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In: KulturPoetik 2007, Heft 2

Autor

Yomb May

Titel

Imperiale Diskurse – Forschungsreisen des 18. Jahrhunderts als Antizipation des Kolonialismus
Hans-Jürgen Lüsebrink (Hg.), Das Europa der Aufklärung und die außereuropäische koloniale Welt. Göttingen: Wallstein 2006. 408 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Dem Band Das Europa der Aufklärung und die außereuropäische koloniale Welt liegt, wie Hans-Jürgen Lüsebrinks programmatischem Vorwort zu entnehmen ist, die äußerst spannende Frage nach dem Verhältnis von Aufklärung und dem zur gleichen Zeit neue Höhepunkte erreichenden europäischen Kolonialismus zugrunde: »Was«, so spitzt Lüsebrink das Problem zu, »hat die koloniale Welt mit der Aufklärung zu tun, wie ist das Phänomen des Kolonialismus, das Eroberung, Gewalt und Unterwerfung impliziert, mit dem Prozess der Aufklärung, der Freiheit, Emanzipation, Wissen und Erkenntnis meint, verknüpft?« (S. 9)

Sieht man von den beiden einleitenden Aufsätzen von Hans-Jürgen Lüsebrink und Jürgen Osterhammel ab, gliedert sich der Band in drei thematische Schwerpunkte. Er behandelt erstens die Frage des Wissenstransfers »aus der kolonialen Welt nach Europa« (S. 13), aber auch innerhalb der europäischen »Gelehrtenrepublik« (S. 11), zweitens die interkulturellen Begegnungsformen zwischen Europa und der außereuropäischen Welt und schließlich drittens die ›Sichtweisen der Anderen‹. Diese Trias eröffnet sowohl eine historische als auch eine systematische Annäherung an die Gesamtproblematik.

Im Anschluss an die beiden Eröffnungsaufsätze, in denen jeweils die Problemstellung (Lüsebrink) und die historisch-begriffliche Kontextualisierung (Osterhammel) vorgenommen werden, machen die unter dem Schwerpunkt Wissenstransfer gruppierten Aufsätze (insgesamt 11 Beiträge) deutlich, dass sich das Zeitalter der europäischen Aufklärung durch eine enorme Wissensoffensive auszeichnet. So analysiert Helmut Peitsch am Beispiel von Georg Forsters Einschätzung der Südseefahrten die Reichweite des wissenschaftlichen Fortschritts im 18. Jahrhundert. Während Annelore Rieke-Müller sich der Frage widmet, wie Naturalien und Artefakte aus außereuropäischen Kulturen in »Kunst- und Naturalienkammern« (S. 51) geordnet wurden und somit der »modernen Museumslandschaft des 19. Jahrhunderts« den Weg ebneten, gehen Cecil Patrick Courtney und Clorinda Donato in ihren jeweiligen Beiträgen der Systematisierung und Popularisierung des ethnographischen Wissens in Enzyklopädien und Lexika im 18. Jahrhundert auf den Grund. Ähnliches unternehmen Ute Fendler und Susanne Greilich in ihrem gemeinsamen Aufsatz Afrika in deutschen und französischen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts. Dabei untersuchen sie nicht nur die Frage nach den Wissensquellen, sie zeigen vor allem auch, dass die »Selektion und Präsentation des Wissens« (S. 113) nicht ohne Ideologie vollzogen wurde.

Das Gesamtbild, welches die Aufsätze dieses Schwerpunktes vermitteln, liegt in der Erkenntnis begründet, dass Wissensaneignung und Wissenstransfer in der Begegnung der europäischen Aufklärung mit außereuropäischen Kulturen unidirektional, d.h. ausschließlich aus der Sichtweise der Europäer geformt wurde. Aus diesem asymmetrischen Prozess bildeten sich, so das übergreifende Fazit, sowohl das Bild der außereuropäischen Welt als einer kolonialen Beute als auch die Grundlagen für die Beziehungen zwischen Europäern und den Bewohnern außereuropäischer Kulturen heraus.

Hieran knüpft nun der zweite thematische Schwerpunkt »Interkulturelle Begegnungsformen« mit insgesamt vier Aufsätzen an. Am Beispiel des englischen Kolonialgouverneurs William Jones stellt Bernd-Peter Lange in seinem Aufsatz Traffiking with Other (S. 273-286) eine »deutliche Ambivalenz zwischen der positiven Hinwendung zum Orient und einer Haltung zur indischen Kultur als dem Anderen der aufgeklärten europäischen Welt« (S. 275) fest. Dieses Andere, das Hartmut und Gernot Böhme in ihrer Studie Das Andere der Vernunft (1983) genau beschrieben haben, wurde, so Lange, »den Herrschaft legitimierenden Bedürfnissen des Kolonialismus« (S. 275) unterworfen und damit zum kolonialen Subjekt deklassiert. Auch Anthony Strugnell, der sich in seinem Aufsatz Mixed Messages (S. 287-301) mit dem Topos Orientalismus vor der Zeit von William Jones auseinandersetzt, bestätigt diese Ansicht, indem er von einer »unshakeable assumption of European superiority over Asiatic Other« (S. 287) als der historischen Grundlage für die Begegnung zwischen Europäern und Indern spricht. Ergänzend lenkt Christiane Küchler Williams in ihrem Aufsatz Südsee, Sex und Frauen im Diskurs des 18. Jahrhunderts (S. 302-325) den Blick auf die interkulturellen Begegnungsformen im Kontext der Forschungsexpeditionen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Südpazifik. Wie bereits in ihrer Dissertation Erotische Paradiese (2004) bekräftigt Küchler Williams eine »Gleichsetzung von Land und Frauenkörper« (S. 306) im Umgang der Europäer mit Insulanern. Letztere wurden, so die Autorin, als Objekte der »Eroberung«, der »Vergewaltigung« (ebd.) und damit letztendlich der kolonialen Unterdrückung preisgegeben.

Im Kontext und vor dem Hintergrund derart kolonialistisch geprägter Begegnungen zwischen Europa und außereuropäischen Kulturen situiert sich der letzte thematische Schwerpunkt des Bandes über die »Sichtweisen der Anderen«. Dabei stellt Michael Harbsmeier in seinem Beitrag Pietisten, Schamanen und Authentizität des Anderen (S. 355-370) die These auf, dass sich »außereuropäische Stimmen […] trotz, zugleich aber auch aufgrund aller literarischer Konventionen und politischer Übermacht von europäischer Seite durchaus eine Art Gehör verschaffen konnten« (S. 355). Er exemplifiziert diese These an »grönländischen Stimmen« (ebd.) in den Berichten der dänischen Missionare im 18. Jahrhundert. Dabei konstatiert er einschränkend, es handle sich um eine »verzerrte und verstellte Wiedergabe« (S. 364) der Sichtweise der Anderen. Doch genau hier liegt jenes grundsätzliche Problem, dem sich Jörg Esleben in seinem den Band abschließenden Beitrag über die Konstruktionen indischer Sichtweisen (S. 388-406) widmet. Spannend dabei ist die Erkenntnis, dass selbst Gelehrte wie Georg Forster, die sich sowohl aus wissenschaftlichen als auch aus philanthropischen Gründen um die »Sichtweisen der Anderen« bemühten, gerade daran scheiterten, dass Einheimischen Ansichten zugeschrieben wurden, bloß um »eine privilegierte, wohlwollend-väterliche Position der europäischen gegenüber der indischen Kultur« (S. 401) aufrechtzuerhalten oder sogar erst zu legitimieren. Solch eine Konstruktion der Sichtweise der Einheimischen ist nach Esleben »tief in europäischen Diskursen […] verwurzelt« (S. 406) und damit prinzipiell so korrumpiert, dass sie als »Komplizin des Imperialismus« (ebd.) betrachtet werden müsse.

Wer die Studien Urs Bitterlis – etwa Die »Wilden« und die »Zivilisierten« (1976) oder Alte Welt – neue Welt (1986) – kennt, entdeckt über weite Teile des Sammelbandes nur bedingt neue Erkenntnisse. Statt die im 18. Jahrhundert zirkulierenden Standardvorurteile zu rekapitulieren, wäre es womöglich ertragreicher gewesen, die Filiation und Implikation der damals begonnenen Fehlentwicklung in der Begegnung der Kulturen bis in die Moderne zumindest in groben Zügen nachzuzeichnen. Auch in einem weiteren Punkt macht sich der Band für eine berechtigte Kritik anfällig: Im Hinblick auf die Zusammensetzung der Beiträger wird – von der japanischen Perspektive im Beitrag von Teruaki Takahashi »Japan und Deutschland im 17. u. 18. Jahrhundert« (S. 208-227) abgesehen – allzu deutlich, dass hier eine westliche Sicht bezüglich der Ambivalenzen der europäischen Aufklärung in ihrem Missverhältnis zu nichteuropäischen Kulturen quasi monologisch vorgetragen wird. Da auch die vermutete Sicht der Anderen aus diesem Blickwinkel beschrieben wird, fehlt eine wahrhaft komplementäre Perspektive, welche die Einbindung von Wissenschaftlern aus der ›Peripherie‹ substantiell durchaus hätte leisten können.

Dennoch trifft der Band aufgrund seiner interdisziplinären Ausrichtung und seiner Sensibilisierung für die Dialektik der europäischen Aufklärung im Verhältnis zu außereuropäischen Kulturen genau in den Kern der »Postcolonial Studies«. Besonders ertragreich dabei ist, dass die bereits durch die postkolonialen Debatten vorgegebenen Impulse in einem breiten Spektrum an Blickwinkeln aufgegriffen werden, so dass Fragen zum Referenzanspruch und zur Leitbildfunktion der europäischen Aufklärung in der Ordnung der Kulturen gut und differenziert zur Sprache kommen.

Das Thema des Bandes ist nicht nur sehr aktuell, es hat vor allem auch eine internationale Brisanz, die es geboten erscheinen lässt, gerade die Perspektive außereuropäischer Kulturen zu berücksichtigen, die bedingt durch den Diskurs der Aufklärung bis heute eine derogative Stellung in der Geschichte und in der Ordnung der Kulturen einnehmen. Es geht also nicht bloß darum, das Fehlen von einer komplementären Perspektive als Manko zu beklagen, sondern vielmehr darum, das eurozentrische Diskursmonopol des Westens durch die authentischen »Sichtweisen der Anderen« heuristisch aufzubrechen. Gerade die postkolonialen Studien der letzten Jahrzehnte machen sehr deutlich, dass beim Kulturbegegnungsprozess keine Perspektive für sich alleine genommen der Wahrheit letzter Schluss ist. In diesem Sinne liefert der Band sowohl für Kulturwissenschaftler als auch für Nichtspezialisierte wichtige Denkimpulse.

Dr. Yomb May, Universität Bayreuth. Neuere deutsche Literaturwissenschaft. D- 95440 Bayreuth; Email: Th-Yomb-May@t-online.de