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In: KulturPoetik 2006, Heft 2

Autor

Jens Emil Sennewald

Titel

Europa denken – transversale

Kategorie

Forum

Abstract

Ein europäisches Jahrbuch gestaltet ›das Europäische‹ als Verlaufsform künstlerischer und theoretischer Praxis

Volltext

Die aktuelle Diskussion des europäischen Projekts zeigt: Europa hat kein Gesicht. Jenseits historischer Gründungszusammenhänge und ökonomischer Zwänge ist ein europäisches Bewusstsein nur schwach ausgebildet. Werden die Künste als Potenzial Europas aufgerufen, geschieht dies meist in repräsentativer Absicht, sollen in der Dynamik der Globalisierung verblassende nationale Leitkulturen durch eine europäische Leitkultur restauriert werden. Europa ist jedoch in historisch-habituellem Horizont wirksam als das Europäische, als Stil des Handelns, Modus des Denkens, Weise des Wahrnehmens. Es gilt heute, unter Berücksichtigung der Kritik des Eurozentrismus, die Frage nach dem Europäischen in seinen Bildern, Texten und Übertragungsbewegungen zu stellen. transversale lädt Künstler und Wissenschaftler ein, Bausteine einer Kulturpoetik Europas zu erarbeiten. Eine solche Kulturpoetik richtet das Augenmerk auf den dynamischen Prozess des Wissens, auf experimentierende Darstellungsformen und auf die Modi der Darstellung. Die Herausgeber Kerstin Hausbei, Franck Hofmann, Nicolas Hubé und Jens E. Sennewald, wollen vor allem Impulse für »transversale Erkundungen« geben.
Ein Projekt – drei Module

Forschung gestaltet Wissen, so der Ausgangspunkt der Herausgeber von transversale. Theoretische Erkenntnis ist immer auch durch Praktiken ihrer Darstellung bestimmt. Zugleich sind auch bildende Kunst und Literatur, Theater und Tanz aktiv an der Entwicklung dynamischen Wissens beteiligt. Auf diese Diversität reagiert transversale durch verschiedene Präsentationsformen, sogenannte ›Module‹. transversale besteht aus einer Internet-Plattform, einer gedruckten Veröffentlichung und aus Veranstaltungen. Während sich Beiträge im Buch und auf der Internet-Seite gegenseitig ergänzen oder sogar aus dem einen Medium im anderen fortgeführt werden, bieten Diskussionsveranstaltungen Gelegenheit zur Öffnung oder Workshops Raum für Reflexion. Eine erste Podiumsdiskussion stellte im Mai 2005 die Frage Was bedeutet Darstellen heute? in der Buchhandlung des Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris, Couvent des Cordeliers. Der Workshop Déplacement/Deplatzieren – Wie können wir wahrnehmen? an der Universität Paris III/Sorbonne Nouvelle setzte im Juni 2005 die Diskussion im kleinen Kreise fort, um sie im Oktober erneut öffentlich aufzunehmen, und zwar mit einer table ronde unter dem Titel Wie denken Bilder? – Kunst als Forschung an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux Arts, Paris. Die Aktivitäten in den einzelnen Modulen entfalten sich stets entlang zweier Achsen: aktuelle Kunst und historisch-systematische Theoriebildung.

So spannt die Tanzwissenschaftlerin Isa Wortelkamp in einer Betrachtung zur Interdependenz von Architektur und Tanz den Bogen von Merleau-Ponty bis Daidalos – und zeigt, wie des letzteren doppelte Kunstfertigkeit, einen Labyrinth-Bau und einen Labyrinth-Tanz entwickelt zu haben, in Repräsentationen urbaner Architekturen bis heute ein Echo findet. Sind Trisha Browns Tänze auf den Häusern von New York hierfür ein Beispiel, so bildet der Beitrag des Berliner Bildhauers Peter Welz in demselben Band die künstlerische Bearbeitung der Frage nach dem Verhältnis von Tanz und Raum. Auch Welz zeigt, wie die Figur im Raum durch Bewegungslinien situiert wird. Der Tanz von William Forsythe, den Welz aufnimmt, ist zugleich eine Forschungsarbeit am Raum und an dem, was Räume in Bewegung setzt.
Abstand – Verständnis; Erfahrungsräume; Geste, Gestus, Ikone

Nach kontinuierlicher Publikationsarbeit auf der seit Frühjahr 2004 zugänglichen Internetseite http://transversale.org sind in enger Verzahnung mit diesem Medium bereits zwei Jahrgänge von transversale beim Wilhelm Fink Verlag, München erschienen.

Der erste Band (2005) widmet sich anhand der Begriffspaare »Abstand | Verständnis – distanciation | compréhension« der Frage der Darstellbarkeit europäischen Wissens. ›Distanz‹ wird dabei sowohl als Voraussetzung analytischer Betrachtung wie des künstlerischen Zugriffs auf gesellschaftliche Realität diskutiert. ›Verständnis‹ hingegen erscheint  als komplementärer Begriff und damit zugleich als Ziel und Ergebnis eines Prozesses, der im Augenblick des Abstand-Nehmens in Gang gesetzt wird. Die Spannung zwischen beiden Polen erweist sich, wie die Beiträge des Bandes demonstrieren, als produktive Kraft eines europäischen Wissensprozesses.

So zeigt der Germanist Gerald Stieg (Paris) durch eine Betrachtung der Rolle des Streichquartetts im geistigen Emanzipationsprozess »Das Geheimherz Europas« als jenen Ort, an dem sich frei denkende und arbeitende Individuen zum Vollbringen eines Werkes zusammenfinden; als Ort, der sich den Logiken und Zwängen repräsentativer Machtstrukturen entzieht. Mit diesem Befund klingt die Fotoserie von Candida Höfer zusammen, die sie von den weltweit existierenden Repliken von Rodins Bürgern von Calais erstellt hat. Die Künstlerin unterlief die Repräsentationsabsicht ihrer Auftraggeber, indem sie nicht die Glorie der Bürger von Calais reproduzierte, sondern die Skulpturen zum Anlass nahm, um die Orte zu zeigen, an denen sie stehen. »Durch den Rodin-Auftrag«, schreibt Maren Polte in ihrem Beitrag zu Höfer, »konnte sie diese Manifestierung von Gesellschaftsstrukturen in Raumordnungen an einem Objekt durchexerzieren«. Hier wird der Fotoapparat zum Ort individueller, nicht-repräsentativer Darstellung. Mit Stieg und Höfer ließe sich ein Zug des Europäischen im Spannungsfeld zwischen Macht und Freiheit des Einzelnen, zwischen Repräsentation und eigenständigem Werk finden.

»Erfahrungsräume« lautet der Titel des zweiten Jahrbuchs von transversale. Nach den Fragen der Positionierung wird hier nach den Räumen gefragt, die sich zwischen diesen Positionen aufspannen – und wo sich darin das erfahrende Subjekt verortet. Ausgehend von einem phänomenologisch geprägten Raum-Verständnis werden die Bedingungen und Konstruktionsweisen von Raum in den Blick genommen. Georges Didi-Huberman (Kunsttheoretiker, Paris) entwickelt aus dem Raum des geöffneten Mundes, dem schwarzen Loch, das dieser Mund bildet, wenn er die »sonidos negros« singt, die Frage nach einer Erfahrung, die dem Kunstwerk zugrunde liegt und die sich ihm gleichwohl entzieht: die der Tiefe. Steht der Schrecken am Ursprung des ästhetischen Werks, so wird die ästhetische Erfahrung als dessen Raum-Werdung bestimmbar. So zumindest lässt es sich auch aus dem Interview mit Jean-François Chevrier (Kunsthistoriker, Paris) heraus lesen, das sich der Praxis des Ausstellens zuwendet und die Rolle der Montage in ihrem Verhältnis zu Argumenation und Komposition befragt. Chevrier plädiert für eine individuelle Werk-Erfahrung, die aber gerade nur in Abhängigkeit von den Räumen möglich ist, welche die Werke zu einer Ausstellung konfigurieren. Neben Einzelstudien wird der zweite Band, auch um der Komplexität und der langen Tradition des Erfahrungsbegriffs Rechnung zu tragen, eine Reihe von Kurzkommentaren zu philosophischen Schlüsseltexten veröffentlichen, verantwortet von den Philosophen Robin Celikates und Christoph Menke.

Mit dem geplanten dritten Band des Jahrbuches wird sich transversale – auch in Fortsetzung bereits geführter Diskussionen – dem Spannungsfeld »geste: gestus | icone« zuwenden: Die Geste entsteht mit und aus dem Gestus, aus einer Konfiguration von sozialen, historischen und symbolischen Strukturen. Und wie Gestus und Geste sich gegenseitig bedingen, so wird es erst das Bild sein, das diese formen, aus dem sie sich in ihrer Wirksamkeit ablesen lassen. Erst wenn die Geste erscheint, bildet sich der Gestus, erst mit dem ikonischen Bild wirkt die Geste. Wie das Subjekt zwischen den drei Polen Geste, Gestus, Ikone positioniert ist, wie es handeln kann und wie seine Handlungen gelenkt sind, werden künstlerische und theoretische Produktionen erkunden.
Kooperationspartner

Kooperation ist die strukturelle Grundform dieses transversalen Projekts. Die Freie Universität Berlin und die Université Paris 3 Sorbonne Nouvelle sind auf akademischer Seite, das Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris, die Akademie der Künste (Berlin), das Théâtre à Châtillon (Paris) oder der Ausstellungs- und Wohnraum café au lit (Paris) auf künstlerischer Seite feste Partner. Punktuelle Kooperationspartner sind das europaweite Projekt readme.cc (Österreich, Ungarn, Schweiz, Frankreich), künstlerische websites wie incident.net, Zeitschriften wie archplus, rencontres, la mer gelée, art21 oder le passant ordinaire.

Durch die finanzielle Unterstützung der deutsch-französischen Hochschule und des Centre National des Arts Plastiques (CNAP) sowie durch die Arbeits-Orte Paris und Berlin in Frankreich und Deutschand verankert, will transversale als Arbeitsplattform im Europäischen nach und nach auch die Arbeitssprachen Französisch und Deutsch um andere Sprachen – und Übersetzungen – erweitern.
Europa – »Denkraum der Besonnenheit«

Europa denken – mit diesem Motto nimmt transversale Bezug auf Aby Warburgs »Denkraum der Besonnenheit«. Ihn auszugestalten war für Warburg fortwährende Aufgabe eines »symbolisch verknüpfenden Menschen«. Er mobilisierte ihn gegen eine Wissenschaft und Kultur, die ihr symbolisches Erbe vernachlässigt und im »technologisch beruhigten Europäer« mündet, dem die dynamischen Dimensionen der Kultur entgleiten. Eine Befürchtung, die heute noch radikaler formuliert werden muss: Europa mangelt es an symbolischer Kultur. An einer solchen wird mit transversale sowohl der Form wie der Sache nach an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft in ihren distinkten Praktiken und Traditionen gearbeitet.

Dr. Jens Emil Sennewald, 9, avenue Taillade, bât A, F-75020 Paris; E-Mail: sennewald@transversale.org