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In: KulturPoetik 2006, Heft 2

Autor

Patrick Bühler

Titel

»Augengespenster«. Zur Geschichte der Projektion als Denkfigur
Jutta Müller-Tamm, Abstraktion als Einfühlung. Zur Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne. Freiburg: Rombach 2005. 426 S.

Kategorie

Rezension

Abstract


Volltext

Dass »Augengespenster« – Kontrastfarben bei abklingenden Bildern, farbige Schatten – nicht als Täuschung, sondern als gesetzmässige Sinneserscheinung und »als die notwendige Bedingung des Sehens« zu verstehen seien, formuliert Goethe 1810 in seiner Farbenlehre als einer der ersten: Die Erscheinungen deuteten auf das »lebendige Wechselwirken [des Sehens] in sich selbst und nach aussen« hin (S. 77). Die Geschichte dieses »Wechselwirkens« untersucht Jutta Müller-Tamm in ihrer brillanten Studie Abstraktion als Einfühlung. Ihre Untersuchung macht den Anfang zu einer Geschichte des »Projektionsdiskurses« (S. 16), die rekonstruiert, wie der Begriff ›Projektion‹ aus der Sinnesphysiologie des frühen 19. Jahrhunderts in die »Kulturgeschichte, Psychopathologie und Ästhetik des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts« eingegangen ist (S. 9). So wie »Augengespenster« aber aus mehreren Flecken und Farben bestehen, ist die Studie nicht nur eine Geschichte der Projektion, sondern zugleich eine originelle und facettenreiche Literaturgeschichte: Abstraktion als Einfühlung belegt, dass Ästhetik am Ende des 19. Jahrhunderts eine »Parallelveranstaltung zur projektionstheoretischen Sinnesphysiologie« (S. 219) des frühen 19. Jahrhunderts ist, und führt vor, wie die expressionistische Prosa diesen »Projektionsdiskurs sowohl bewahrheitet wie erledigt« (S. 16), indem sie ihn literarisch umsetzt.

Fulminanter Auftakt der Studie bildet eine Interpretation von Hermann Bahrs Expressionismus-Monographie (1916), an der sich Vorgehen und Ertrag der Analyse deutlich erkennen lassen. Während nach Bahr ein aktives »inneres Sehen« den Expressionismus kennzeichnet, wird im Gegensatz dazu der Impressionismus durch eine passive Wahrnehmung des Aussen bestimmt. Müller-Tamm zeigt, dass diese Gegenüberstellung »nicht wirklich stimmig« (S. 19) ist, da die »entgegengesetzten Ismen« auf derselben Annahme von Kunst als Projektion, »als Übertragung eines in und mit dem Subjekt Gegebenen« beruhen (S. 28). Um diese eine »diskursive Konstellation« (S. 16) zu untersuchen, welche die scheinbare Opposition (wie auch die von Abstraktion und Einfühlung) ›reguliert‹, geht Müller-Tamm Bahrs ›Quellen‹ nach: den Sinnesphysiologen Anfang des 19. Jahrhunderts, die Bahr für den Expressionismus reklamiert, und Ernst Mach, den er als Gewährsmann für den Impressionismus verwendet.

Auf den ersten Blick könnte es erstaunen, dass Bahr eine hundert Jahre zurückliegende Wahrnehmungslehre zur Untermauerung seiner Thesen benutzt; beim zweiten Hinsehen zeigt sich jedoch, dass schon die frühe Sinnesphysiologie »durch einen starken ästhetischen Einschlag gekennzeichnet ist« (S. 29). 1819 legt Jan Evangelista Purkinje, auf den sich Bahr beruft, die erste Dissertation zu »subjektiven Gesichtsphänomenen«, zu »Nachbildern«, zur »Druckfigur des Auges«, »Kontrastfarben« etc. vor. Purkinje befreit diese Phänomene »aus ihrem randständigen Status als pathologische Erscheinungen«, indem er die vorherrschende »passiv-mechanistische Auffassung der Sinnestätigkeit« überwindet. Wahrnehmung erweist sich bei Purkinje als durch die »Selbsttätigkeit des Sinnesorgans« gesteuert (S. 31), und Kunst ist daher schon bei ihm »Wirkung der produktiven Wahrnehmungstätigkeit« (S. 34). Diese »Idee einer aktiven, schöpferischen Rolle des physiologischen Subjekts«, wie sie die Sinnesphysiologie entwickelt, wird zur »bedeutsamen Grundfigur aller Rückübertragungen der frühen Sinnesphysiologie auf ästhetische Fragen« (S. 33).

In Bahrs Expressionismus ist Mach der Gegenspieler der Wahrnehmungsphysiologen. Diese Gegenüberstellung liegt nahe, da Bahr schon für seine frühere, bekannte Impressionismus-Deutung (1903) auf Mach zurückgreift. An dieser Opposition von Mach und früher Physiologie kann Müller-Tamm ihre These belegen, dass die beiden unterschiedlichen »Ismen« durch dieselbe diskursive ›Mechanik‹ geregelt werden: Ihre Analyse zeigt, dass die Unterscheidung von Physiologie und Mach nicht aufrecht zu erhalten ist. In Machs Analyse der Empfindungen (1886) z.B., die Bahr in seiner Studie des Impressionismus zitiert, setzt Mach sich »eingehend« und »wohlwollend« mit der frühen Sinnesphysiologie auseinander (S. 59). Der Grund für Bahrs künstliche Trennung von Mach und früher Physiologie ist, dass er »dasselbe Denkmuster einer aktiven Herstellung von Wahrnehmung, dasselbe projektionstheoretische Postulat der Vertauschbarkeit von innen und aussen«, für den Impressionismus wie den Expressionismus verwendet (S. 65).

Mit diesen zwei eleganten ›kaleidoskopischen‹ Umdrehungen im ersten Kapitel werden sowohl Bahr als auch die Impressionismus-Expressionismus-Debatte neu beleuchtet und der Wert des Ansatzes der Untersuchung belegt, der Diskursanalyse mit strenger Philologie zu einer Geschichte der Denkfigur ›Projektion‹ verbindet. Mit Bahr als »bedeutsamem und symptomatischem Fall« (S. 66) werden auch die folgenden beiden Kapitel vorbereitet: Das zweite ist einer ausführlichen Geschichte der Projektionsmetapher im 19. Jahrhundert gewidmet, während im dritten detailliert auf Poetik und Prosa der frühen Moderne eingegangen wird.

Das zweite Kapitel untersucht zunächst den »fundamentalen Bedeutungswandel«, dem Auge und Sehen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterworfen sind. Bei Purkinje, Johannes Müller und Gustav Theodor Fechner ist das Sehen »subjektiviert« und »mit ›Eigenleben‹ ausgestattet« (S. 71). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ergibt dieser physiologische ›Befund‹ die Grundlage für die »heftig umstrittene Projektionstheorie«, nach der man »von der Aussenwelt selbst keine Kenntnis« haben könne (S. 99). Von der ›diskursiven Mechanik‹ her gesehen, spielt es dabei keine Rolle, ob Projektion »dominant positiv«, wie z.B. in Ernst Kapps Grundlinien einer Philosophie der Technik (1877) – nach denen Werkzeuge und Geräte Nachbildungen von Organen sind –, oder kritisch als konstitutives Merkmal der »Weltaneignung« wie bei Friedrich Nietzsche oder Sigmund Freud aufgefasst wird (S. 170). Den Auftakt des dritten Kapitels bilden Wilhelm Worringer, Georg Simmel und Carl Einstein. Die Analyse zeigt einerseits, wie »Projektionsdiskurs« und »Psychophysiologie« am Ende des 19. Jahrhunderts zusammenhängen, andererseits wie nach Simmel ›Projektion‹ nicht mehr nur gedacht, sondern in der Literatur auch umgesetzt wird (S. 297): Der philosophisch-»kritische Projektionsdiskurs« wird im Expressionismus durch »literarisch realisierte Projektion« ersetzt (S. 313). Diese beiden Ergebnisse werden durch die Analyse der »prosatheoretischen Entwürfe« der 1910er Jahre, dem »Roman als Projektion« (S. 313) (z.B. Einstein, Otto Flake, Paul Adler, Ludwig Rubiner) und Untersuchungen zu Robert Müllers Tropen (1915) und zu Texten Salomo Friedlaenders/Mynona gestützt. So zeigt Müller-Tamm etwa, wie die Tropen mit ihrem hübsch doppeldeutigen Titel und ihren »sich wechselseitig erfindenden Figuren« (S. 359) »nicht einen geschichtsphilosophischen Entwurf, sondern die metatheoretische Einsicht in den unumgänglichen Projektionscharakter allen Geschichtsdenkens« vermitteln (S. 357). Auch Friedlaender/Mynona, der unter seinem richtigen Namen philosophische Texte und unter seinem Pseudonym Grotesken verfasst, eignet sich als guter Beleg für Müller-Tamms These, dass »Philosophie literarisch und Literatur zu praktizierter Philosophie« wird (S. 382). In dieser ›Optik‹ erweist sich Friedlaenders philosophische Schrift Schöpferische Indifferenz (1918) als durch »rhetorisch-literarische Verfahren« wie Widerspruch, Paradoxie oder Wiederholung organisiert: »›Belästigung durch die Monotonie der Variation‹ kündigt zutreffend schon das Vorwort« an (S. 385).

Getreu ihrem Untertitel »Zur Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne« argumentiert die Studie auf einer sehr breiten Basis. Neben dem Reichtum ihres Korpus machen die Auswahl und die Verbindung der zum Teil »skurrilen Denker« (S. 214) und klugen Kommentatoren weitere ihrer Reize aus. So beginnt und endet die Untersuchung z.B. mit dem »Unroman« Die Bank der Spötter (1919) von Mynona (ein Pseudonym, das die Projektion oder zumindest ›Spiegelung‹ von Anonym in sich trägt). Mit dieser ›Klammer‹ – sowie den verschiedenen ›kaleidoskopischen‹ Drehungen der Kapitel und ihre nicht chronologische Anordnung – entspricht die Studie auch ihrem eigenen Gegenstand und seiner Geschichte: Sie ist ebenfalls Teil des kritischen Projektionsdiskurses und gleichzeitig literarisch realisierte Projektion. Die gelungene Verbindung von Wissenschafts- und Literaturgeschichte mit strengen, philologischen ›close readings‹ und elegantem Stil macht die Studie zu einer ebenso reichen und klugen wie unterhaltsamen Lektüre.


Dr. Patrick Bühler, Universität Bern, Institut für Erziehungswissenschaft, Muesmattstrasse 27, CH-3012 Bern; E-Mail: buehler@edu.unibe.ch