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In: KulturPoetik 2005, Heft 2

Autor

Thomas Pekar

Titel

Japan - das unmögliche Objekt?
Deutschsprachige Schriften zu Japan 1477 bis 1945. German Books on Japan 1477 to 1945. Mikrofiche-Edition. Zusammengestellt von Markus Koller. 4 Teile. Teil 1: Geschichte. 2002-2003; Teil 2: Religion, Theologie und Philosophie. 2003-2004; Teil 3: Literatur, Bildende Kunst und Musik. 2005-2006. Teil 4: Landes-, Kultur- und Alltagsgeschichte. 2007. München: K.G. Saur Verlag.

Kategorie

Rezension

Volltext

Im neuzeitlichen Diskurs des Westens über Japan erschien – und erscheint vielleicht bis heute – dieses Land immer wieder als eine Art ›unmögliches Objekt‹, als ein, wie Clifford Geertz gesagt hat, »gewaltiges Etwas, ordentlich, kompliziert und wahnsinnig emsig, das sich wie eine Escher-Figur nicht berechnen läßt«.(1) Japan war aber nicht immer so fremd und exotisch: Der Historiker Renward Cysat (1545-1614) schrieb z.B. 1586, »daß die Japponier [...] den Europern wol zuvergleich«(2) seien; und auch frühe Besucher Japans, z.B. der in Diensten der holländischen Ostindien-Kompanie stehende Arzt Engelbert Kaempfer (1651-1716), der sich 1690 bis 1692 zumeist auf der Nagasaki vorgelagerten Insel Deshima aufhielt, betonte in seinem Japanbuch ebenfalls immer wieder Ähnlichkeiten zwischen Europa und Japan.

Schon diese Beispiele zeigen, dass die Informationen, die in westlichen Texten über Japan zu finden sind, immer als Teil einer umfassenden westlichen »Repräsentationspraktik«(3) angesehen werden müssen, die den Anderen, in diesem Fall Japan, zum Gegenstand hat. Wenn Jürgen Osterhammel einmal polemisch zugespitzt gemeint hat, dass, wenn die Reiseliteratur nur »Fehlrepräsentationen, Zerrspiegelungen und Entstellungen außereuropäischer Kulturen« enthalte, »ganze Bibliotheken von Amerika-, Asien- und Afrikaliteratur [...] besser dem Vergessen anheimfallen sollten«,(4) so hat er dabei übersehen, dass diese Bibliotheken gerade deshalb von höchster Relevanz sind, weil sie uns – wie wohl keine anderen Schriften – über unsere eigenen europäischen Bewusstseinslagen, über unsere eigen-kulturelle Repräsentationstechnologie informieren. So gesehen ist die hier anzuzeigende Publikation der deutschsprachigen Schriften zu Japan nicht nur ein Ereignis für Japanologen und Japanophile, sondern darüber hinaus auch für all diejenigen, die an der deutschsprachigen Kulturgeschichte und ihren Repräsentationspraktiken interessiert sind.

Was wird in dieser Edition geboten? Rund 3.000 Monographien der deutschsprachigen Literatur aus den letzten 500 Jahren zur japanischen Geschichte, Politik, Religion, Philosophie, Kultur, Literatur, Kunst und Landesgeschichte werden als Mikrofiche zugänglich gemacht. Selbstredend ist diese Literatur im Original auf viele verschiedene Bibliotheken zerstreut und in ihrem Bestand auch, z.B. durch Papierzerfall, bedroht. Eingeteilt ist die Mikrofiche-Edition dieser Literatur in vier Teile mit ca. 16 Lieferungen, wobei pro Lieferung der stolze Preis von € 1.590,- berechnet wird, d.h. der Gesamtpreis für alle Werke in vier Teilen beträgt dann rund € 25.440,-. Dies wird sich in Zeiten leerer Kassen nicht jede Bibliothek leisten können. Dieser hohe Preis, aber auch die im CD-Zeitalter altertümliche Mikrofiche-Präsentationsform, sowie die etwas spärlichen Begleithefte zu den einzelnen Lieferungen (nach Abschluss der einzelnen Teileditionen sollen allerdings Bände mit Gesamtbibliographien und Sachindices erscheinen) machen den Zugang auf das hier versammelte Material nicht unbedingt einfach. Wer sich jedoch über diese Hürden hinwegsetzt, der betritt eine terra incognita, denn eine Beschreibung, geschweige denn eine Analyse dieses  vielschichtigen und auch z. T. widersprüchlichen Diskurses, der im deutschen Sprachbereich über Japan geführt wurde, wurde bislang so gut wie noch nicht geleistet.(5)

Dieser Diskurs setzte im 16. Jahrhundert mit Sendschreiben der Jesuiten ein, die Japan missionieren wollten, und wird dann im 17. und 18. Jahrhundert vor allem von deutschen Ärzten, die, wie der erwähnte Engelbert Kaemper oder der bekannte Japan-Forscher Philipp Franz von Siebold (1846-1911), in holländischen Diensten standen, fortgesetzt (die Edition umfasst selbstverständlich Kaempfers und Siebolds berühmte Japanbücher). Da sich Japan vor allem nach Gründung des deutschen Reiches in vielen Bereichen an Deutschland orientierte und deshalb eine Reihe von Deutschen in Japan, z.B. als Ärzte, Juristen, Militärberater oder Geisteswissenschaftler, tätig waren, erschien in dieser Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine Vielzahl von grundlegenden Schriften über Japan. Die unheilvolle ›Achsen-Allianz‹ zwischen Japan und Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus’ ließ eine reichhaltige, wenn auch propagandistisch verzerrte Japan-Literatur entstehen.

Die Edition, die auf einer neueren Japan-Bibliographie beruht, umfasst nicht alle Bücher aus dieser Zeit, z. T. aber auch deutsche Übersetzungen fremdsprachiger Bücher, vor allem aus dem Japanischen. Dass allerdings keine japanbezogenen Aufsätze aufgenommen wurden, die z. T. ja noch schwieriger einzusehen sind als Bücher, muss als ein gewichtiger Mangel dieser Edition vermerkt werden, die 2007 abgeschlossen sein soll  (bislang sind die Teile 1 und 2 erschienen; im Laufe des Jahre 2005 und 2006 wird Teil 3 erscheinen, 2007 Teil 4 und ein Index).

Prof. Dr. Thomas Pekar, German Department, Gakushuin University, 1-5-1 Mejiro, Toshima-ku, 171-8588 Tokyo, Japan; E-Mail: thomas.pekar@gakushuin.ac.jp


Anmerkungen

(1) Clifford Geertz, Die künstlichen Wilden. Anthropologen als Schriftsteller. Frankfurt/M. 1993, S. 115. [zurück]

(2) Renward Cysat, Wahrhafftiger Bericht von den newerfundnen Japponischen Inseln und Königreichen. Neudruck der Ausgabe Freiburg 1586. Tokyo 1972, S. 244. [zurück]

(3) Stephen Greenblatt, Wunderbare Besitztümer. Die Erfindung des Fremden: Reisende und Entdecker. Darmstadt 1994, S. 13. [zurück]

(4) Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. München 1998, S. 26. [zurück]

(5) Vgl. zu Teilaspekten dieses Diskurses jetzt: Thomas Pekar, Der Japan-Diskurs im westlichen Kulturkontext (1860-1920). Reiseberichte – Literatur – Kunst. München 2003. (6) Vgl. Wolfgang Hadamitzky/Marianne Kocks, Japan-Bibliografie. Verzeichnis deutschsprachiger japanbezogener Veröffentlichungen. München 1990-2000. [zurück]