Detailansicht

In: KulturPoetik 2005, Heft 2

Autor

Thomas Schmidt

Titel

Verschwommen?
Charles Sprawson, Schwimmen – eine Kulturgeschichte. Übers. v. John von Düffel und Peter von Düffel. Hg. und mit Vor- und Nachwort versehen von John von Düffel. München, Zürich: Piper 2004. 336 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Charles Sprawson habe, so John von Düffel im Vorwort, die »erste Kulturgeschichte des Schwimmens« (S. 10) geschrieben.(1) Dazu setzt Sprawson im 19. Jahrhundert mit der englischen Vorherrschaft (im Schwimmen) ein, blendet von dort in die griechische und römische Antike zurück, widmet der britischen Insel drei weitere Kapitel (Der Eton-Stil; Die Tradition Byrons; Englische Schwimmer), um dann nach der Behandlung der Deutschen Romantik auch einen außereuropäischen, kulturvergleichenden Standpunkt einzunehmen: Nordamerika und Japan kommen in den Blick. Nach dieser Abfolge verblüfft jene »zweite Lesart«, die das Nachwort anbietet: Danach ist das Buch »kein historischer Abriss, sondern eine lebendige Schwimmer-Typologie« (S. 317). Eine ahistorische Kulturgeschichte also?

In der Tat sollte man ›Geschichte‹ hier bei allem historischen Anspruch eher im narrativen Sinne verstehen. Eine Kulturgeschichte im streng akademischen Sinne ist Sprawsons Text jedenfalls nicht, u.a. auch, weil einige der Quellen sich als stark kontaminiert erweisen. Zudem fehlen wichtige schwimmhistorische Daten oder werden gar unterschlagen, so dass beispielsweise – mit Ausnahme der Antike – der europäische Hintergrund der um 1800 revitalisierten Schwimmkultur zugunsten der englischen ›Vorherrschaft‹ weitgehend im Dunkeln bleibt: Vor der Londoner (1774) etwa entstanden bereits in Amsterdam (1769) und Kopenhagen (1772) Lebensrettungsgesellschaften; und vor dem ersten englischen (1828, vgl. S. 93) wurde bereits 1796 in Uppsala der erste schwedische Schwimmverein gegründet. Anstatt Nikolaus Wynman, der 1538 mit Colybetes sive de arti natandi dialogus die erste Abhandlung über das Schwimmen überhaupt veröffentlichte, wird diese Initialleistung von Sprawson seinem Landsmann Everard Digby zugeschrieben (S. 82), dessen De arte natandi libri duo (1587) gleichwohl eine größere Wirkung hatte.(2) Wynman hingegen findet keine Erwähnung. Ebenso ergeht es Oronzio de Bernardi und Johann Christoph Friedrich GutsMuths. Der Italiener wollte mit seinem 1797 ins Deutsche übertragenen Buch Vollständiger Lehrbegriff der Schwimmkunst, auf neue Versuche über die spezifische Schwere des menschlichen Körpers gegründet (italien. EA Neapel 1794) dem aufgeklärten Menschen die Angst vor dem fremden Element durch den Nachweis nehmen, er sei ein Zehntel leichter als Wasser. Der Deutsche GutsMuths, einer der Begründer der modernen Leibesübungen, hat in seinem Kleinen Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterrichte (Weimar 1798) die Anleitungen des Italieners verarbeitet und um die deutsche Schwimmschule ergänzt. Für dieses Buch bat GutsMuths einen ehemaligen Zögling  und nunmehrigen Studenten in Halle um Auskünfte zum Wasserspringen der dortigen Salzsieder,(3) der Halloren, deren alte Schwimm- und Springtradition GutsMuths selbst während seines Studiums in der Saalestadt kennengelernt hatte. Mithin wird man auch große Zweifel daran haben dürfen, dass das Kunstspringen, wie Sprawson schreibt, seinen Ursprung in der Jahnschen Turnbewegung gehabt haben soll (S. 209).

Mindestens ebenso problematisch wie die Darstellung des Schwimm-Diskurses sind Sprawsons Ausführungen zur historischen Praxis dieser Leibesübung: Hier obwalten mitunter Kurzschluss und Suggestion, insbesondere beim Blick auf die Antike: Permanent müssen sich dort Schwimmen, Baden und Wasserkultur im ganzen, die bei aller Interdependenz verschiedene, teils divergierende historische Verlaufslinien aufweisen, wechselseitig sekundieren, wenn sie nicht überhaupt umstandslos in eins gesetzt werden (u.a. S. 59). Ziel dieser Strategie ist es sichtlich, das Schwimmen ins Zentrum der antiken Kultur zu rücken: »In der griechischen Zivilisation schien sich alles um das Wasser zu drehen« (S. 67). Auf diese Weise werden die Grenzen zwischen den Nymphen und Najaden der griechischen Mythologie, der prachtvoll-dekadenten Badekultur Roms, den Kraftleistungen der Meerschwimmer und der militärischen Ausbildung zugunsten eines ebenso konstruierten wie suggestiven Argumentationsflusses verwischt.

Zugestanden: Nicht der Altertumswissenschaftler Sprawson hat sein zweifelsohne faszinierendes und in vielen Passagen kenntnisreiches und erhellendes Buch als Kulturgeschichte deklariert, sondern sein hiesiger Verlag. Das mit dem deutschen Titel formulierte Programm repräsentiert dennoch einen Anspruch des Autors, denn Sprawson schafft sehr wohl eine historische wie auch kulturelle Kohärenz, und diese wird – das ist der springende Punkt – in erster Linie über die schöne Literatur und ihre Produzenten gestiftet. Anders gesagt: Das Buch mäandert entlang literaturgeschichtlicher Fundstellen und erzeugt ein »Geflecht von kulturellen Wasserfährten, literarischen Schwimmerlebnissen und aquatischen Wahlverwandtschaften mit den großen Schriftstellern verschiedener Epochen« (Vorwort, S. 10). Die Affinität von Schwimmen und Literatur steht dabei im Zentrum von Sprawsons Interesse. Schriftsteller sind bei ihm zuallererst Schwimmer oder doch zumindest vom Wasser fasziniert: Lord Byron und Shelley, Goethe und Thomas Mann, Edgar Allan Poe, Jack London und Tennessee Williams. Das umfangreiche Namensregister zeigt die Ausmaße dieser Spurensuche.

Indes beschädigt auch hier der oftmals fahrlässige und mutwillige Umgang mit dem Faktischen die Pointe dieser These. Wenn Novalis’ Angebetete graphemisch reduziert (von Kuhn statt von Kühn, S. 215) oder Goethes erste Schweizreise auf 1875 (anstatt auf 1775, S. 221) datiert wird, dann mag man das dem Übersetzer oder dem Drucker anlasten. Dass Goethe aber auf jener frühen Reise durch die Schweiz zu der Erkenntnis gekommen sei, Schwimmen sei für ihn »die einzige Möglichkeit […], den Geist der griechischen Mythologie nachzuempfinden und seine Neugier beim Anblick nackter Körper zu befriedigen« (S. 217), ist bei aller Nähe der späteren Auswertung dieser Reiseerfahrung in den Briefen aus der Schweiz (»Bildnis der Danae«)(4) zu Winckelmanns These von der Geburt des antiken Schönheitsideals aus der Praxis der Leibesübungen, euphemistisch gesagt,  überzeichnet – und nicht nur, weil Goethe in dieser Episode nicht die Rolle des nackt Badenden, sondern die des Beobachtenden einnimmt. Eine Vielzahl weiterer Instrumentalisierungen, etwa die unkommentierte Begründung jenes von Winckelmann tatsächlich an der antiken Plastik entwickelten Schönheitsideals durch die »Betrachtung des ruhigen Meeres und das Kosten von reinem Wasser« (S. 69) oder die vollständige Entkontextualisierung von Brief- und Romanpassagen Goethes (z.B. S. 220), ließen sich ergänzen.

Was spricht dagegen, die Kulturgeschichte einer menschlichen Bewegungsform vorrangig entlang literarischer Texte und der Biographien schwimmender Autoren zu schreiben? – Mario Leis hat jüngst gar eine Geschichte des Sports zu Teilen mit literaturhistorischen Details flankiert oder jene aus diesen entwickelt.(5) – Neben der normierenden Reduktion von Kultur auf literarische und künstlerische Höhenkamm-Leistungen ist das vor allem die Tradition einer affirmativen und legitimatorischen Spiegelung der Geschichte der Leibesübungen in der der Literatur. Der Begründer dieser Tradition Carl Diem, vom Kaiser- über das Dritte Reich bis hin zur Bundesrepublik der wohl wichtigste deutsche Sportfunktionär, hat mit den Schwimmkapiteln in seinen Büchern Körpererziehung bei Goethe (1948) und Lord Byron als Sportsmann (1950) Sprawson sichtlich mit Material versorgt. Ziel der literaturhistorischen Spurensuchen war es, den Sport am kulturellen Prestige der Literatur teilhaben zu lassen und ihn damit aufzuwerten. Dadurch wird jedoch nicht allein der literarische Kanon auf radikale Weise ideologisiert. Das Problem liegt tiefer: Die unreflektiert affirmative Korrelationierung von Literatur und Sport kann ihre Intention nie einlösen, denn sie blendet den literarischen Anteil an den kulturellen Legitimitätsproblemen des Sports notgedrungen aus und wird diese somit stets reproduzieren.

Eine kulturelle Aufwertung der Bewegungskultur stand, anders als für Diem und seine Schüler, gleichwohl nicht in Sprawsons Absicht. Auch zielt er nicht auf jenen Reiz, den ein Ineinanderspielen von Sport und Literatur, die Reich-Ranicki einst als »feindliche Brüder«(6)  bezeichnete, zweifelsohne erzeugt. Sprawson hat erklärtermaßen eine Obsession, die er kulturhistorisch zu verankern sucht, und diese heißt – Schwimmen, Baden, Wasser. Der Autor berichtet am Rande seiner geschichtlichen Darstellung eingehend davon, wie er Plinius, Byron oder Tennessee Williams beim Wort nahm und in deren Bahnen schwamm. Als das Buch 1992 erschien, wurde es im New York Review of Books in den höchsten Tönen gepriesen. Die Rezensentin, die englische Schriftstellerin Iris Murdoch, selbst im Text erwähnt (S. 203), war bekennende Schwimmerin, und auch der deutsche Herausgeber, John von Düffel, hat sich publizistisch als Schwimmer positioniert.(7) Hier, in der kulturhistorischen Verlängerung der Schwimmobsession, liegt die Faszination des Buches, eine Faszination, die sich einem gelegentlichen Freibadgänger und Urlaubsbadenden zwangsläufig entzieht und ihm das Buch zu einem ethnologischen Bericht machen muss.

Bleibt die Frage nach der Tragweite der Beziehung zwischen Schwimmen und Literatur: Hat das schwimmerische Engagement von Byron, Goethe und anderen tatsächlich zur Restituierung einer Bewegungsform beigetragen, wie etwa im Falle des Eislaufs, wo Klopstock als Vorläufer Wege bahnte? Dass Wassererfahrungen von Autoren ins Metaphernkapital ihrer Texte transformiert wurden, dass sich im Akt des Schwimmens wie im Schreiben der gleiche kulturkritische Impuls äußern kann, dass Schwimmen und Schreiben im Alleinsein und Ausliefern an das Ungewisse strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen können, ist wohl unstrittig, gilt jedoch kaum universell. Die Verknüpfung von körperlicher Aktivität und künstlerischer Produktivität im Falle Byrons war schon für Goethe und Grillparzer die Ausnahme. So lassen sich denn auch ernstzunehmende literarische Stimmen gegen das Schwimmen hören: die launische von F.C. Delius etwa, der auf eine Anfrage der französischen Tageszeitung La Libération im Jahr 1985, warum er schreibe, antwortete: »Weil ich ein schlechter Schwimmer bin«. Oder die unmissverständliche von Ernst Jandl, dessen Nasses Gedicht hier auszugsweise das letzte Wort haben soll: »das schwimmen hat mir immer sehr geschadet / ich habe niemals gern in meer see teich gebadet / ich fühlte nie des schwimmers todeslust / hab immer stracks zurück zum strand gemußt«.(8)

Dr. Thomas Schmidt, Georg-August-Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37073 Göttingen; E-Mail: post@LiteraturundSport.de


Anmerkungen

(1) Die englische Originalausgabe von Sprawsons Text erschien zuerst 1992 als: »Haunts of the black masseur«: the swimmer as hero. London, 1992. Die hier besprochene Ausgabe ist die unveränderte Taschenbuchausgabe der ersten deutschsprachigen Edition: Ich nehme dich auf meinen Rücken, vermähle dich dem Ozean. Die Kulturgeschichte des Schwimmens. Hamburg: Marebuchverlag 2002. [zurück]

(2) Vgl. Arnd Krüger, Schwimmen. Der Wandel in der Einstellung zu einer Form der Leibesübungen. In: Ders./John McClelland, Anfänge des modernen Sports in der Renaissance. London 1984, S. 19-42. [zurück]

(3) Vgl. dazu Willi Schröder, Johann Christoph Friedrich GutsMuths. Leben und Wirken des Schnepfenthaler Pädagogen. Sankt Augustin 1996, S. 10. [zurück]

(4) Werner Ross, Vom Schwimmen in Seen und Flüssen. Lebensgefühl und Literatur zwischen Rousseau und Brecht. In: arcadia 3 (1968), S. 267. [zurück]

(5) Mario Leis, Sport. Eine kleine Geschichte. Leipzig 2003. [zurück]

(6) Marcel [Reich-Ranicki], Betrifft Literatur und Sport. In: Die Zeit, 14.2.1964, S. 12. [zurück]

(7) Vgl. John von Düffel, Schwimmen. Kleine Philosophie der Passionen. München 2000. [zurück]

(8) Ernst Jandl: nasses gedicht. In: Ders., Poetische Werke, Bd. 9. Hg. v. Klaus Siblewski, München 1997, S. 20. [zurück]