Detailansicht

In: KulturPoetik 2006, Heft 2

Autor

Franka Marquardt

Titel

Ein »klassisches Thema«? Ein neuer Sammelband zum Verhältnis von »Literatur und Theologie«
Ulrich Wergin/Karol Sauerland (Hg.), Literatur und Theologie. Schreibprozesse zwischen biblischer Überlieferung und geschichtlicher Erfahrung. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005. 310 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

An gleich zwei besonders exponierten Stellen, in Klappentext und Vorwort, stellen die Herausgeber dieses neuen Sammelbandes zum Verhältnis von »Literatur und Theologie« ihr Licht – wenig biblisch – unter den Scheffel. Denn dass dieses Verhältnis »zweifellos ein ›klassisches‹ Thema auch der Geschichte der neueren deutschen Literatur« sei, stimmt nur mit Einschränkung: Zwar wurde in der Tat »seit jeher […] gesehen, dass biblische Motive und theologische Konzepte […] selbst für kirchlich nicht gebundene Autoren eine grundlegende Bedeutung« haben, aber man hat sie in der Regel nur »einflussphilologisch«, »stoff?« und »ideengeschichtlich« zu fassen versucht. Den »Schatz von Bildern, Symbolen und Zitaten«, den die »biblisch-theologische Überlieferung« bereitstellt, hat man in der Tat und noch stärker, als die Herausgeber dies betonen, »vornehmlich für die Textkommentierung zu nutzen verstanden« (S. 7).(1)

Das Neue und Verdienstvolle des vorliegenden Bandes, der die Beiträge eines deutsch-polnischen Kolloquiums in Warschau vom Oktober 2002 versammelt, ist nun der dezidiert andere methodische Zugriff auf dieses »klassische Thema«, den fast alle der siebzehn Beiträge erkennen lassen. Denn hier geht es nicht, wie »seit jeher«, um Stoff-  und Motivgeschichte, um Quellenkritik oder um die Rekonstruktion religiöser Autorbiographien, sondern um den »Prozess, in den die religiöse Tradition im Zuge ihrer Versetzung in das literarische Medium verwickelt wird«, das heißt um die literarische Transformation »grundlegender theologischer Konzepte« und zugleich um die »Literarizität ihrer Quelle, der Heiligen Schrift« (S. 7 f.) – und damit, im Anschluss an die hier deutlich weiter gediehene angloamerikanische Forschung, also auch um die Bibel »as Literature and as Scripture«.(2) Gefragt wird nach dem »Janusgesicht« der Säkularisierung(3) und der konstitutiven »Unzuverlässigkeit« von Literatur, die als »Legitimationsinstanz für Gewissheiten« (S. 8) nur bedingt tauglich ist. Zu den im Untertitel angekündigten »Schreibprozessen zwischen biblischer Überlieferung und geschichtlicher Erfahrung« zählen nicht zuletzt theologisch-literarische Übersetzungsprozesse aller Art: vom Griechischen ins Deutsche wie in Hölderlins Antigonä (Susanne Gottlob), von der Bibel in die Malerei und von dort in die Literatur wie in Goethes Wanderjahren (Peter Brandes) oder in Gert Hofmanns Blindensturz (Kamilla Najdek), von Frömmigkeit im Fernsehen und Theologie in Television (Joan Kristin Bleicher). Fast alle Beiträge suchen dabei im- oder explizit den Anschluss an neuere Theoretiker, vor allem an den zweifellos Radikalsten unter den Religiösen, Emmanuel Lévinas (Ulrich Wergin, Christina Pareigis), aber auch an Paul Ricoeur (Pawe? Piszczatowski), Jacques Lacan (Susanne Gottlob), Jacques Derrida (Ulrich Wergin) und Michel Foucault (Joan Kristin Bleicher).

In chronologischer Folge bietet der Band eine thematisch weit gefächerte Reihe von Einzelanalysen; das Textkorpus reicht von ausgemacht ›kanonischen‹ Werken der neueren deutschen Literatur wie Lessings Emilia Galotti (Klaus Briegleb), Hölderlins Brot und Wein (Tomasz Ososi?ski), Goethes Prometheus (Heinz Hillmann), seinen Wanderjahren (Peter Brandes) oder der Lyrik Nelly Sachs’ und Paul Celans (Ulrich Wergin) über Texte – zu Unrecht – wenig bekannter Autoren wie des Berliner Rechtsanwalts und Satirikers Sammy Gronemann (Karol Sauerland) oder des jiddischen Lyrikers Kadye Molodovsky (Christina Pareigis) bis zu im engeren Sinne nicht-literarischen, das heißt philosophischen, diaristischen und politischen Schriften, etwa Lessings Erziehung des Menschengeschlechts (Pawe? Piszczatowski), Novalis’ Fichte-Studien (Monika Tokarzewska), Rilkes Briefe und Tagebücher (Barbara Surowska) oder Gustav Landauers politisch-publizistische Mystik (Anna Wo?kowicz).

Innerhalb der gemeinsamen methodischen Grundausrichtung des Bandes werden ganz unterschiedliche Akzente gesetzt: Zu den im Vorgehen interessantesten und im Ergebnis überraschendsten Beiträgen zählt zweifellos Klaus Brieglebs Studie Über das Begehren der Ungewissheit vor allem in Lessings Emila Galotti: Im Anschluss an das psychoanalytische »Gutachten«, das Pierre Legendre der 146. Gesetzesnovelle Kaiser Justinians aus dem Jahr 553 n. Chr. ausstellt,(4) interpretiert Briegleb den berühmten Streit zwischen Lessing und Goeze als ein ›Symptom‹ für die permanente Bedrohung, der sich die ›christliche‹ Hermeneutik durch die schiere Existenz einer ›anderen‹, nämlich der ›jüdischen‹ ausgesetzt sah; ihrer konnte sie sich nur durch die Disqualifizierung als ›verrückt‹ erwehren. Nicht nur Kaiser Justinian und der Hamburger Hauptpastor sind für diese uralten Ängste veritable »Schulbeispiele« (S. 43, Anm. 7), auch Lessings noch vor dem sog. »Fragmentenstreit« erschienene Emilia Galotti handelt, so Briegleb, genau davon: Der fatale Vater-Tochter-Konflikt wird zum »Streit« um die »Erbsünde«, zu deren christlich-dogmatischem Verteidiger Odoardo sich aufschwingt. Emilias mehrfach ›entgrenzendes‹ Begehren macht vor allem die Grenzen der väterlichen Hermeneutik sichtbar: »Eine junge Frau, die nach der ›verrückten‹ Interpretation der Juden als Märtyrerin nicht hätte enden müssen, unterliegt auf Lessings kritischer Schaubühne […] der Exekutive eines verfälschten, des christlichen Monotheismus« (S. 48).

Auch Malte Kleinworts Analyse der Bedeutung von »Babel – und Babel« bei Franz Kafka (S. 151) nimmt zum Schluss eine überraschende Wendung. Zunächst versucht Kleinwort aber mit einigem methodischen und terminologischen Aufwand eine »symbolisierende« und eine »allegorisierende« »Schreibtendenz« bei Kafka herauszuarbeiten (S. 151), um sie mit den beiden biblischen ›Babels‹, dem des Turmbaus in Gen 11 und dem der Visionen vom Gottesgericht in Jes 13 und Jer 50-51, in Verbindung zu bringen. Kleinworts Schlussspekulation vermag allerdings zu begeistern: Denn dass die bei Martin Buber und Franz Rosenzweig singuläre Übersetzung des biblisch-hebräischen Wortes ›ka-ath‹ mit ›Dohle‹, statt wie üblich mit ›Rohrdommel‹, ›Pelikan‹ oder ›Kormoran‹, ein versteckter Gruß an Kafka – tschechisch: ›Dohle‹ – sein könnte (vgl. S. 171), kehrt die Analyseperspektive des gesamten Kolloquiums noch einmal spielerisch um: Die Frage ist hier nicht, wo sich Biblisches bei Kafka, sondern wo sich Kafka in der Bibel findet. Dass Kleinwort trotz seiner Beschäftigung mit der ›hebräischsten‹ aller »Verdeutschungen der Schrift«(5) durchgängig vom vermeintlichen Gottesnamen »Jahwe« Gebrauch macht, irritiert zugleich erheblich; ist doch jede Vokalisierung des Tetragramms philologisch unsauber und theologisch unsensibel, obschon weit verbreitet. Da im Hebräischen an Stelle des unaussprechlichen Namens stets ›adonai‹, das heißt ›mein Herr‹, gelesen wird, erscheint das Tetragramm, wenn überhaupt, im Sinne dieses ›Ersatzwortes‹ punktiert, so dass man schlicht nicht wissen kann, wie es auszusprechen wäre.

Dem Aspekt des ›Prozesshaften‹, den der Untertitel des Sammelbandes ankündigt, wird Kamilla Najdeks Beitrag besonders gerecht. Ihre Analyse von Gert Hofmanns Blindensturz geht von der Überlegung aus, dass die Spannung zwischen ›Bild‹ und ›Text‹ nicht nur für Hofmanns Erzählung, sondern bereits für dessen ›Vorbild‹, Pieter Brueghels d. Ä. Die Blinden, konstitutiv ist. Denn auch bei Brueghel kommt die Schrift zum einen durch den Titel und seinen Hinweis auf das biblische Gleichnis als Vorlage ins Spiel, zum anderen legen die dargestellten sechs statt der biblischen zwei Blinden eher eine ›Lektüre‹ als eine ›Betrachtung‹ des Bildes nahe. Dass dieses Gleichnis in der Bibel nicht ein-, sondern zweimal erzählt wird (vgl. Mt 15, Lk 6), könnte man im Anschluss an Najdeks subtile Überlegungen zur Intertextualität noch ausnutzen. Die Grenzen ihres Analyseinstrumentariums, die auf intertextuelle Beziehungen im engeren Sinne zugeschnittene Terminologie Gérard Genettes, sucht Najdek mit dem Konzept der ›Dialogizität‹ nach Michail Bachtin auszuweiten, das sich dafür allerdings nur bedingt anbietet. Bei Brueghel wie bei Hofmann, so das Fazit, gelten die Dialogisierungsprozesse in ›Wort‹ und ›Bild‹ nicht dem allgemeinen, sondern dem biblisch-›heiligen Wort‹, das Betrachtende wie Lesende ins Gespräch statt unter seine monologische Autorität ›zwingt‹.

Methodisch eher konventionell gehen demgegenüber Gra?yna Kwiecinska, Barbara Surowska und Horst Ohde vor. So zeichnet Kwiecinska die Themen- und Motivketten nach, anhand derer man Hermann Brochs letzten Roman mit dem bereits religiös aufgeladenen Titel Die Schuldlosen in sein Gesamtwerk einordnen kann. Mit ausgeprägt biographischem Interesse untersucht Surowska Rainer Maria Rilkes religiöse Sozialisation, und auch Ohde schaltet unumwunden einen längeren Exkurs zur Frage »Wer war Günter Eich?« ein (S. 255–260); im Fazit geht es auch ihm vorwiegend um die persönliche ›verborgene Theologie‹ dieses ›Anarcho-Melancholikers‹ (vgl. S. 261, 272), der Gott noch denken muss, damit er auf ihn ›wütend‹ sein kann.

Am Ende dieses im Einzelnen so informativen wie im Ganzen innovativen Bandes fehlt leider eine Dokumentation der Kolloquiumsdiskussionen, die man zumindest in Auszügen gerne nachgelesen hätte; schließlich dürften sie mit zu den ersten zählen, die zwischen neuerer deutscher »Literatur und Theologie« in dieser Form geführt wurden.

Dr. Franka Marquardt, Universität  Bern – Institut für Germanistik, Länggass-Strasse 49, CH-3000 Bern 9; E-Mail: Franka.Marquardt@germ.unibe.ch


Anmerkungen

(1) Zum Stand der Diskussion vgl. auch Georg Langenhorst, Theologie und Literatur. Ein Handbuch. Darmstadt 2005, an dessen Inhaltsverzeichnis bereits die Verengung der deutschsprachigen Forschung auf biblische ›Bücher‹, ›Stoffe‹ und ›Figuren‹, auf die literarische Adaption bestimmter ›Gestalten‹, ›Typen‹ und ›Repräsentanten‹ und auf die ›Bedeutung‹ der Religion im Werk einzelner Schriftstellerinnen und Schriftsteller abzulesen ist. [zurück]

(2) Vgl. David J. A. Clines, Story and Poem. The Old Testament as Literature and as Scripture. In: Interpretation 34 (1980) 2, S. 115-127. – Zum anderen Verlauf der angloamerikanischen Forschungsgeschichte vgl. z.B. Robert Alter, The Art of Biblical Narrative. New York 1981; Frank McConnel (Hg.), The Bible and the Narrative Tradition. New York, Oxford 1986; Stephen Prickett, Reading the Text. Biblical Criticism and Literary Theory. Oxford, New York 1991. [zurück]

(3) Vgl. Roland J. Campiche, Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004. [zurück]

(4) Pierre Legendre, »Die Juden interpretieren verrückt«. Gutachten zu einem klassischen Text. In: Psyche 43 (1989), S. 20–39. [zurück]

(5) Martin Buber, Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift. Beilage zu: Die fünf Bücher der Weisung. Verdeutscht von Martin Buber in Gemeinschaft mit Franz Rosenzweig. Köln, Olten 1954. [zurück]