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In: KulturPoetik 2007, Heft 2

Autor

Alastair Matthews

Titel

Kultur zwischen Theorie und Text
Moritz Baßler, Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie. Tübingen: Narr Francke Attempto 2005. X + 399 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Reihe Studien und Texte zur Kulturgeschichte der deutschsprachigen Literatur (KULI) ist der »kulturgeschichtlichen Dimension literaturwissenschaftlichen Arbeitens« gewidmet.(1) Der Anspruch des hier zu besprechenden, als Band 1 der Serie erschienen Buches könnte kaum besser zu diesem Anliegen passen: Moritz Baßler versucht, eine theoretische Grundlage für die intertextuelle Untersuchung von Literatur, von Texten, ja von Kultur selbst zu entwickeln.

Ausgangspunkt für Baßlers Überlegungen im ersten Kapitel ist der New Historicism, in dem Texte mittels (oft unerwarteter) Vergleiche mit anderen Texten kontextualisiert werden. Musterbeispiel dafür ist der bekannte Aufsatz Greenblatts, in dem Übereinstimmungen zwischen King Lear und einem Traktat gegen den Exorzismus herausgearbeitet werden.(2)  Baßler nennt drei konkrete Gründe für die oft bemängelten theoretischen Schwächen eines solchen Ansatzes: Es liege nicht auf der Hand, so Baßler, dass die bei Vertretern des New Historicism so beliebten Anekdoten als allgemein repräsentativ gelten können. Des weiteren sei der Begriff ›circulation of social energy‹ ebenso unklar wie die Beziehung zwischen den Texten, die im New Historicism in Zusammenhang miteinander gebracht werden (S. 38–50).

In weiten Teilen ist Baßlers Buch als Versuch zu verstehen, diese Mängel zu überwinden. Dazu präzisiert der Autor zunächst im zweiten Kapitel seinen Intertextualitätsbegriff. Zentral ist dabei die Behauptung, alles hänge davon ab, »Kristevas Vertikalisierung der Achse der Textualität nachzuvollziehen, von Intersubjektivität umzustellen auf Intertextualität, von der individuellen Leserposition auf das Verhältnis einer Wissenschaft zu ihrem Objektbereich« (S. 78). Die Texte selbst, ihr konkreter Inhalt, ein synchroner Korpus sollen im Mittelpunkt stehen, nicht der subjektive Leser oder textexterne Dimensionen wie etwa die der Kommunikation. Im langen dritten Kapitel »Systemische Kulturtheorien und ihre Grenzen« hebt Baßler dann die notwendige Vorrangigkeit des Textuellen hervor, indem er sich von verschiedenen systemischen Theorien distanziert. Spätestens in diesem Kapitel entsteht die Gefahr, dass der Leser den roten Faden in Baßlers Argumentation verliert. Denn statt in erster Linie seine eigene These weiterzuentwickeln, referiert der Autor hier eine Reihe von Forschungsansätzen, um zu zeigen, warum sie sein Projekt nur peripher, wenn überhaupt, angehen. Das macht die Lektüre mühsam, und auch die folgenden Kapitel leiden darunter, dass Baßlers eigene Position in der Fülle der Zitate und Forschungsberichte verlorenzugehen droht.

Kapitel IV und V beschäftigen sich mit den Voraussetzungen für eine Analyse von Texten, wie Baßler sie vorschlägt: mit dem Archiv und dem Suchbefehl. In Abgrenzung zu Foucault und Derrida – und im Anschluss an Bakhtin – wird das Archiv als materieller aber unstrukturierter Textspeicher definiert, der aus allen verfügbaren Dokumenten besteht (S. 182), also »die Summe aller Texte einer Kultur, die einer Untersuchung zur Verfügung stehen. Im Archiv sind diese Texte einander gleich- und nebengeordnet zugänglich. Das Archiv ist ein Textkorpus« (S. 196). Äquivalente Stellen im Archiv, im Korpus, bilden intertextuelle Äquivalenzstrukturen, die dann als Diskurs bezeichnet werden, wenn »angenommen wird, daß ihnen zu ihrer Zeit ein […] lebendiger Kommunikationszusammenhang zugrundelag« (S. 196-98). Solche Äquivalenzstrukturen werden durch Suchbefehle ermittelt, auf die in Kapitel V näher eingegangen wird. Nicht notwendig technisch zu verstehen, gewährt das Suchen nach einem (schon im Archiv vorhandenen) Stichwort einen Blick in die Textstrukturen des Archivs. Da die Texte selbst den Ausgangspunkt bilden, bleibt die Analyse immer nachvollziehbar. Baßlers Methode ermöglicht es, die ›Zirkulation sozialer Energie‹ konkreter zu fassen: »Im Archiv schlägt sich diese Zirkulation als Netz von intertextuellen Äquivalenzen und als quantifizierende Topik intratextueller Kontiguitäten nieder« (S. 292).

In Kapitel VI führt Baßler schließlich eine Volltext-Datenbank als Format für das Archiv ein. Diese Datenbank soll »potentiell für alle nur denkbaren Arten von Suchbefehlen geeignet« und unstrukturiert sein, also keine zum Beispiel auf Index-Systemen basierende Organisation besitzen (S. 324 f.). Nun ist das eine durchaus sinnvolle Grundlage für die computergestütze Analyse von Kultur. Es lässt sich aber fragen, wohin Baßler damit zielen will, da er den eigentlichen Hintergrund seiner Überlegungen erst am Ende des Kapitels und dann auf unbefriedigende Weise darstellt. Er schreibt: »Ergebnisse einer kulturwissenschaftlichen Lektüre müßten, soweit sie auf belegbare Daten gestützt ist, vom Computer nachvollziehbar sein.« Auf der einen Seite sollen wir uns also an den Computer wenden, um »die Repräsentativität unserer Lektüren am Archiv zu verifizieren« (S. 331). Stimmt das, so hätten wir es nicht, wie der Untertitel des Bandes erwarten ließe, mit einer »Text-Kontext-Theorie« zu tun, sondern mit einem Plädoyer dafür, computergestützte Analysen in der philologischen Praxis heranzuziehen. Auf der anderen Seite scheint eine allgemeine theoretische Bestimmung des Verhältnisses von Text und Kontext von Baßler durchaus beabsichtigt zu sein: Schließlich betont er, es sei eine »wesentliche Aufgabe einer Kultur- als Textwissenschaft […], intelligente Suchbefehle an kulturelle Archive zu formulieren und […] deren Ergebnisse in geeigneter Weise miteinander zu kombinieren« (S. 331). Diese Ambivalenz wird im Schlusskapitel leider nicht aufgelöst, in dem der Autor weiterführende Aspekte seines Themas bespricht, wie zum Beispiel die Rolle des Subjekts bei der Analyse.

Der Inhalt des Bandes wurde hier relativ eingehend referiert, da dessen übergreifende These auf den ersten Blick nur schwer auszumachen ist. Das Buch lässt sich nicht leicht lesen, nicht zuletzt aufgrund der gehäuft auftretenden rhetorischen Fragen, parenthetischen Bemerkungen und der sich wiederholenden Argumentationsstruktur. Der Versuch, eine kulturanalytische Position zu entwerfen, die den Begriff ›Text‹ in einem weiten Sinn versteht, ohne sich einem floskelhaften ›Alles-ist-Text‹-Standpunkt preiszugeben, ist zu begrüßen. Auch scheinen die zu Beginn herausgearbeiteten Schwächen des New Historicism nach der Lektüre nicht mehr so eklatant. Baßlers Ansatz erlaubt es, möglichst viele Textzeugnisse in Betracht zu ziehen und die Relationen unter ihnen sichtbar zu machen. Es stellt sich allerdings die Frage: Wie und wozu? Die Möglichkeiten, die skizzierte Methode in die computerphilologische Praxis umzusetzen, verdienten nähere Betrachtung, auch wenn Baßlers Schwerpunkt auf der Theorie liegt. Die tiefergreifende Frage aber, wie die neue Fülle an Zeugnissen zu einem Erkenntnisgewinn führen soll, wird erst im Schlusskapitel und auch da lediglich im Vorübergehen thematisiert. Geht man jedoch davon aus, dass die Kultur- und Literaturwissenschaften nicht nur Beschreibungen liefern, sondern Einsichten gewähren und Themen erschließen sollen, so muss man leider konstatieren, dass die Betonung des Deskriptiven in diesem Buch zu einer Vernachlässigung des Verstehens führt. Eine Materialsammlung, so reich sie auch sei, ist für sich genommen unfruchtbar, wenn man nicht weiß, welche Aspekte herauszuarbeiten wären, und welche Zusammenhänge eingehender untersucht werden sollten. So bemerkt Baßler zum Beispiel mit Recht, dass es darum ginge »intelligente Suchbefehle an kulturelle Archive zu formulieren« (S. 331), ohne aber zu erklären, was unter ›intelligent‹ zu verstehen wäre. Zudem legt der auf Suchbegriffe und Computerdateien gestützte Ansatz viel Wert auf konkrete Beziehungen zwischen Textstellen, so viel Wert, dass man sich fragt, ob Sätze wie ›My father-in-law kicked the bucket‹ and ›My mother died‹ bei einer Analyse des Themas ›Tod‹ überhaupt in Zusammenhang miteinander gebracht würden.

Der Gesamteindruck schließlich ist einer der Frustration. Zuerst in rein formaler Hinsicht: Das Buch besitzt zwar eine schöne Umschlag- und mise-en-page-Gestaltung, und die meisten der angeführten Zitate werden sowohl übersetzt als auch in der Originalsprache wiedergegeben. Zu bemängeln sind aber das Fehlen eines Indexes, ein paar Unebenheiten in der Literaturliste und irritierende ›l.c.‹ [loco citato]-Hinweise in den Fußnoten.(3) Die inhaltlichen Mängel wiegen schwerer: Nach der Lektüre ist der Leser mit einer Vielzahl von Forschungsansätzen vertraut. Er weiß, welche Intertextualitätsbegriffe nicht zu empfehlen sind, dass systemische Theorien fehl am Platz wären, und woraus das Archiv nicht bestehen soll. Das ist zwar alles interessant. Doch wie genau die Datenbank des Archivs auszusehen hätte, wie nicht-sprachliche Texte in die Theorie eingearbeitet werden könnten, ob eine Sammlung von Äquivalenz- und Kontiguitäts-Relationen wirklich zur Beschreibung von Kontext und Kultur ausreicht – es fehlen Antworten auf diese und weitere Fragen, die die Möglichkeit eröffnen könnten, Kultur anhand von Texten und mit Hilfe von Computern greifbar zu machen und zu untersuchen. So drohen die zentralen Pointen von Baßlers Buch immer wieder in Abgrenzungen und Forschungsberichten zu verschwinden, anstatt an Klarheit zu gewinnen und weiterentwickelt zu werden.

Alastair Matthews, St Hugh’s College, Oxford OX2 6LE, GB; E-Mail: alastair.matthews@st-hughs.ox.ac.uk 


Anmerkungen

(1) So die Beschreibung auf der Verlagshomepage (www.narr.de > Reihen > KULI, abgerufen am 26. Dez. 2006). [zurück]

(2) Stephen Greenblatt, Shakespeare and the Exorcists. In: Patricia Parker/Geoffrey Hartman (Hg.), Shakespeare and the Question of Theory. New York 1985, S. 163–87. [zurück]

(3) Auf S. 102 im dritten Kapitel etwa findet sich folgender Hinweis: »Vgl. programmatisch: Engel: Kulturwissenschaft/en – Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft – kulturgeschichtliche Kulturwissenschaft, l. c.«. Wer das entschlüsseln will, muss bis ins erste Kapitel zurückblättern, um da auf S. 5 herauszufinden, dass wohl auf S. 33 in Engels Aufsatz verwiesen werden soll.  [zurück]