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In: KulturPoetik 2001, Heft 2

Autor

Daniel Fulda

Titel

Gesa von Essen/Horst Turk (Hg.), Unerledigte Geschichten. Der literarische Umgang mit Nationalität und Internationalität. Göttingen 2000

Kategorie

Rezension

Abstract

Gesa von Essen/Horst Turk (Hg.), Unerledigte Geschichten. Der literarische Umgang mit Nationalität und Internationalität. Göttingen: Wallstein 2000 (Veröffentlichung aus dem Göttinger SFB 529 »Internationalität nationaler Literaturen«. Serie B: Europäische Literaturen und internationale Prozesse 3). 505 S.

Volltext

Ein typisches Argument zur Begründung einer ›kulturwissenschaftlichen‹ Weiterentwicklung der Philologien ist, dass Literatur nicht bloß ein separater Teilbereich der ›Kultur‹, auch nicht nur ein Spiegel oder Dokument allgemeiner kultureller Prozesse und Strukturen sei, sondern ihrerseits auf diese einwirke. In dieser Sicht wäre Literatur als ein treibender Faktor gesellschaftlicher Selbstverständigung zu erforschen. Das ›literarische Feld‹ unterscheidet sich von anderen dann weniger durch die Autarkie, die seine Anwälte ihm immer wieder zugeschrieben haben, als durch die besonderen semantischen Möglichkeiten des Mediums Literatur, z. B. die Fiktion, das ›emplotment‹ oder den extensiven Gebrauch von Symbolen, wenngleich die Unterschiede zu benachbarten (u. a. den ›geisteswissenschaftlichen‹) Diskursen mitunter nur graduell, nicht prinzipiell sind.

In einem solchen ›kulturwissenschaftlichen‹ Rahmen wird das methodische Konzept des zu besprechenden Bandes situiert, wenn die Einleitung, im Einklang mit der geschichtswissenschaftlichen und soziologischen Nationalismusforschung, den Konstruktcharakter kollektiver Identitäten hervorhebt und die Literatur als ein Feld in den Blickpunkt rückt, auf dem bevorzugt Identitäten konstituiert, geformt und problematisiert werden. Eine sinnvolle thematische Fokussierung gewinnt der Band durch die Konzentration auf den »Imaginationsraum Geschichte […], der sich in besonderem Maße für eine nationale Homogenisierung eignet« (S. 13). Es geht mithin um solche Identitäten, die durch die Darstellung und Diskussion von Geschichte(n) als ›unerledigter Vergangenheit‹ vermittelt werden – unerledigt, weil sie Maßgaben für Gegenwart und Zukunft enthalte. Wie der »konstruktivistische« (S. 22) Ansatz dabei den Blick wendet, erweist sich in der scheinbar paradoxen, aber treffenden These, dass die literarische Präsentation solcher »unerledigter Geschichten« nicht »nur die Zukunft, sondern zunehmend auch die Vergangenheit unvorhersehbar« mache (S. 24). Um sich gegen fiktionalistische Übertreibungen zu sichern, wird zugleich aber auf das ›realhistorische‹ Substrat verwiesen, das die diskursive Identitätsbildung sowohl in den Interessenlagen der Beteiligten als auch in den historischen Quellen habe (S. 13).

Die Herausgeberin Gesa von Essen entwirft das Thema und den gemeinsamen methodischen Nenner des Bandes in einer konzeptionell ambitionierten, die aktuelle Forschung extensiv rezipierenden Einleitung. Die 20 Beiträge, die folgen – teils aus dem Göttinger SFB »Internationalität nationaler Literaturen« rekrutiert, teils aus insgesamt fünf Ländern eingeworben –, greifen historisch und geographisch weit aus. Geschickt arrangiert, führen sie von deutschen Autoren vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (mit einem komparatistischen Seitenblick auf die englische Romantik und einem Rückgriff auf Shakespeare) über literarische Spiegelungen der nationalen Gemengelage in Ostmitteleuropa bis in den Fernen Osten, um über das alte, neuerdings wieder heißdiskutierte Thema ›Ägypten und das europäische Erbe‹ den Kreis zu schließen. Unter den fünf Kontinenten wird lediglich Amerika nicht eigens berücksichtigt (dessen nördlicher Teil ist allerdings mit vielen Theorieimpulsen vertreten). In Themenzuschnitt, Methode und Niveau ebenfalls sehr verschieden, fügen sich die Beiträge dem skizzierten Konzept nicht durchgängig – was mitunter freilich kein Verlust ist, nämlich wenn sie die historischen und konzeptionellen Grenzen des vorgegebenen Rahmens abschreiten oder ihn auf seine ideologischen Voraussetzungen prüfen. Auch diese Besprechung konzentriert sich im Folgenden auf einige forschungsstrategisch neuralgische Punkte.

Zunächst: Indem sich gleich drei Beiträge Johann Gottfried Herder und dessen Begriffe von Nation, Individuation und Pluralismus, Natur und Geschichte vornehmen, trägt der Band dazu bei, dem Anthropologen, Erkenntnis- und Geschichtstheoretiker Herder jene Gründerposition im Rahmen der ›Kulturwissenschaften‹ zu vindizieren, die er in den deutschen ›Geisteswissenschaften‹ lange Zeit bereits innehatte. Historische Rekonstruktion dient hier der disziplinären Reflexion – und betreibt zugleich Forschungspolitik. Die Beiträge von Hans Adler und (weit ausgreifend, da als Auseinandersetzung mit Jan Assmanns ›Gedächtnisgeschichte‹ angelegt) von Horst Turk zählen zu den besten des Bandes, obwohl sie ›neben‹ dessen eigentlichem Thema liegen. Sie machen deutlich, dass das in der Einleitung aus der aktuellen Forschung begründete Konzept auf Voraussetzungen beruht, die am Ende des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa geschaffen wurden.

Dieser Befund provoziert die Frage, in welchem Maße die Erforschung von ›Geschichte‹, ›Nation‹ und vergleichbarer Schlüsselkonzepte unserer Kultur zeitlich und geographisch universalisierbar ist. Ähnliche Fragen stellen sich jeder ›kulturwissenschaftlichen‹ Untersuchung, da sie kaum anders als mit der Prämisse irreduzibler kultureller Diversität antreten kann, so dass sie jede gewählte Perspektive als ihrerseits einer besonderen Kultur verpflichtet erkennen muss. Die Einleitung Gesa von Essens bestimmt etwa den Begriff der ›Geschichte‹ mit Koselleck als erst nach 1750 entstandenes Totalitätskonzept und verweist, seine Geltungsdauer auch nach ›vorne‹ einschränkend, auf die gegenwärtigen Tendenzen zu seiner Auflösung in plurale Geschichten (S. 11). Wenn der Beitrag von Roberto Simanowski über die ostdeutsche Identität nach 1989 die ›Geschichte‹ aus ihrer zentralen Rolle für (nationale) Identität verstößt und die ›Gegenwart‹ an deren Stelle setzt (S. 203), so widerspricht das dem Programm der Einleitung also nur vordergründig, denn es nimmt dessen Historisierung des eigenen Zentralbegriffs ernst. (Einen anderen Aspekt vielleicht derselben Enthistorisierung beleuchtet der Beitrag von Joanna Jablowska über Martin Walsers Kritik an den »Ritualen« der bundesdeutschen ›Vergangenheitsbewältigung‹, könnten diese doch als Versuch verstanden werden, eine »Vergangenheit, die nicht vergehen will« (Ernst Nolte) und daher nicht mehr Geschichte wäre, zu exponieren.) Doch fehlt auch die Gegenposition nicht: Gleich anschließend nimmt Rudolf von Thaddens Beitrag über Identitätskonstrukte im Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland die Simanowskische Problematisierung wieder zurück, wenn es, apodiktisch und durchaus auch im Hinblick auf die Gegenwart, heißt: Identitäten »begründen sich aus der erinnerten Geschichte, aus der durch mémoire vermittelten histoire« (S. 268).

Bereits die Formulierung und Eingrenzung des Themas birgt also einiges Streitpotential. Da Inkongruenzen wie die angeführte in der Regel nicht deutlich benannt werden, bleiben potentielle Anstöße zur Klärung im vorliegenden Band meist aber ungenutzt. Hinsichtlich der rückwärtigen Reichweite des Geschichts- oder Nationsbegriffs hat man es mit derselben terminologischen wie konzeptionellen Schwierigkeit zu tun: Was heißt ›nationale Identität‹, fragt der Ägyptologe Friedrich Junge – was heißt ›Geschichte‹, darf man hinzufügen – um 1800 vor Christus? Diese Fragen sind auch bei Texten, die um 1600 n. Chr. entstanden sind – etwa Shakespeares Henry V (dessen Inszenierung von nationalenglischer Identität der Beitrag von Burkhard Schmidthorst analysiert) – noch berechtigt und nötig. Leider wird ihnen nur sporadisch nachgegangen.

Nicht dass die genannten Begriffe in einem weiteren Sinne gebraucht werden als üblich, ist zu monieren, denn aus solchen Erprobungen entstehen neue Erkenntnisse. Problematisch ist jedoch, dass ihre Bedeutung nicht so konsequent an den jeweils untersuchten Text zurückgebunden wird, wie der theoretische Prospekt dies nahe legt. Speziell an diesem Punkt wünschte man sich die Chancen einer ›kulturwissenschaftlichen‹ Textanalyse klarer erkannt und entschlossener genutzt. Konkret: Wenn Geschichte in (literarischen) Texten nicht allein konstruiert wird, sondern durch deren Mittel ihre spezifische Struktur gewinnt, so sind die jeweils gewählten Schreibverfahren als Ausdruck und Träger eines je besonderen Geschichtskonzepts zu interpretieren (hier ist Greenblatts Programmformel ›Poetik der Kultur‹ bzw. kultureller Konzepte einmal recht am Platze). Der genannte Beitrag von Schmidthorst arbeitet (wie einige andere) einer solchen Interpretation vor, führt sie aber nicht durch. Damit wiederum wird die kulturelle Funktion der Literatur unter Wert angesetzt. Denn erst wenn literarische Strukturen als Prägeform von Geschichtsbildern – und, davon abhängig, von Konzepten nationaler Identität – verstanden und analysiert werden, avanciert die Literatur vom »Schauplatz« historisch-nationaler Identitätsbildung – so noch die passivische Metapher von Essens (S. 22) – zum Agens der Geschichtskonstruktion oder, um im theatralischen Bild zu bleiben, zur Truppe, die jene Bühne bespielt.

Eine derartige Aufwertung dürfte auch bei der Bewältigung eines Problems helfen, das bei ›kulturwissenschaftlichen‹ Kontextualisierungen literarischer Texte ziemlich regelmäßig auftritt: dem Problem, wie die Spezifität des literarischen Diskurses zu wahren ist. Wodurch unterschieden sich literarische Modellierungen – hier: von ›Geschichte‹ und ›nationaler Identität‹ – von denen anderer Diskurse (beim Thema des besprochenen Bandes liegt speziell die Historiographie gefährlich nahe), wenn die spezifischen Formen literarischer Darstellung nicht ›inhaltliche‹ Konsequenzen für die aufgegriffenen Konzepte hätten? Gesa von Essen in ihrem Beitrag über Freytags Ahnen, Bärbel Czennia über neuseeländische Lyrik oder Andrea Riemenschnitter über chinesische Revolutionserzählungen weisen verschiedentlich auf diese »Bedeutung der Form« (Hayden White) hin, doch hätte es auf fünfhundert Seiten noch mehr solcher Hinweise geben dürfen. Allerdings widmet sich nur gut die Hälfte der Beiträge literarischen Texten im engeren Sinne. Von den Ankündigungen des Bandtitels und der Einleitung aus betrachtet, kann man darin ein Manko sehen. Auch hinter Themen wie der Literaturgeschichtsschreibung Heines und Eichendorffs, der impliziten Geschichtsphilosophie von Hegels Ästhetik oder der Internationalität von Nietzsches Philosophie verbergen sich indessen Erkenntnischancen im Sinne des von der Herausgeberin umrissenen Konzepts: Vergleiche mit benachbarten Diskursen hätten durchaus dazu beitragen können, die Spezifität literarischer Verfahren herauszuarbeiten. Umso bedauerlicher, dass solche Vergleiche kaum gezogen werden, die letztgenannten Beiträge vielmehr in ihrem engeren Thema stecken bleiben.

Zusammengenommen ergibt sich das Bild eines Bandes, der ein Thema von grundsätzlicher ›kulturwissenschaftlicher‹ Relevanz auf hohem Niveau in Angriff nimmt. Die weit ausgreifende Bearbeitung erschließt freilich nicht nur wenig bekannte Texte und Kulturbereiche, sondern lässt auch typische Probleme der ›kulturwissenschaftlichen‹ Ausweitung philologischer Forschung hervortreten. Dankenswerterweise haben die Bearbeiter ›exotischer‹ Themen insgesamt stärker darauf geachtet, den Bezug ihres Themas zur übergeordneten Fragestellung zu sichern. Wo die ›Globalisierung‹ auch den Zuschnitt von literaturwissenschaftlichen Sammelbänden ergreift, ist das nötiger denn je, denn der Leser kann nur mehr abschnittsweise aus eigener Kompetenz urteilen. Nicht übergangen sei, dass Satz und Korrektur des Bandes vorbildlich sind. Ein Namen- und vor allem Begriffsregister hätte die in ihm versammelten Beobachtungen gleichwohl noch besser erschließen können.
 

Dr. Daniel Fulda, Universität Köln, Institut für deutsche Sprache und Literatur, Albertus-Magnus-Platz, D-50923 Köln