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In: KulturPoetik 2007, Heft 1

Autor

Dominik Orth

Titel

Geschichten über die Unschuld
Charles de Roche, Literaturgeschichte der Unschuld. Das Motiv der Unschuld und die Grenzen des fiktionalen Textes. München: Wilhelm Fink Verlag 2006. 300 S.

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Rezension

Volltext

Der Begriff ›Literaturgeschichte‹ weckt beim literaturwissenschaftlich interessierten Publikum in der Regel bestimmte Erwartungen. Ob nationalphilologische Überblicksbände oder die unterschiedlichsten Motivgeschichten, die sich mit Doppelgängern, Vampiren oder sonstigen Motiven der Weltliteratur auseinandersetzen – Literaturgeschichten versprechen eine Übersicht über ihr spezifisches Thema, erzeugen Zusammenhänge und zeigen Querverbindungen auf und dienen damit als Kompass in der Wildnis der literarischen Veröffentlichungen. Nun liegt mit der publizierten Habilitationsschrift des Züricher Literaturwissenschaftlers Charles de Roche auch eine Literaturgeschichte der Unschuld vor. Oder doch nicht? Denn, so sei vorweggenommen, hinter dem Titel verbirgt sich keine Motivgeschichte im traditionellen Sinne, sondern eine Sammlung von Lektüren deutsch-, englisch- und französischsprachiger Texte des 19. und 20. Jahrhunderts. Die ausgewählten Werke behandeln mehr oder weniger das Motiv der Unschuld in diversen Bedeutungsmöglichkeiten des Begriffs und werden von de Roche unter einer sprachtheoretischen Leitfrage bearbeitet, auf die sich der Untertitel seiner Schrift bezieht: Das Motiv der Unschuld und die Grenzen des fiktionalen Textes.

Den Lektüren vorangestellt ist die theoretisch orientierte Einleitung, die das Verständnis von Unschuld umreißt, das der Studie zugrunde liegt. De Roche versteht Unschuld nämlich weniger im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs, also als Beschreibung einer Wesensverfassung, im juristischen Sinne oder als Virginität, sondern statt dessen als diffus umrissenen sprachtheoretischen Begriff: Von einer »Unschuld des Redens« ist die Rede, die der »Schuld der Sprache« gegenübergestellt wird (S. 21-37); gemeint ist die Differenz »zwischen dem faktischen Sprachvollzug und seinen strukturellen Voraussetzungen« (S. 29). Allerdings bleibt die Bedeutung dieses Postulats im vorliegenden Zusammenhang unklar, zumal die zentralen Begriffe Schuld und Unschuld nicht präzise umrissen sind. Zwar wird deutlich, dass de Roche Unschuld »nicht als Negation« (S. 29) verstanden wissen möchte, doch eine klare und nachvollziehbare Definition findet sich in seinen sprachtheoretischen Reflexionen nicht. Eine genaue Erläuterung oder Herleitung der zugrunde liegenden Hauptthese der Studie, die de Roche der theoretischen Einleitung und den Einzelanalysen in einer Exposition voranstellt und nach der das Motiv der Unschuld »die Grenze der immanenten linguistischen Selbstreflexion des Textes« (S. 17f.) markiert, geht in den hochkomplexen Ausführungen ebenso unter.

Im weiteren Verlauf der Studie untersucht de Roche Texte von Franz Kafka, Hermann Melville und Maurice Blanchot, denen er eine »doppelte Aufmerksamkeit« (S. 19) schenkt: zum einen geht es ihm um die fiktionale Konstruktion des Textes und zum anderen um die Unterbrechung dieser Konstruktion durch das Motiv der Unschuld, und damit um die »linguistische Selbstreflexion des Textes anhand des Unschulds-Motivs« (S. 9).

Der erste Text, den de Roche einer dezidierten Analyse unterzieht, ist Kafkas Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse. Ganz bewusst wird eine seiner Tiererzählungen in den Mittelpunkt der Überlegungen gestellt, da in diesen »die Gegebenheit bedeutender Sprache« (S. 63) in Frage gestellt werde. Wenn nicht mehr erkennbar ist, ob die (unschuldige) Sprache des Erzählers die einer Maus (fiktionales Sprechen) oder die eines Menschen (fingiertes Sprechen) ist, dann hat die Fiktion, so de Roche, »ihre eigenen fiktionalen Voraussetzungen eingeholt« (S. 89) und somit die Grenzen des fiktionalen Textes erreicht. Unschuld wird hier als sprachtheoretischer Begriff auf die Fiktionalität von Texten angewendet.

Der amerikanische Schriftsteller Herman Melville ist der zweite Autor, dem sich der Züricher Literaturwissenschaftler widmet. Insbesondere anhand der Erzählungen Billy Budd, Sailor und Pierre; or, the Ambiguities zeigt de Roche die Bedeutung des Motivs der Unschuld bei Melville, das er als »Keim und Same«  (S. 101) seines Gesamtwerks bezeichnet. Der ›unschuldige Seemann‹ steht dabei im Zentrum seiner Überlegungen. Im Gegensatz zum Kafka-Teil der Studie rückt de Roche in den Kapiteln zu Melville dabei das Motiv der Unschuld in seiner gemeinsprachlichen Bedeutung in den Vordergrund.

Gleich drei Kapitel umfasst schließlich die Auseinandersetzung de Roches mit dem französischen Schriftsteller und Theoretiker Maurice Blanchot. Neben der literarischen Hauptreferenz Thomas l’Obscur bezieht der Verfasser der Literaturgeschichte der Unschuld auch theoretische Texte Blanchots und Henry James’ Erzählung The Turn of the Screw in seine Ausführungen mit ein. Zunächst wird der Produktions- und Rezeptionsprozess von Literatur thematisiert, indem der Akt des Lesens als unschuldiger charakterisiert wird, bevor sich de Roche Blanchots Roman Thomas l’Obscur widmet. Er vergleicht die beiden veröffentlichten Versionen dieses Textes – 1950 erschien eine deutlich gekürzte Fassung des zuerst 1941 gedruckten Werkes – und begründet die Kürzungen Blanchots mit der Unrepräsentierbarkeit des dem Text zugrunde liegenden Motivs der Unschuld. Die Aufdeckung intertextueller Bezüge Blanchots auf The Turn of the Screw von Henry James bildet den Abschluss der Lektüren des französischsprachigen Schriftstellers. De Roche untersucht die Behandlung des Unschuld-Motivs bei Blanchot demnach sowohl in literaturtheoretischer als auch in erzählerischer Hinsicht und beschließt damit den textbezogenen Teil der Studie.

Dass einzelne Kapitel des Buches – die Ausführungen zu Kafkas Josefine-Erzählung und zur Behandlung von The Turn of the Screw bei Maurice Blanchot – bereits unabhängig voneinander im Vorfeld veröffentlich wurden, ist leider offensichtlich. Zwar handelt es sich bei den Ausführungen zu den behandelten Schriftstellern um thematisch verwandte Einzelanalysen, aber eine konsequente Bezugsetzung zueinander vermisst man ebenso wie den konkreten Zusammenhang zur theoretischen Einleitung. Die Zusammensetzung des Buches wirkt mehr oder weniger konstruiert, vergeblich sucht man nach Zusammenfassungen und Zwischenfaziten, die die Ergebnisse der Einzellektüren in einen größeren Kontext stellen würden und den Leserinnen und Lesern so die Möglichkeit gäben, diese nachzuvollziehen. Bei der Literaturgeschichte der Unschuld handelt es sich eher um eine Aufsatzsammlung von literarischen Lektüren, die im Spannungsfeld zwischen Sprachphilosophie und Motivanalyse angesiedelt sind, als um einen zusammenhängenden Text. Die »Frage nach dem konzeptuellen Status des Motivs selbst« (S. 17) bleibt unbeantwortet, was nicht zuletzt auch auf die häufig langen und schwer verständlichen Satzkonstruktionen zurückzuführen ist, die zwar mit dem hohen Anspruch der Arbeit korrespondieren, denen es aber nicht gelingt, Klarheit in Bezug auf die Fragestellung zu schaffen. Die divergierende Verwendung des zentralen Begriffs ›Unschuld‹ in den Kapiteln zu Kafka, Melville und Blanchot trägt ebenso dazu bei, dass die Arbeit der vom Verfasser selbst konstatierten Hauptschwierigkeit zum Opfer fällt, indem es ihm nicht gelingt, die »Beziehung zwischen der philologischen Erkenntnisintention der textbezogenen Kapitel und dem konzeptuellen Zusammenhang, den die theoretische Einleitung exponieren sollte« (S. 17) deutlich zu machen. Die Literaturgeschichte der Unschuld bleibt die Erhellung dieser Beziehung schuldig.

Dominik Orth, Schwachhauser Ring 171, 28213 Bremen, E-Mail: orth@uni-bremen.de