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In: KulturPoetik 2005, Heft 1

Autor

Dirk von Petersdorff

Titel

Kontingenzbejahung, Inklusionssemantik
Uwe Hebekus/Ethel Matala de Mazza/Albrecht Koschorke (Hg.), Das Politische. Figurenlehren des sozialen Körpers nach der Romantik. München 2003. 264 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Eine mögliche und im Moment besonders interessante Lesart der Romantik besteht darin, sie als Antwort auf Modernisierungserfahrungen im politischen, im wirtschaftlichen, aber auch im allgemein-kulturgeschichtlichen Bereich zu lesen, zu dem etwa kollektive Mentalitäten, Geschlechterverhältnisse oder Formen der Selbstbeschreibung zu zählen sind. Der vorliegende Band folgt diesem Impuls, zeichnet sich aber nicht allein durch das Aufgreifen dieser Thematik, sondern mindestens ebenso durch die konsequent enge Anbindung aller Beiträge an eine Fragestellung aus; sein Anregungspotential ist erheblich. Der Begriff des Politischen, der verwendet wird, ist im obigen Sinne weit gefasst, so dass sich mit ihm unterschiedliche Formen der Auseinandersetzung romantischer Intellektueller mit Erscheinungsformen gesellschaftlicher Modernisierung erfassen lassen. Dabei wird deutlich, dass diese Auseinandersetzung einerseits dem Komplexitätsniveau der Moderne gerecht wird, aber gleichzeitig – auf Augenhöhe der Moderne und mit ihren Mitteln – gegen sie Einspruch erhebt. Die Aktualität dieser Reflexion und dieses Einspruches wird in dem vorliegenden Band deutlich, denn kaum einer der Verfasser bewahrt, und das darf man als Zeichen lebendiger Wissenschaft verstehen, bei der Behandlung der jeweiligen Kapitel der politischen Romantik intellektuelle Neutralität: Die Skala reicht von der Identifikation mit romantischen Denkweisen bis zu einer dezidierten Ablehnung, und auch wenn man nicht in jedem Fall von Hermeneutik sprechen kann, so liest sich der Band insgesamt doch als Dialog einer erheblichen Transformationsprozessen ausgesetzten Gegenwart mit einem historischen Impuls, der nach wie vor der Selbstverständigung dienen kann.

Der Zeitrahmen der Studien reicht dabei von den frühromantischen Ideengebern Friedrich Schlegel und Novalis über das Ganzheitsdenken des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis zu Vertretern gegenwärtiger Gesellschaftstheorie, die sich wie Giorgio Agamben an einer Fundamentalkritik der bürgerlichen Gesellschaft versuchen. Einen grundlegenden Beitrag, der sich durch die Weite des Blickwinkels ebenso auszeichnet wie durch eine dichte Argumentation, liefert Matthias Schöning, der die politische Romantik als Antwort auf die neuzeitliche Staatstheorie und hier vor allem auf Hobbes und die Vorstellung des Gesellschaftsvertrages begreift. Gegen die damit gegebene Funktionalisierung und Pragmatisierung des Politischen entwickelt die Romantik eine Inklusionssemantik: Die Einbindung in das Ganze »betrifft die Adressaten unterschiedslos, umfassend, ungefragt und unhintergehbar« (S. 129). Zwar wird der um 1800 erreichte Stand an Individualisierung vorausgesetzt und bedacht: Die Zellen des Staatskörpers dürfen »ungleich sein und divergierende Interessen verfolgen«; sie müssen aber zusammen »eine ausbalancierte Totalität bilden« (ebd.). Während in der Frühromantik die Differenzierung der Gesellschaft noch dialektisch gerechtfertigt wurde, das Besondere auch im Ganzen seine Kräfte ausleben sollte, kommt es nach 1800 bei Adam Müller zu einer Komplexitätsreduktion: Der Mensch kann, so statuiert er, »überall und zu allen Zeiten, ohne den Staat nicht hören, nicht sehen, nicht denken, nicht empfinden, nicht lieben« (S. 128).

Das entsprechende Spannungsfeld erfasst, aus einer ganz anderen Richtung kommend, auch Peter Schnyder, der eine bisher kaum beachtete Metaphorik, die des Glücksspiels, als Auseinandersetzung mit Kontingenzerfahrungen deutet. (Auch er lokalisiert, darin einer Entwicklung der jüngeren Forschung folgend, romantische Texte wieder in einer historischen Situation, nicht nur in einem Textuniversum). Wenn die Gesellschaft, die sich mit der Französischen Revolution entwickelt, als ›Spieltisch‹ bezeichnet wird, ihre Dynamik als ›Würfelspiel‹ erscheint, dann kann dies aus einer kulturpessimistischen Sicht hervorgehen. Die Metaphorik wird aber auch dort verwendet, wo das Heterogene, die Vielfalt und Fülle der Meinungen in der Moderne akzeptiert werden, wo, wie bei Friedrich Schlegel, der allgemeine Wille als fließend gedacht wird, die Zufälle nicht mehr auf ein Gravitationszentrum hin diszipliniert werden. Dieser Diskursuntersuchung folgt man aufmerksam, und man möchte mit dem Verfasser gern debattieren, ob die Gewichte von Kontingenzbejahung und Zähmung des Zufalls richtig gesetzt sind. »Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen«, so beginnt ein Fragment von Novalis. Im Fortgang heißt es: »Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, wäre für den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe« – es soll also eine Struktur aus den Zufällen entstehen, und man wird darüber streiten müssen, ob der Begriff der »unendlichen Reihe« nicht auch schon in den Anfängen der Romantik metaphysische Implikationen besitzt.

Dass in der Romantik antiessentialistische mit politisch fundamentalistischen Denkweisen in einem kaum zu trennenden Verhältnis stehen, weist Gerhart von Graevenitz an einer schonungslosen Lektüre der Majoratsherren von Achim von Arnim nach. Wenn er zeigt, dass hier ein Text von erheblicher literarischer Virtuosität den romantischen Moderne-Diskurs antisemitisch umbesetzt, dann rüttelt er an einer immer noch verbreiteten Gleichsetzung von ›ästhetisch fortschrittlich‹ und ›politisch gut‹: »Die Erzählung erzeugt das Gleiten der Binarismen, um ihr einen neuen Binarismus als Ordnung aufzuzwingen« (S. 216). Arnim, der einerseits die Vielheit der Gesellschaft ästhetisch fruchtbar macht, aus ihr seinen erzählerischen Furor gewinnt, reißt gleichzeitig einen Graben zum Judentum auf. Bei ihm taucht auch schon die fatale Gleichsetzung von ›jüdisch‹ und ›modern‹ sowie ›kapitalistisch‹ auf, die dann seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ihre Wirkung entfaltet.

Mit der Frühphase der ästhetischen Moderne beschäftigt sich schließlich auch Albrecht Koschorke, der Schillers Wilhelm Tell im historischen Zusammenhang von neuzeitlicher Staatstheorie und Französischer Revolution liest. (Dass dieser Beitrag sich ohne weiteres in den Rahmen des Bandes fügt, zeigt, dass die Auseinandersetzung mit Moderne-Erfahrungen auch eine Klammer verschiedener literarischer Diskurse der Goethezeit bildet).

Koschorke verbindet den Blick auf sprachliche Details des Dramas mit allgemeinen Überlegungen zur Legitimation politischer Ordnungen und zu ihren Inklusionsformen. Er führt vor, was in anderen Beiträgen nur heraufbeschworen wird, dass zu einer solchen Inklusion auch Formen der Exklusion gehören; er fragt nach der Rechtfertigung des Tyrannenmordes und erkennt rechtsfreie Grauzonen in einer historischen Übergangsphase. Man liest das, gerade weil der Autor nahe am Text bleibt und gleichzeitig den Revolutions-Diskurs der Zeit heranzieht, gebannt und ist überrascht, wie der Wilhelm Tell mit dieser Perspektive zum Sprechen gebracht wird. Auch hier möchte man gern debattieren, zum Beispiel darüber, ob die zweifellos vorhandenen Formen der Exklusion (gegenüber Frauen, Unfreien, Adligen) wirklich so stark wirken, wie behauptet wird; ob die schließlich doch vollzogene Verbindung von Adligen mit den Eidbrüdern (S. 113) nicht schon auf die erhebliche Integrationsfähigkeit der bürgerlichen, später offenen Gesellschaft vorausweist, die in bestimmten Phasen auftretende Ausgrenzungen immer wieder durch Selbstkritik und -erweiterung zu korrigieren verstanden hat.

Politische Romantiker hat es im 19. und 20. Jahrhundert in großer Zahl gegeben. Ethel Matala de Mazza erörtert die Tradition einer sich als spezifisch deutsch verstehenden Rechtsgeschichte, die gegen das römische Recht mit seinem abstrakten Personenbegriff Front macht. Nicht das Individuum soll am Anfang des Rechts stehen, sondern ein »Wesen des Gemeinsam-Seins« (S. 176), das aber unter den Bedingungen der Moderne und ihrem unablässigen Zeichenspiel notwendig diffus bleibt. Man muss schon auf die Rechtsordnung des Mittelalters zurückgreifen, die »durch Hierarchiebildung integriert«, wie es in einem Euphemismus heißt (S. 185). Friedrich Balke spricht über Ernst Kantorowicz’ Kaiser Friedrich der Zweite und bezeichnet diese Biographie als »historiographisch fabriziertes ›Surrogat‹ einer ›großen‹ oder ›echten‹ Form, die anderen Zeiten und anderen Völkern entstammt« (S. 67). Da der Kampf um die Reaktivierung und Reinkarnation einer säkularen öffentlichen Spiritualität im 20. Jahrhundert scheitert, wird aus diesem Buch, wie es politischen Romantikern immer wieder geschieht, nicht Politik, sondern Poesie.

Das ist die glimpfliche Lösung, wie Uwe Hebekus in einem der interessantesten und präzisesten Beiträge zeigt. Dabei geht es um die Entstehung der ›katholischen Klassik‹ nach dem 1. Weltkrieg, einer Schule, die rituelle Praktiken der Kirche als Vorbild für politische Formationen ansah. Hebekus stellt fest, dass die Grenzen zwischen Religion, Ästhetik und Politik dünn sind und spricht von einer Bahn zum Totalitarismus, die mit dieser sozialen Figurenlehre eingeschlagen werde. Die alte Romantik erscheint dem neuen Ganzheitsdenken als zu individualistisch, zu gefühlsbeladen, zu sehr mit transzendentalen Vorbehalten belastet. Statt Glauben und Liebe werden nun Objektivität und Institutionalität gefordert. Hebekus rekonstruiert einen Diskurs, verweist auf neuere Forschungen zum Ritualbegriff (wie jene von Wolfgang Braungart) und wirft wichtige Fragen auf; eine davon: Wird der Übergang der entsprechenden Denkweisen zum Totalitarismus erst durch das Streichen von Transzendenz, durch das Ausblenden des eschatologischen Vorbehalts möglich?

Gegenüber diesen Beiträgen mit einem klaren Gegenstandsbereich fallen andere Aufsätze ab, die sich sehr allgemeinen, gelegentlich diffusen Überlegungen hingeben. Dazu gehören Joseph Vogls Ausführungen »Asyl des Politischen. Zur Topologie politischer Gelegenheiten«, die mit dem kaum diskutablen Satz beginnen: »Politik ist die Kunst, einen politischen Körper zu erzeugen« (S. 23). Sicher handelt es sich bei der Körpermetaphorik um ein in der europäischen Tradition herausragendes Bildfeld zur Beschreibung von Staaten und Gesellschaften; ebenso sicher enthält dieses Bildfeld aber zahlreiche problematische Implikationen, eignet sich daher nicht zu einer allgemeinen Definition von Politik, eignet sich ebenfalls nicht zur Beschreibung offener Gesellschaften. Auch gibt sich Vogl politischen Schwärmereien hin und träumt von einer »Richtung des Politischen«, die »losgelöst von den Ideen des Rechts wäre«. Bitte nicht! kann man da nur antworten und staunen, ebenso wie über die in einer fatalen Intellektuellen-Tradition stehende sozialromantische Verklärung gesellschaftlicher Ungleichheit. So spricht Vogl von Asylen und erklärt, dass diese, jedenfalls in ihrer ursprünglich guten, antiken Form, Orte gewesen, in denen Gerechte und Ungerechte gleichermaßen Aufenthalt fanden, Korrektive, in denen »es prinzipiell keinen Missbrauch gab« (S. 32); das Asyl, so weiter, war ein »Atopos, ein Nicht-Ort«, an dem alle Markierungen aufgehoben waren (S. 33); dazu würde man gerne einen Historiker hören.

Die hier aufklingende Lyrik der Dekonstruktion hat leider auch die Einleitung des Bandes erfasst. Dort wird Politik definiert als »Regierungskunst, die allemal der Reproduktion des Vorgefundenen dient« (S. 8; Gerhard Schröder wäre froh!). Dem wird »das Politische« entgegengesetzt; ein Begriff, der durch mehrere Beiträge des Bandes geistert, aber überall vage bleibt. Das Politische sei das Inkommensurable, sei die Fähigkeit, eine politische Ordnung zu suspendieren, sei »Zäsur, Unterbrechung, Abbruch, aufgerissene Leerstelle und angehaltene Zeit« (S. 9); ebenso ist von einem Außen die Rede, von der »Verteidigung einer öffentlichen Sache, die in der konstituierten res publica keinen Platz findet« (S. 13). Man findet in solchen Formulierungen Spuren der Kritischen Theorie, auch einen gewissen Rest-Marxismus, der sogar die nächste Revolution beschwört (S. 14). Bevor es aber zu konkret wird, wird der Begriff des Politischen als »absichtsvoll unscharf« bezeichnet (S. 13). Derart unscharf sind auch Formulierungen wie die vom »exzentrischen Raum« (S. 14), von der »ikonoklastischen Vehemenz« (S. 11) und vom »Bildbegehren« (ebd.); wer begehrt da bitte wen? Und was schließlich ist eine »imaginäre Institution« (S. 14)?

Das Anregungspotential des Bandes allerdings wird durch solche Irritationen nicht beeinträchtigt. Dieses Buch gibt der Forschung zum Verhältnis von Ästhetik und Politik neue Anregungen; es ermöglicht die Zusammenarbeit einer kulturwissenschaftlich erweiterten Germanistik mit anderen Wissenschaften; es zeigt, dass die Literaturwissenschaft, wenn sie Texte neu sprechen lässt, in gegenwärtigen Debatten etwas zu sagen hat. Matthias Schöning demonstriert dies, wenn er sich auf Habermas bezieht und ausführt, dass jene Frage nach dem Zusammenhalt individualisierter Gesellschaften, die die Romantik aufgeworfen hat, keineswegs erledigt ist. Auch der gegenwärtige Staat braucht Momente kollektiver Ansprechbarkeit. Das Fazit hierzu lautet: »Soll von der Politischen Romantik ihr diesbezügliches Problembewusstsein geerbt werden, so ist allerdings darauf zu bestehen, dass nicht urwüchsige Bindungen reaktiviert, sondern kontraktualistisch solche hergestellt werden, die ihrer Relativität eingedenk bleiben, eine operationalisierbare Temporalität aufweisen, kontrollierbare Verfahren nutzen und revidierbare Zwecke verfolgen« (S. 132).

PD Dr. Dirk von Petersdorff, Universität des Saarlandes, FR 4.1 Germanistik, Postfach 151150, 66041 Saarbrücken; Email:dvp@mx.uni-saarland.de