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In: KulturPoetik 2005, Heft 2

Autor

Dominik Orth

Titel

Kognitive Fiktionalität
Peter Blume, Fiktion und Weltwissen. Der Beitrag nichtfiktionaler Konzepte zur Sinnkonstitution fiktionaler Erzählliteratur. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2004. 239 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Vor nicht allzu langer Zeit konstatierte Bruno Zerweck den cognitive turn in der Erzähltheorie(1) und nur kurze Zeit später liegt mit Peter Blumes Dissertation Fiktion und Weltwissen eine an der kognitiven Semantik orientierte Studie vor, die sich auf das schwierige und vielschichtige Feld der Fiktionalitätstheorien begibt und den konstatierten cognitive turn bestätigt. Welche Rolle nichtfiktionale Textelemente für die Sinnkonstitution fiktionaler Erzähltexte spielen, dies zu ergründen hat sich Blume zum Ziel gesetzt und er versucht dieser Frage unter Rückgriff auf Erkenntnisse der kognitiven Semantik zu begegnen.

In einem Forschungsüberblick über die Vielzahl an Fiktionalitätstheorien, innerhalb derer Blume drei Hauptströmungen identifiziert, verortet sich der Verfasser mit seiner Arbeit im so bezeichneten Kompositionalismus, dem er den Panfiktionalismus und den Autonomismus gegenüberstellt. Unter dem Begriff Panfiktionalismus werden die Fiktionalitätstheorien zusammengefasst, die dem Radikalen Konstruktivismus verpflichtet sind und die somit alle Wirklichkeitsmodelle der Menschen als Fiktionen begreifen. Blumes durchaus berechtigte Kritik betrifft die »Nivellierung des Unterschieds zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Texten« (S.15): ein solcher lasse sich unter der Prämisse, dass alles Fiktion sei, wohl kaum halten. Die unter dem Begriff Autonomismus subsumierten Theorien hingegen halten an der Dichotomie fiktional – nicht-fiktional fest, allerdings wird in ihnen die Autonomie fiktionaler Texte gegenüber der wie auch immer gestalteten ›Wirklichkeit‹ postuliert. Sie sprechen fiktionalen Texten jegliche Bezüge zur Wirklichkeit ab und negieren somit die Rolle, die nichtfiktionale Elemente bei der Rezeption spielen. Nur der Kompositionalismus, dem die These zugrunde liegt, dass fiktionale Texte »Mischungen (Komposita) aus fiktionalen und nichtfiktionalen Elementen« (S.23) seien, kann, so Blume, dazu beitragen, die Bedeutung nichtfiktionaler Textelemente zu beschreiben.

Die kognitive Semantik bietet dafür das geeignete Instrumentarium und dankenswerterweise führt Blume seine Leserinnen und Leser in die Begriffswelt dieser Wissenschaft ein. Explizit weist er auf die Rolle der kognitiven Semantik für seine Studie hin, die »nur insoweit in Dienst genommen [wird], wie sie zur Lösung der gestellten genuin literaturwissenschaftlichen Fragestellung beizutragen vermag« (S. 35). Eine zentrale Rolle  spielt dabei der Begriff der ›mentalen Repräsentation‹. Dieser Begriff meint, dass sich sprachliche Ausdrücke nicht direkt auf die außermentale Realität beziehen, sondern immer in Bezug zur kognitiven Wirklichkeit des Sprechers gesetzt werden müssen, also zu einer individuellen mentalen Repräsentation von Realität. Für die Beschreibung der Organisation von mentalen Repräsentationen dienen Blume insbesondere die Begriffe ›Konzept‹, ›Schema‹ und ›belief system‹. Das ›Konzept‹ fungiert als Grundeinheit mentaler Repräsentationen. Blume führt als Beispiel das Konzept ›Tasse‹ an: jeder Mensch hat eine gewisse Vorstellung davon, wie eine Tasse aussieht, die Vorstellung einer Tasse kann jedoch individuell divergieren. Das ›Schema‹ fasst komplexere Zusammenhänge, wie beispielsweise das Schema ›Kaufen‹. Ein ›Schema‹ impliziert demnach mehrere ›Konzepte‹, die in Relation zueinander stehen. Beim Schema ›Kaufen‹ werden beispielsweise die Konzepte ›Käufer‹, ›Verkäufer‹, ›Ware‹ und ›Geld‹ aktiviert und in Bezug zueinander gesetzt. Das ›belief system‹ – von Blume auch als Enzyklopädie bezeichnet – kann schließlich als die größte Organisationseinheit mentaler Repräsentationen aufgefasst werden: sie umfasst die gesamte Wissensbasis eines Individuums. Dieses Wissen muss nicht zwangsweise als wahr angesehen werden, denn der Wahrheitsmaßstab für das ›belief system‹ eines Individuums sind die Quellen und Daten, auf denen dieses ›belief system‹ des Individuums beruht. Ein ›belief system‹ kann somit auch falsche Annahmen und Überzeugungen umfassen, den Maßstab für die Wahrheit der auf Basis des individuellen ›belief systems‹ getätigten Aussagen bildet also das aussagende Subjekt und nicht die Realität. Auf Basis dieser Terminologie gelangt Blume zu überzeugenden Definitionen von einem fiktionalen Text auf der einen Seite und einem nicht-fiktionalen Element auf der anderen Seite, die als Basis für seine Differenzierung von nicht-fiktionalen Elementen und der Verdeutlichung ihrer Bedeutung für fiktionale Texte dienen.

Diese Differenzierung der nicht-fiktionalen Elemente nimmt Blume in Form von fünf Typenreihen vor, die der »Einordnung und Abgrenzung verschiedener Verwendungsweisen nichtfiktionaler Konzepte in global fiktionalen Texten« (S. 92) dienen sollen. Diese Typenreihen bewegen sich jeweils zwischen zwei Polen, um den diversen Abstufungsmöglichkeiten gerecht zu werden. Ein nichtfiktionales Konzept changiert demnach zwischen folgenden Polen: spezifisch-unspezifisch, explizit-implizit aktiviert, hoher-niedriger Konventionalisierungsgrad, global integriert-lokal isoliert und motiviert-unmotiviert. Ein nichtfiktionales Konzept ist spezifisch, wenn beispielsweise ein konkreter Handlungsort wie London genannt wird, unspezifisch, wenn aus dem Text lediglich hervorgeht, dass sich das Geschehen in einem städtischen Umfeld abspielt. Explizit aktiviert ist ein nichtfiktionales Konzept dann, wenn es namentlich genannt wird, beispielsweise mit dem Namen Honecker, implizit aktiviert, wenn durch Anspielungen im Text den Rezipienten nahe gelegt wird, ein Konzept zu aktivieren, wenn also vom Staatsoberhaupt der DDR die Rede ist und somit das Konzept Honecker nahezu zwangsläufig aktiviert wird. Von einem hohen Konventionalisierungsgrad eines nichtfiktionalen Konzepts lässt sich dann sprechen, wenn davon auszugehen ist, dass das entsprechende Konzept einem Großteil der Rezipienten bekannt ist, was im Falle des Personenkonzepts Hitler der Fall sein dürfte, während man von einem niedrigen Konventionalisierungsgrad dann sprechen kann, wenn ein größeres Wissen über ein nicht-fiktionales Konzept nötig ist, um es als ein solches zu identifizieren. Dies ist beispielsweise in Robert Harris’ Fatherland bezüglich der Figur Arthur Nebe nötig, der wohl eher wenigen Rezipienten als Leiter der Reichskriminalpolizei bekannt ist. Als global integriert ist ein nichtfiktionales Konzept dann zu bezeichnen, wenn es so in den Text verwoben ist, dass der Text ohne dieses Konzept seines Sinnes beraubt wäre – Blume führt als Paradebeispiel Thomas Manns Lotte in Weimar und die wichtige Rolle des Personenkonzepts Goethe für den Text an. Als lokal isoliert gilt ein nichtfiktionales Konzept, wenn lediglich auf selbiges verwiesen wird und es für den Text keine weitere Rolle spielt – beispielsweise dann, wenn eine Figur mit einer bekannten Persönlichkeit wie Humphrey Bogart in einem Nebensatz verglichen wird. Das Relevanzniveau eines nicht-fiktionalen Konzepts für den literarischen Text kann schließlich mit der Typenreihe motiviert-unmotiviert bestimmt werden. Als motiviert kann ein nicht-fiktionales Konzept demnach dann gelten, wenn es nicht nur als Realitätseffekt eingesetzt wird – dann würde es nämlich als unmotiviert gelten – sondern eine darüber hinausgehende Bedeutung für den Text innehat.

Mit dieser umfassenden Differenzierung auf der Basis der kognitiven Semantik gelingt es Blume, ein Beschreibungsinstrumentarium zu entwickeln, das dazu geeignet ist, nichtfiktionale Konzepte zu bestimmen und ihre Bedeutung für die Sinnkonstitution fiktionaler Texte analysieren zu können. Den Nachweis der Praktikabilität – und damit einhergehend die Überprüfung seiner theoretischen Darlegungen – unternimmt Blume anhand der Analyse dreier Fallbeispiele. Er teilt die fiktionale Erzählliteratur in drei Hauptkategorien auf und untersucht für jede dieser Formen ein Beispiel aus der Literatur, um die für die jeweilige Textsorte spezifische Bedeutung der nichtfiktionalen Konzepte offen zu legen. Für die Textsorte des realistisch-fiktionalen Textes dient ihm dabei Uwe Johnsons Jahrestage als Beleg, für den Typus des kontrafaktisch-fiktionalen Textes fungiert Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara als Beispiel und Lewis Carrols Alice-Romane werden als Exempel für phantastisch-fiktionale Texte einer Analyse unterzogen. Es gelingt dem Verfasser, die Bedeutung nichtfiktionaler Konzepte für die jeweilige Textsorte beispielhaft zu analysieren und er stellt somit auch die Relevanz der eigenen Arbeit unter Beweis.

Blumes Studie lenkt den Blick auf scheinbare Selbstverständlichkeiten bei der Textrezeption – nämlich der Bedeutung nichtfiktionaler Textelemente für die Sinnkonstitution fiktionaler Texte – und vermag es nicht nur, diese theoretisch eindrucksvoll zu fundieren, sondern darüber hinaus auch ihre Relevanz für die literaturwissenschaftliche Praxis zu offenbaren. Dass dabei ein zentraler Begriff der kognitiven Narratologie keine Verwendung findet, nämlich der Begriff der Naturalisierung, ist aufgrund der Qualität der Studie nur eine Randnotiz, auch wenn dieser Terminus genau das sprachlich fasst, was Blume aufzeigt: wenn ein Text naturalisiert wird, dann wird er mit den eigenen Weltvorstellungen in Einklang gebracht. Dabei spielen insbesondere nichtfiktionale Elemente eine herausragende Rolle – das zeigt der hervorragend strukturierte und gut lesbare Beitrag Blumes zur kognitiven Fiktionalitätstheorie.

Dominik Orth, Schwachhauser Ring 171, 28213 Bremen, E-Mail: dominik.orth@tiscali.de


Anmerkungen

(1) Bruno Zerweck, Der cognitive turn in der Erzähltheorie: Kognitive und >Natürliche< Narratologie. In: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hg.), Neue Ansätze in der Erzähltheorie. Trier 2002, S. 219-242. [zurück]