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In: KulturPoetik 2005, Heft 2

Autor

Uwe Spörl

Titel

Bedeutung revisited
Fotis Jannidis/Gerhard Lauer/Matías Martínez/Simone Winko (Hg.), Regeln der Bedeutung. Zur Theorie der Bedeutung literarischer Texte. Berlin, New York: de Gruyter 2003 (revisionen 1). 753 + IX S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Eine neue Publikationsreihe, die den Titel Revisionen trägt, deren erster Band sich mit nichts geringerem als den Regeln der Bedeutung im Sinne einer Theorie der Bedeutung literarischer Texte befasst, über 750 Seiten füllt und mit Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez und Simone Winko zudem ein prominentes Herausgeberquartett aufweisen kann, darf durchaus als ambitioniert gelten. Auch die programmatische Selbstbeschreibung der Reihe, die einer aktuellen analytischen Literaturwissenschaft verpflichtet ist, belegt den hohen Anspruch:

»Revisionen« ist eine Reihe von Sammelbänden über Grundbegriffe der Literaturtheorie. Die Reihe reagiert auf das diffuse Bild, das die Literaturwissenschaft bietet. Weder ihren theoretischen Grundlagen noch ihren Methoden und Zielen nach bildet die Literaturwissenschaft eine wissenschaftliche Disziplin. Zu heterogen sind ihre theoretischen Grundbegriffe und leitenden Vorannahmen. »Revisionen« prüft die Theorie wie die Praxis literaturtheoretischer Begriffe und Konzepte auf ihre disziplinäre Tauglichkeit hin und revidiert dabei eingespielte Routinen des Faches.(1)

Revidiert werden soll die bisherige Praxis und Theoriebildung der Literaturwissenschaft einerseits insofern, als sie einer kritischen Prüfung unterzogen wird, und andererseits dadurch, dass aus einer solchen Revision ein neues und besseres Fundament für Theorie und Praxis unseres Faches ermittelt wird. Für den ersten, für die Reihe selbst wiederum programmatischen Band, der auf eine von der DFG finanzierte Tagung im September 2001 im Kloster Irsee zurückgeht, haben sich die Herausgeber einen Begriff zur ›Revision‹ herausgesucht, der nicht nur ›systematisch mehrdeutig‹ (vgl. S. 26) ist, sondern der auch »das Zeug hat, den Wissenschaftsstatus der Literaturwissenschaft zu revidieren« (S. 28): den der Bedeutung nämlich.

Dass für ein solches, ebenso großartiges wie schwieriges Unterfangen das Medium eines Sammelbandes seine Tücken hat, ist klar, zu ungern lassen sich mehr als nur einige wenige Wissenschaftler und Forscherinnen vor genau einen Karren spannen; und der Sammelband umfasst immerhin 25, im Allgemeinen deutschsprachige, selten (vier) englischsprachige Einzelbeiträge. Ebenso klar erkennbar ist aber auch, dass diese Tücken hier nur vereinzelt zum Nachteil des Gesamtbandes geführt haben, da fast alle Aufsätze mehr oder minder direkt zum Thema des Bandes in Bezug stehen und in einigen Fällen im engeren Sinne ›revidierende‹, fundierende oder innovative, in der Regel aber immerhin interessante und lesenswerte Beiträge zur Frage nach der literarischen Bedeutung und ihrem Status innerhalb der literatur- und kulturwissenschaftlichen Praxis und Methodologie leisten. Dabei kommen nicht nur Literaturwissenschaftler zu Wort, sondern auch Vertreter relevanter Nachbardisziplinen, insbesondere aus der Linguistik, der (analytischen) Philosophie und verschiedenen kunstwissenschaftlichen Nachbarfächern.

Da von Harald Fricke, der sich freut, seine analytische ›Saat aufgehen zu sehen‹, bereits eine Rezension zu diesem Band vorliegt,(2) die sich im Detail mit den einzelnen Beiträgen befasst, möchte ich mich hier mit der Anlage und dem Ertrag des Gesamtbandes befassen. Dazu greife ich zuerst den einleitenden Beitrag der vier Herausgeber auf – Der Bedeutungsbegriff in der Literaturwissenschaft. Eine historische und systematische Skizze (S. 3-30) –, in dem der Anspruch des Bandes, »Bedeutung als literaturwissenschaftlichen Grundbegriff sichtbar zu machen« (S. 6), formuliert wird. Daran schließen sich erstens eine skizzenhafte ›Revision‹ bisheriger literaturwissenschaftlicher Bedeutungstheorien im 20. Jahrhundert von der Hermeneutik bis zur Dekonstruktion und von der analytischen Sprachphilosophie bis zu den Postcolonial Studies und zweitens eine an mehreren Kategorien und Kriterien orientierte Entfaltung und Diskussion des Bedeutungsbegriffs an, die zumindest eines zeigen: dass nämlich ein halbwegs verlässlicher, stabiler und weithin akzeptierter Bedeutungsbegriff in der Literaturwissenschaft bislang nicht vorliegt.

Die Kategorien der hier entfalteten systematischen Aspekte des Bedeutungsbegriffs sind Autor, Text, Kontext und Leser; hinzu kommen einige weitere Kriterien wie z.B. die Unterscheidungen zwischen konstitutiven und nur beitragenden Bedeutungsaspekten oder die zwischen kognitiven, affektiven oder ästhetischen Aspekten von Bedeutung sowie einige »Grenzbegriffe« (S. 26) von Bedeutung wie etwa ›Sinn‹ oder ›Interpretation‹. Die Autoren bedienen sich mit dem Quadrupel von Autor-Text-Kontext-Leser natürlich eines »erweiterte[n] Kommunikationsmodells« (S. 14), das  als Heuristik aber natürlich auch Bedeutungstheorien und Methodologien beschreiben kann, die einem literarischen Text eine Kommunikationsabsicht gerade nicht zuschreiben. Auf der anderen Seite scheinen die Herausgeber ebenso wie die meisten Beiträger des Bandes – bei aller Heterogenität ihrer unterschiedlichen (auch disziplinären) Ansatzpunkte – ein wie auch immer geartetes Kommunikationsmodell für ihre jeweiligen Überlegungen, Argumente und Thesen zu einzelnen Aspekten des Begriffs der literarischen Bedeutung zu präsupponieren. Schon im Schlussabschnitt der Einleitung resümieren die Herausgeber: »Regel und Bedeutung gehören [...] enger zusammen, als es dem dominierenden Selbstverständnis der Literaturwissenschaft entspricht« (S. 28). Regeln wiederum gehören wesentlich zu einer sozialen, kommunikativen (oder interpretierenden) Praxis. Wie diese bedeutungsgenerierenden Regeln im Einzelnen aussehen, welchen Varianzen sie unterliegen und welchen Bedingungen, welche Ausprägungen sie annehmen können und welche davon spezifisch literarisch, poetisch sind, wie sie entstanden sind und wie sie sich immer wieder verändern können usw., mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigen sich die Artikel des Bandes dann im Detail.

Dass aber Regeln auch (und vielleicht sogar gerade) für die Bedeutung von Literatur bzw. von literarischen Texten – und damit auch für die Wissenschaft davon – unabdingbar sind, scheint mir der zentrale Ertrag des Bandes zu sein. Denn dies impliziert erstens, dass solche Regeln ermittelbar oder zumindest rekonstruierbar sind und gibt insofern der Literaturwissenschaft eine methodische Grundorientierung. Diese besteht insbesondere darin, die spezifisch literarischen Bedeutungsregeln (oder deren Begründungen) systematisch in den Blick nehmen zu können. Dies impliziert zweitens, dass Literatur (und ihr Vergleichbares) in eine kulturelle und soziale Praxis eingebettet ist. Daraus wiederum ergibt sich, dass die Literaturwissenschaft an entsprechende Nachbarwissenschaften (etwa Kulturwissenschaft, Anthropologie, Soziologie) angeschlossen werden kann. Daraus ergibt sich zudem, dass man es auch in der Literaturwissenschaft mit vergleichsweise ›natürlichen‹ Gegenständen zu tun hat: mit von Menschen für Menschen gemachten Texten nämlich – und zwar unter der Annahme, dass Menschen ›intentionale Systeme zweiten Grades‹ sind, Wesen also, die über Intentionen und Emotionen verfügen, die anderen solchen Wesen grundsätzlich ebensolche Intentionen und Emotionen unterstellen und die in der Lage sind, über derlei zu kommunizieren – etwa in und mit Literatur. Ein wenig irritierend ist nun allerdings die Tatsache, dass die vier Abschnitte, denen die verschiedenen Einzelbeiträge zugeordnet sind, nicht mit der eben angesprochenen Heuristik korrespondieren. Zumindest hätte diese Einteilung sinnvollerweise begründet werden sollen, denn aus sich selbst erklärt sie sich kaum – und auch die jeweiligen Sektionseinleitungen der vier Herausgeber tragen dazu nur wenig bei. Der erste Abschnitt versammelt »sprachphilosophische und linguistische Aspekte der Bedeutung« (S. 31-221), geht ›die Sache‹ also durchaus systematisch von (allgemeineren) bedeutungstheoretischen Grundlagen aus an – etwa in Werner Strubes wie immer extrem transparentem Aufsatz Über verschiedene Arten der Bedeutung sprachlicher Äußerungen (S. 36-67) –, beschäftigt sich aber dabei immer wieder auch mit den Spezifika literarischer Bedeutung – etwa in Rüdiger Zymners Beitrag zur Uneigentlichen Bedeutung (S. 128-168). Der zweite Abschnitt widmet sich im engeren Sinne »literaturwissenschaftliche[n] Aspekte[n] der Bedeutung« (S. 223-375): etwa in typischer ›Revision‹ dem allüberall verbreiteten (Vor-)Urteil von der Unabschließbarkeit der Bedeutung literarischer Texte in Fotis Jannidis’ Aufsatz Polyvalenz – Konvention – Autonomie (S. 305-328) – oder den Regeln emotionaler Bedeutung in und von literarischen Texten im Beitrag von Simone Winko (S. 329-348). Der dritte Abschnitt nimmt die »medienwissenschaftliche[n] Aspekte der Bedeutung« (S. 377-555) in den Blick und macht einerseits plausibel, inwiefern unterschiedliche mediale und materiale Aspekte literarischer und anderer künstlerischer Kommunikationen relevant für die entsprechenden Bedeutungs- und Bedeutungszuweisungsregeln sind, neigt auf der anderen Seite aber auch zum Verlassen des eigentlichen Problemfelds.

Der vierte und letzte Abschnitt schließlich thematisiert »historische Aspekte literarischer Bedeutung« (S. 557-733) so, dass durch die Analyse historischer Entwicklungszusammenhänge immer auch systematische Aspekte in den Blick kommen können. Karl Eibls Überlegungen zur Vergegenständlichung (S. 566-590), die sich mit den ›biopoetischen‹ Grundlagen von Literatur und ihrer Bedeutung beschäftigen, sind dabei aber gerade nicht in dem Sinne historisch, dass sie sich mit kultureller Varianz befassen, sondern im Gegenteil durch ihre evolutionspsychologische Fundierung mit (prä-)historisch entwickelten, nun aber anthropologisch konstanten Bedingungen literarischer Kommunikation. Insofern könnte eine solche ›Biopoetik‹ à la Eibl möglicherweise eine analytische Literaturwissenschaft im Sinn der ›Revisionen‹-Reihe fundieren, in die ›historische Abteilung‹ gehört sie wohl eher nicht.

Dr. Uwe Spörl, FB 10: Sprach- und Literaturwissenschaften (Germanistik), Postfach 330440, D-28334 Bremen; E-Mail: uwe.spoerl@uni-bremen.de


Anmerkungen

(1) So die einleitende Passage auf der Welcome-Seite des Web-Auftritts der ›Revisionen‹-Reihe: www.revisionen.net [7.6.2005]. [zurück]

(2) Harald Fricke: Analytische Literaturwissenschaft jenseits methodologischer Richtungskämpfe. In: IASLonline: http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/Fricke3110175584_568.html [14.10.2004]. [zurück]