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In: KulturPoetik 2006, Heft 1

Autor

Karl Eibl

Titel

Wie aus Natur Kultur wurde. Geschichten über den Anfang der Menschheit
Bernhard Kleeberg/Tilmann Walter/Fabio Crivellari (Hg.), Urmensch und Wissenschaften. Eine Bestandsaufnahme

Kategorie

Rezension

Volltext

Bernhard Kleeberg/Tilmann Walter/Fabio Crivellari (Hg.), Urmensch und Wissenschaften. Eine Bestandsaufnahme. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005. 350 S.

Der ›Urmensch‹ hat Konjunktur. Meldungen darüber, wie der ›Urmensch‹ beschaffen war und welche Neigungen wir mithin ›von Natur aus‹ haben – vor allem natürlich hinsichtlich des Sexualverhaltens, aber auch was Suchtneigungen, Dominanz und Unterwerfung, Krieg und Frieden und vieles mehr betrifft – findet man nicht nur auf den Wissenschaftsseiten seriöser Organe, sondern sie speisen auch, in entsprechender Zurichtung, weniger respektable Publikationen vom Typus ›Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus‹. Auch hier gilt: ›Sex sells‹. Dahinter steht jedoch ein ernst zu nehmendes überdisziplinäres Forschungsprogramm. Alles deutet darauf hin, dass die wichtigsten biologischen Ausstattungsmerkmale des homo sapiens sich vor dem Neolithikum entwickelt haben, also in der Entwicklungszeit vor der ›Erfindung‹ von Landwirtschaft und Viehzucht. Umstritten ist allerdings, wie diese Ausstattungsmerkmale zu identifizieren sind und wie ihre Rolle im Zusammenspiel mit Kultur einzuschätzen ist. Die Erforschung dieser Zusammenhänge ist eine Herausforderung an alle Disziplinen, die es mit Kultur zu tun haben, an die Psychologie nicht weniger als an die Soziologie, die Kunstwissenschaften, die Geschichtswissenschaften usw. Wenn in dieser Situation ein Sammelband eine »Bestandsaufnahme« zum Thema »Urmensch und Wissenschaften« verspricht, d.h. ein verlässliches Fundament für transdisziplinäre Aktivitäten, dann erweckt das natürlich hohe Erwartungen. Der Band entstammt der Nachlassmasse des leider liquidierten Konstanzer Sonderforschungsbereichs »Literatur und Anthropologie«, basiert auf einem Kolloquium zu Ehren des Konstanzer Historikers Dieter Groh und wird auch als Festschrift für ihn annonciert.

Der erste Beitrag, Die Frühzeit des Menschen von Friedemann Schrenk, zeigt die Frühgeschichte im veränderten Lichte der Funde und Deutungen der letzten Jahrzehnte. Zwischen den affenähnlichen Vorfahren und den Australopitecinen, die bereits zu aufrechtem Gang fähig waren (aber an Hirnvolumen sich nicht vom Schimpansen unterschieden), liegt »kein missing link, sondern eine Verflechtung unterschiedlicher geographischer Varianten der ersten Vormenschen in Raum und Zeit entlang der Grenzen  des schrumpfenden tropischen Regenwaldes« vornehmlich im ostafrikanischen Grabenbruch, beginnend vor etwa 6 Millionen Jahren (S. 28). Eine zweite starke Zäsur liegt dann vor 2,5 Millionen Jahren, in der Entstehung eines intelligenten Allesfressers, dessen Anpassung an härtere klimatische Bedingungen nicht mehr primär über anatomische Leistungen erfolgte (wie die seines Bruders Australopithecus robustus, der ein massiv stärkeres Gebiss für harte Pflanzenkost entwickelte), sondern über Intelligenz und Vielseitigkeit. Das war die erste Art, der die Bezeichnung ›homo‹ verliehen wurde: homo habilis. Eine etwas spätere Form, homo erectus (auch: homo ergaster), wird von Schrenk als »erster Frühmensch« bezeichnet. Er habe sich schließlich seit etwa 2 Millionen Jahren von Afrika nach Asien und Europa ausgebreitet. – Hier bricht Schrenks Geschichte leider ab. Zur Fortsetzung muss man zwei Beiträge überschlagen, dann stößt man auf Winfried Henke und Hartmut Rothe mit ihrem Beitrag Ursprung, Adaptation und Verbreitung der Gattung homo. Marginalien zur Evolution eines global player. Ihre Geschichte beginnt aber nicht bei homo (hier gleich der erste von mehreren Fällen, in denen die Überschrift zu viel oder zu wenig annonciert), sondern ebenfalls bei der Entstehung des Australopithecus und seiner Verwandten. Allerdings ist die Doppelung nicht ganz überflüssig, denn Henke/Rothe stellen wesentlich mehr Details dar, gehen auch stärker auf Kontroversen ein (und sind, zumal in der methodologischen Einleitungspartie, etwas umständlicher, verglichen mit der Souveränität Schrenks). Ausführlich widmen sie sich der Evolution des Genus homo und der Vielseitigkeit des homo ergaster und führen dann ein in das verwirrende genealogische Geflecht seiner Nachfolger und ihrer vermuteten Ausbreitungswege. Am Ende stellen sie die kontroversen Thesen von der multiregionalen Entstehung des ›modernen‹ Menschen und von der afrikanischen Einwanderung vor. – In mehr als einer Hinsicht vielversprechend erscheinen mir die molekularbiologischen Forschungen, in die Wolfgang Enard, Mensch und Schimpanse – ein genetischer Vergleich, einen Einblick gibt. Von den 715 Aminosäuren des Gens FOXP2 des Menschen unterscheiden sich nur drei von denen der Maus, nur zwei von denen des Schimpansen. Nimmt man hinzu, dass Fehler des Gens FOXP2 die normale Sprachentwicklung beeinträchtigen und dass die heutige Version des Gens FOXP2 gemäß einer Computersimulation nicht älter als 200.000 Jahre ist, dann werden die älteren Vermutungen bekräftigt, dass der anatomisch moderne Mensch, der homo sapiens, etwa um diese Zeit entstand und dass die Entstehung oder Verbesserung der Sprachfähigkeit dabei eine große Rolle spielte. Ein Musterbeispiel, wie man problematische Befunde durch Kontrollpeilung prüfen kann! Nebenbei wird der gelegentlich mit – warum eigentlich? – triumphierendem Unterton vorgetragene Befund relativiert, dass wir uns nur mit einem oder zwei Prozent unserer genetischen Ausstattung vom Schimpansen unterscheiden: Nicht die Menge macht’s! Von FOXP2 wird vermutet, dass es »ein Transkriptionsfaktor ist, also andere Gene reguliert« (S. 134) und dass damit die kleine Veränderung von 3 Promille gegenüber der Maus für eine ganze Gruppe von Veränderungen verantwortlich ist.

Die beiden eben in der Reihenfolge übergangenen Beiträge befassen sich mit der Wissenschaftsgeschichte der Paläoanthropologie. Peter J. Bowler, Changing Conceptions of ›Early Man‹, skizziert die internationale und d. h. speziell englische Entwicklung, vor allem die Varianten und Folgen des linearen Aufstiegsmodells im 19. und frühen 20. Jahrhundert bis zu den Revisionen im Zusammenhang mit der ›Modern Synthesis‹ und den Funden in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Uwe Hoßfelds Reflexionen zur Paläoanthropologie in der deutschsprachigen evolutionsbiologischen Literatur der 1940er bis 1970er Jahre bringen dem gegenüber eine Engführung des Blicks, lassen aber doch recht ratlos. Auch die deutsche Paläoanthropologie habe sich um Synthesen bemüht, nun gut. Aber es bleibt schleierhaft, weshalb im Titel von »Reflexionen« die Rede ist. Die großen Forscherpersönlichkeiten erscheinen kaum mit ihren Gedanken und Forschungen, sondern mit ihren Karrieredaten (Volksschule, Notabitur, wann promoviert, wann habilitiert, wann hierhin oder dorthin berufen? »Nach schwerer Krankheit verstarb […]«, die Partei-, SA- und SS-Karrieren in Fußnoten). Es berührt zwar sympathisch, dass Hoßfeld seine Helden nicht denunziert. Aber das geht offenbar nur um den Preis ihrer Gesichtslosigkeit, und dann kann man es gleich bleiben lassen.

Wolfgang Friedlmeier nimmt in Kultur und Emotion. Zur Sozialisation menschlicher Gefühle das Verhältnis von Natur und Kultur explizit ins Visier. Er gibt eine kundige Einführung in die biologischen Grundlagen unseres Gefühlshaushaltes, fällt dann aber auf ein wenig fruchtbares Mehr-oder-Weniger zurück. Die Ausgangsbehauptung z. B., für Angst gebe es »keine bereichsspezifischen Anlässe, die notwendigerweise eine Bedrohung in allen Kulturen gleichermaßen auslösen« (S. 139), ist schlicht falsch(1): In Oberbayern wie in Neuguinea haben die Leute Angst, von Bergen herunterzufallen, unbekömmliche Speisen zu essen, von Feinden angegriffen zu werden usw. Allerdings muss/kann die biologische Mitgift häufig kulturell konditioniert, genutzt und modifiziert werden. Beim Menschen, so Friedlmeier, seien »die Emotionen […] zu einem Kommunikationssystem evolviert, das Ähnlichkeiten und Parallelen zur menschlichen Sprache aufweist«. Das ist ein interessanter Ansatz, wenngleich natürlich schon länger bekannt ist, dass Mimik und Gestik stark konventionalisierte Elemente enthalten können. Aber meint Friedlmeier hier wirklich die Emotionen? Oder nicht eher den Emotionsausdruck? Diese Unentschiedenheit belastet den ganzen Aufsatz. Friedlmeier weist selbst darauf hin, dass die Symbolfunktion des Emotionsausdrucks sich in einer »Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten von Ausdruckszeichen und vor allem in der Dissoziation von Ausdruck und Erleben« zeige (S. 145), also wäre diese Unterscheidung auch auf theoretischer Ebene zu vollziehen, damit man überhaupt das Verhältnis beschreiben kann. Die (darstellungs-)sprachanaloge Symbolfunktion des menschlichen Emotionsausdrucks bietet gewiss interessante Ansätze, aber für die Durchführung möchte man sich mehr Sorgfalt wünschen.

Hartmut Rothe und Winfried Henke behandeln in ihrem Beitrag Machiavellistische Intelligenz bei Primaten. Sind die Sozialsysteme der Menschenaffen Modelle für frühmenschliche Gesellschaften? die Frage, ob unter der Dreiheit von technischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen die sozialen jene Favoritenstellung bei der Evolution der Primatenintelligenz einnehmen, die ihnen in letzter Zeit unter dem Titel des Machiavellismus gelegentlich zugeschrieben wurde. Die Frage gibt Gelegenheit, die entsprechenden Befunde zu den drei Intelligenzen zusammenzufassen – die Antwort lautet natürlich, dass es um ihre Kooperation oder Verflechtung geht. So mündet die Darstellung in die Vorstellung einer ›modularen Intelligenz‹, die seit einiger Zeit diskutiert wird (hier Gigerenzer zugeschrieben).

Mit elementaren Formen der Aggressivität wiederum befasst sich Jürg Helbling in Gewalt und Krieg in der ›Urgesellschaft‹? Politische Verhältnisse in Wildbeutergesellschaften. Dass es innerhalb von Wildbeutergruppen gewaltsame Konflikte gibt, steht außer Frage und wird auch statistisch ausführlich belegt. Auslöser seien häufig Faulheit oder Geiz bzw. deren Unterstellung, also die Gefährdung der wirtschaftlichen Kooperationseinheit (nicht hingegen sexuelle Rivalität (2)). Die Frage, in welchem Umfang es bei Wildbeutergesellschaften auch regelrechte Kriege gibt, ist freilich ganz wesentlich ein Definitionsproblem. Helbig definiert Krieg als »kollektiv geplante und organisierte Gewalt zwischen Gruppen« (S. 197), schließt aber Fehden zwischen Familien ausdrücklich aus. So kommt er zu dem Ergebnis, dass es zwischen Wildbeutergruppen keine Kriege gibt. (Die häufigen Konflikte zwischen Wildbeutern und Sesshaften oder Viehzüchtern scheiden ja gleichfalls aus). Die Erklärung dafür ist fast trivial zu nennen: Es gibt einfach wenig Anlass dafür, weil die Ressourcen kaum territorial gebunden sind und man genügend Platz zum Ausweichen hat. Das gilt allerdings nur, so weit Wildbeuter »territorial installiert und regional etabliert« sind, nicht im Falle von »Migrationsschüben« (S. 207) – und damit wird die These fast tautologisch. Wenn man überdies Familienfehden definitorisch ausschließt, werden damit m. E. wichtige Probleme ausgeblendet. Es entfällt der ganze Komplex der Blutrache. Damit wird aber auch die Frage ausgeblendet, wie weit ›Erbfeindschaften‹ späterer Zeiten eine symbolgesteuerte Erweiterung des – soziobiologisch erklärbaren – Mechanismus der Blutrache sind. Und es entfällt auch ein provokativer Sachverhalt aus dem Tierreich. Die von Goodall und neuerdings auch von Boesch beschriebenen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Schimpansengruppen erfüllen durchaus das Kriterium der »kollektiv geplanten und organisierten Gewalt«. Aber da die männlichen Mitglieder von Schimpansenhorden allermeist miteinander verwandt sind, könnte man den Sachverhalt als Familienfehde verstecken, um den Mythos vom ›guten Tier‹ und der bösen Zivilisation zu retten.

Ruth Groh behandelt unter dem weit gefassten Titel Das Vertikale und das Horizontale. Zur soziobiologischen Begründung von Gesellschaftsmodellen nicht etwa die soziobiologische Begründung von Gesellschaftsmodellen, sondern einen interessanten Einfall, den der Altphilologe Walter Burkert im Zusammenhang mit seinem ›Homo necans‹ vertreten hat, ohne die Soziobiologie besonders zu thematisieren. Burkert unterscheidet ein vertikales (Rache) und ein horizontales Modell (Ausgleich) der Vergeltung, die jeweils ein Grundmoment von Gesellschaft sei. Das Ausgleichsmodell sei erst auf der Stufe des Menschen entstanden, weil es Sprache voraussetzt, während das Rachemodell tierischen Ursprungs sein soll. Das horizontale Modell bedarf des vertikalen – Groh entgegnet, dass das vertikale das horizontale braucht. Das mag so oder anders sein. Spätestens wenn dann in tabellarischer Form unter den beiden Modellen 13 Grundkategorien des Weltverständnisses (irrational/rational usw.) und anschließend 21 Idealtypen (Schamkultur/Schuldkultur usw.) paarweise aufgezählt werden, zusätzlich zu anderen Gegenüberstellungen im laufenden Text (positiv/negativ, Ordnung/Chaos, …), dann wird die Problematik des Ansatzes deutlich: Wie wäre es mit dionysisch/apollinisch, männlich/weiblich oder einfach – böse und gut? Die geistige Anstrengung ist allen Respekt wert, aber der raummetaphorische Rahmen ist so vage, dass er alle Antonyme (vielleicht auch umgekehrt) aufnehmen kann – und insofern inhaltsleer.

Es folgt, nur im Inhaltsverzeichnis als »Kulturelle Erzählungen« (gibt es andere?) abgesetzt, der feuilletonistische oder belletristische Teil. Hier erst kommt der erste Teil des Buchtitels zu seinem Recht. Denn für die Paläoanthropologie ist es (heute) eine Selbstverständlichkeit, dass es ›den Urmenschen‹ nicht gibt, sondern ein ›Tier-Mensch-Übergangsfeld‹, das mit jedem neuen Fund präziser fassbar, aber auch komplexer wird. Als literarisch-philosophische Konstruktion allerdings hatte und hat der ›Urmensch‹ ein zähes Leben.

Peter Sieferle behandelt Die Barbaren in der Weltgeschichte. Jede Hochkultur hat ihre eigenen Barbaren, die Fremden jenseits der Grenzen, oszillierend zwischen Untermenschentum und unverbrauchter Frische. Als geschichtsphilosophische Kategorie wurden die Barbaren laut Schieferle erst im 18. Jahrhundert entdeckt. Subjekte dieser Konzeption sind Völker, die sich bei ihrem Aufstieg zugleich verbrauchen und neuen Völkern Platz machen müssen. Seit Hegel gebe es dann den Gedanken eines Endes der Geschichte, das sozusagen durch Erschöpfung des Gesamtbestandes an Barbarentum erreicht sei – ein Gedanke, der nach 1990 noch einmal Urständ feierte. Dazwischen lässt sich die ganze Reihe von Deutungen nach diesem Muster aufrollen. Barbarisch ist Nordamerika, das »Land ohne Nachtigall« (Lenau) ebenso wie Russland, auch der Sozialismus, dann Deutschland – erst in der Fremddeutung (›Hunnen‹), dann auch in der Selbstdeutung seiner Wortführer. Alles sehr klug und kenntnisreich – aber in welcher Gesellschaft verkehrt Sieferle, dass er behaupten kann: »Freilich legen die Deutschen [!] bis heute [!] Wert darauf, dass ihr Barbarentum im Gedächtnis der Völker bewahrt wird. Sie schwelgen herostratisch in den großen Taten ihrer Vorfahren, auch wenn dies große Untaten waren«? (S. 241) Ist mir da etwas entgangen?

Albrecht Koschorke umspielt in seinem Beitrag Vor der Gesellschaft. Das Anfangsproblem der Anthropologie das alte Problem aller Ideologiekritik – wie der Kritiker zu seiner privilegierten Position ›außerhalb‹ kommt – als Erzählanfangs-Problem von Rousseaus Konstruktion des Urmenschen: Wie kann man im Zustand der Verdorbenheit den davor liegenden der Unschuld konzipieren? Die temporale Dramatisierung dieses Problems verkennt aber m. E. Rousseaus Technik der heuristischen Fiktion: Zeit ist da nur das Darstellungsmaterial. Der ›Urmensch‹ wird dadurch konstruiert, dass ihm alle bekannten gesellschaftlichen Eigenschaften abgesprochen werden; so kann man bekanntlich sogar von Gott sprechen, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Rousseau selbst meinte ja: »Man darf nicht die Untersuchungen, in die man über dieses Thema eintreten kann, für historische Wahrheiten halten, sondern nur für hypothetische und bedingte Überlegungen, die mehr dazu geeignet sind, die Natur der Dinge zu erhellen, als ihren wirklichen Ursprung aufzuzeigen«. Rousseaus Methode entspräche dann etwa der Aristotelischen Bestimmung der Dichtkunst. 

Zur Charakterisierung von Wolfgang Hegeners Aufsatz ›Die Feststellung des ursprünglichen Zustandes bleibt jedes Mal eine Sache der Konstruktion‹ (Freud). Psychoanalytische Überlegungen zu religiösen Konzeptionen des Urmenschen genügt an dieser Stelle der Titel, vielleicht mit dem Zusatz, dass sich diese phantastischen Konstruktionen recht gut lesen lassen. – Julika Griem und Virginia Richter konstruieren in Frühgeschichte als ›Whodunit‹. Zur Popularisierung und Bewertung anthropologischer Selbstentwürfe in literarischen Texte des 19. und 20 Jahrhunderts ihren Überblick über das Genre des populärwissenschaftlichen Thrillers auf der Basis einer Strukturhomologie des Detektivromans und der Suche nach dem anthropologischen ›missing link‹, die beide als quest aufgefasst werden. Die im Kontext nahe liegende Frage, ob das Prinzip der Detektion nicht eine anthropologische Konstante ist, die im speziellen Fall zur Strukturierung unterhaltender Lektüren eingesetzt wird, wird allerdings nicht gestellt. – Eine Skizze der Geschichte des Pflanzen- und Tierbildes mit den Schwerpunkten der Renaissance, des Übergangs von Aufklärung zum Positivismus und der Romantik liefert Norbert M. Schmitz unter dem Titel Zwischen Aufklärung und Darwinismus. Anmerkungen zum Wandel von Wissenschaftsparadigmen und Naturdarstellung in der Moderne. Kay Kirchmann hingegen beschreibt in Zurück in die Zukunft? Inszenierungen des (Affen-)Menschen im Science-Fiction-Film Spielformen der Wissenschaftsadaptation im Kino, insbesondere die Konstellation einer Zeitreise, die zum Planeten der Affen führt. Sie sei eine mythische Gegenproklamation gegen jeden Anspruch auf Einmaligkeit.

Den Abschluss der Beiträge dieses Bandes bildet schließlich eine wenig erfreuliche Stellungnahme des Philosophen Martin Seel zum Nutzen und Nachteil der evolutionären Ästhetik. Seel hat offenbar kein Verständnis für realwissenschaftliche Forschungsprogramme. Er missversteht deren Vorgehensweise, den Geltungsbereich der Befunde tentativ möglichst weit zu spannen (im Popperschen Sinn: möglichst ›kühne‹ Hypothesen zu entwerfen), um sie dann möglichst strengen empirischen Prüfungen zu unterziehen. Da der zweite Teil des Verfahrens dem Philosophen fremd ist, wittert er den konkurrierenden Anspruch einer »Allkompetenz der biologischen Ästhetik« (S. 328), es könne »nicht wahr sein, dass allein die Biologie uns sagen kann, wie es mit dem Interesse am Schönen letztlich steht« (S. 333). Die meisten Arbeiten zur evolutionären Ästhetik erhöben »den Anspruch einer umfassenden Analyse der Grundlagen des ästhetischen Verhaltens« (S. 329). Gegen solche angebliche Anmaßung lässt sich natürlich der Standard-Einwand gut in Positur bringen, die evolutionäre Ästhetik sei »reduktionistisch«, sie sei »von ihrem Ansatz her« nicht in der Lage »eine auch nur annähernd vollständige Explikation der Grundlagen ästhetischer Praktiken zu geben« (S. 329) – wie das die Philosophie anscheinend kann. Oder? Seels Umgang mit der evolutionsbiologischen Unterscheidung von ›proximaten‹ und ›ultimaten‹ Ursachen (er spricht von ›Ebenen‹) schließlich ist so konfus, dass ein Dialog vorerst unmöglich erscheint. Ich bedaure das, denn die gegenwärtigen Tendenzen der evolutionären Ästhetik könnten durchaus eine Herausforderung durch die philosophische Ästhetik vertragen (3). Und bedauerlich ist es auch, weil das Verhältnis der Anthropologie zu Literatur und Kunst sonst im ganzen Band nur in dem traditionellen Sinne erscheint, dass anthropologische Sachverhalte in Literatur und Kunst als ›Motive‹ vorkommen.

Wer von einer ›Bestandsaufnahme‹ eine annähernd vollständige enzyklopädische Darstellung erwartet, wird enttäuscht sein. Es schlagen hier doch die Kontingenzen eines Jubiläumskolloquiums durch. Dem Versuch, einige Zufälligkeiten systematisch einzufangen, sind wohl auch einige Inkonsistenzen zuzuschreiben: Nur das Inhaltsverzeichnis fasst die Aufsätze zu vier Gruppen zusammen („Paläoanthropologische Zugriffe“, „Empirische Herausforderungen“, „Soziale Zuschreibungen“ und „Kulturelle Erzählungen“), die Gruppenzugehörigkeit der einzelnen Aufsätze ist nicht immer plausibel, und die Reihenfolge, in der die Aufsätze in der Einleitung vorgestellt werden, weicht von der ab, in der sie tatsächlich gedruckt sind. Aber man hat auf geschickte Weise aus der Not eine Tugend gemacht: Die meisten Beiträger wenden – bewusst? unbewusst? – eine Technik an, die der gegenwärtigen Situation vielleicht angemessener ist als die enzyklopädische Methode: Sie explizieren eine bestimmte Einzelthese oder Einzelfragestellung, nutzen diese Gelegenheit aber auch zur Ausbreitung ›überschießender‹ Informationen, so dass der jeweilige Wissensstand in actu vorgeführt werden kann. Das hat jedenfalls den großen Vorzug, dass der Anschein vermieden wird, hier handle es sich um rundum gesichertes Wissen. Überdies sieht man den Argumentationsapparat des jeweiligen Faches bei der Arbeit. So sind z. B. die Argumentationen von Hartmut Rothe und Winfried Henke Musterbeispiele für das raffinierte Geflecht von Fakten, begründeten Vermutungen und Schlussfolgerungen der Paläoanthropologie (und insofern ein Beleg für die Grundthese von Griem und Richter). Wer auf dieser beweglichen Basis weiterarbeiten will, ist freilich zu einem hohen Maß an Selbständigkeit verurteilt. – Eine bemerkenswert ausführliche Einleitung stellt die einzelnen Beiträge vor und versucht dabei, auch eine Gesamtskizze der derzeitigen Problemlage zu entwickeln. Erschlossen werden die Informationen durch ein Sachregister.

Prof. Dr. Karl Eibl, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Deutsche Philologie, Schellingstraße 3 RG, 80799 München; E-Mail: karl.eibl@germanistik.uni-muenchen.de


Anmerkungen

(1)Wenn nicht Wörter wie »notwendigerweise« oder »gleichermaßen« völlige Identität ausdrücken sollen – aber das verfehlt dann auch den Sachverhalt bei Tieren; manche Hunde haben entsetzliche Angst vor Gewittern und manche nehmen sie gar nicht zur Kenntnis. Zum Zusammenhang von Angstbereitschaft und auslösender Konditionierung vgl. z. B. Arne Öhman/Susan Mineka, Fears, Phobias, and Preparedness. Toward an Evolved Module of Fear and Fear Learning. In: Psychological Review 108 (2001), S. 483-522.  [zurück]

(2)Beliebtes Beispiel für die zentrale Rolle der Sexualität als Motiv für Aggression sind die Yanomamö am Orinoko, aber die sind bereits sesshaft. [zurück]

(3)Eine Grundlegung für ernsthafte Weiterarbeit, die für beide Seiten förderlich wäre, scheint mir nun durch zwei Aufsätze der ›Evolutionären Psychologen‹ Leda Cosmides und John Tooby gegeben: Leda Cosmides/John Tooby, Consider the Source. The Evolution of Adaptations for Decoupling and Metarepresentations. In: Dan Sperber (Hg.), Metarepresentations. A Multidisciplinary Perspective. New York 2000, S. 53-116, sowie Leda Cosmides/John Tooby, Does Beauty Build Adapted Minds? In: SubStance. A Review of Theory and Literary Criticism. 30 (2001), 1+2 (Special Issue: On the Origin of Fictions), S. 6-25. Demnächst in deutscher Übersetzung in: Uta Klein, Katja Mellmann, Stefanie Metzger (Hg.), Heuristiken der Literaturwissenschaft. Paderborn 2006. [zurück]