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In: KulturPoetik 2007, Heft 1

Autor

Susanne Ledanff

Titel

Erinnerungsfieber – Erinnerungsmythen in der Bundesrepublik: Ansätze zu einer Bilanz
(1) Silke Arnold-de Simine (Hg.), Memory Traces. 1989 and the Question of German Cultural Identity. Oxford u.a.: Peter Lang 2005. 343 S.
(2) Gerrit-Jan Berendse, Schreiben im Terrordrom. Gewaltcodierung, kulturelle Erinnerung und das Bedingungsverhältnis zwischen Literatur und RAF-Terrorismus. München: edition text + kritik 2005. 272 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die kulturellen Gedächtnisspuren der Bundesrepublik, die in den vorliegenden Büchern verhandelt werden, scheinen auf den ersten Blick weit auseinanderzuklaffen, was sowohl die geschichtlichen Eckdaten wie auch die Themen der Erinnerungs- und Epochenrekonstruktion angeht: Steht in Gerrit-Jan Berendses Analyse die von Terrorismus und Gewaltdiskursen gebannte ›bleierne Zeit‹ der westlichen Bundesrepublik der 70er Jahre im Mittelpunkt, so vereinigt der von Arnold-de-Simine herausgegebene Sammelband Arbeiten, die sich mit den neueren »memory traces« in Literatur, Film, Internet, Mediendebatten und Alltagskultur in der Nachwendezeit beschäftigen. Die gegenwärtige Gedächtnislandschaft der Bundesrepublik ist aber genau von diesem Eklektizismus der Erinnerungsstrategien charakterisiert. Gehen wir dessen Gründen kurz nach. Etabliert ist die Gegenüberstellung von ›History‹ und ›Memory‹, von objektiven Geschichtsdarstellungen und der Multiplizität der individuellen Narrative, die sich zur »mémoire collective« (Halbwachs) oder, in Jan Assmanns Terminologie, zum »kommunikativen Gedächtnis« zusammenschließen.(1) Nach Jan Assmann umfasst das kommunikative Gedächtnis u.a. eine erste entscheidende  Zeitspanne von ca. vier Dekaden, die unmittelbare Erinnerungsvermittlung von zwei Generationen. Das Jahr 1989 fiel in die Endphase dieses Prozesses und bildete einen Wendepunkt in der Phase des kommunikativen Gedächtnisses der Nachkriegsdekaden. Die Zäsur von 1989 ihrerseits steht am Beginn eines nun bereits anderthalb Jahrzehnte dauernden neueren ›kommunikativen‹ Gedächtnisschubs und lässt vor allem die Mechanismen, nach denen sich das »kulturelle Gedächtnis« (Jan Assmann) der Bundesrepublik in überlebenszeitlicher Kommunikation verankert, in neuem Licht erscheinen. Man kann schließen, dass die ›Wende‹ zu einer Beschleunigung der Historisierung und Musealisierung des kommunikativen Gedächtnisses beitrug. Der von Arnold-de Simine herausgegebene Band profitiert von diesen hier kurz umrissenen Zäsuren und Konzepten: Die Herausgeberin stellt in einem informativen Vorwort diese Problematik und eine Reihe von Arbeiten zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung vor, u.a. die der schon angesprochenen Klassiker wie Maurice Halbwachs, neuere Arbeiten von Jan und Aleida Assmann sowie eine Reihe von weiteren Forschungsansätzen. Kurz, die Verweise auf das »Gedächtnis als Leitbegriff der Kulturwissenschaften« (Aleida Assmann) (2) und den derzeitigen Boom der Gedächtnisforschung dienen sowohl der Herausgeberin wie auch einigen (aber nicht allen) Beiträgern für neuartige Fragestellungen und kulturwissenschaftlich stringente Analysen des vielfältigen Materials von ›Wendethemen‹. Dies ist sicherlich ein neuer Ansatz im relativ abgegrasten Gebiet der Interpretationen der Wendeliteratur und vor allem dem Dauerbrenner der Fragen nach der ›German cultural identity‹.

Es fällt auf, dass das Thema von Berendses Buchs, die kulturelle Bedeutung des RAF-Terrorismus, nicht in den Beiträgen des Bands erscheint. Ist dies Zufall? Hätte das Thema nicht auch einen Beitrag zu diesem zweifellos zentralen Geschichtsmythos der alten Bundesrepublik, der in neueren Debatten und Kulturproduktionen durchaus lebendig ist, inspirieren können? Die Frage ist, wie beliebig die Geschichtssplitter sind, die derzeit in erinnernden Kulturproduktionen vergegenwärtigt oder zumindest in den Medien diskutiert werden. Ich will die Frage nach der Heterogenität der deutschen Erinnerungsthemen im Rekurs auf einen Artikel der Autoren Julia Hell und Johannes von Moltke zusammenfassen.(3) Den Autoren zufolge ist eine neuere Themenvielfalt der Gedächtniskultur in der ›Berliner Republik‹ zu beobachten und zu interpretieren. Erst eine Dekade nach dem Mauerfall setzt ein entschieden neuer Schub von Erinnerungen ein, eine Überlappung disparater Geschichtsbilder unter dem Stichwort der ›Normalisierung‹, was sichtbar wird z.B. in der ost-westlichen Angleichung der Erinnerung in postmodernen nostalgischen Filmproduktionen. Die Erinnerungslandschaft ist geprägt von Splittern der Nazizeit, von Bildern des zweiten Weltkriegs und der Auseinandersetzung mit dem deutschen Terrorismus. Der Eindruck, dass es derzeit  Ansätze zu einer Art von Bilanz der von der bundesrepublikanischen Gegenwart aus in Bewegung gesetzten Erinnerungsprozesse gibt, stammt also zunächst aus der symptomatischen Spannbreite der Themen, vor allem wenn man beide hier zu besprechende Neuerscheinungen zusammen nimmt.

 
Silke Arnold-de Simine (Hg.), Memory Traces. 1989 and the Question of German Cultural Identity. Oxford u.a. Peter Lang 2005. 343 S.

Im Folgenden seien Beiträge in diesem Band kommentiert, die exemplarisch für bestimmte  Themenbereiche stehen. Ein Beitrag, der die gedächtniswissenschaftlichen Kategorien der »mémoire collective« bzw. des kommunikativen Gedächtnisses und deren Rolle für die Zäsuren in der Nachkriegs- und Nachwendeliteratur für die »ways of being in history« (S. 134) einzelner Autoren und Diskurse reflektiert, ist Anne Friederike Müllers Old Men and the Past: Personified Memories of German History after 1989. Die Autorin konzentriert sich auf die Gattung der ›Väterromane‹ im Westen der 80er Jahre und im Osten der frühen 90er Jahre, hier vor allem Monika Marons Stille Zeile sechs. Die ausgewählten Texte behandeln Aspekte des kulturellen Gedächtnisses am Beispiel des historischen Selbstverständnisses der ›Väter‹, sei es bezüglich ihrer aktiven oder passiven Teilhabe an der NS-Zeit im Westen, sei es mit Blick auf ihre Rolle in der antifaschistischen Aufbauphase der DDR. Der Beitrag konzentriert sich auf das anthropologisch-kulturelle Phänomen der ›old men‹, eben dieser ›Väter‹ des literarischen Ost-West-Diskurses, der für die Prozesse der Gedächtnisstiftung von Bedeutung ist, da mit deren Tod und Verschwinden auch die Zeitzeugenschaft für das kommunikative Gedächtnis untergeht. In den starren Selbstbildern der ›old men‹ zeichnen sich Formen deutscher Sekundärtugenden wie moralische Prinzipienfestigkeit, Autoritätsglauben und die Hochachtung von Bildung ab. Wir begegnen den alten Männern in den Epochenprozessen – in denen die Führungselite der vormaligen DDR vor Gericht stand – ebenso wie im Literaturstreit der frühen 90er, in dem sie nun mit ästhetischen Argumenten (der ›Gesinnungsästhetik‹) angegriffen wurden – wobei im Osten die ›Mutterfigur‹ Christa Wolf hinzunehmen ist.

Im Blick auf die Beiträge, die sich mit den Spuren der Wende im geschriebenen Wort, genauer im Gedicht und im Drama auseinandersetzten, lässt sich fragen, ob die meist in den ersten Jahren auf den Umbruch folgende ›Verschriftlichung‹ der frischen Geschichtserfahrung nicht die Züge des kulturellen Gedächtnisses trägt. Über die Funktion von Literatur für die identitätsbewahrende kulturelle Mnemotechnik hinaus ist besonders an symbolische Formen und »Wiederbrauchs-Texte, -Bilder und -Riten« zu denken.(4) In beiden Gattungen fällt der starke Anteil mythisch-mythologischer Motive auf. Die Beiträge Ruth J. Owens zur Wendelyrik und Birgit Haas’ zu ›Wendedramen‹ zeigen, dass das semantische Material einerseits vom Aufgreifen der Leitvokabeln der öffentlichen Diskurse geprägt ist. Vor allem das Nachwendedrama ist durch kollektive »Sprachbilder« (S. 184) charakterisiert, zu denen »Hochzeit«, »Vergewaltigung«, »Kolonisierung« und »Wendehals« gehören (S. 184-186). Ähnliches gilt – im geringeren Maße – auch für die frühe Nachwendelyrik, deren Texte um die diskursiv verbreitete Verlustthematik im Osten kreisen und zum Teil auch die Slogans der Wendezeit (»Wir sind das/ein Volk«) einbeziehen und brechen. Beiden Gattungen gemeinsam, deutlicher jedoch im Wendedrama zu sehen, sind dabei mythische Anspielungen bzw. die Verwendung von Stoffen der literarischen Überlieferung (etwa in Volker Brauns Iphigenie in Freiheit, Botho Strauß’ Schlußchor oder in Manfred Karges Mauer-Stücken).

In der Lyrik herrscht der Wille zur emotionalen Gesamtdeutung des Themas des Selbstverlusts und der Desorientierung nach 1989 vor. So erweist sich die Traumsprache des Gedichts als eine besondere Art der »Gedächtnismaschine« (Durs Grünbein, S. 154). Wieder finden sich oft Rekurse auf mythisch-allegorische Motive, Allegorien des Untergangs der Zivilisationen bzw. eine mythisch aufgeladene Todessymbolik, und diese Rückgriffe auf Formen mythisch-ritueller Gedächtnisbewahrung werden im Lyrikabschnitt des Sammelbandes nun ausgiebig untersucht, wenngleich nicht in expliziter Anlehnung an Konzepte der kulturellen Gedächtnisforschung. Hinzuzufügen bleibt, dass die Beobachtung der »Wiederkehr des Mythischen« in der Wendeliteratur nicht neu ist, worauf die beiden Beiträge zu Lyrik und Drama nicht eingehen.(5)

W.G. Sebald wurde und wird in jüngerer Zeit eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit zuteil, ob in Form von Symposien oder Einzelanalysen. Wenn es noch eines Nachweises der Bedeutung des 2001 tödlich verunglückten Autors und Essayisten für eine ästhetisch in faszinierender Weise umgesetzte »historical imagination« (S. 213) der Bundesrepublik bedarf, dann findet man ihn in Bernhard Malkmus’ ausgezeichnetem Aufsatz Intermedia Configuration of History in W.G. Sebald. Der Nachweis gelingt anhand der Untersuchung der »Ars memorativa« (S. 229) in einem Werk, das über zehn Jahre nach der Vereinigung erschien: dem Roman Austerlitz. Dieser inszeniert eine Begegnung jüdischer mit deutschen Stimmen: die jüdische Stimme gehört Austerlitz, einem imaginären Vertreter der sich mit ihren Erinnerungen erst nach 1989 zu Worte meldenden Kinder der ›Kindertransporte‹ von 1938. An einer Reihe von Beispielen – nicht nur aus Austerlitz – zeigt Malkmus die Verschränkung von enigmatischen Fotografien mit assoziativen Fragmenten des Bewusstseinsstroms und hebt in den Text-Bild-Konfigurationen hervor, dass sie in kritischer Auseinandersetzung mit dem Konzept der posthistoire einen »dialogue between fragments of individual and collective forms of memories« (S. 214) unternehmen. Der Shoah-Bezug von Austerlitz dient nun wie kein anderes Thema einer Reflexion der Zäsuren der Erinnerungsarbeit nach ’45. Wiederum im Bezug auf Jan Assmanns kommunikatives Gedächtnis wird der Entstehungszeitpunkt des Romans bzw. das Auftauchen der lückenhaften Erinnerungen der Kinder mit der ›40-50 Jahre-nachher-Schwelle‹ der Nachkriegsgeschichte zusammengebracht. Weiterhin durchlief das Reden über die Shoah als Fixpunkt der Erinnerungskultur gerade in Deutschland in den Nachkriegsdekaden entscheidende Wandlungen, auf deren Periodisierung durch Aleida Assmann Malkmus hier zurückgreift.(6) In der Gegenwart ist die Berliner Republik von einer neuen öffentlichen Bewusstheit und Allgegenwart der Holocaust-Erinnerungskultur gezeichnet. Austerlitz verkörpert diese spezifische Phase mit der Rezeption eines breiteren Spektrums jüdischer Stimmen, aber auch der Selbstthematisierung der Deutschen zu diesem Zeitpunkt. Sebalds ›dialogische‹ Bearbeitung der Erinnerung in Austerlitz, so zeigt Malkmus, wird mehr als zuvor benötigt als Ausweg aus der Gefahr der Versteinerung, die dem kollektiven Gedächtnis droht. In den Strategien der offiziellen ›Vergangenheitspolitik‹ und im Verschwinden der persönlichen emotionalen Bezüge des Holocaust-Diskurses wird das kollektive Gedächtnis »monochrom«.(7)

Die dialogische Erinnerung als ästhetische Leistung ist um so wichtiger, wenn man an die von postmodernen Kulturmechanismen ausgehenden Thesen Andreas Huyssens zum ›Double Bind‹ von obsessivem Erinnern und simultanem Vergessen denkt, Prozesse, die unter dem Einfluss der neueren Medien, Technologien und Vermarktungsstrategien der Erinnerung in der Erlebnisgesellschaft zu beobachten sind und sich u.a. in einer beschleunigten Musealisierung (Hermann Lübbe) zeigen.(8) Diese Analyse widerspricht zwar nicht den Differenzierungen der Identitätsherausbildung einer Gesellschaft anhand des Kurzzeitgedächtnisses der kommunikativen Erinnerung, deutet aber eine weitere Dimension der bedrohten Gedächtnisbewahrung in der Gegenwart an. Mit deutlichem Bezug auf Huysssens Thesen untersucht Jonathan Bach die virtuelle Wiederauferstehung der DDR im Internet, beschäftigt sich also mit der Konjektur von ›Ostalgie‹ und Virtualität. Das Internet ist zweifellos ein kommerzialisiertes Medium; es beschleunigt und vervielfältigt andererseits die Informationsmenge zu einer abrupt verschwundenen Geschichtsepoche wie die der untergegangenen DDR. Bach zieht eine interessante Parallele zwischen dem Spazieren im Web und Walter Benjamins Theorie eines bruchartigen, montagehaften Erinnerungsmodus in dessen Arkaden-Projekt. Die Welle der virtuellen Rekonstruktion der DDR im Web ist natürlich ein Aspekt postmoderner, auf die DDR fixierter Nostalgiephänomene, der Manifestationen der ›Ostalgie‹ in ihrer Zweideutigkeit zwischen Ironie, Melancholie, Kitsch und der Suche nach der besseren, solidarischen (DDR?)Gesellschaft.(9) Als eine »Fantasy for All« (S. 272), die nämlich ost- wie westdeutsche Projektionen gleichermaßen anspricht, bezeichnet Bach den Erfolgsfilm Wolfgang Beckers Good Bye Lenin, der inzwischen als Markenzeichen der postmodernen Nostalgiewelle gilt. Die ironischen Botschaften des Films behandelt auch Andreas Böhn in einem Vergleich mit dem ›alternativen‹ Geschichtsnarrativ in dem Roman Michael Kleebergs Ein Garten im Norden. Der Band thematisiert also in diesen beiden Beiträgen postmoderne Erinnerungsphantasien.

Alltagskultur erscheint in anderer Weise in Simon Wards Aufsatz Material, Image, Sign. Es geht ihm um Monumente und Erinnerungsorte in der Berliner Topographie, genauer um die im Verlauf der Nachkriegs- und insbesondere in der Nachmauerfallgeschichte komplexe Lektüren aufgebenden »unintended monuments« (S. 282). Nicht nur gelingt es Ward aufzuzeigen, dass das Wendejahr Umdeutungen von Geschichtsruinen und baulichen Relikten mit sich brachte. Das Wahrzeichen der Turmruine der Gedächtniskirche fiel nach 1989/90, nach dem Ende des Diskurses des Kalten Kriegs, aus dem vormaligen nationalen Bedeutungsgeflecht heraus, während andere Bauten erst in den 15 Jahren nach dem Mauerfall in stagnierenden Planungsdebatten zu Ruinen wurden, was eindrücklich an der Geschichte des Palasts der Republik nachzuvollziehen ist. Konzeptionell fundiert ist die Wahrnehmungsgeschichte der einzelnen Monumente durch eine Reihe von Begriffen, wie z.B. die  ästhetisch-materiell konnotierte »age value« (S. 283), die nach Alois Riegl zentral für den modernen Denkmalskult ist und zu Huyssens Konzept der »memory value«(10) überleitet. Heraus kommt ein sehr spannendes Portrait der Geschichte der Umdeutungen der ›unintended monuments‹ als einer besonderen Form schneller Historisierung. Die Bedingungen der ›memory value‹ der Monumente änderten sich drastisch und gaben teilweise neue, ungelöste Probleme für eine »critical memory value« (S. 289), d.h. eine kritische Geschichtsreflexion aus veränderten Bedingungen in der Gegenwart auf. In jedem Fall sind die von Ward gelieferten Kategorien von langfristiger Bedeutung für das Verständnis der einzelnen Objekte der Berliner Gedächtnislandschaft, die geradezu von einem Overkill von erinnerungspolitischen Debatten gekennzeichnet ist.

Im Themenbereich der Neudefinitionen nationaler Identität nach der Wende soll als letztes das öffentliche Interesse an der Mann-Familie kommentiert werden, das von Marc-Oliver Huber analysiert wird. Hier ergibt sich zunächst ein Gemälde des Auf und Ab im Status des Autors Thomas Mann im kollektiven Gedächtnis. Die Bürgerlichkeit Manns war ein Bild, das zunächst der Historisierung des Autors Vorschub leistete, kam aber nach 1989 in einer generellen Revision des liberalen Aufstands der 68er gegen die väterliche Autorität wieder zu Ehren. Mehr noch: die »national family romance« (S. 83) der Manns mit ihren Konflikten, Rebellionen und Rivalitäten kann als ein Beispiel des »pluralist design of memory« (S. 88) gelten. Die gegenwärtige Revision der Proteste, die in den 70er Jahren der Familie den Tod erklärten, berührt nun ein weiteres Paradigma der Gedächtnisforschung, nämlich das Generationsparadigma, das für die Geschichtsnarrative der westlichen Bundesrepublik so auffällig ist und auch von Huber thematisiert wird. Generationseinheiten spielen, wie Heinz Bude aufzeigt, in Deutschland eine größere Rolle als in anderen Ländern. (11) Da nun auch im Literaturstreit der frühen 90er der in einer konservativen ›Kulturrevolution‹ mündende Generationskonflikt ausgetragen wurde, ist das Datum von 1989 von Bedeutung für Paradigmen der Generationsablösung – und damit für die Zäsuren in der Erinnerungsgeschichte der deutschen Linken.

 
Gerrit-Jan Berendse, Schreiben im Terrordrom. Gewaltcodierung, kulturelle  Erinnerung und das Bedingungsverhältnis zwischen Literatur und RAF-Terrorismus. München: edition text + kritik 2005. 272 S.

Von hier lässt sich überleiten zu Berendses Studie zur Begegnung von Literatur und Terrorismus. Das Buch kombiniert die Untersuchung der literarischen »Gewaltcodierung« mit einem Portrait der Erinnerungskultur der RAF bis in die Gegenwart als einem Aspekt der Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik zu einem Zeitpunkt, an dem, wie Berendse schreibt, die offizielle Vergangenheitspolitik versucht, »ihre Altlasten zu entsorgen« (S. 219). Dennoch bedeuten die Abarbeitungen in der Nachwendezeit an der deutschen Linken in den Medien und in den Intellektuellendebatten, wie der Autor mit Recht feststellt, als Symptom der Neuorientierung der Nachwendezeit keinen grundlegenden Bruch, eher eine »Neueinschätzung« und »Korrekturen« der »Mythologisierung bzw. Dämonisierung der Protestgeneration« (S. 171). Schließlich hatten die wissenschaftlichen Aufarbeitungen der deutschen Linken und des RAF-Terrorismus im Besonderen weit vor dem Wendejahr eingesetzt (des letzteren in den 80er Jahren). In den Kulturproduktionen, insbesondere in der Literatur, hatte es sowieso eine kontinuierliche Beschäftigung mit dem Thema gegeben, was eines der Hauptthemen der Studie ist. Der Mauerfall störte geradezu im eigentümlich gebrochenen Umgang mit dem RAF-Mythos am Ende der 80er, für den die orphischen Verrätselungen der fotografischen Gemälde der RAF-Ikonen in Gerhard Richters ›RAF-Zyklus‹ von 1989 stehen mögen. Es ist also angeraten, trotz des Interesses der Medien an Joschka Fischers Jugendsünden, trotz der offiziellen Selbstauflösung der RAF im Jahr 1998, trotz auch der Debatten um das Ausstellungsvorhaben unter dem Titel Mythos RAF im Jahr 2003 die gleichsam magischen Fixpunkte der deutschen Erinnerungskultur nach dem Muster der Epochenzäsuren 1989-1999 zu überdenken.

Generell ist das Untersuchungsobjekt des deutschen Terrorismus von einigen Unschärferelationen überlagert. Die Forschung ist sich nicht klar darüber, was Zentrum und was Peripherie des deutschen Terrorismus war, was nicht nur einzelne terroristische Bewegungen – also nicht nur die RAF –, sondern vor allem die Radikalisierung und das Gewaltpotential der Studentenbewegung angeht. Diese Kritik der mangelnden Denkschärfe in der Reflexion des deutschen Terrorismus trifft auch noch neuere Publikationen wie den von Jan Philipp Reemtsma, Wolfgang Kraushaar und Karin Wieland herausgegebenen Band Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF.(12) Diese in politwissenschaftlich-historiographischen Disziplinen abgehandelten Bewertungen und Einordnungen sind peripher für Berendses Studie, werden im übrigen aber mit Verweisen auf Arbeiten wie die des Politikwissenschaftlers Gerd Koenen mit einbezogen.(13

Die Gründe für die Konzentrierung auf das »mythische« Phänomen oder, wie es einmal heißt, der »Wunde RAF« (S. 78), sind es auch, die Berendses insgesamt eigenwillige Thesen zur kultur- und literaturwissenschaftlichen Einordnung der Extreme des deutschen Terrorismus untermauern. Die Hauptfrage ist die: Wenn es nicht die neueren Postwende-Diskurse im Kontext intellektueller Standortsuche im nationalen Kontext sind, von denen aus die Bewertung der Vergangenheit vorgenommen werden soll, worin kann dann die kulturelle Erinnerung, von der auch in diesem Buch ausgiebig die Rede ist, verankert werden? Es mutet manchmal so an, als ob überzeitliche Faktoren zumindest aber weit in die europäische Kulturgeschichte zurückreichende kulturelle Erinnerungsspuren der ästhetischen Bewältigungen der Gewalt die Faszination der Schriftsteller durch den Terrorismus bestimmen. Die kulturwissenschaftlichen Bezugspunkte der Studie sind u.a. Karl Heinz Bohrers Essay Gewalt und Ästhetik, der das Thema der Destruktivität in Kunst und Literatur überhaupt behandelt, weiterhin Forschungen der Traumadeutung (Elaine Scarry, Körper im Schmerz. Die Chiffren der Verletzlichkeit oder die Erfindung der Kultur) oder auch ein weiteres Konzept Aleida Assmanns, das aus der Psychotherapie gezogen wird und in dem die Verarbeitung von Leid und Traumata in der Erstellung einer Sinnstruktur, einer »Lebensgeschichte«,(14) hervorgehoben wird, etwas, was offensichtlich in der frühen Verarbeitung der RAF-Gewalt durch die Schriftsteller scheiterte (S. 42). Es ist kein Zufall, dass gerade diese Positionen und Fragestellungen zur Erklärung der gestörten Bewältigung der RAF-Phantasmen hinzugezogen werden.

Es geht in der Studie um das »Verstummen der Sprache« angesichts des Terrorismus und der Gefahr des Scheiterns der Literatur überhaupt bei der Bewältigung des »Leidenschatzes Terrorismus« (S. 43) – was aber gleichzeitig eine hohe Erwartung an die Literatur bedeutet. Schrift erweist sich so auch mit Blick auf die RAF als zentral für »die kulturelle Bewältigung und das kulturelle Erinnern« (S. 78). Von diesem letztlich modernistischen Literaturbegriff ausgehend, sind auch die Bezugspunkte der Studie weit angelegt, um die Gefährdung der Literatur als Kunstform durch die Inszenierungen des Terrorismus aufzuzeigen. In der Hauptsache recherchiert Berendse das Bedingungsverhältnis zwischen terroristischem und literarischem Diskurs in den 70ern als einem Jahrzehnt, in dem das Prestige der Literatur sehr unter der Rivalität mit der radikalen Linken gelitten hatte. Die Studie kann daher auch als Neubewertung der Literaturverhältnisse der 70er Jahre verstanden werden. Eine gewisse Schwierigkeit bei der Lektüre ergibt sich aus den jeweils stark als Einzelstudien angelegten Kapiteln und ihrer eher losen Zusammenfügung. Außerdem ist nicht ganz klar, ob mit den 70ern nicht doch die von Koenen vorgeschlagene Periodisierung des roten Jahrzehnts von 1967-77 gemeint ist.

Die Diskurse der RAF und der Schriftsteller der Periode prallen in einer Reihe von Wechselbezügen aufeinander, wie z.B. der Anziehungskraft des ›avantgardistischen‹ Programms der RAF für etliche in der Protestgeneration sozialisierte Schriftsteller. Darüber hinaus ist die scheiternde Annäherung an die RAF durch die ältere Autorenelite wie Sartre und Böll zu verzeichnen, der zugleich die Verachtung der Literatur durch die RAF entgegenstand. Anderseits war die RAF bereits ihrer Zeit ›voraus‹, indem sie ihre Botschaften auf das in der Massenrezeption erfolgreiche ›Spektakel‹ hin inszenierten. Überhaupt widmet sich die Studie ausgiebig den intellektuellen Werdegängen der RAF-Mitglieder selbst, insbesondere Ulrike Meinhofs, um diese Seite des Diskurses zu erhellen. Im ›Theater der Grausamkeit‹, dem Hang zur blutigen, morbiden Körperkultur, treffen sich die desperaten Akte der RAF, die im kollektiven Selbstmord kulminierten, mit literarischen Entgrenzungen in den 70ern. Die Studie geht in diesem Zusammenhang den Texten der zeitgeschichtlich involvierten Autoren nach: Rolf Dieter Brinkmanns MG-Poetik (besonders dem Romans Keiner weiß mehr, erschienen 1968) und dem 1977 posthum veröffentlichten autobiographischen Roman Bernhard Vespers Die Reise, wobei der Haupteinwand gegen diese Ästhetisierung – sowohl in Form von Brinkmanns Aggressivität wie Vespers Masochismus – ist, dass die Texte nicht an die internationale (amerikanische) Postmoderne anzuschließen vermochten und dadurch die Überschattung des literarischen Diskurses durch den terroristischen in dieser Dekade bestätigt wird. Ein weiteres wichtiges Kapitel der Studie ist die eigentliche Rezeptionsgeschichte der RAF und ihrer einzelnen Protagonisten, die über die 70er Jahre hinaus bis in die 90er (und weiter) fortgesetzt wurde. Die Tatsache, dass diese Erinnerungsspuren einzig und allein im Literarischen aufgezeigt werden, unterscheidet Berendses kulturhistorische Vergangenheitsrekonstruktion von dem Band Memory Traces. Das Kapitel »Die kulturelle Erinnerung. Alte und neue Umgangsformen mit dem Gespenst RAF« ist aber in den Interpretationen der hinzugezogenen Texte äußerst aufschlussreich und erhellt die Wandlungen und die heterogene Erinnerungskultur der »Wunde RAF«.

In den Schlussfolgerungen zur neueren Erinnerungswelle an die RAF ordnet der Autor die Vielzahl der Portraits der neu ausgegrabenen Terrorszene, wie sie am Ende der 90er Jahre die Täter in den Vordergrund rücken, ein. Berendses Liste der Beispiele der Retrowelle einer Beschäftigung mit den RAF-Ikonen in Literatur und Film könnte im Übrigen noch ergänzt  werden. Als Fazit der Studie mag die Formulierung: »Das Projekt RAF ist unvollendet« (S. 218) überspitzt erscheinen. Sie  sollte aber nicht missverstanden werden. Es besteht kein Zweifel an dem gleichsam entrückten Erinnerungswert der RAF-Taten und der Codierungen der politischen  Gewalt der Epoche, aber Berendse widersetzt sich mit Recht einer Schlussstrichmentalität in der Gegenwart, d.h. einem Abhaken der Erinnerungsgeschichte der RAF in einem letzten »Endspiel des Deutschen Herbsts« (ibid). Hier steckt eine wichtige Bestimmung des kulturellen Gedächtnisses: Dessen Offenheit verdankt sich nicht zuletzt der Anreicherung von  komplexen  Kapiteln der Politik- und Kulturgeschichte durch ästhetische Phantasien und  wechselvolle Diskurse.  Die Ansätze zu einer Bilanz  deutscher Erinnerungsspuren bestehen gerade darin, dass das derzeitige Nachdenken sich nicht nur auf die Inhalte und Themenbereiche konzentriert, sondern auf Konzepte der Gedächtniswissenschaften, gegebenenfalls eine Mischung aus kultur- und literaturwissenschaftlichen Beleuchtungsweisen, auf jeden Fall  aber auf eine dem Gegenstand angemessene  Reflexion. Beispiele hierfür finden sich in den beiden hier besprochenen Neuerscheinungen.

Dr. Susanne Ledanff, Senior Lecturer in der School of Languages and Cultures der University of Canterbury. Christchurch, Neuseeland.  E-mail: susanne.ledanff@canterbury.ac.nz


Anmerkungen

(1) Maurice Halbwachs, La mémoire collective. Paris 1950; Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1997. Auch in Frankreich werden von Philippe Nora die Nachkriegsdekaden als »L’ère de la commémoration« hervorgehoben (siehe: Ders. (Hg.), Les Lieux de Mémoire III. Bd. 3: Les France: De l’archive à l’emblème. Paris 1992, S. 977-1012; siehe dazu auch den Beitrag von Anne Friederike Müller in dem hier besprochenen Band Memory Traces, hier  S. 112). [zurück]

(2) Aleida Assmann, Gedächntis als Leitbegriff der Kulturwissenschaften. In: Lutz Musner/Gotthart Wunberg (Hg.), Kulturwissenschaften. Forschung – Praxis – Positionen. Freiburg 2003, S. 278; vgl. dazu auch die Einleitung in dem hier zu besprechenden Band von Silke Arnold-de Simine, S. 7. [zurück]

(3) Julia Hell/Johannes von Moltke, Unification Effects. Imaginary Landscapes of the Berlin Republic. In: The Germanic Review 80 (2005) 1, S. 74-95. [zurück]

(4) Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Ders./Toni Hölscher (Hg.), Kultur und Gedächtnis. Frankfurt/M. 1988, S. 9-19, hier S. 15. Vgl. dazu auch Bernhard Malkmus’ Beitrag Intermedia Configurations of History in W.G.Sebald in dem Band Memory Traces, S. 211-244; hier S. 219. [zurück]

(5) Vgl. Inge Stephan, Die bösen Mütter. Medeamythen und nationale Diskurse in Texten von Elisabeth Langgässer und Christa Wolf. In: Gerhard Fischer/David Roberts (Hg.), Schreiben nach der Wende. Ein Jahrzehnt deutscher Literatur 1989-1999. Tübingen 2001, S. 171-180. Stephan sagt hier: »In Umbruchs-, Kriegs- und Krisenzeiten häufen sich in der Literatur die mythischen Rekurse« (S. 171). [zurück]

(6) Vgl. Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit nach 1945. Stuttgart 1999, hier S. 140-147. [zurück]

(7) Assmann/Frevert (Anm. 6), S. 187. [zurück]

(8) Vgl. Andreas Huyssen, Twilight Memories: Marking Time in a Culture of Amnesia. New York, London 1995; sowie: Ders., Present Pasts. Urban Palimpsests and the Politics of Memory. Stanford, CA, 2003. [zurück]

(9) Vgl. Paul Cooke, Representing East Germany Since Unification. From Colonization to Nostalgia. Oxford, New York 2005. [zurück]

(10) Andreas Huyssen, Escape from  Amnesia. In: Ders., Twilight Memories (Anm. 8), S. 13-35; hier S. 33. [zurück]

(11) Heinz Bude, Generation Berlin. Berlin 2001. [zurück]

(12) Jan Philipp Reemtsma/Wolfgang Kraushaar/Karin Wieland, Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. Hamburg 2005. [zurück]

(13) Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977. Köln 2001; Ders., Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Köln 2003. [zurück]

(14) Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 2003, S. 134 f. [zurück]