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In: KulturPoetik 2006, Heft 2

Autor

Andrea von Kameke

Titel

Auf kritische Weise ›queer‹
Elahe Haschemi Yekani/Beatrice Michaelis (Hg.), Quer durch die Geisteswissenschaften. Perspektiven der Queer Theory. Berlin: Querverlag 2005. 312 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Obwohl der Begriff ›queer‹ inzwischen hier und da Eingang in das Vokabular der deutschsprachigen geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschung gefunden hat, bleibt der Umfang der Rezeption und Produktion von ›Queer Theory‹ hierzulande weit hinter jenem in den angelsächsischen Ländern zurück. Um so erfreulicher ist es, dass nun mit der Tagungsdokumentation Quer durch die Geisteswissenschaften. Perspektiven der Queer Theory ein Sammelband vorliegt, der die in deutscher oder englischer Sprache abgefassten Beiträge einer im Jahr 2004 an der Humboldt Universität in Berlin unter dem Titel Queering the Humanities/Que(e)r durch die Geisteswissenschaften abgehaltenen Konferenz vereint. Trotz des unterschiedlichen Niveaus der einzelnen Beiträge bietet der Band einen guten Einblick in die gegenwärtige Diskussion zum Thema. Unter ›Queer Theory‹ versteht man eine Forschungsperspektive, die seit Ende der 1980er Jahre im anglo-amerikanischen Raum aus den ›Gay and Lesbian Studies‹ entstand. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sowohl die Kategorien des ›Geschlechts‹ und der ›Sexualität‹ dekonstruiert, d. h. die herkömmlichen Binarismen ›Mann/Frau‹ und ›homo-/heterosexuell‹ in Frage stellt, als auch die mit den Zweiteilungen verbundenen gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Ausschlüsse thematisiert und reflektiert. Darüber hinaus wird der ›Queer Theory‹ das Potential zuerkannt, andere mit den Komplexen ›Geschlecht‹ und ›Sexualität‹ verknüpfte Differenzen – wie etwa ›race‹, Religion oder Ethnizität – thematisieren und problematisieren zu können.(1) Wie die Herausgeberinnen von Quer durch die Geisteswissenschaften in ihrem Vorwort betonen, »versucht [der Band] eine Annäherung an die Vielfalt queerer Arbeiten in den Geisteswissenschaften« (S. 15). Hierbei wird nicht von einer monolithischen Konzeption der ›Queer Theory‹ ausgegangen, sondern der Band stellt in der Summe seiner Beiträge eine ›Queer Theory‹ vor, »die darauf verzichtet, die Queer Theory zu sein, sondern vielmehr multi-perspektivisch vielfältige, mehr oder weniger gewaltsame Verortungen thematisiert und irritiert« (S. 15).

Den Anlass zu Konferenz und Buch bot die Frage, ob ›queer‹ am Anfang des 21. Jahrhunderts durch den Neoliberalismus vereinnahmt worden sei und dadurch seine Subversivität und Produktivität eingebüßt habe, wie dies von einigen Kritiker/innen behauptet worden war. Die Beiträge gehen auf unterschiedliche Weise mit dieser Frage um. Zum einen wird die anhaltende Produktivität der ›Queer Theory‹ dadurch unter Beweis gestellt, dass sie als ›queer reading‹ kulturwissenschaftlich überzeugend angewandt wird: Anne Koch-Rein untersucht den Erfolgsroman Middlesex von Jeffrey Eugenides auf sein ›queeres‹ Potential vor dem Hintergrund sowohl der ›Queer Studies‹ als auch der ›Disability Studies‹. Indem sie den Roman auf seine Darstellungsweise von ›Intersexualität‹ hin befragt, kann sie einleuchtend deutlich machen, dass der Roman zwar »mildly transgendered sensitivities« [»eine gewisse ›Transgender‹-Sensibilität«] (S. 250) an den Tag legt, diese jedoch mit einer naturalisierten Vorstellung von Heterosexualität verbindet und daher in seinem Umgang mit normativen Formen von ›Geschlecht‹ und ›Sexualität‹ insgesamt als wenig progressiv einzustufen ist. Katie Sutton hingegen liest Anna Elisabeth Weirauchs Der Skorpion in Bezug auf die Darstellung von weiblicher Maskulinität als lesbisches Identifikationsmodell. Svenja Derichs thematisiert anhand der Figur Dax in Star Trek den filmischen ›queeren Blick‹ als Prozess des ›queering‹ des Blickes: Sie zeigt in Abgrenzung von auf psychoanalytischen Konzepten beruhenden Theorien des ›männlichen‹ bzw. ›weiblichen‹ Blickes, dass eine ›queere‹ Blicktheorie nicht von einer dem Blicken vorausgehenden Geschlechteridentität ausgehen kann und sich ein ›queerer Blick‹ demnach in permanenter Konstitution und Auflösung befindet.

Eine zweite Gruppe von Beiträgen untersucht (sub)kulturelle Praktiken auf ihre ›queeren‹ Potentiale. Hervorzuheben ist beispielsweise der Ansatz Carsten Junkers, der versucht, die Praktik des ›barebacking‹, des ungeschützten Sex zwischen Männern mit negativem und positivem HIV-Status, auf die kulturellen Metaphern hin zu lesen, die sie produziert. In der Anwendung von ›Queer Theory‹ sieht Junker eine Möglichkeit, eine neue »ethics of responsibility« [»Ethik der Verantwortlichkeit«] (S. 266) zu entwickeln. Dabei dient ›Queer Theory‹ als Instrumentarium, um die Prozesse der kulturellen Bedeutungskonstitution zu analysieren und auf dieser Grundlage deutlich zu machen, welchen Einfluss die kulturelle Metaphorik um ›Sex‹ und ›Aids‹ in bestimmten Kontexten für das Leben (und Sterben) von Menschen hat. Um ein utopisches Potential von ›queer‹ geht es in den Beiträgen Steffen Kitty Herrmanns und Robin Bauers. Beide beziehen sich auf das Spiel mit dem Körper als potentiell gesellschaftsverändernder kultureller Praxis. Herrmanns Text beschäftigt sich mit einer prozessualen Vorstellung der Verkörperung von ›Geschlecht‹, die sich über die Ausübung verschiedener kultureller Techniken vollzieht. Robin Bauer stellt die ›queere‹ BDSM(2)-Praktik ›gender play‹ überzeugend als eine die heteronormativen Beschränkungen potentiell unterlaufende Praxis dar, die ›Geschlecht‹ nicht nur de-naturalisieren kann, sondern Momente einer größeren Flexibilität im Umgang mit ›Geschlecht‹ ermöglicht. In Rollenspielen, welche – gemäß der Ethik der BDSM-Szene – ›safe, sane and consensual‹ sind, d.h. auf dem gegenseitigen Einverständnis der Teilnehmenden beruhen, ihre Sicherheit gewährleisten und jederzeit abgebrochen werden können, kann ein selbst gewähltes ›Geschlecht‹ spielerisch ausprobiert und ›Geschlecht‹ performativ dekonstruiert bzw. als vielfältig und situationsbezogen erlebt werden.

Drittens werden die ›Queer Studies‹ selbst einer substantiellen Kritik unterzogen. Während die Beiträge des Bandes insgesamt als ›critically queer‹ – auf kritische Weise ›queer‹ – bezeichnet werden können, trifft dies insbesondere auf jene Texte zu, die sich mit Ausschlüssen innerhalb von ›queer‹ z. B. im Zusammenhang mit Rassismus, Sexismus und Transphobie beschäftigen. Alan Sinfield weist in Cultural Authority and Subcultural Critique (S. 87-98) treffend darauf hin, dass auch Subkulturen nicht immun gegen die Fortführung und Ausübung von Unterdrückungsstrukturen und die damit verbundenen Vorurteile sind. In Queer Studies Now (S. 17-30) versucht Judith Halberstam der Problematik einer Queer-Diskussion, in der »the hegemonic and the resistant« [»das Hegemoniale und das Widerständige«] (S. 24) nah beieinander liegen, mit dem Aufruf zur »›humility‹ as a knowledge form« [»Bescheidenheit als einer Form des Wissens«] (ebd.) zu begegnen und hebt die jüngeren Allianzen zwischen ›Queer Studies‹, ›Postcolonial Studies‹, ›Ethnic Studies‹ und ›Transgender Studies‹ hervor. Jinthana Haritaworn kritisiert in ihrem streitbaren, bewusst tendenziösen Text »Queerer als wir? Rassismus. Transphobie. Queer Theory« (S. 216-237) ›queer‹ als ›weiß konnotierten‹ Begriff und fragt auf provokative Weise nach dem konkreten Umgang mit ›realen‹ Machtverhältnissen innerhalb einer so genannten ›queer community‹. Tendenzen von Teilen der bundesdeutschen schwullesbischen Presse, Identitätspolitik mit Rassismus, insbesondere ›Islamophobie‹ zu verbinden, werden von Nanna Heidenreich kritisiert, während Juliane Strohschein eine Kritik der ›Queer Theory‹ aus der Perspektive einer ›critical whiteness‹ versucht. Das produktive und problematische Verhältnis zwischen ›Queer Theory‹ und Feminismus behandelt beispielsweise der Text von Annette Schlichter. Schlichter liest die Texte der ›Second Wave‹-Feministin Kate Millett in Bezug auf die Heterosexualitätskritik, die im Rahmen der Patriarchatskritik durch die Zweite Frauenbewegung geleistet wurde, und macht einleuchtend deutlich, dass die feministische Kritik an der institutionalisierten Heterosexualität als eine Vorläuferin der ›Queer Theory‹ angesehen werden kann.

Als Kritiken der ›Queer Studies‹ von innen heraus wären weiterhin Michaela Wünschs, Karen Tongsons und Stefanie von Schnurbeins Beiträge zu nennen. Michaela Wünsch schlägt den räumlichen Begriff der »Verortung« (S. 37) vor, um die Ausschlussmechanismen, die ›queer‹ produziert, zu analysieren.  Mit Räumlichkeiten beschäftigt sich auch Karen Tongson in ihrer Kritik an der »Metronormativität«, der »räumlichen Besessenheit mit urbanen Kontexten, die einen queeren kosmopolitischen Lifestyle produzieren, der größtenteils von weißem schwulen Geschmack und Konsum bestimmt wird« (S. 40). Stefanie von Schnurbeins bemerkenswerter Beitrag Queer Theory Gone Astray. Shamanism and the Search for a Queer Religion (S. 99-114) richtet sich gegen die Instrumentalisierung von Konzepten der ›Queer Theory‹ durch Anhänger/innen der ›neugermanischen‹ religiösen Strömung des ›Neoschamanismus‹. Problematisiert wird hier insbesondere dessen Verbindung zu »rechtsextremen Ideologien und Gruppierungen« (S. 99).

Den Abschluss des Bandes bildet Sven Glawions Text Schwul werden, queer sein. Oder ›anders herum‹? Eine Lesart zu »Henningstadt« von Marcus Brühl (S. 296-306). Passend zu der Konsequenz, mit der Quer durch die Geisteswissenschaften insgesamt die verschiedenen Ansätze der ›Queer Theory‹ auf ihre Potentiale und Grenzen hin befragt, wird hier nun ›queer‹ als Begriff noch einmal in Frage gestellt. Glawion schlägt – im Zusammenhang mit dem Neoliberalismus-Vorwurf – eine Abkehr von ›queer‹ und Rückkehr zum Begriff ›schwul‹, im Sinne der Foucaultschen Vorstellung des »Schwul werdens« (S. 303) als eines nie endenden Prozesses vor. Zu Recht fordert er dazu auf, sich in ›queer readings‹ nicht in der »Lust an der Uneindeutigkeit« (S. 304) zu verlieren, sondern Fragen »nach den Stimmen im Diskurs, nach Hierarchie, Hegemonie und Herrschaft« (ebd.) zu stellen.

 Wichtig ist es jedoch zu bedenken, dass ›queer‹ nicht nur – bzw. je nach Position nicht vorrangig – jene »Arbeit am Selbst, das Spiel mit Identität und das ständige Werden« beinhaltet, die nach Glawions Meinung »in unserer Gegenwart« als »Effekt neoliberaler Herrschaftstechniken« (S. 304) gelesen werden kann.  Wie die Herausgeberinnen zu Beginn ihres Vorwortes hervorheben, übersehen diejenigen, die über »das Ende von queer« (S. 7) sprechen, dass das, was – z. B. in den Medien – als ›queer‹  verkauft wird und nun als ›Mainstreamisierung‹ beklagt wird, »sich in den meisten Fällen nicht mit jenem kritischen Potential, jenen subvertierenden Interventionen [deckt], wie sie sich in queerer Politik und Wissenschaft manifestieren« (S. 8). Quer durch die Geisteswissenschaften ist ein überzeugender Beweis dafür, dass ›queer‹ alles andere als ›am Ende‹ ist. Der Band zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass das Potential des Begriffs ›queer‹ und der gleichnamigen theoretischen Perspektive gerade in seiner Umkämpftheit liegt und in der Notwendigkeit, es in vielfältigen Kontexten immer wieder neu auszuhandeln und zu hinterfragen. Der Schwerpunkt, der neben der Dekonstruktion von identitären Konzepten auf die Analyse von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und deren kulturellen Manifestationen gelegt wird, ist ein Beweis dafür, dass ›Queer Theory‹ nicht nur ein Interesse daran hat, sich von neoliberalen Doktrinen der marktwirtschaftlich nützlichen Flexibilisierung der Subjekte abzugrenzen, sondern vielmehr ein Gegengewicht dazu bilden kann – nicht indem sie sich auf essentialistische Konzepte von Identität zurückzieht, sondern indem sie Dekonstruktion (auch neoliberaler Konzepte) und Machtkritik verbindet. Eine Kulturwissenschaft, welche die Auseinandersetzung mit den Machtbeziehungen um ›sex‹, ›race‹, ›class‹ und ›gender‹ – und ihre jeweiligen Formen der Bedeutungskonstitution – ernst nimmt, kann das Erscheinen dieses Buches nur begrüßen.

Andrea von Kameke, Universität Konstanz, Graduiertenkolleg »Die Figur des Dritten«, Fach D 153, D-78457 Konstanz; E-Mail: Andrea.von.Kameke@uni-konstanz.de


Anmerkungen

(1) Vgl. hierzu auch Renate Kroll (Hg.), Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart 2002, S. 327. [zurück]

(2) Der Begriff ›BDSM‹ dient als differenzierter Nachfolgebegriff zu ›SM‹ als Abkürzung für die Begriffspaare ›bondage/discipline‹, ›dominance/submission‹ und ›sadism/masochism‹. [zurück]