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In: KulturPoetik 2007, Heft 2

Autor

Anja Gerigk

Titel

Just follow the turns – kulturwissenschaftliche Wenden
Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek: Rowohlt 2006. 410 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Eine »andere Geschichte der Kulturwissenschaften« (S. 7 f.) ist das Vorhaben des Bandes von Doris Bachmann-Medick. Ihre Erzählung der cultural turns geht davon aus, dass jene Diversität und Dynamik, die das kulturwissenschaftliche Feld zu einem schwer fassbaren Gegenstand machen, in einer systematischen Theoriegeschichte, wie sie Andreas Reckwitz (Die Transformation der Kulturtheorien, 2003) vorgelegt hat, nicht deutlich genug zum Tragen kommen. Statt nach »Denkern und Denktraditionen« (S. 21) zu ordnen oder Kulturbegriffe, Diskussionsfelder, Methodenkomplexe (vgl. S. 10) zu unterscheiden, operiert Bachmann-Medick mit dem Begriff des turn. Dieser entspricht, so wird zu Anfang geklärt, weder dem konsensbetonten ›Paradigma‹ (vgl. S. 16) noch der losen Bindung durch Themen (vgl. S. 30). Ein turn vollzieht sich nur und erst dann, wenn die »Gegenstandsebene« methodisch in »Analysekategorien« umschlägt, wenn epistemologisch »Erkenntnisobjekte« zum »Erkenntnismittel« werden (S. 26). Auch muss eine solche Wende transdisziplinär auf mehrere Fächer und Wissenschaften übergreifen (vgl. S. 79) und dort eine methodisch-epistemologische Neufundierung bewirken. Ausgerüstet mit dem Messgerät ihres qualitativen Konzepts, macht sich die methodologisch ausgewiesene Autorin (Kultur als Text, 1996) an die »Kartierung« (S. 20) der kulturwissenschaftlichen Theorie- und Forschungslandschaft.

»Ausdrücklich soll es hier nicht um eine Geschichte der Kulturwissenschaften gehen« (S. 9) – der scheinbare Widerspruch löst sich auf in der Erläuterung, dass Bachmann-Medick keine historische Betrachtung der akademischen Disziplin(en) schreiben will, ebenso wenig eine Ideengeschichte kulturwissenschaftlichen Denkens. Die Verneinung, der Anspruch, ›anders‹ vorzugehen, gründet im begrifflichen Instrument des turn, außerdem in der damit intendierten Abwendung von einer Historiographie der master narratives. So will die Darstellung nicht etwa eine Fortschrittslinie verfolgen, sondern »Richtungswechsel und Theoriewandel« (S. 13) zur Anschauung bringen. Schlüssig ist von daher, dass der große Cultural Turn als möglicher narrativer Rahmen zu cultural turns pluralisiert wird. Überdies begegnet der linguistic turn, der am Beginn stehen müsste und den »roten Faden« (S. 36) der Erzählung abgeben könnte, nur im einleitenden Teil des Buches, bleibt also insofern außen vor. Interpretative Turn, Performative Turn, Reflexive Turn/Literary Turn, Postcolonial Turn, Translational Turn, Spatial Turn, Iconic Turn – diese Reihe der Wenden und Kapitel ist im Sinne Bachmann-Medicks eher synchron zu lesen. Zwar stimmt die Abfolge ungefähr mit dem historischen Auftreten der Richtungen überein. Ferner deutet sich vom postcolonial zum translational turn eine Ablösung an. Doch grundsätzlich hebt Bachmann-Medick die Gleichzeitigkeit des Feldes hervor (vgl. S. 21). Gerade eine narrative Schließung ihres Überblicks durch Anfangs- und Endpunkt sowie die damit einhergehende Hierarchisierung möchte sie vermeiden. Historisiert werden die turns dennoch: Alles zielt darauf ab, die Dynamik der Wenden, »Rückwenden oder konstruktive Umwege« (S. 13) aufzuzeichnen, dazu den »Dreischritt« der turn-Genese: »Ausweitung des Gegenstandsfeldes, Metaphorisierung und schließlich methodische Profilierung« (S. 245).

Man kann diese Präsentation der »Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften« anhand zweier Fragen beurteilen. Hält sie sich an die eigenen methodologischen Vororientierungen? Welche Orientierungsleistung erbringt sie im Hinblick auf ihren Gegenstand? Wer sich dem Buch mit pragmatischem Interesse zuwendet, wird wissen wollen, ob er ihm die wichtigsten Vertreter und Kategorien des jeweiligen turn entnehmen kann, ob er über den Forschungsstand informiert wird und ob eine kritische Diskussion stattfindet. Darüber gibt schon der parallele Aufbau der Kapitel Auskunft. Nach einer kurzen Einführung, die den turn in seinen Hauptgedanken vorstellt und Leitwissenschaften nennt, behandelt das unmittelbar folgende Unterkapitel stets »Entstehungskontext und Herausbildung« des turn. Inhalt und Anzahl der Überschriften des mittleren Teils variieren je, dieser beschäftigt sich aber immer mit dem Umschlagen der Themen in Methoden und epistemologische Perspektiven – dargestellt anhand der Konzeptualisierung und Terminologie des betreffenden turn. Den Abschluss jedes Kapitels bilden der Bericht über die Arbeit »in den einzelnen Disziplinen« und ein Ausblick auf die Weiterentwicklung der vorhandenen thematischen, theoretischen und methodischen Ansätze. Dass sich der Leser zurechtfindet, Informationen gezielt entnehmen kann, ist somit gewährleistet. Bachmann-Medick zitiert die kanonischen Theoretiker und Texte. Ihre »andere Geschichte« nimmt dabei sehr wohl eine Gewichtung der »Denker« vor, zitiert für den interpretative turn z.B. ganz massiv Clifford Geertz. Sie macht ebenso »Denktraditionen« kenntlich, gliedert sich jedoch nicht danach. Eine Fülle repräsentativer Literaturhinweise enthalten die jeweils letzten Abschnitte eines Kapitels in ihrem aktuellen, multidisziplinären und – zumindest anglophon – internationalen Forschungsüberblick.    

Kritische Positionen werden an wechselnder Stelle referiert, z.B. zur Metapher »Kultur als Text« (vgl. S. 75-79) oder im Resümee des reflexive turn der Befund, ausgerechnet dieser Meta-Wende fehle es an Selbstreflexivität (vgl. S. 169). Doch sammelt die Autorin nicht bloß die Argumente der verschiedenen Debatten, sie bezieht selbst Position. Es handelt sich dabei allerdings weniger um die Ausarbeitung eines festen Standpunkts als um den programmatisch stimmigen Versuch, das dynamische Prinzip der turns historiographisch umzusetzen: Aufgewiesen werden die ›Kehrseiten‹ jener Neuorientierungen, ›blinde Flecken‹, die den Theoriewandel insgesamt antreiben. Den Kurs des interpretativen Textualismus korrigiert der performative turn, dessen soziale Aspekte bringen zugleich die Kehrseite des rein Kulturellen ins Spiel. Verstärkt notwendig wird ein solches Gegensteuern im Falle des außer der Reihe, vorab beschriebenen linguistic turn. Der habe »Materialität, Handeln und Veränderung« (S. 284) ausgeblendet. In der Erzählung des Bandes figuriert er deshalb als Startdefizit, auf das die Folgewenden mit ihren Impulsen antworten. Während jene erhellende Konstruktion noch offen gelegt wird, schreiben Bachmann-Medicks Kommentare dem translational turn unter der Hand eine auffallend große Rolle zu. Der noch sehr neue Forschungsansatz wird kaum kritisiert, die Autorin verleiht ihm vielmehr indirekt ein höheres Recht, da er ihrer Ansicht nach genau das leistet, was sie von den anderen turns einfordert: die Analyse kultureller Praxis im sozialen und historischen Kontext der Globalisierung, auf der Basis einer nicht-essentialistischen, prozessualen Interkulturalität.

»Inwieweit lösen die behaupteten Wenden wirklich einen konzeptuellen Sprung aus, indem sie über die Fokussierung auf neue Gegenstandsfelder hinaus auf die Ebene von Analysekategorien überspringen und gerade dadurch ein transdisziplinäres Potenzial entfalten?« (S. 382)

Diese Frage nutzt Bachmann-Medick als Test, um turns von Moden zu trennen, führt diesen aber nicht bei allen Ansätzen mit gleicher Strenge und Konsequenz durch. Der Theorie interkultureller Übersetzung sieht sie deren methodischen Präzisierungsbedarf beispielsweise nach. Hier zählen die epistemologische Grundlage, global-soziale Relevanz sowie die günstige Prognose auf Transdisziplinarität. Um den turn-Status zu sichern, wird die bis in Analysekategorien wie ›Hybridität‹ und third space reichende theoretische Abhängigkeit des translational vom postcolonial turn nicht thematisiert. Die Handhabung der Definition einer kulturwissenschaftlichen Wende wäre noch in einem weiteren Punkt zu hinterfragen: Wie überzeugend ist der Ausschluss ganzer Richtungen? Die Gender Studies etwa genügen allen Anforderungen, wie die Autorin einräumt, nicht zuletzt durch ihren erkenntnistheoretischen »Kulturkonstruktivismus« (S. 43). Trotzdem werden sie nicht miterzählt: »Wäre es wirklich sinnvoll, die durchgängig relevante Genderfrage in einen einzelnen turn abzuschieben?« (ebd.). Diese Begründung ist keineswegs zwingend angesichts der Tatsache, dass der Terminus turn ansonsten als Prädikat vergeben wird und dass man auch die reflexive Ausrichtung für durchgängig relevant halten kann. Unter der beträchtlichen Anzahl kursierender, nomineller turns, die das Schlusskapitel kurz auflistet (u.a. mnemonic, medial, ethical, historical; vgl. S. 381), zeichnet sich die mediale Wende als unreflektierte Lücke der Erzählung ab. Die Konzeptualisierung nicht-technischer Medienbegriffe z.B. in der Literaturwissenschaft, die erkenntnistheoretisch fundiert zu Kategorien in mehr als einer Disziplin werden können, hätte es gemäß der Bestimmung des turn durchaus verdient, aufgenommen zu werden.

In seiner einführenden, orientierenden Anlage und in dem Bemühen, theoretische Begriffe wie Hintergründe verständlich darzustellen, ist der Band auch als Lehrbuch geeignet, wenngleich sich in einem solchen Gebrauch die Lücken als problematisch erweisen könnten.  Die im Einzelnen strittige Anwendung der eigenen Konzeption ändert jedoch nichts daran, dass Bachmann-Medick mit ihrer Geschichte der turns ein ambitioniertes Beschreibungsmodell für die Vielfalt und die Entwicklungsmöglichkeiten kulturwissenschaftlicher Forschung entworfen hat. Ihre Beobachtung transdisziplinär wirksamer »Richtungswechsel« reagiert selbst effektiv auf die blinden Flecken systematischer Theoriegeschichte.

Dr. Anja Gerigk, Ludwig-Maximilians-Universität, Institut für deutsche Philologie, Schellingstr. 3, D-80799 München; E-Mail: anja.gerigk@germanistik.uni-muenchen.de