Zwecke in Dienst genommen, die oft gar nichts mit ihrem eigentlichen Zweck zu tun haben. Es geht immer wieder nicht nur um Enterbungen oder die Begünstigung von fernen Dritten, sondern die Texte erfüllen zum Beispiel Funktionen wie die Reflexion der eigenen Lebenssituation in einer Krise, die Verteidigung einer umstrittenen politischen Haltung, die Skizze einer ästhetischen Position oder die Diffamierung persönlicher Gegner. Vom Tod hingegen ist in den Testamenten überraschend wenig die Rede.

Die Studie wartet also sowohl mit etlichen übergreifenden Thesen zur Geschichte des Testaments als auch mit einer großen Zahl an hochinteressanten Einzelbeobachtungen hierzu auf. Sie ist gerade im Kontrast zu ihrem auf den ersten Blick trockenen Gegenstand, nämlich Rechtstexten, in einem außerordentlich angenehm lesbaren Stil abgefasst. Gewünscht hätte man sich lediglich, dass auch noch wenigstens ein Nachruf aus dem Barock berücksichtigt worden wäre und dass der Verf. seine Untersuchung bis zur unmittelbaren Gegenwart fortgeführt hätte. Aber er wollte offenbar auch noch Spielraum für künftige germanistische Testamentsforschungen lassen, die bereits jetzt mit Vorfreude zu erwarten sind.

Prof. Dr. Ralf Bogner, Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1.: Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: r.bogner@germanistik.uni-saarland.de