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In: KulturPoetik 2007, Heft 1

Autor

Nikola Rossbach

Titel

Modul »Mediengeschichte«: eine Einführung von Werner Faulstich
(1) Werner Faulstich, Mediengeschichte von den Anfängen bis 1700. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (UTB basics) 2006. 190 S.
(2) Werner Faulstich, Mediengeschichte von 1700 bis ins dritte Jahrtausend. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (UTB basics) 2006. 192 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Werner Faulstich ist Leiter des Instituts für Angewandte Medienforschung der Universität Lüneburg. Dass ihn als profilierten Medienhistoriker und ?theoretiker nicht nur die Forschung, sondern auch deren didaktisch reflektierte Vermittlung in der Lehre interessiert, belegt eine zweibändige Mediengeschichte, die in der Reihe UTB basics bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen ist. Beide Teile können, so suggeriert es zumindest der identische Einführungsteil, auch einzeln gelesen werden.

Bei diesem »Modul ›Mediengeschichte‹«, zugeschnitten auf Leser/innen, »die sich ohne umfangreiches Vorwissen in einem ersten Zugriff rasch informieren wollen« (I, 7), handelt es sich ausdrücklich um eine Kurzfassung des sechsbändigen Opus Faulstichs, das im gleichen Verlag seit 1996 erscheint: Trug der erste Band den Titel Das Medium als Kult. Von den Anfängen bis zur Spätantike (8. Jahrhundert), so thematisierten die weiteren Medien und Öffentlichkeiten im Mittelalter 800-1400 (Bd. 2), Medien zwischen Herrschaft und Revolte. Die Medienkultur der frühen Neuzeit (1400-1700) (Bd. 3), Die bürgerliche Mediengesellschaft (1700-1830) (Bd. 4) sowie Medienwandel im Industrie- und Massenzeitalter (1830-1900) (Bd. 5). Der sechste Band zum 20. Jahrhundert steht noch aus; die entsprechenden Kapitel im vorliegenden zweiten UTB-Band sind nach den mediengeschichtlichen Perioden VI: Die neue elektronische Welt (1900-1990) und VII: Ausblick – Globalisierung und Digitalisierung (1990-heute) benannt.

Zehn Jahre Forschungsarbeit werden nun also in einem stark didaktisierten Konzentrat präsentiert und der UTB-basics-Reihe entsprechend mit Merksätzen, Graphiken, Tabellen, Zusammenfassungen, einem sehr knappen Register und sogar (das ist im universitären, nicht-schulischen Lehrbuch gewöhnungsbedürftig) Übungs- und Wiederholungsaufgaben mit Antwortteil ausgestattet.

Die Zuspitzung auf Merksätze – »Das Material ist kein Medium. Das Blatt ist keine Rolle. Die Rolle ist kein Buch« (I, 67) – entspricht durchaus dem handfest-prägnanten Schreibstil Faulstichs. Einerseits beherrscht der Verfasser die Kunst der Reduktion; andererseits lassen die Aussparungen auch viele Fragen offen: Informationen werden ohne Belege präsentiert und sind nicht überprüfbar, lediglich Hinweise auf weiterführende Literatur komplettieren die einzelnen Kapitel. Ein gewisser Hang zur Pauschalisierung besteht – wenn etwa die Rolle der Frau in der absolutistischen Medienkultur auf die Formel gebracht wird: »Das Medium Frau war hier zur Mätresse verkommen« (I, 151). Wenn man die Langfassung zur Hand nimmt, deren Konsultation Faulstich bei weitergehendem Interesse empfiehlt, ist an analoger Stelle der leicht abgewandelte Satz zu lesen: »Das archaische Medium Frau etwa war vollends zur Mätresse verkümmert«.(1) Es folgen dort ein Zitat aus Manfred Kossoks Am Hofe Ludwigs XIV. zum Mätressenwesen als degenerierter Form des ritterlichen Minneideals sowie die Feststellung, die instrumentalisierte Frau fungiere im Absolutismus lediglich als Versatzstück in einer gigantomanischen Weltinszenierung: Die Beschränkung der Frau auf die Linie vom archaischen Kultmedium zur höfischen Mätresse – unter Aussparung anderer weiblicher Rollenmodelle und Funktionen im 17. Jahrhundert – leuchtet auch in diesem etwas ausführlicheren Kontext nicht ein.

Der exemplarische Zitatvergleich zeigt ein Weiteres: die große Nähe von Kurz- und Langfassung, die nicht nur zahlreiche identische oder leicht veränderte Überschriften betrifft, sondern bis zur wörtlichen Übernahme ganzer Sätze und Passagen geht. Es versteht sich von selbst, dass der Verfasser bei der vorliegenden Präsentation seiner in langjähriger Arbeit entwickelten, in ihrem Umfang einzigartigen Mediengeschichte das Rad nicht neu erfindet. Festzuhalten bleibt indessen, dass Faulstich einen im Kern identischen medienhistorischen Forschungsertrag in verschiedenen Formaten und für verschiedene Zielgruppen publiziert: Dass ein/e Leser/in alle entsprechenden Publikationen liest – das Kapitel Mediengeschichte im von Faulstich herausgegebenen Standardwerk Grundwissen Medien,(2) die vorliegende Basics-Variante, ihre sechsbändige Langfassung und so weiter – ist vielleicht ebenso wenig empfehlenswert wie der Kauf des gleichen Paars Schuhe in verschiedenen Größen.

Bevor man sich der Geschichte der Medien widmet, ist zu klären, wovon man spricht. Definitionen und Begriffsklärungen sind in der aktuellen Medienwissenschaft ebenso zahlreich wie widersprüchlich. Der Verwunderung darüber, dass eine nicht mehr ganz junge Disziplin sich noch immer nicht über ihren zentralen Gegenstand geeinigt hat, sei entgegengehalten, dass auch Fragen wie ›Was ist Literatur?‹, ›Was ist Sprache?‹, ›Was ist Kultur?‹ in den Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaften nie endgültig lösbar, vielmehr immer wieder neu zu stellen und produktiv zu beantworten sind. Die Frage nach dem Medium aber hat vielleicht insofern eine etwas andere Qualität als etwa die nach der Literatur, als es tatsächlich noch um das grundsätzliche Abstecken des Terrains zu gehen scheint und nicht nur um ein Verrücken von Grenzpfosten (wie etwa bei dem in den sechziger Jahren etablierten erweiterten Literaturbegriff).

Faulstich distanziert sich schon in früheren Publikationen von einem allzu weiten Medienbegriff im Sinne etwa Marshall McLuhans, der alle möglichen Werkzeuge, Mittel und Instrumente umfasse.(3) Seine eigene Definition, an Ulrich Saxers Verständnis vom Medium als einem Problem lösenden System orientiert, ist allerdings auch nicht eben scharf konturiert: »Medien sind komplexe, etablierte Vermittlungseinrichtungen, die Kommunikation organisieren und regulieren, sie nach unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten und konkreten Sinnvorgaben beeinflussen und permanenter Veränderung unterliegen, also entstehen, sich verändern und auch wieder verschwinden« (I, 8).

Klärung bedarf vor allem der Zusammenhang von Medium und Kommunikation. Während in der Langfassung Medien als »institutionalisierte Systeme um organisierte Kommunikationskanäle« erscheinen, deren Funktionen nicht nur Kommunikation, sondern auch »Information, Speicherung, Unterhaltung und einige andere« seien,(4) sind in der vorliegenden Darstellung Medialität und Unterhaltungscharakter teilweise als Widerspruch konzipiert: So werden etwa einerseits Tänzer und Fest als Unterhaltungsmedien apostrophiert (I, 89, 111, 117), andererseits aber wird der Verlust des Mediencharakters von Tanz und Fest just bei ihrer Transformation in bloße Unterhaltung konstatiert (I, 46, 126, II, 27f.).

Unter Faulstichs Definition fallen – laut Schema zur Mediengeschichte nach Mediengruppen und ihrer Dominanz (I, 14f.) – erstens Primärmedien (d.h. Menschmedien), zweitens Gestaltungs-/Schreibmedien (eine Ergänzung Faulstichs zur üblichen Einteilung), drittens Druckmedien (Sekundärmedien), viertens elektronische Medien (Tertiärmedien) und fünftens digitale Medien (Quartärmedien). Bei dem abgedruckten medienhistorischen Schema handelt es sich um ein anregendes Modell – anregend auch zu Fragen. So ist es nicht ohne weiteres zu akzeptieren, dass die als Medien aufgefassten Phänomene sich auf ganz verschiedenen, einander logisch über- oder untergeordneten oder einander integrierenden Ebenen (Fernsehen/Film/Video, Computer/Internet/E-Mail) ansiedeln. Und weiter: Zeichensysteme wie die Schrift, darauf trimmt uns ein eindringlicher Merksatz (I, 36), seien keine Medien – und doch kann man aus (theater)semiotischer Perspektive den hier als Medium apostrophierten Tanz durchaus als Zeichensystem auffassen. Warum sind Brief und Herold Medien, nicht aber die Post – und was hat der Brief in der Spalte der archaischen Menschmedien zu suchen? (I, 14) Die Fotografie firmiert seltsamerweise als elektronisches Medium des 19. Jahrhunderts und fehlt dafür bei den digitalen Medien ab 1990. Es zeigt sich, der Teufel steckt hier nicht nur, aber auch im Detail. Die Frage, was ein Medium sei, kann auch das vorliegende Modell nicht abschließend klären.

Die mediengeschichtliche Leistung Faulstichs wird durch die produktive Offenheit medientheoretischer Fragen keineswegs geschmälert; sein Projekt kann nicht genug gewürdigt werden. Acht Perioden geben die Struktur für eine »Medienkulturgeschichte« vor, die die »Rolle von Kommunikationsmedien im kulturellen und gesellschaftlichen Wandel von den Anfängen bis heute« (I, 9) beschreiben will: Die Anfänge (?2500 v.u.Z), Die Hochkulturen der Antike (2500 v.u.Z.-800 u.Z.), Das christliche Mittelalter (800-1400), Die frühe Neuzeit (1400-1700), Die bürgerliche Gesellschaft (1700-1830), Medienwandel im Industrie- und Massenzeitalter (1830-1900), Die neue elektronische Welt (1900-1990) und Ausblick: Globalisierung und Digitalisierung (1990-heute). Unter diesen Überschriften wird eine Fülle von Informationen prägnant vermittelt, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann. Die Breite des Wissens beeindruckt. In einem 1993 mit Corinna Rückert gemeinsam verfassten Band bemängelt Faulstich zwar an anderen mediengeschichtlichen Entwürfen, dass deren vager Medienbegriff es nicht erlaube, »eine Mediengeschichte von einer menschheitsumfassenden Kulturgeschichte noch abzugrenzen«(5) – dennoch kann man Faulstichs eigene Leistung, positiv gewendet, ganz ähnlich einstufen: als umfassende, medienfundierte Kulturgeschichte.

Besonderes Profil erhalten Faulstichs Forschungen durch die These einer konstitutiven Funktion von Medien für die kulturelle Entwicklung. In Auseinandersetzung mit Habermas, dessen Wort vom ›Strukturwandel der Öffentlichkeit‹ er durch ›Strukturwandel des Öffentlichen‹ ersetzt, geht der Verfasser so weit zu behaupten: »Nicht ›die Öffentlichkeit‹ hat sich gewandelt und dabei neue Medien generiert, sondern umgekehrt hat erst der Medienwandel den Strukturwandel des Öffentlichen ermöglicht« (II, 18).(6)

Auch wenn in konkreten Fällen die mediale Konstituierung historischer Phänomene sicherlich nachweisbar ist – man denke an die Bedeutung der Gutenberg’schen Drucktechnik mit beweglichen Lettern für die Durchsetzungskraft der Reformation –, ist die generalisierende These Faulstichs zu Recht umstritten. Wenn letzterer in typisch pointierter Manier behauptet, im 18. Jahrhundert sei zum Bürger geworden, wer »medienkulturell integriert«, d.h. »an den Medien Zeitschrift, Buch, Zeitung, Brief in irgendeiner Form produktiv, distributiv oder rezeptiv beteiligt« (II, 19) war, geschieht dies ohne eigentlichen Nachweis. Angemessener wäre, in Abgrenzung von einem solch eingleisigen Erklärungsmodell ein vernetztes Bedingungs- und Funktionsgefüge anzusetzen. Nicht nur hat das Medium den Bürger gemacht, sondern auch der Bürger das Medium: Erst in bestimmten soziokulturellen sowie technologisch-industriellen Konstellationen konnten sich die medial bedingten Kommunikations- und Lektüremodelle (Tagespresse, Briefverkehr etc.) des bürgerlichen Zeitalters ausdifferenzieren.

Faulstichs mediengeschichtliches Modul vermittelt umfangreiches Wissen in knapper, luzider Form und ermöglicht Leser/innen einen schnellen und umfassenden Einstieg ins Thema. Einige Fragen bleiben offen: Am Projekt Mediengeschichte kann weiter geschrieben werden.

PD Dr. Nikola Roßbach, Technische Universität Darmstadt, Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft, Hochschulstraße 1, D-64289 Darmstadt; E-Mail: mail@nikola-rossbach.de


Anmerkungen

(1) Werner Faulstich, Medien zwischen Herrschaft und Revolte. Göttingen 1998, S. 194. [zurück]

(2) Werner Faulstich, Mediengeschichte. In: Werner Faulstich (Hg.), Grundwissen Medien. 4. Aufl. München 2000, S. 29-41. [zurück]

(3) Vgl. das Kapitel Medientheorie, in: Faulstich (Hg.) (Anm. 2), S. 21-28; hier S. 21. [zurück]

(4) Werner Faulstich, Die bürgerliche Mediengesellschaft. Göttingen 2002, S. 9. [zurück]

(5) Werner Faulstich/Corinna Rückert, Mediengeschichte in tabellarischem Überblick von den Anfängen bis heute. 2 Teile. Bardowick 1993; hier Teil 1, S. 1. [zurück]

(6) Siehe auch Faulstich (Anm. 4), S. 255. [zurück]