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In: KulturPoetik 2005, Heft 2

Autor

Oliver Jahraus

Titel

Evolutionsbiologie als Literatur- und Kulturtheorie
Karl Eibl, Animal Poeta. Bausteine einer biologischen Kultur- und Literaturtheorie. Paderborn: mentis 2004. 419 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Zeit der großen Monographien als Ausdruck einer Wissenschaft, die sich auf die Nicht-Beliebigkeit ihrer Paradigmen etwas zugute hielt, mag vorbei sein. Solche Bücher haben es schwer, die versuchen, die theoretischen Fundamente der Literaturwissenschaft gerade angesichts einer nie da gewesenen Fülle neuer Ansätze, Ideen und sogenannter Theorieimporte grundsätzlich zu reflektieren. Zu Unrecht, wie das neue Buch von Karl Eibl zeigt: Es will nichts geringeres, als »Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie« – so der Untertitel – aufzuzeigen. Dass ein solches Unternehmen auf Widerstände stoßen muss, davon weiß Eibl zu berichten: »Der will uns wohl verarschen« (S. 401) lautete eine Reaktion, als Eibl in seiner Münchner Antrittsvorlesung aus dem Jahre 1991 erstmals dieses Unternehmen skizzierte; 1995 lieferte er mit Die Entstehung der Poesie ein erstes beeindruckendes Ergebnis seiner Überlegungen. Animal Poeta dokumentiert die konsequente Fortsetzung und Vertiefung des Projekts und bietet zugleich den Versuch einer komplexen Neubegründung der Literatur- und Kulturwissenschaften auf der Basis des aktuellen Wissens (evolutions)biologischer Forschung.

Seit 1991 dürfte die Situation für ein solches Unternehmen freilich nicht einfacher geworden sein. Dafür aber treten die Konflikt- und Verwerfungslinien immer deutlicher zutage. Schon im allerersten Satz des Buches etwa setzt sich Eibl von einer seinem Projekt diametral entgegengesetzten Position ab, die fortan als gleichsam negativer, impliziter Absetzungsgrund das gesamte Buch durchzieht. »Die Familie«, so zitiert Eibl exemplarisch einen nicht genannten Kollegen, »ist ebenso wenig wie Männlichkeit eine biologische Tatsache oder eine gesellschaftliche Institution, sondern eine kulturelle Erfindung, die sich erst nachträglich als naturgegeben oder gesellschaftlich notwendig ausgibt« (S. 9). Eibls Position lässt sich daraus leicht im Negationsverfahren ableiten: Familie und Männlichkeit sind ihm sehr wohl biologische Tatsachen. Eibl aber geht es um mehr. Seine zentrale These besagt vielmehr, dass Literatur, Kultur und ästhetische Erfahrung auf Dispositionen zurückzuführen sind, die in der Biologie des Menschen begründet sind und die daher evolutionsbiologisch erhellt werden können. Er will diese biologischen Grundlagen rekonstruieren und von hier aus einen Bogen zur Kultur- und Literaturtheorie schlagen. Er zeigt dabei auch, welche neuen Zugänge sich zum Beispiel zu Fragen der Ästhetik ergeben, wenn man diese biologischen Grundlagen ernst nimmt.

Im ersten Kapitel erläutert Eibl die Umstellung von den kulturellen Konzeptualisierungen auf die biologischen Grundlagen. Das bringt es mit sich, dass eine Reihe von im weitesten Sinne biologisch operierenden Wissenschaftsmodellen einführend vorgestellt und in ihrer Funktion für das Projekt einer biologisch begründeten Kultur- und Literaturtheorie überprüft werden. Dazu gehören die Verhaltensforschung, die Soziobiologie, die evolutionäre Psychologie, aber vor allem die Evolutionstheorie, die nicht nur die anderen Formationen durchzieht, sondern eine maßgebliche Grundlagentheorie darstellt, wenn man nach den biologischen Grundlagen kultureller Phänomene fragt. Dem geisteswissenschaftlichen Publikum wird hier und im Folgenden eine Fülle von naturwissenschaftlichen Theorieangeboten vorgeführt, mit denen es in den meisten Fällen nicht intensiv vertraut sein dürfte. Es ist bewundernswert, in welcher Vielzahl Eibl diese kennt und kritisch wertet, noch bewundernswerter aber ist es, wie es ihm gelingt, die oft fremde Materie seinen Leserinnen und Lesern in einer sehr verständlichen Sprache und in einem wunderbar leichten, geradezu charmanten Stil nahezubringen.

In einer stringenten Argumentation wendet er sich von den Grundlagen ausgehend zunächst der Anthropologie zu und fasst im Fortgang der Argumentation seine Untersuchungsfelder immer spezifischer: Auf den Menschen folgen Formen der Verwandtschaft, Gemeinschaft und Gesellschaft, dann – erst im letzten Drittel des Buches – Formen der Vergegenständlichung in der literarischen Konstruktion von Welt und schließlich die biologischen Grundlagen von Lust, Schönheitsempfinden und Spiel. Es geht um Fragen, welche Lebensbindungen der Reproduktionsmechanismus den jeweiligen Organismen (und dem Menschen) aufprägt, wie Gemeinschaften, wie eine Ethik als Organisation von (besserem) Überleben, wie Formen von Beherrschbarkeit der Welt sich ausbilden, um im letzten Schritt zu zeigen, wie Kultur und Literatur entsteht: Zu den grundlegenden Voraussetzungen, überhaupt überleben zu können, gehört die Fähigkeit, sich mit der eigenen Umwelt produktiv auseinanderzusetzen. Grundlegend hierfür ist ein biologisches Muster der Arbeitsteilung. Die verteilte Sorge um den Nachwuchs führt zur Bildung von Familienstrukturen oder von sozialen Verbänden. Die menschliche Evolution treibt diesen Prozess aber weiter auf Gesellschaftsbildung, in der die Reproduktion der Art geradezu zeichenhaft organisiert wird. So entstehen Gesellschaften und mit den Gesellschaften die Moral, die aus ersten Fortpflanzungsnormen und Inzestverboten hervorgeht. Den entscheidenden Schub erfährt die menschliche Evolution jedoch durch eine weitere, in dieser Form exklusive evolutionäre Errungenschaft: die Sprache. Das Ziel der sprachlichen Auseinandersetzung mit der Umwelt ist die ›Vergegenständlichung‹ von Welt. Das bedeutet aber nicht nur einen radikal verbesserten Zugriff auf die Umwelt, sondern gleichzeitig auch eine Distanzierung, die die Umwelt dem Menschen erst gegenüberstellt. Und darin liegt der Ursprung eines ästhetischen Umgangs mit der Welt – im Erzählen, in der Konstruktion von Sinn, in der Organisation von Fiktionen, und in der Verselbständigung dieser Möglichkeiten in der Lust, im Schönen und im Spiel. Im Rahmen der sozialen Organisation entstehen so aus den biologischen Dispositionen heraus Kultur und Literatur.

Wie leistungsfähig dieser Ansatz ist, kann man auch an der spezifisch biologischen Bedeutung erkennen, die Eibl dem Spiel und der Lust (zwei Konzepten, die in der gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Debatte (wieder) Konjunktur haben) als Konstituenten ästhetischer Erfahrung ebenso wie literarischer Texte zuspricht. Was es wissenschaftlich bedeutet, die Kultur- und Literaturtheorie auf biologische Grundlagen zu stellen, erkennt man, wenn man diese Kapitelfolge wieder rückwärts von der Lust, dem Schönen und dem Spiel zu den Grundlagen verfolgt. Die traditionelle ›kulturelle‹ Kulturtheorie und Eibls biologische Kulturtheorie, um die beiden Positionen abkürzend zu benennen, streiten sich an ihrem Ausgangspunkt um dieselben kulturellen Phänomene. Zugleich unterscheiden sie sich fundamental in den Begründungsrichtungen und -verfahren. Die Kulturtheorie verortet alle kulturellen Phänomene in der Kultur selbst, Kultur wird damit als ein großer Mechanismus seiner eigenen – wenn man es so nennen will – Selbsthervorbringung verstanden. Vor allem aber hat dies entscheidende Rückwirkungen auf die Form der Wissenschaft. Denn in einer solchen ›kulturellen‹ Kultur-Wissenschaft entfernt sich das Wissenschaftskonzept am weitesten von der Naturwissenschaft. Eibls Konzeption einer biologischen Kultur- und Literaturtheorie hingegen versucht genau diese zirkuläre Struktur zu durchbrechen und für die kulturellen Phänomene eine Begründungsebene anzugeben, die nicht selbst wiederum kulturell verfasst ist.

Die tiefgreifende Differenz zwischen diesen beiden Formen wissenschaftlicher Praxis und Theoriebildung wird vor allem an den Bestimmungen des jeweiligen Gegenstandsbereichs beobachtbar. Ich greife ein signifikantes Beispiel heraus: Eibl kommt im Zuge einer biologisch fundierten Reformulierung einer Abweichungsästhetik auf Raumkonzeptualisierungen zu sprechen und konstatiert, dass es »so etwas wie eine angeborene Raumsemantik« gebe, die »tückische Denkfallen« (S. 294) produziere, etwa die Idee von Unhintergehbarkeit. Diese Idee meint eine Grenze, die nicht mehr konzeptionell überschritten werden kann, die jeden Versuch einer Überschreitung auf sich selbst zurückverweist und somit eine autoreflexive Struktur ergibt. Eibl liest dies auch aus einer Reihe von Verwendungsweisen des Begriffs der Unhintergehbarkeit heraus, die er mit der Suchmaschine Google gefunden hat, und kommentiert dieses Ergebnis mit dem Satz: »Das könnte den Herrschaften so passen!« (S. 297). Aber wird dabei das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet? Fast scheint es, als müsse beim Versuch der biologischen Begründung von Kultur Unhintergehbarkeit als Denkfalle auf der Objektebene entlarvt werden, weil sie sich sonst allzu leicht in die Metaebene der Wissenschaft einschleichen könnte: Wenn man etwas hintergeht und sich doch am selben Ort wiederfindet, dann ist das Hintergangene eigentlich unhintergehbar. Denkt man über das Denken nach, befindet man sich immer noch in der Sphäre des Denkens, folglich ist – eine zentrale Erkenntnis des Deutschen Idealismus’ – Denken unhintergehbar. Genau dies aber streitet Eibl ab. Und das ist wiederum auf die Wissenschaftskonzeption zurückzuführen, die sein Unternehmen geradezu konstitutiv prägt. Unhintergehbarkeit widerspricht Eibl zufolge der Idee von Evolution.

Dieser Umstand wird durch ein zweites Beispiel illustriert, das sich im Nachwort findet. Eibl greift hier einen fundamentalen Einwurf auf, den man der Evolutionstheorie macht und dem daher auch sein eigenes Unternehmen begegnen könnte. Er besteht darin, eine biologische Theorie dieser Art selbst wiederum zu einer kulturellen Konstruktion zu erklären. Eibl kontert darauf: »Na und? Auch der Begriff der kulturellen Konstruktion ist eine kulturelle Konstruktion. Das sind Hase-Igel-Spielchen für den Sandkasten« (S. 402). Die Abgrenzung zwischen den Wissenschaftsmodellen ist damit deutlich gezogen, vielleicht aber doch ein wenig zu rigoros, geht mit ihr doch eine gewisse Immunisierung einher, die dort problematisch wird, wo sie nicht nur die Einwände von außen abwehrt, sondern auch die Weitergabe wichtiger Impulse aus dem Kernbereich der Theorie verhindert. Das allerdings wäre gerade bei diesem Projekt besonders bedauerlich. Schließlich geht es Eibl nicht nur darum, metaphysische Überhöhungen und Selbstbegründungsschleifen der Kultur zu vermeiden, sondern ein tragfähiges Erklärungsmodell für Literatur und Kultur zu liefern.

Problematisch ist die vorgenommene rigide Abgrenzung bei Eibl aber noch aus einem anderen Grund. Denn obschon das Problem der Abgrenzung von ihm selbst angesprochen wird, wenn er bedauert, dass »biologische und kulturelle Erklärungen als einander ausschließend« behandelt werden (S. 164), so hat das konsequente Festhalten an der bloß biologischen Begründung von Kultur auch den Vorteil, Brüche innerhalb der biologischen Begründungsargumentation zu verhindern: Es ist ja gerade der Kerngedanke dieser biologisch fundierten Theorie, Entwicklungslinien nachzuzeichnen, die, wenn man sie entwicklungsgeschichtlich und systematisch zurückverfolgt, auf die biologische Begründungsebene führen. In dieser Entwicklungslinie darf es keinen Bruch und keinen Hiatus geben, wie Eibl betont. Natura non saltat? Mit der Autoreflexion menschlichen Denkens aber könnte ein solcher Quantensprung gegeben sein: der Mensch, der sich selbst als Mensch nicht nur erfährt, sondern weiß.

Selbst mit dem Blick nur auf das gerichtet, was Eibl im letzten Drittel seines Buches hinsichtlich menschlicher Sprache und Literatur zeigen kann, muss dies kein grundsätzliches Problem sein. Im Gegenteil: Eibl selbst hebt darauf ab, welchen gewaltigen Fortschritt in der Entwicklungsgeschichte die Fähigkeit bedeutete, Welt sprachlich vergegenständlichen zu können. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse und Anliegen Eibls: aufzuzeigen, wie auch Kultur und Literatur evolutionsbiologisch rekonstruierbare Errungenschaften in der Entwicklungsgeschichte des Menschen sind, sich seine (Um-)Welt anzueignen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Mit Blick genau auf diesen Ursprung von Literatur und Kultur könnte man sogar sagen, dass die Idee des Hiatus den Entwicklungsgedanken nicht aushebelt, sondern geradezu ihm jene entscheidende Fassung gibt, die ihn auch zur Grundlage einer Kulturtheorie machen könnte. (Und dieser Hiatus ließe sich immerhin als (Emanation von) Autoreflexivierung bestimmen.)

Im letzten Teil des Buches greift Eibl die eigenen Vorarbeiten, die insbesondere das Einleitungskapitel seines Buches Die Entstehung der Poesie ausmachen, wieder auf. War dort noch von der Simultanthematisierung von Welt und Nichtwelt die Rede, so hebt das vorliegende Buch noch stärker auf die Prozeduren der Überführung von Welt und Umwelt in sinnhafte Strukturen ab, die den Menschen erst in die Lage versetzen, auf Welt zuzugreifen und sich gleichzeitig von der Umwelt zu distanzieren. Die Entwicklungslinie bleibt gewahrt: Literatur erscheint als eine der letzten und höchstentwickelten Errungenschaften in der evolutionären Reihe, und auf diese Weise kann sie auch als Dokument jener Strukturen gelten, die die Entwicklungsgeschichte prinzipiell bestimmt. Hier wird der Einwand, auch diese Konzeption sei eine kulturelle Konstruktion, gegenstandslos. Die Behauptung allein, dass es eine kulturelle Konstruktion sei, sagt ja noch nichts über ihre Grundlegung und erst recht noch nichts über ihre kulturelle und mithin literaturwissenschaftliche Bedeutung aus. Eibls Konzeption ist schon deswegen sehr bedenkenswert, weil sie deutlich macht, welche immensen und fruchtbaren Implikationen sich für die Kultur- und Literaturtheorie, nicht zuletzt in ihrer ästhetischen Grundlegung, ergeben, wenn man Kultur und Literatur evolutionär auf ihre biologischen Grundlagen zurückführt.

PD Dr. Oliver Jahraus, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, An der Universität 5, 96045 Bamberg, E-Mail: oliver.jahraus@gmx.de