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In: KulturPoetik 2007, Heft 2

Autor

Karl Eibl/Katja Mellmann

Titel

Literatur als Repertorium der Soziobiologie
Jonathan Gottschall/David Sloan Wilson (Hg.), The Literary Animal. Evolution and the Nature of Narrative. Evanston: Northwestern University Press 2005. 304 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Das seit den 90er Jahren wachsende Interesse an Befunden der biologisch orientierten An­thro­po­lo­gie und der Anwendung dieser Ergebnisse auch im Bereich der Literaturwissenschaft hat in den USA bisher drei Sammelbände hervorgebracht.(1) Auch noch der hier zu besprechende dritte Band hat mit dem Problem zu kämpfen, dass er sich hauptsächlich an der Soziobiologie orientiert. Die Soziobiologie richtet ihr Augenmerk auf die Analogien und Homologien von tierischem und menschlichem Verhalten. Die artspezifische Ausstattung des homo sapiens gerät damit aber nur am Rande in den Blick. Sprache ist für den Soziobiologen eine Ausweitung des Groomings der Affen auf größere Personengruppen(2) – was sie sicherlich auch ist, nur mit dem gravierenden Unterschied, dass beim menschlichen ›Klatsch und Tratsch‹ andauernd Informationen über die Welt und über Dritte ausgetauscht werden. Erst mit Sprache kann man die Welt so abbilden, dass Geschichten, Epen und Romane möglich werden. Ein zweiter Unterschied besteht darin, dass der Mensch die wichtigsten seiner Adaptationen als Anpassungen an eine Umwelt erworben hat, von der sich die heutige gravierend unterscheidet, während bei wildlebenden Tieren das EEA (Environment of Evolutionary Adaptedness) und ihr gegenwärtiger Lebensraum weitgehend identisch sind.(3) Es sind daher bei der evolutionären Erklärung von menschlichem Verhalten immer zweierlei Fragen zu stellen: Für welches Bezugsproblem ist diese Adaptation einst entstanden? Und welche Funktion/Dysfunktion hat sie heute oder überhaupt in anderen Kulturen als denen der Altsteinzeit?(4)  – Das sind Positionen vor allem der Evolutionären Psychologie,(5) die sich im Laufe der 90er Jahre aus der Soziobiologie ausdifferenziert und auf menschliche Kognitionen und Emotionen spezialisiert hat. Hier wären die Anknüpfungspunkte für eine Bereicherung der Kulturwissenschaften zu suchen.

Dass sich der vorliegende Sammelband hingegen noch immer ganz an der Soziobiologie orientiert, zeigt sich schon daran, dass deren großer alter Mann E.O. Wilson ein Geleitwort vorausgeschickt hat. Bemerkenswert ist ferner, dass man den Romancier Ian McEwan für einen Essay zum Thema Literature, Science, and Human Nature gewinnen konnte, der eine sehr informierte und elegante Einführung in den Themenkomplex gibt, mit klarer Stellungnahme gegen den Sozial-Konstruktivismus. Diese Gegnerschaft ist überhaupt der Hauptnenner, auf dem sich alle treffen und der auch in den Rahmenbeiträgen immer wieder bekräftigt wird. Nur einer der beiden Herausgeber, David Sloan Wilson, Biologe und Anthropologe,(6) will ein Zugeständnis machen: Ein gemäßigter Konstruktivismus scheint ihm durchaus wünschenswert, und das ließe hoffen, dass die fast religiös zu nennende (und entsprechend bornierende) Frontenstellung zu Gunsten der Fragen eines Zusammenspiels von biologischen und kulturellen Faktoren aufgelöst würde. Gemeint ist damit am Ende aber nur, dass man die Gesellschaft doch immerhin für verbesserbar halten sollte und dass dabei Geschichten, denen ein ›genelike status‹ zugesprochen wird, hilfreich sein können. Nun gut, Wilson ist kein Literaturwissenschaftler, da mag es mit der ›Offenheit‹ der Proklamation sein Bewenden haben.

Wir beginnen mit zwei Abhandlungen, welche mit dem ganz besonderen Anspruch auftreten, nicht allein die evolutionäre Innovation zu vertreten, sondern außerdem Methoden der empirischen Psychologie anzuwenden und die Literaturwissenschaft damit gleichsam zur wahren Wissenschaftlichkeit zu erwecken. Das haben wir zwar im Alten Europa schon seit 30 Jahren, aber ... nun gut.(7) Daniel J. Kruger, Maryanne Fisher und Ian Jobling untersuchen Proper Hero dads and Dark Hero cads. Alternate mating strategies exemplified in British romantic literature. Das geht so: Je zwei Textpassagen von 200-300 Wörtern aus englischen Romanen um 1800 mit Schilderungen zweier Vertreter des Typs des Proper Hero und des Dark Hero wurden Studentinnen vorgelegt, die angeben sollten, welche sexuellen Beziehungen sie mit der betreffenden Person eingehen würden.(8) Die Forscher stellten mit Befriedigung fest, dass die Voten der Studentinnen den aus soziobiologischen Erkenntnissen abgeleiteten Prognosen entsprachen. Damit wurden aber keine Befunde über Literatur geboten, sondern standardisierte Äußerungen über sexuelle Präferenzen von 257 Studentinnen mit einem Durchschnittsalter von 18,73 Jahren an einer Universität im amerikanischen Mittelwesten, die sich mit beliebigen Texten aus beliebigen Zeiten und Literaturen hätten anstellen lassen können. Die Untersuchung schließt denn auch mit dem Attest, dass die Studentinnen fähig waren, Entscheidungen zu treffen, »that would presumably promote their reproductive success« (S. 239). Jedenfalls in der Altsteinzeit. Die Verfasser befinden, Literatur sei »an immense resource for examining evolutionary challenges and adaptation« (S. 239), und sie weisen auf eine Vielzahl weiterer möglicher Themen hin, die man bearbeiten könnte: Krieg, zwischenmenschliche Beziehungen, Partnerwahl, Verwandtschaftsbeziehungen etc. Die zweite Studie, die sich quantifizierender Methoden bedient und diese als grundlegende Innovation annonciert, Jonathan Gottschalls Untersuchung Quantitative literary study: A modest manifesto and testing the hypotheses of feminist fairy tales studies, ist präziser auf Literatur bezogen. Gottschall will die Hypothese feministischer Literaturwissenschaftlerinnen prüfen, dass in den Märchen des westlichen Kulturkreises das Frauenbild dieses Kulturkreises dargelegt und befestigt werde, und lässt dafür 1440 Märchen aus 48 verschiedenen Kulturbereichen nach einem standardisierten Verfahren auswerten, mit dem Ergebnis, dass hinsichtlich der Frauenrollen keine signifikanten Unterschiede gefunden werden können. – In beiden Aufsätzen werden Befunde der Soziobiologie in den Texten wiederentdeckt, im ersten wird außerdem ein Konsens über diese Befunde durch sehr gezielte Fragen an die Studentinnen eingeholt. Beide Untersuchungen sehen völlig ab von dem Kunst- und Fiktionscharakter ihrer Gegenstände und behandeln sie wie normalsprachliche Informationstexte, etwa einer Partnervermittlung oder eines Anstandsbuches. Das kann man natürlich machen, aber eine Revolution der Literaturwissenschaft ist das nicht.

Ähnlich, wenn auch ohne den quantifizierenden Aufwand, sieht Robin Fox die großen Epen als Widerspiegelung pleistozäner sozialer Beziehungen: Male bonding in the epics and romances gibt einen Überblick über Männerbünde und Männerfreundschaften in den alten Epen, im Gilgamesch-Epos, der Ilias, dem Beowulf usw. und führt die Konstellation darauf zurück, dass in evolutionärer Zeit die Kampfgemeinschaft bei Jagd und Krieg eine tiefe Solidarität zwischen Männern angelegt habe. Marcus Nordlund in The problem of romantic love. Shakespeare and evolutionary psychology schließt an jene Untersuchungen an, die mit guten Gründen die These von der ›romantischen‹ Liebe als ausschließlich sozialer Konstruktion bestreiten. Bei der Anwendung auf Shakespeares Dramen wird die Argumentation aber mehr und mehr skizzenhaft, leider, denn Nordlund hätte Fäden in der Hand, mit denen man das etwas dumpfe Widerspiegelungs-Modell interessant machen bzw. überwinden könnte: Dass die Frauen in den Komödien Shakespeares weit mehr Souveränität, ja Überlegenheit aufweisen als in den ernsten Stücken, sei nicht auf eine Art karnevalesker Umkehr der kulturellen Männerdominanz zurückzuführen, sondern darauf, dass damit ein breiteres biologisches Spektrum der Gattenwahl repräsentiert wird, und Nordlund stößt sogar bis zur Überlegung vor, dass Shakespeare ein Katz- und Mausspiel mit unseren angeborenen Erwartungen spielt. Da wüsste man gern mehr. – »Narrative«, wie im Untertitel des Bandes angekündigt, ist das natürlich nicht, aber die weite Auffassung des eigenen Titels sei Herausgebern und Beiträgern zugestanden. Das gilt auch bei Daniel Nettles Beitrag: What happens in Hamlet? Exploring the psychological foundations of drama. Nettle nimmt die überkulturelle Popularität der Dramen Shakespeares als Anlass zur Frage nach den universellen biologischen Grundlagen des Dramas. Er setzt bei der oben erwähnten These Dunbars zur Sprache als menschlichem Äquivalent zum Grooming an und sieht in unserem Interesse an Klatsch und Tratsch, an ›conversation‹, den Ursprung des Dramas. Drama sei ›supernormal conversation‹ (im Sinne der ›supernormalen Auslöser‹ der Ethologie). Daraus entwickelt er dann eine Liste von sechs elementaren thematischen Eigenschaften des Dramas, die für unsere Aufmerksamkeit verantwortlich sind, und eine vierfache Typologie der Plots, die nach seiner Meinung überkulturell verbreitet sein sollten. Vielleicht lohnt es sich, das als Dramentheorie weiter auszuarbeiten.

Es gibt nun einige Abhandlungen, die Grundsätzliches erörtern, so etwas wie eine biologische Literaturtheorie, die die Vorgehensweise begründen könnte. Evolutionary theories of art überschreibt Brian Boyd seinen Beitrag, der eine genauere Behandlung lohnt. Eine evolutionäre Erklärung muss eine Adaptation immer mit einem Zweck, einer Funktion verknüpfen, und sei es auf dem Wege, dass sie zu einem Nebenprodukt einer Adaptation erklärt wird. Die Nebenprodukt-These wird von so verschiedenen Autoren wie Steven Pinker und Stephen Jay Gould vertreten. Boyd hält ihr seine eigene, an Ellen Dissanayake orientierte, These entgegen: »art is an adaptation whose functions are shaping and sharing attention, and, arising from that, fostering social cohesion and creativity« (S. 151). Das ist sicher nicht falsch, aber sehr allgemein. Angewandt auf eine Kunst, die sich der Sprache bedient, hieße das, wenn man besonders laut spricht oder beim Sprechen mit den Armen herumfuchtelt, dann sei das schon Kunst. Aber warum nicht, wenn es irgendwie weiter führt. Unglücklicherweise meint Boyd seine Position durch Verwerfung anderer Positionen erhärten zu müssen, obwohl er selbst weiß: »there is no reason to exclude multiple functions« (S. 151). Die Argumente, die er gegen andere verwendet, sagen mehr über seine Position als seine eigenen Begründungen. So stört ihn die Kulturentstehungstheorie Geoffrey Millers, die besagt, dass Kultur und namentlich Kunst dadurch entstanden seien, dass die Steinzeit-Frauen solche Männer bevorzugt haben, die durch überflüssigen Aufwand ihre ›guten Gene‹ demonstrierten, ähnlich wie das Pfauenweibchen den Pfau mit dem schönsten Schwanz wählt. ›Kunst‹ sei entstanden, weil sie (nach dem Handicap-Prinzip: Wer sich das leisten kann, muss ansonsten besonders gut ausgestattet sein) als Fitness-Indikator eingeschätzt wurde. Um Millers These zu entkräften, führt Boyd als Gegenbeispiele an: »blind Homer, castrated Farinelli, deaf Beethoven, syphilitic Schubert, manic Schumann, epileptic Dostoyevsky, neorotic Proust, psychotic Woolf« (S. 158). Das ist ein gravierender, für die Beurteilung der Argumentation sehr aufschlussreicher Fehlschluss. Miller hat eine ultimate Erklärung für die Entstehung unseres Sinnes für Überflüssiges unter altsteinzeitlichen Bedingungen gegeben. Dieser Sinn für Überflüssiges kann als proximater Mechanismus zu allen Zeiten und in allen Kulturen wirken, aber man darf nicht erwarten, dass er unter allen Bedingungen dieselbe Funktion erfüllt wie in der Steinzeit.(9) Ausführlich referiert Boyd die Ausführungen von Cosmides und Tooby, den derzeit scharfsinnigsten theoretischen Köpfen der Evolutionären Psychologie.(10) Deren These, dass Kunst, kurz gesagt, im Spiel wurzle, und dass das Spiel wiederum die Funktion habe, körperliche und geistige Fähigkeiten ontogenetisch zu ›organisieren‹ und fertigzubauen, versucht er mit der Frage zu widerlegen: »Does music organize our ears to hear environmental sound? Surely not« (S. 169). Aber ja doch! Es ist wieder die Konfundierung ultimater und proximater Verursachung. Gewiss ist es nicht der Zweck der Mondscheinsonate, unser Gehör für Umweltgeräusche zu trainieren, wohl aber ist plausibel, dass die Neigung und Fähigkeit zur Wahrnehmung von absoluter Musik sich unter evolutionären Bedingungen als Bereitschaft entwickelt hat, ›sinnlose‹ Geräusche und Klänge zur Kalibrierung des Gehörsinns zu benutzen. Die These schließlich, dass eine biologische Wurzel des Vergnügens an Fiktionen bei ihrer Eignung als Übungsfeld der Adaptationen zu suchen sei, hält Boyd wohl für eine Konkurrentin seiner Aufmerksamkeits-These und versucht sie durch den Hinweis auf Fiktionen zu widerlegen, die niemanden interessieren: »this tree is the daughter of a leather ball, and walked here overnight from the hill« (S. 170) – hatte er noch nie etwas mit Märchen zu tun?

Es ist schade, dass Boyd, einer der ersten, die den evolutionären Zugriff gewagt haben, seine eigenen Überlegungen nicht auf ihre Kompatibilität mit denen von Cosmides/Tooby prüft, sondern allzu früh Widerpart gibt, und das auf eine sehr freihändige Weise. Dabei hat er die Wichtigkeit eines zentralen Gedankens begriffen und hervorgehoben, den des ›decoupling‹, der spezifisch menschlichen Fähigkeit, Informationen mit Metainformationen zu versehen (z.B.: »Dies ist Spiel« oder »Dies gilt nur in Timbuktu im Sommer«) und damit die unmittelbare Verknüpfung von Information und Handeln zu unterbrechen (S. 170). Was er gleichwohl nicht akzeptiert, ist die Trennung von prähistorischem Ursprung und historischer Funktion (S. 170). Dabei müssten schon bei ganz unbefangenem Hinsehen Zweifel kommen, ob die einsamen Leseräusche im Zeitalter des Buchdrucks (oder die Trance, in die manche User von Computerspielen geraten) ebenso der »social cohesion and creativity« dienen wie das Erzählen am Lagerfeuer.

Ähnlich wie Boyd argumentiert Joseph Carroll in seinem Beitrag über Human Nature and Literary Meaning. A Theoretical Model Illustrated with a Critique of ›Pride and Prejudice‹. Carroll ist einer der Pioniere der biologischen Perspektive auf Literatur, verhält sich aber sehr reserviert gegenüber der weiteren Entwicklung. Seine Vorstellung von einem Lern- und Übungszweck der Literatur kommen in die Nähe der Vorstellungen, die Cosmides/Tooby in dem genannten Aufsatz entwickelt haben, aber Carroll nimmt ihn leider nicht zur Kenntnis. Stattdessen entwirft er ein Bild der Evolutionären Psychologie, das er selbst freimütig als »caricature« bezeichnet (S. 80). Von einer Karikatur kann man nichts lernen, und es hat auch keinen Sinn, eine Karikatur richtigzustellen. Herzstück seiner Ausführungen ist ein »Diagram of Human Nature« mit sieben »behavioral systems«, das sowohl in der Wirklichkeit als auch in der Literatur (Beispiel Jane Austens Pride and Prejudice) der menschlichen Motivation untergelegt werden kann. Aus der Literatur lernt man dann, wie es im wirklichen Leben ist, nämlich wie in der Soziobiologie.

Der dritte grundsätzliche Beitrag stammt von Michelle Scalise Sugiyama: Reverse-Engineering Narrative: Evidence of Special Design. »Reverse-engineering« bezeichnet ein Verfahren der Rekonstruktion, nämlich die Analyse eines Systems gegenläufig zu seinem Entstehungsprozess, also z.B. vom Computer-Programm zum Quell-Code (z.B. zum späteren Zwecke des Clonens) – eine recht glückliche Metapher für den Versuch, Literatur als gegenwärtiges Kulturphänomen auf ihre phylogenetischen Elemente zurückzuführen. Scalise Sugiyama weist gleich eingangs darauf hin, dass die phylogenetischen Voraussetzungen des Erzählens nur über das Studium der Probleme von Sammlern und Jägern erfasst werden können. Dieser Maxime folgend zerlegt sie das Erzählen in seine Elemente und setzt es wieder zu einem Ganzen zusammen. So kommt sie zu dem Schluss, dass keine Kunstform so gut geeignet sei, mittels einer »holistic simulation of human experience« (S. 191) Information zu speichern, wie das Erzählen, und dass es damit hervorragend in die ›kognitive Nische‹ passe, die der Mensch besiedelt hat. Sie macht auch plausibel, dass hier, bei den Informationsmitteln der Sammler und Jäger, noch ein großes Forschungsgebiet liegt. Scalise Sugiyamas Beitrag tritt so bescheiden auf, dass man fast übersehen könnte, dass es sich neben dem Boyds um den einzigen handelt, der nicht im Kreis von soziobiologischen Inhaltsanalysen befangen bleibt, sondern Form und Funktion aufeinander bezieht. Auch hier wird man aber noch den Hinweis anbringen müssen, dass Erzählen sich auch abkoppeln kann von der nützlichen Information über reale Sachverhalte. Und hier spätestens wird man dann neben der Form- und Funktionsfrage auch Fragen der emotionalen Lenkung und der kognitiven Erwartung stärker zu berücksichtigen haben.

Solchen Fragen am nächsten kommt Catherine Salmons Beitrag Crossing the abyss: Erotica and the intersection of Evolutionary Psychology and Literary Studies, denn hier werden Pornographie und Liebesroman im Zusammenspiel mit bestimmten angeborenen Präferenzen auf Leserseite untersucht. Salmon vergleicht diese Literaturgenres mit Fastfood: So wie Fastfood unsere evolvierten Präferenzen für fett- und zuckerhaltige Nahrung bediene, so bedienten Pornographie und Liebesroman die Präferenzsysteme unserer angeborenen »sexual psychology« (S. 245). Etwas zu eng erscheint uns die binäre Kopplung von Pornographie mit der männlichen und von Liebesromanen mit der weiblichen »sexual psychology«. Denn freilich gibt es auch für Frauen produzierte Pornographie (11) und auf ein (zumindest auch) männliches Publikum zugeschnittene Liebesgeschichten (etwa im Bildungs- und Künstlerroman). Sachgerechter im Sinne eines größeren Auflösungsvermögens wäre es wohl, zunächst einmal geschlechtsneutral mit Helen Fisher »sex drive«, »attraction system« und »attachment« als drei Komponenten des Phänomens Liebe/Sex zu unterscheiden.(12) Da mag man dann den isolierten »sex drive« der Pornographie zuordnen, eine Tendenz zu sexfreier Dominanz der Anziehungs- und Bindungskräfte dem empfindsamen Liebesroman. Die statistisch geschlechtsdifferente Publikumsbildung der beiden Genres wäre dann erst in einem zweiten Schritt zu erörtern.

Folgt man jedoch Salmons Prämisse: »Free markets are a window into our evolved human nature« (S. 256), dann lassen sich die von ihr behandelten Fälle jedenfalls als die ökonomisch erfolgreicheren Varianten innerhalb des Gesamtspektrums identifizieren und sinnvoll mit der geschlechtsdifferenten »sexual psychology« korrelieren. Und dies führt in eine literaturwissenschaftlich durchaus interessante Reizdarbietungsanalyse, etwa wenn Salmon ausführt, dass Pornographie zu einer gewissermaßen objektiven Visualisierung der Vorgänge tendiere, ohne dabei auf die Ausbildung einer bestimmten Perspektive angewiesen zu sein (S. 246), während der Liebesroman vor allem auf das innere Erleben fokussiere und deshalb eine Figurenperspektive herstellen müsse, aus der heraus die Vorgänge erlebt werden (S. 247). Ungenügend bleibt allerdings die Spezifizierung des Gegenstandbereichs in dieser Korrelation. Während Salmon unter ›Pornographie‹ ein sehr weites Spektrum medialer Darstellungen begreift, angefangen bei antiken Vasen- und Wandmalereien über viktorianische Subkultur bis hin zu modernen Schmuddelvideos, bezieht sich die Bezeichnung ›Liebesroman‹ (›romance novel‹) auf einen Darstellungstypus, der, wie Salmon in Klammern anmerkt, erst seit dem 18. Jahrhundert in dieser Ausprägung existiert. Salmon stützt sich in der Hauptsache auf eine noch unveröffentlichte Studie von April Gorry,(13) die mittels einer Inhaltsanalyse von 45 Liebesromanen den idealtypischen männlichen Helden bestimmt hat. Da wüsste man doch gerne, um was für Romane es sich handelt. Und ganz dringend wäre ein Wort zur Erklärung der historischen Kontingenz dieses Literaturtypus zu wünschen – weshalb es gerade unter den historisch-kulturellen Bedingungen des bürgerlichen Zeitalters dazu kommt, dass die überzeitliche weibliche »sexual psychology« literarisch gestaltet wird. Allzu nahe liegt sonst die kulturalistische Erklärung, dass es sich bei dieser »sexual psychology« eben um eine soziale Konstruktion handelt. Salmon aber wendet sich z.B. gegen die feministische These, das Besitzdenken der männlichen Helden im Liebesroman verdanke sich dem ideologisch begründeten Wunsch, die Frauen generell zu kontrollieren. Ihr Gegenvorschlag, es ginge den Romanhelden lediglich um eine Kontrolle der weiblichen Fertilität (S. 253), ist methodisch allerdings höchst problematisch; denn erstens wird hier wiederum nicht zwischen ultimater und proximater Verursachung unterschieden, und zweitens wird die Evolutionäre Psychologie als Figurenpsychologie eingesetzt. Fiktionale Figuren aber haben keine Biologie, die ihr Verhalten erklären könnte. Salmon verlässt hier ihre grundsätzlich gelungene Modellierung des Zusammenhangs von Literatur und evolvierter menschlicher Psyche und landet bei den mimetistischen Kurzschlüssen, die auch die meisten anderen Beiträge des Bandes kennzeichnen.

Alles in allem können wir nicht sehen, dass die Evolutionstheorie in The Literary Animal für spezifisch literaturwissenschaftliche Fragestellungen fruchtbar gemacht wird. Das soziobiologische Paradigma mit seiner unmittelbaren Kopplung von Entstehung und aktueller Funktion von Adaptationen ist in diesem Band zu dominant, als dass differenziertere Überlegungen zu den evolutionären Grundlagen menschlicher Kultur greifen könnten, selbst in den Beiträgen, in denen eine Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur stattgefunden hat. Die Deutungspraxis ist geprägt vom Interesse, Literatur für soziobiologische Belege auszuwerten, als wäre sie ein getreues Abbild der menschlichen Natur. Wahrscheinlich ist sie das tatsächlich, auf irgendeiner Ebene, vermittelt durch allerlei Brechungen historisch-kultureller Art, durch Kompromisse zwischen widerstrebenden Motivationen, aktuelle Interessen usw. Die Durchdringung dieser Zwischenschichten aber bleibt hier der Intuition des Interpreten überlassen, der möglichst schnell zum vorbestimmten Ziel eilt, wie weiland Psychoanalytiker und Marxisten. Einen Fortschritt wird die biologische Orientierung erst bringen, wenn sie nicht nur Inhalte wiedererkennt, sondern zur Erhellung des Mediums Literatur, seiner spezifischen Art der Wirklichkeitsbearbeitung und ?vermittlung beiträgt.

Prof. Dr. Karl Eibl, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für deutsche Philologie, Schellingstraße 3, D-80799 München; E-Mail: karl.eibl@germanistik.uni-muenchen.de

Dr. Katja Mellmann, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für deutsche Philologie, Schellingstraße 3, D-80799 München; E-Mail: katja.mellmann@germanistik.uni-muenchen.de


Anmerkungen

(1) Vorgänger waren: Jean Baptist Bedaux/Brett Cooke (Hg.), Sociobiology and the Arts. Amsterdam, Atlanta 1999. Brett Cooke/Frederick Turner (Hg.), Biopoetics. Evolutionary Explorations in the Arts. Lexington 1999. [zurück]

(2) Robin Dunbar, Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand. München 1998. [zurück]

(3) Speziell zu dieser Problematik: John Tooby/Leda Cosmides, The Past Explains the Present. Emotional Adaptations and the Structure of Ancestral Environments. In: Ethology and Sociobiology 11 (1990), S. 375-423, sowie Donald Symons, On the Use and Misuse of Darwinism in the Study of Human Behavior. In: Jerome H. Barkow/Leda Cosmides/John Tooby (Hg.), The Adapted Mind. Evolutionary Psychology and the Generation of Culture. New York 1992, S. 137-162. [zurück]

(4) Das entspricht der Unterscheidung von ›ultimater‹ und ›proximater‹ Verursachung. Ultimat ist der Selektionsdruck, unter dem eine Adaptation entstanden ist, proximat ist die Wirkung des Mechanismus, der auf diese Weise entstanden ist. Die Lungen verdanken ihr Dasein der Funktion, die Landlebewesen mit Sauerstoff zu versorgen; aber man kann mit ihnen auch Trompete spielen. [zurück]

(5) Überblick bei: David M. Buss (Hg.), Handbook of Evolutionary Psychology. Hoboken 2005. [zurück]

(6) Unter den Biologen ist Wilson ein Abweichler. Der biologische Mainstream hat das Konzept der Gruppenselektion mit guten Gründen verabschiedet, während Wilson es unter dem Namen der ›multilevel selection‹ wieder aufleben lassen möchte. Vgl. sein mit Elliott Sober verfasstes Buch: Onto Others. The Evolution and Psychology of Unselfish Behavior. Harvard 1998. [zurück]

(7) Dazu die Zwischenbilanz: Achim Barsch/Gebhard Rusch/Reinhold Viehoff (Hg.), Empirische Literaturwissenschaft in der Diskussion. Frankfurt/M. 1994. [zurück]

(8) Zwei Schilderungen waren aus verschiedenen Stellen des Romans zusammengesetzt. Ob die Studentinnen überhaupt wussten, dass es sich um fiktionale Charaktere handelt, wird nicht mitgeteilt. Wie wichtig das ist, hätten die Verfasser aus der folgenden aufwendigen empirisch-statistischen Untersuchung entnehmen können: Dagmar Hintzenberg/Siegfried J. Schmidt/Reinhard Zobel, Zum Literaturbegriff in der Bundesrepublik Deutschland. Braunschweig, Wiesbaden 1980. [zurück]

(9) Vgl. Anm.  NOTEREF _Ref162847727 h 4. [zurück]

(10) Für Literatur unmittelbar relevant: John Tooby/Leda Cosmides, Does Beauty Build Adapted Minds? Toward an Evolutionary Theory of Aesthetics, Fiction and the Arts. In: Substance. A Review of Theory and Literary Criticism 30 (2001) H. 1&2 Issue 94/95, S. 6-25. Deutsche Übersetzung: John Tooby/Leda Cosmides, Schönheit und mentale Fitness. Auf dem Weg zu einer evolutionären Ästhetik. In: Uta Klein/Katja Mellmann/Steffanie Metzger (Hg.), Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Paderborn 2006, S. 217-244. [zurück]

(11) Bestandsaufnahme bei Corinna Rückert, Frauenpornographie. Pornographie von Frauen für Frauen. Eine kulturwissenschaftliche Studie. Frankfurt/M. u.a. 2000. [zurück]

(12) Helen Fisher, Lust, Attraction, Attachment. Biology and Evolution of the Three Primary Emotion Systems for Mating, Reproduction, and Parenting. In: Journal of Sex Education and Therapy 25 (2000) H. 1, S. 96-104. [zurück]

(13) April Gorry, Leaving home for romance. Tourist women’s adventures abroad. Diss. Santa Barbara 1999. [zurück]