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In: KulturPoetik 2005, Heft 2

Autor

Angela Leona Oster

Titel

Die Legitimität der Technik. Von der klassischen Apparatur zum hypermedialen Interface
(1) Bernhard Irrgang, Philosophie der Technik. Bd. 1: Instrumentelles Verstehen und technisches Handeln. Bd. 2: Technische Praxis. Gestaltungsperspektiven technischer Entwicklung. Bd. 3: Technischer Fortschritt. Legitimitätsprobleme innovativer Technik. (2) Susanne Fohler, Techniktheorien. Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen
(3) Andreas Lösch/ Dominik Schrage/ Dierk Spreen/ Markus Stauff (Hg.), Technologien als Diskurse. Konstruktionen von Wissen, Medien und Körpern
(4) Tim Armstrong, Modernism, Technology, and the Body. A cultural study
(5) Stefan Rieger, Die Ästhetik des Menschen. Über das Technische in Leben und Kunst
(6) Steven Johnson, Interface Culture. Wie neue Technologien Kreativität und Kommunikation verändern

Kategorie

Rezension

Volltext

(1) Bernhard Irrgang, Philosophie der Technik. Bd. 1: Instrumentelles Verstehen und technisches Handeln. Bd. 2: Technische Praxis. Gestaltungsperspektiven technischer Entwicklung. Bd. 3: Technischer Fortschritt. Legitimitätsprobleme innovativer Technik. Paderborn u.a.: Schöningh 2001/2002/2002. 240/235/218 S.

(2) Susanne Fohler, Techniktheorien. Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen. München: Wilhelm Fink 2003. 295 S.

(3) Andreas Lösch/Dominik Schrage/Dierk Spreen/Markus Stauff (Hg.), Technologien als Diskurse. Konstruktionen von Wissen, Medien und Körpern. Heidelberg: Synchron 2001. 256 S.

(4) Tim Armstrong, Modernism, Technology, and the Body. A cultural study. Cambridge: University Press 1998. 309 S.

(5) Stefan Rieger, Die Ästhetik des Menschen. Über das Technische in Leben und Kunst. Frankfurt/M.: suhrkamp taschenbuch 2002. 518 S.

(6) Steven Johnson, Interface Culture. Wie neue Technologien Kreativität und Kommunikation verändern. Stuttgart: Klett-Cotta 1999. 296 S.



Techniken und Technologien nehmen in den Humanwissenschaften einen stetig steigenden Stellenwert ein, da sie in verschiedensten gesellschaftlichen Theorie- und Praxisbereichen (Arbeit, Kultur, Alltag, Wissenschaft) virulent sind. Diese Relevanz scheint um so nachhaltiger zu sein, als der ›Einfluss‹ der Technik nicht lediglich Randbereiche verändert, sondern die Gesellschaft als ›Ganzes‹ erfasst: Politik und ihre diversen Machtausübungen (Globalisierung, Ökologie, weltweite Kommunikationstechniken und Informationsverteilungen) sind von den Technologien ebenso betroffen wie der Umgang der Menschen miteinander bzw. mit sich selbst. Die Vernetzung von Nutzeffekten, ethischen Gesichtspunkten und ästhetischen Erwägungen prädestiniert das Feld der Technik zu einem interdisziplinären Diskussionsobjekt. Fragen und Probleme der Technik siedeln sich an den Schnittstellen zwischen den einzelnen Wissenschaften an, und ihre komplexen Wechselwirkungen werden in der Regel in kulturwissenschaftlichen Ansätzen erörtert. Als ›universelles‹ Medium theoretischer und praktischer Welterschließung neigt der Technikfokus leicht dazu, angesichts globaler Perspektiven den Blick für das Spezielle zu verlieren bzw. allzu monokausal oder simplifizierend zu argumentieren. Denn auch wenn Techniken als Katalysatoren gesellschaftlicher Transformationen gelten können, ist damit noch keineswegs geklärt, wie die Funktionsweisen dieser Transformationen konkret zu denken sind. Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, dass der Begriff der Technologie vieles (industrielle Techniken, bio- und gentechnische Experimente, wissenschaftspraktische Innovationen u.a.m.), aber gleichzeitig auch weniges bedeuten kann, wenn er im jeweiligen wissenschaftlichen Zugang nicht genauer definiert wird.

Deutlich wird allerdings, dies erweist das Spektrum der in dieser Rezension zu besprechenden Bücher, dass innerhalb der aktuelleren Technik-Debatten vor allem die Auseinandersetzungen mit Medientechnologien dominieren. Die Medialität des Technischen wird wiederum vorrangig in Hinblick auf die Kategorie des Körpers ausgetragen und erweitert das klassische anthropologische Verständnis um wichtige Erkenntnisse. Lebhaft wird darüber diskutiert, ob korporale Techniken als Instrumente oder als materiell prästrukturierte Konstituenten betrachtet werden sollen. Im ersten Fall münden die Debatten in Fragen nach der ›richtigen‹ oder ›falschen‹ Handhabung bzw. Verwendung von Techniken (d.h. es wird vorwiegend soziokulturell bzw. ethisch argumentiert), während auf der anderen Seite nach eigenständigen Logiken der Technologien geforscht wird. Hingegen scheint zwischenzeitlich ein Konsens darüber zu bestehen, dass der Bereich der Technik nicht länger gegen eine ›geistige Kultur‹ ausgespielt werden kann (technikpessimistische Variante), und umgekehrt sollte ein Medium nicht zum Mittel allseitiger Problemlösung stilisiert werden (technokratische Variante). Im dynamischen Spannungsfeld zwischen Wissen, Konstruktion, normativer Orientierung und institutionell verfestigten Handlungsmustern kristallisiert sich in der Technikforschung vielmehr langsam die Absicht heraus, sowohl die technikkritische als auch die technokratische Fixierung zu Gunsten einer dritten Reflexionsposition zu überwinden. Kultur und Technik werden nicht mehr als isolierte Wirkungsquellen aufgefasst, sondern als ambivalent codierte Diskurse, die sich immer schon miteinander im Austausch befinden. Vor allem das Sprechen bzw. das Schreiben über Kultur und Technik – diese Erkenntnis könnte in Zukunft die Diskussion zum Thema beflügeln – sind ebenso Bestandteil, ja konstitutives Kennzeichen des technologischen Diskurses wie die kontextuell ausgerichteten Nutzformen desselben. Allerdings bleibt dieser Aspekt, so viel sei vorweggenommen, in den im folgenden zu besprechenden Studien ein merk- und deshalb denkwürdig unterbelichteter Aspekt, auch wenn er in nahezu allen Publikationen zumindest ansatzweise angedacht wird. In der Technik-Forschung wird auffällig viel über gesellschaftliche, soziale und kulturelle ›Auswirkungen‹ von Techniken geschrieben, doch kaum einmal tritt die Fiktionalität, die sprachliche Konstruktion und Genese technologischer Diskursstellen und ihrer Materialisierung in den Vordergrund der Betrachtung, obwohl doch die Technik zum Gegen-Stand zuallererst im Medium der sprachlichen Reflexion wird. Auch das Versagen oder die Effizienz von Techniken (ihre ›Machbarkeit‹ und ihre Gefährdungen) sind letztendlich Resultate nicht der Apparaturen selbst, sondern ihrer kontroversen Diskursivierungen in Philosophie, Soziologie und Ästhetik, wie die zu besprechenden Titel mit einer Vielzahl von Ideen und Fragestellungen vor Augen führen.



Bernhard Irrgang, Philosophie der Technik. Bd. 1: Instrumentelles Verstehen und technisches Handeln. Bd. 2: Technische Praxis. Gestaltungsperspektiven technischer Entwicklung. Bd. 3: Technischer Fortschritt. Legitimitätsprobleme innovativer Technik. Paderborn u. a.: Schöningh 2001/2002/2002. 240/235/218 S.

Bernhard Irrgangs Publikationen stellen den Versuch dar, in einer Art Dreierschritt, der an den Aufbau von Kants Kritiken erinnert – der Trias reine und praktische Vernunft und Urteilskraft entsprechen bei Irrgang Theorie, Praxis und Fortschritt –, eine Philosophie der Technik zu entwerfen. Irrgang arbeitet dabei phänomenologisch, und er argumentiert vor allem dezidiert hermeneutisch: Technik ist nur dann gestalt- und handhabbar, wenn sie richtig verstanden wird. Möglichkeiten und Grenzen der Philosophie in Hinblick auf das Phänomen der technischen Kultur werden in dieser Zugangsweise auf besonders prägnante Weise evident.

Der Aufbau der drei Bände ist nahezu identisch: Nachdem unterschiedliche Perspektiven und Positionen in mehreren Kapiteln vorgestellt werden, ist die Diskussion und Pointierung der wichtigsten Sachverhalte den Schlusskapiteln vorbehalten. Die Technik, so betont Irrgang in Band 1 seiner Philosophie der Technik, werde »nicht mehr wie in früheren Jahren automatisch mit Fortschritt und Nutzen in Verbindung gebracht, sondern als Mitverursacher der ökologischen Krise gesehen« (I, S. 8). Die Aufgabe der Philosophie, darauf insistiert der Verfasser, könne nicht darin bestehen, »technologische Trends exakt erfassen zu wollen«, sie müsse sich vielmehr »ihrer normativen Aufgabe« (I, S. 13) bewusst bleiben. Dabei seien drei Formen des Wissens gefragt: technisches, situatives und prognostisches Wissen (I, S. 16). Als Grundlagenwissenschaft hinterfrage die Philosophie das pragmatische Wissen der Technikwissenschaften (I, S. 57), die sich auf die Herstellung und Funktionsweisen der Technik konzentrieren und die Kombinationsmöglichkeiten der Naturgesetze ausloten. Mit Bezug auf G. Ropohl weist Irrgang den Universalanspruch der Naturwissenschaften in ihre Schranken. Diese hätten zum einen kein Monopol auf die Technik als Gegenstand der Forschung, zum anderen hätten sie lediglich eine instrumentelle, nicht konstitutive Rolle (S. 66), auch wenn ihr Fachwissen im Technikdiskurs unentbehrlich bleibe.

Die Profilierung der Technik im ersten Band als »Kontingenzmanagement« (I, S. 126), das sowohl neue Handlungsoptionen eröffne als auch eine Kontingenzerhöhung bedeute, begreift die Technologien als in die Kultur involvierte Phänomene, die nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen sind. Von daher verwundert es nicht, dass der zweite Band so unterschiedliche Theorien wie Systemtheorie, Kybernetik und biologisch-kulturelle Naturökonomie behandelt, die als Grundlage für eine Problematisierung der industriellen Revolution, der Technisierung des Alltags und der Globalisierung fungieren. Dabei erinnert der Autor auch an die wichtigsten Grundmodelle der technischen Entwicklung – der Schwerpunkt wird hier auf die Geschichtsphilosophie der Aufklärung gelegt –, deren imposante Tradition Irrgang allerdings im zweiten Band zu der wohl doch voreiligen These verführt, dass wirkliche Innovationen kaum mehr stattfinden und auch in Zukunft nicht zu erwarten sind. Überzeugender sind Irrgangs Hinweise auf die Leitbilder der Gesellschaft und ihre unausgesprochenen Normen, die den kulturellen Prozess technologischer Artefakte nachhaltig beeinflussen. Die Akzeptanz und Akzeptabilität von Technologien wird vor allem im zweiten und im dritten Band der Philosophie der Technik durch eine Liste von Kompatibilitätskriterien eingekreist, die Nutzfunktionen, technische Sicherheit und Gestaltungsspielräume gleichermaßen berücksichtigen und die Legitimierung der Technik (die eine Erweiterung der klassischen Ethik erfordere) im dritten Band auf eine solide philosophische Basis heben. Zur Technik, so Irrgangs These, gebe es in der Gegenwart keine Alternative mehr: »Reformen [finden] innerhalb dieses Paradigmas« (I, S. 100) statt. Angesichts der insgesamt anregenden Grundlegung einer Philosophie der Technik, werden manche Misslichkeiten des Projekts relativiert. Sätze wie: »Wir haben nicht Technik, wir sind sie, aber wir sind nicht glücklich mit ihr« (III, S. 197) stören als plakative Bonmots eher, als dass sie überzeugen. Auch dass die Begriffe der Mediatisierung bzw. Vermittlung sich zwangsläufig allein dem hermeneutischen Zugang erschließen sollen (I, S. 84), bleibt lediglich eine Behauptung. Gelegentlich irritieren allzu grobe historische Linien; so wird, um nur ein Beispiel zu geben, innerhalb weniger Sätze ein Bogen von Husserl zu den »klassischen Griechen«  und wieder zurück zum Mittelalter und zur Renaissance (I, S. 85) geschlagen. Auch Merleau-Pontys Figurbegriff ist vielschichtiger angelegt, als es in der verkürzenden Darstellung des ersten Bandes suggeriert wird (I, S. 88), und die stellenweise Entgrenzung des Technik-Begriffs (vgl. etwa I., S. 124 und 199) wirkt eher kontraproduktiv zu den ansonsten weitgehend um Differenzierung bemühten Definitionen.



Susanne Fohler, Techniktheorien. Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen. München: Wilhelm Fink 2003. 295 S.

Eine Grundlegung der Techniktheorie, in diesem Fall auf dem Fachgebiet der Soziologie, erprobt auch die Studie von Susanne Fohler: »Die Rekonstruktion und Diskussion unterschiedlicher Perspektiven soll die Grundlage für eine weitergehende fundierte Beschäftigung mit Techniksoziologie schaffen« (S. 24). Während es an Rekonstruktionen in Fohlers Arbeit nicht mangelt, sucht man nach kritischen Diskussionen weitgehend vergebens. Das in der Einleitung angekündigte Versprechen einer »Problematisierung dieser Fragen« (S. 24) bleibt im Verlauf der Studie uneingelöst. Die Theoriereferate, welche sowohl problematisierende Kontextualisierungen als auch eine Archäologie der zentralen Begrifflichkeiten aussparen, lassen kaum Raum für den »Platz der Dinge in der Welt des Menschen«, dem die auf französische und deutsche Technik-Diskurse konzentrierte Studie im Untertitel nachzugehen beabsichtigt. Weder »apokalyptische Ängste« noch »technikgestützte Heilsversprechen« (S. 24) gehören zu den gegenwärtig die Technikdiskussion prägenden Problemstellungen; sie sind vielmehr metaphorisches Inventar der Objektsprachen, die Fohler an kaum einer Stelle der Untersuchung kritisch hinterfragt. Auch die drei großen Paradigmen der Hauptkapitel – »Technik als ein Mittel des Menschen«, »Entfesselte Technik« und »Spielräume der Technik« – stellen keine innovativen »Ergebnisse« (S. 272) der Untersuchung dar, sondern sind in der Forschung Konsens. Ebenso bleibt die Forderung der Autorin im Schlusskapitel nach »Grenzen« und »Verlangsamung« (S. 277) der Technik-Entwicklung seltsam spekulativ: »Der Modus der Analyse schwankt zwischen Dramatisierung und Verharmlosung« (S. 270 f.).



Andreas Lösch/Dominik Schrage/Dierk Spreen/Markus Stauff (Hg.), Technologien als Diskurse. Konstruktionen von Wissen, Medien und Körpern. Heidelberg: Synchron 2001. 256 S.

Der Fachrichtung der Soziologie entstammt auch der Sammelband Technologien als Diskurse, und die Einleitung der Herausgeber entwirft sogleich einen spannenden Prospekt. Der Zugang zum Sachgebiet der Technik wird soziokulturell profiliert und soll der rein apparativ-sachtechnischen Reduzierung der Technik entgegenwirken. Weder sei die Kultur lediglich spontan, variantenreich und ambivalent, noch die Technik nur durch Regelhaftigkeit, Materialität und Eindeutigkeit gekennzeichnet. Der eigentlich interessante Kernbereich der an der Kultur orientierten Technik bzw. der an der Technik sich ausrichtenden Kultur liege jenseits aller Dichotomien »in den Grenzbereichen zwischen Sachtechniken und soziokulturellen Prozessen« (S. 7). Dass diese Grenzbereiche vorzugsweise in »technischen Lösungen in kollektiver Dimension« (S. 8) gesucht werden, verwundert auf Grund der soziologischen Provenienz des Sammelbands wenig. Umso innovativer ist die ergänzende Feststellung, dass die Materialität der Technik diese vorzugsweise den ästhetischen Artefakten annähert. Kultur und Technik seien deshalb verwandte Diskurse, so die Herausgeber, weil sie genuin handwerklich‹ orientiert sind. In einem diskursanalytisch orientierten Zugang sollen von daher die einzelnen Aufsätze des Sammelbandes analysieren, welche diskursiven Mechanismen die Gegenüberstellung von Technik und Außertechnischem allererst hervorbringen.

Dass es »von vornherein distinkte Logiken für technisches und symbolisches Funktionieren« (S. 10) gibt, eben diese Behauptung soll in den einzelnen Beiträgen des Bandes systematisch hinterfragt werden. Technische Apparaturen, so die Herausgeber, übersteigen immer schon ihr bloßes Funktionieren in Hinblick auf ein semantisches Potential. Es existiere kein »technischer Nullpunkt« und auch keine »technikfreie Sphäre der Akteure« (S. 11), da es auch keine »letzten Instanzen« (S. 12) gebe, an der sich technische Diskurse zu bewahrheiten haben. Bestandteil der Kulturtechnologie seien diesbezüglich vor allem die Praktiken und die Äußerungen, die den technischen Diskurs konstituieren. Diesbezüglich lässt sich der Band von Ansätzen aus der Medienwissenschaft anregen (Kittler u.a.), geht jedoch letztlich zu deren Vorgaben in Distanz. Denn die Medientechnologie determiniere das Soziale durch die Technologien und schalte damit gerade die Erfindungskraft der Technologien weitgehend aus.

Auch den neueren »Science and technology studies« (S. 12) im Anschluss an Serres und Latour wird nur bedingt Beachtung geschenkt, da die Technik hier mit dem sozialen Akteur gleichgeschaltet werde. »Quer zu den disziplinären Scheidungen« (S. 16) soll der Sammelband statt dessen »die dynamische Wechselwirkung und Verschaltung divergenter Materialitäten« (S. 16) beschreiben und geht dieser Aufgabe in drei großen Rubriken nach: »Medientechnologien zwischen Apparat und Diskurs«, »Technologien und Körper« und »Technologien als Wissen«. Allerdings lassen sich die der Einleitung folgenden Aufsätze auf das anvisierte zentrale Paradigma des Grenzbereiches von Kultur und Technik nur ansatzweise ein. Zwar wird der Leser über interessante Themen wie Fernsprechanlagen, Interfaces, Fernsehen, Videos, Genome, TV-Soaps oder Automobile kenntnisreich und vielseitig informiert. Kaum einer der Aufsätze wäre gänzlich unspannend zu lesen. Dennoch: weniger als das Feld der Kulturtechnik stehen Fragen der Legitimität neuer Methoden und Sachbereiche in der Soziologie im Vordergrund der Betrachtungen. So schreibt Dierk Spreen (um stellvertretend ein Beispiel zu nennen) in seinem Beitrag zur »Diskursstelle der Medien«: »Die Soziologie hat bislang wenig von den nach und nach entfalteten Theorieangeboten profitieren können (wollen?)« (S. 25) und widmet den »Schlussfolgerungen für die Soziologie« (S. 37) eine zweiseitige Reflexion. Sicherlich sind derartige Hinterfragungen für den speziellen Fachbereich der Soziologie unentbehrlich, und in dieser Hinsicht dürfte der Sammelband für Soziologen äußerst anregend sein. Das interdisziplinäre Interesse an den Kulturtechnologien kommt jedoch in den einzelnen Aufsätzen insgesamt entschieden zu kurz.

Als Ausnahme sei der Beitrag von Gabriele Klein hervorgehoben, die unter dem Titel »Technologisches und Ästhetisches« die »Synergieeffekte in der Popkultur« beschreibt. Der Aufsatz untersucht u.a. die Diskursmuster des Techno, dessen »Tanz in die Apokalypse« (S. 186) mit modernitätskritischen Positionen (Nietzsche, Adorno, Bloch) verglichen wird, ohne dass dieser Vergleich forciert wirken würde. Die »Tanzlust« als »Indiz für den Verlust des vernunftgeleiteten Ich« (S. 187) wird sowohl als Produkt der Kulturindustrie als auch der establishmentfernen Clubkultur beschrieben, wobei die kommunikativen und ästhetischen Selbstinszenierungen des Körpers als spezielle Technologien ausgewiesen werden.



Tim Armstrong, Modernism, Technology, and the Body. A cultural study. Cambridge: University Press 1998. 309 S.

Moderne Technologien des Körpers stehen auch im Mittelpunkt der Studie von Tim Armstrong. Ausgehend von den Theorien Pierre Bordieus und Michel Foucaults (und daneben von Friedrich A. Kittler, Cecelia Tichi und Mark Seltzer) beleuchtet Armstrong das Prothesenhafte des menschlichen Körpers als »body-machine« und deren Organisation in verschiedenen Kunstformen (Otto Dix’ Skatspieler aus dem Jahr 1920 bilden diesbezüglich das ›sprechende‹ Cover des Buchs). Als zentrale Erkenntnis der Studie kann der enge Konnex von sexueller Identität und bürgerlicher artistischer Produktivität hervorgehoben werden. In vier Teilen – »The regulation of energies«, »Reshaping the body«, »Technologies of gender« und »Interruption and suture« – geht der Autor der »construction of gender as artistic process« (S. 169) nach. Dabei unternimmt er den Versuch, den Modernismus und seine Repräsentationen und Regulationen (Fragmentarität, Elektrifizierung u.ä.) mit Methoden der ›cultural studies‹ zu analysieren, wobei transsexuellen Modellierungen ein besonderes Augenmerk gewidmet wird. Armstrongs Erläuterungen bauen auf einer profunden Kenntnis der abendländischen Literatur auf (Djuna Barnes, Henry James werden ebenso behandelt wie Stein, Yeats oder Poe), allerdings wäre eine intensivere Berücksichtigung auch nicht-angelsächsischer Autoren in einer komparatistischen Arbeit wünschenswert gewesen. Angesichts der Expansion wissenschaftlicher Literatur zum Thema des Künstlichen Menschen in den letzten fünf Jahren sind manche der Thesen und Darstellungen Armstrongs zwischenzeitlich relativiert worden; allerdings dürften nicht zuletzt seine Beobachtungen zum »Electrifying the body« (S. 13) weiterhin zum wissenschaftlichen Standard im Bereich ›Artefakt menschlicher Körper‹ zählen.



Stefan Rieger, Die Ästhetik des Menschen. Über das Technische in Leben und Kunst. Frankfurt/M.: suhrkamp taschenbuch 2002. 518 S.

Die monumentale Studie von Stefan Rieger geht auf verschlungenen und metatheoretisch nicht immer deutlich markierten Wegen der Psychophysik des Menschen im ausgehenden 19. und vor allem im 20. Jahrhundert nach. Rieger macht es sich zur anspruchsvollen Aufgabe, den Menschen im Zeichen des zunehmenden Technizismus neu zu berechnen, und seine Kalkulationen leisten eine imponierende Restaurationsarbeit sowohl einschlägiger als auch abseitiger Quellen zum Thema. Auch in diesem Fall sind Foucault und daneben Kittler theoretische Ausgangspunkte, allerdings will Rieger die Materialität der technischen Archive und Dispositive selbst und damit die anthropologische Varianz von Datenspeicherung und -verarbeitung erweisen. Dabei stehen die automatischen Verschaltungen von Mensch und Maschine in elektromagnetischen Techniken im Zentrum des Interesses. Die sichtbare und für den Leser nachvollziehbare Begeisterung des Autors für sein Thema kulminiert in einer globalisierenden These: Wissenschaftsgeschichte könne allein durch Medien- und Technikanalysen betrieben werden. In dieser Sichtweise wird der Mensch zum Effekt semiotisch-technischer Medienstrategien und zum Schatten seiner Gewohnheiten, Organisationen und Daten stilisiert.

Dass die Taxonomie des Menschen auch auf Originalität, Spontaneität und Kreativität beruht und nicht allein auf die Summe seiner Datenmengen (Impulse, Frequenzen, Registrierungen) reduziert werden kann, verliert die Studie auf den Spuren der Empfindungslehre des Neukantianismus teilweise aus den Augen. So ist, um nur ein Gegenbeispiel zu nennen, in der Medizin nicht das Instrument, sondern der Schmerz des Patienten der unhintergehbare Ausgangspunkt des medizinischen Diskurses, der unabhängig von Messungen seine Existenz behauptet. In Riegers Studie werden technische Geräte und Medien in den Stand eines Transzendentals bzw. zum unhinterfragten Omniparadigma jeglicher Anthropologie erhoben: »Das Wissen vom Menschen und die Aussagemöglichkeiten sind in eine Spirale anthropologischer Datenverarbeitung eingebunden und unterliegen fortan in ungeahntem Ausmaß deren Systemeffekten« (S. 18). Die angekündigte »Ästhetik des Menschen« wird in einer derart eingeschränkten Perspektive folgerichtig zum Nebensujet. Insgesamt soll damit aber das Verdienst der Studie nicht in Abrede gestellt sein, die belesen und kenntnisreich aus einem großen Spektrum von Kulturtechniken mediale Modellierungen und technische Instrumentierungen als Grundfiguren der Moderne herauszustellen vermag.



Steven Johnson, Interface Culture. Wie neue Technologien Kreativität und Kommunikation verändern. Stuttgart: Klett-Cotta 1999. 296 S.

Schreiben und Denken, so kann Johnsons Hauptthese auf den Punkt gebracht werden, haben sich durch die modernen Computertechniken verändert. Diese These klingt simpler, als sie es in der Darstellung Johnsons tatsächlich ist. Das moderne Interface, so der Kernbegriff seiner Studie, sei mit den gotischen Kathedralen des Mittelalters vergleichbar: es mache die Unendlichkeit vorstellbar. Mit Interface ist dabei sowohl die Schnittstelle bzw. Grenzfläche von Mensch und Maschine als auch die Benutzeroberfläche gemeint, mit der auf Datenmengen zugegriffen wird.

Was heutzutage zum selbstverständlichen Medium geworden ist, wurde im Jahr 1968 durch den Amerikaner Doug Engelbart als eine Art Grundidee des Interface vorgestellt, das die bis dato üblichen, rein textuellen Befehlszeilen ablöste und eine graphische Oberfläche auf der Basis von Pixeln und eine provisorische Maus präsentierte. Die Visualisierung digitaler Codes am Bildschirm wurde allerdings erst später von der Firma Xerox systematisch erforscht und schließlich seit 1984 als Apple Macintosh und anschließend als Windows von Microsoft vermarktet. Johnson interessiert sich nun nicht für den industrietechnischen Kommerz des Interface. Er analysiert dieses vielmehr als globale Metapher: wie an einem virtuellen Schreibtisch ›manipuliert‹ der Benutzer des Interface seine Apparatur, deren Vermittlung ihn mit der Außenwelt in Verbindung setzt. Auf dem Desktop schichten sich in einem virtuellen Palimpsest Fenster, Dokumente und Ordner übereinander, ›unter‹ deren Design sich ein abstrakter Datenraum aus Bytes und Bits verbirgt, den Johnson in mehreren Kapiteln verhandelt: »Bitmapping«, »Desktop«, »Windows«, »Links«, »Text« und »Agents«.

Die vielfältigen Aufgaben des Interface werden in der Darstellung Johnsons anschaulich vor Augen geführt. Es filtert und sortiert Websites und deren Informationen automatisch und sondiert das Benutzerverhalten systematisch. Das Interface, so Johnsons Vergleich, übernimmt ähnliche Funktionen wie der Roman des 19. Jahrhunderts. Als digitale Schnittstelle ordnet es zwar nicht mehr die industriellen Umbrüche einer Epoche, aber es avanciert zur neuen Kunst des 21. Jahrhunderts: zur Net.Art. Analog zu den Texten Charles Dickens’ sieht Johnson, der im Übrigen ein bekennender Liebhaber der Buchkultur ist, im Interface eine Möglichkeit, das Informationschaos der Gegenwart zu ordnen. Hyperlinks synthetisieren durch ihre assoziative Koordinationskraft kulturelle Kontexte, da sie wie kaum ein anderes Medium Technologien und Kunst miteinander verschalten und immer perfektiblere Simulationen der Realität kreieren. Johnson hält die Entdeckung des räumlichen Informationsspektrums für mindestens ebenso revolutionär wie Luthers Reformationen oder Gutenbergs Buchdruck. Das Interface knüpfe an die kunstvolle Tradition der Erinnerungspaläste an, denn es vernetze unterschiedlichste Sachverhalte, Denkprozesse und Arbeitsstätten durch einen einzigen minimalen Mausklick miteinander. Technik und Kultur, so argumentiert Johnson mit McLuhan, seien bereits in früheren Jahrhunderten zu ›magischen Kanälen‹ zusammengeschmolzen: Künstler wie Filippo Brunelleschi, Leon Battista Alberti, Leonardo da Vinci und Michelangelo seien sowohl Artisten als auch Techniker gewesen. Eine weitere große Errungenschaft im Interface sei die Erfindung des Browsers, mittels dessen der Benutzer durch die Weiten des Internets von Webseite zu Webseite navigieren könne. Diese Navigationsetappen, darauf insistiert Johnson, bedienen sich zwar der technischen Digitalwelt, doch ihre entscheidende Motivation verdankt sich der Assoziationskraft des individuellen Benutzers. Dabei ist sich Johnson durchaus bewusst, dass die Masse der abrufbaren Informationen auch zu purem Konsum fernab jeglicher Kreativität führen kann. Die Reflexionen des Verfassers entfalten sich auf der Basis einer ausgewogenen Melange von kulturkritischen Diagnosen, technikgeschichtlichen Retrospektiven und zeitgenössischen Kunsttheorien. In Hinblick auf die Zukunft prospektiviert Johnson die Möglichkeit eines semantisch ›gebildeten‹ Interface-Programms, das qualitativ Dateien sondieren und der Kreativität ihrer Benutzer ungeahnte Hilfsmittel zur Seite stellen könne.

Johnsons Buch ist nicht nur äußerst informativ und stilistisch ansprechend geschrieben. Er hat darüber hinaus den Theoriebedarf seines Buchs sehr sorgfältig dosiert, und auch die Beispiele aus der Geschichte der Medientechnik stellen kein beliebiges Sammelsurium dar, sondern sind in Hinblick auf das zentrale Erkenntnisinteresse des Buchs – das Interface – ausgewählt. Interface Culture zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung des Autors mit dem Thema und stellt eine Kompatibilität von Technik und Kultur bzw. Kunst in Aussicht, die zum Teil noch Zukunftsmusik‹ darstellt, deren Potentialitäten aber verlockend klingen. Auch wenn man Johnson in seine Interface-Visionen nicht folgen mag, präsentieren seine luziden Ausführungen (die im Original immerhin bereits aus dem Jahr 1997 stammen und wohltuend sowohl von Positionen der kulturtechnischen Revolutionen als auch von technokulturellen Resignationen Abstand nehmen) den nach wie vor aktuellen Stand der Computer-Culture. Zwischen stereotypen Kulturhabitualitäten und lähmendem Technikschock interessiert sich Johnson jenseits der Moden für langfristige Bedeutungen des Interface-Designs und weist nicht zu Unrecht darauf hin, dass sich spätestens die derzeitige Jugendgeneration die Parameter der Informationskultur durch hypertextmediale Improvisationen und Experimente aneignet. Dies bedeute nicht, dass der klassische Text von der Interface-Bildfläche verschwinde. Es sind vielmehr die minimalistischen Feinheiten und nuancierten Stilelemente des Interface, die Johnsons Faszination auf sich ziehen, weil sie das Spektrum der traditionellen Buchkultur erweitern. Dem professionellen Verächter der Massenmedien dürften sich Johnsons Ausführungen verschließen, während sie dem aufgeschlossenen Leser wertvolle Impulse zur Revision der Technikkultur vermitteln können.



Dr. des. Angela Leona Oster, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Italienische Philologie, Ludwigstr. 25, 80539 München; E-Mail: angela.oster@lrz.uni-muenchen.de