Detailansicht

In: KulturPoetik 2005, Heft 1

Autor

Florian Steger

Titel

Literatur und Medizin
(1) Rudolf Käser, Arzt, Tod und Text. Grenzen der Medizin im Spiegel deutschsprachiger Literatur. München: Fink 1998. 355 S.
(2) Dietrich von Engelhardt/Hansjörg Schneble/Peter Wolf (Hg.), »Das ist eine alte Krankheit«. Epilepsie in der Literatur. Stuttgart, New York: Schattauer 2000. 302 S.
(3) Giovanni Maio/Volker Roelcke (Hg.), Medizin und Kultur. Ärztliches Denken und Handeln im Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. FS Dietrich von Engelhardt. Stuttgart, New York: Schattauer 2001. 290 S.
(4) Literature and Medicine 20 (2001) 1, Science Fiction and the Future of Medicine. Issue editor Anne Hudson Jones. Baltimore, London: John Hopkins UP 2001. 95 S.
(5) Fundamenta Psychiatrica 16 (2002) 4, Psychiatrie und Kunst. Stuttgart: Schattauer 2002. 60 S.
(6) Brigitte Weingart, Ansteckende Wörter. Repräsentationen von AIDS. Frankfurt/M.: Suhrkamp (es 2250) 2002. 330 S.

Kategorie

Rezension

Abstract



Volltext

Literatur und Medizin ist ein altes reichhaltiges Thema, dessen Erforschung von einem interdisziplinären Zugang in ganz besonderer Weise zu profitieren vermag. In der vielfältigen Beziehung zwischen Medizin und Literatur steckt ein anregendes Forschungspotential: Nicht allein, dass literarische Texte medizinische Themen aufgreifen und Leser sich zum besseren Verständnis mit medizinischem Wissen wappnen müssen – Literatur und Literaturgeschichte können mögliche Quellen für eine ganz eigene (literarische) Medizingeschichte sein; sie können Beschreibungsinventare von Krankheit bieten, die jenseits beispielsweise psychopathologischer Möglichkeiten stehen; als didaktische Handreichungen werden sie gelegentlich verwandt, um angehenden Medizinern durch literarische Darstellungen Verständnis von Kranksein und Sensibilität zu vermitteln; und schließlich hat die Lektüre von Literatur für manch einen Leser einen konkreten therapeutischen Wert. Kurzum: Das Verhältnis von Literatur und Medizin ist für kulturwissenschaftliche Untersuchungen ein äußerst ergiebiger und faszinierender Gegenstand. Davon zeugen nicht zuletzt jene zahlreichen Publikationen, die in diesem Forschungsfeld bereits erschienen sind oder dieser Tage auf den Weg gebracht werden. Aus den Publikationen der letzten Jahre seien einige vorgestellt, die sowohl aus literaturwissenschaftlicher wie medizingeschichtlicher Perspektive entstanden sind.


Rudolf Käser, Arzt, Tod und Text. Grenzen der Medizin im Spiegel deutschsprachiger Literatur. München: Fink 1998. 355 S.

Rudolf Käser untersucht in seiner Habilitationsschrift Arzt, Tod und Text die kritische Spiegelung der Medizin in der Literatur, indem er die Funktion medizinischer Diskurse in literarischen Werken anhand ausgewählter Beispiele diskutiert. Käser ist Literaturwissenschaftler und verfolgt einen primär thematologischen Zugang. Für ihn ist eine solche Untersuchung insofern von Relevanz, als der medizinische Diskurs immer in Zusammenhang mit anderen Diskursen stehe, die den Anspruch haben, Normen für unser Handeln definieren zu können. Literatur wiederum biete einen diskursiven Ort, an dem auch als »unwissenschaftlich« disqualifizierte Konzepte von Leben, Krankheit und Tod diskutiert werden können, das heißt konfligierende Kompetenzansprüche verschiedener Diskurse namhaft gemacht und verhandelt werden könnten. Der »Erfolgsgeschichte« der modernen Medizin, will man eine solche denn schreiben, stünde dabei allerdings eine Literatur gegenüber, in der vor allem negative Aspekte der Medizin und die Grenzen der medizinischen Möglichkeiten herausgearbeitet sind. Nun mag eine solche Einschätzung aus literaturwissenschaftlicher Sicht Bestand haben, medizinhistorisch sind aber Zweifel anzubringen, ob die Geschichte der modernen Medizin nun wirklich eine »Erfolgsgeschichte« ist: Im Licht ihrer Folgen, die sich in heftigen Diskussionen um moderne medizinethische Probleme spiegeln, sowie angesichts der Erkenntnisse der jüngeren Medizinhistoriographie dängt sich dieser Schluss jedenfalls nicht notwendig auf.

Käser konzentriert seine Untersuchung des medizinischen Diskurses in der Literatur auf das Verhältnis von Arzt und Tod, indem er der diskurshistorischen und textanalytischen Frage nachgeht, wie in einem literarischen Text eine kulturell tradierte Todesmetapher gemeinsam mit dem Diskurs der sich modernisierenden Medizin umgesetzt werden kann. Insofern geht es in der Untersuchung um die Frage nach dem diachronen Wandel der interdiskursiven Beziehungen von Literatur und Medizin (S. 11-25).

In Goethes Wilhelm Meister (S. 39-95) stellt sich, so Käser, die Medizin als aufklärerische Macht mit moralischem Integrationsanspruch dar, die letzten Endes aber ihre Grenzen erkennen muss. Der Umgang mit dieser Einsicht werde von Goethe anhand der misslingenden Therapie Mignons und des Harfners verdeutlicht: Das Scheitern (der Tod) werde durch ein prunkvolles Ritual der Einbalsamierung umfunktioniert. Diesem zentralen Motiv der schönen Leiche stehe in den Wanderjahren eine zunehmende Tabuisierung des Todes gegenüber.

Eine ganz andere Haltung zu Medizin und Tod ist, so Käsers Analyse (S. 96-149), bei Jeremias Gotthelf zu finden. Gotthelf habe sich bemüht, Literatur als einen Interdiskurs auseinanderdriftender professioneller Diskurse zu etablieren und eine christlich fundierte Anthropologie als Grundlage der Medizin zu konzipieren. Damit verbunden sei der Anspruch, durch Literatur zur Reform beitragen zu können, wobei die Forderungen an eine moderne Medizin durch Gotthelf literarisch transformiert werden: Die Begründung für die zentrale Forderung nach der Präsenz des Arztes am Sterbebett erfolgt nicht ausschließlich medizinisch, sondern wird in eine soziale und theologische Perspektive eingebettet.

Anhand von Novellen Theodor Storms und Paul Heyses diskutiert Käser anschließend unterschiedliche Bewertungen von Euthanasie (S. 150-178), die ein Licht auf die Frage werfen, wie sich Literatur den je zeitgenössischen medizinischen Diskurs aneignet und seinen Wandel bewertet. Während nach Käser Storm die negative dialektische Bedeutung der aufgeklärten modernen Medizin, in welcher der moderne Arzt den Glauben an die Heiligkeit des Lebens verloren hat, in Ein Bekenntnis berücksichtigen kann und ärztliche Euthanasie ebenso ablehnt wie die Tötung Einwilligender, ist Heyse in Auf Tod und Leben diese Problematisierung des Arztberufes nicht möglich. Er muss sich auf die juristische Problematik der Tötung Einwilligender beschränken, wobei er die Sterbehilfe durch Angehörige ausdrücklich bejaht.

Die Euthanasie-Problematik wird bekanntlich auch in Nietzsches Werk thematisiert und radikal jenseits der Mitleidsfrage angesetzt (S. 179-207). Die Ablehnung jeglichen Mitleids geht mit Nietzsches Gleichsetzung von Krankheit und Dekadenz einher, womit er die diskursiven Grundlagen, wie sie durch die therapierende Medizin gestiftet werden, verlässt. Damit konzipiert er im Rahmen seiner »Umwertung aller Werte« einen völlig neuen Gesundheits- und Krankheitsbegriff; er dekonstruiert den bürgerlich-realistischen Begriff von Gesundheit und Krankheit. Fontanes Stechlin hingegen, dem sich Käser ebenfalls zuwendet (S. 208-232), kehrt das Motiv des Sterbens medico praesente in das Sterben medico absente um und spart damit den medikalisierten Tod aus (S. 208-232).

Gottfried Benn und Alfred Döblin, die beiden wichtigen Ärzte und Literaten der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts (S. 233-266), unterscheiden sich in ihrer Appropriation der Diskurse der Psychopathologie und Psychiatrie fundamental. Anhand von Benns Gehirne und Döblins Die Tänzerin und der Leib, die beide Sterbeszenen medico praesente thematisieren, werden die unterschiedlichen Perspektiven auf das Verhältnis von Arzt und Patient verdeutlicht: Während bei Döblin, dessen Text als Beispiel literarischer Appropriation der Methode syndromatischen Beschreibens interpretiert werden kann, die Perspektive des Arztes durch die Perspektive der Patientin relativiert wird, spielt bei Benn das Innenleben der Patientin keine Rolle. Ähnlich different schätzen Benn und Döblin das Verhältnis von Literatur und Medizin ein. In Döblin über Döblin etwa skizziert Döblin ein lockeres Verhältnis von Arzt und Autor, die sich gegenseitig nicht unbedingt ernst nehmen müssen: Das Feld der Diskurse von Medizin und Literatur ist ein Feld der Co-Präsenzen. Dagegen sah sich Benn auch als Autor seinen Erkenntnissen als Arzt verpflichtet: Diskursgeschichte stellt so nach Käser eine lineare Sequenz dar, die durch die Logik der Irreversibilität geprägt ist.

In den Romanen von Ernst Weiß schließlich werden, wie Käsers Untersuchung zeigt, die Vermögen der modernen Medizin mit einer Problematisierung des Arztberufes im Hinblick auf Allmachtsphantasien, den Grenzen der Medizin und den Ambivalenzen des medizinischen Fortschritts in Verbindung gesetzt (S. 267-336).

Betrachtet man den Fokus von Käsers Werk noch einmal, so wird klar, wie aktuell seine Studie ist. Der (bevorstehende) Tod steht doch im Zentrum moderner Medizin und damit auch im Zentrum moderner medizinethischer Diskussionen. Vielleicht hätte man sich bei den soliden und gewinnbringenden Analysen, bei einem solch interdisziplinären Thema, manchmal einen disziplinübergreifenderen Ansatz gewünscht, der stärker kulturwissenschaftlich – im Sinne einer vermehrten Einbindung medizinhistorischer und medizinethischer Forschungen in der literaturwissenschaftlichen Analyse – ausgerichtet ist.


Dietrich von Engelhardt/Hansjörg Schneble/Peter Wolf (Hg.), »Das ist eine alte Krankheit«. Epilepsie in der Literatur. Stuttgart, New York: Schattauer 2000. 302 S.

Für solche interdisziplinären Versuche ist gerade im Forschungsfeld von Literatur und Medizin der erste Herausgeber dieses Sammelbandes, Dietrich von Engelhardt, international ausgewiesen. Wie die »alte Krankheit« Epilepsie in der Literatur präsentiert wird, lässt sich in diesem Band an einer Reihe von Einzelanalysen nachvollziehen. Darüber hinaus wurden von Peter Wolf und Hansjörg Schneble eine Zusammenstellung literarischer Texte (S. 291-298) und von Dietrich von Engelhardt eine Bibliographie der Forschungsbeiträge (S. 299-302) zum Thema beigesteuert.

Die Herausgeber haben mit diesem Forschungsbeitrag den Versuch unternommen, unter Zusammenführung eines interdisziplinären Autorenteams in einer Kulturgeschichte der Epilepsie nachzuzeichnen, wie sich diese Krankheit in Literatur und Kunst darstellt. Auf mehreren Tagungen haben Germanisten, Slawisten, Medizinhistoriker, Literaturwissenschaftler, Epileptologen und nicht zuletzt von der Krankheit Betroffene selbst Beispiele vorgestellt, von denen einige im Buch präsentiert werden. Die zusammengestellten Beiträge gehen daher über rein literaturwissenschaftliche Aspekte hinaus: »Die bisherigen Veranstaltungen haben zeigen können, dass die in der erzählenden Literatur behandelte Epilepsiethematik auch dem praktisch tätigen Epileptologen und den Betroffenen selbst wertvolle Aspekte bieten kann – in erster Linie natürlich keine medizinischen Aspekte, aber doch solche, die das Leben mit der Epilepsie ganz entscheidend beeinflussen und mitbestimmen« (Vorwort, o.S.). Die künstlerischen Darstellungen der Epilepsie haben also einen didaktischen Wert: »Medizinstudent, Arzt und Pflegekraft können durch Literatur zu einem ganzheitlichen Umgang mit dem Epilepsiekranken angeregt, jeder Leser kann durch die Lektüre zu einem besseren Verständnis der Epilepsiekranken und einer solidarischen Anteilnahme an seinem Schicksal bewegt werden« (Vorwort, o.S.). Darüber hinaus gewinnt auch der Betroffene »durch die Beschreibung von ›Leidensgenossen‹« (Vorwort, o.S.).

Ausgehend von grundlegenden Fragestellungen wie sie Gerhard Sauder in Sinn und Bedeutung von Krankheitsmotiven in der Literatur (S. 1-12) und Dietrich von Engelhardt in Darstellung und Deutung der Epilepsie im Medium der Literatur der Neuzeit (S. 13-36) vortragen, wird auf die »ganzheitliche Auffassung der Epilepsie vor allem in Literatur und den Künsten« (S. 14) verwiesen und damit auf die soziokulturellen Komponenten von Krankheit hingewiesen. So heißt es treffend: »Krankheit ist nicht nur eine biologische, sondern stets auch eine soziale Erscheinung, die eine Herausforderung an die Umwelt darstellt, die von ihr beanstandet wird oder an der sie scheitert« (S. 25). Als mindestens ebenso programmatisch für den Band kann von Engelhardts Hinweis gelten, der zugleich eine wesentliche Funktion von Literatur und Medizin erfasst: »Medizin ist nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst. Medizin sollte als Heilkultur begriffen und als solche auch verwirklicht werden. ›Medical Humanities‹ ist der Ausdruck der Gegenwart für diese Verbindung, in der sich Krankheit stets als physische, psychische, soziale und geistige Erscheinung darstellt und der Arzt nicht nur als Techniker gesehen, sondern von ihm eine personale Beziehung zum Kranken erwartet wird« (S. 34).

In verschiedenen Beiträgen werden dann einzelne Aspekte der Epilepsie aufgenommen: So handelt Horst-Jürgen Gerigk vom »Sturz als Metapher« und reflektiert über Epilepsie in ausgewählten Gedichten (S. 51-58). Peter Wolf widmet sich der »Rolle des Arztes«, wenn er Epilepsie in der Literatur untersucht (S. 59-65), und geht der Frage nach, wie Epilepsie in der Literatur therapiert wird (S. 67-75). Hansjörg Schneble schließlich fokussiert Das epilepsiekranke Kind in der Literatur (S. 77-99). An ausgewählten literarischen Beispielen (Altes Testament, Dostojewskij, Thomas Mann, Tryggve Andersen, Janet Frame, Thomas Bernhard, Elsa Morante, Thomas Pynchon usw.) bis hin zu filmischen Bearbeitungen des Epilepsie-Motivs, denen sich Giovanni Maio unter Einschluss einer Filmographie (S. 277-290) zuwendet, werden so die Facetten der Epilepsie in ihren einzelnen Darstellungsformen vorgestellt.

Die Herausgeber haben mit dieser Zusammenstellung von Beiträgen und Materialien einen wichtigen Band vorgelegt, der für das Verständnis von Epilepsie als Krankheit für Betroffene wie für Behandelnde eine große Bereicherung ist und aus der jeder kulturwissenschaftlich Interessierte mit großem Gewinn schöpfen kann.


Giovanni Maio/Volker Roelcke (Hg.), Medizin und Kultur. Ärztliches Denken und Handeln im Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. FS Dietrich von Engelhardt. Stuttgart, New York: Schattauer 2001. 290 S.

Die Festschrift für Dietrich von Engelhardt trägt nicht den Titel Medizin und Literatur, wie vielleicht zu vermuten wäre, sondern die Herausgeber Giovanni Maio und Volker Roelcke haben den weiteren Begriff von Medizin und Kultur gewählt. In Verbindung mit dem Untertitel kommt der Gesamttitel damit einem Verständnis von ›medical humanities‹ nahe, wie diese von Dietrich von Engelhardt eben im ›Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften‹ praktiziert und persönlich vor allem über das Feld von Literatur und Medizin eingeholt werden.

Die Medizin ist danach mehr als Technik und Wissen. »Sinnvoll lässt sich die Medizin nur als Teil unserer Kultur begreifen« (S. 1), wie die Herausgeber in ihrer Einleitung schreiben, und insofern kann der Dialog von Natur- und Geisteswissenschaften produktiv über die Beziehung von Medizin und Literatur geführt werden; es geht um die »Entwicklung und Pflege eines systematischen Dialogs zwischen Medizin und Kulturwissenschaft« (S. 2). Erneut kann die Literatur also in ihrem Verhältnis zur Medizin dahingehend befragt werden, welchen Beitrag die Literatur zu einem Verständnis von Gesundheit und Krankheit hat. Dieser liegt nicht zuletzt auch in ihrer öffentlichen Funktion, wird doch unser Verständnis von Medizin ganz wesentlich von der medialen Aufbereitung dieses medizinischen Wissens geprägt.

In einem weiten Bogen, der gut über das Personenregister am Ende des Bandes (S. 287-290) erfasst werden kann, wird eben dieser Dialog von der Heilkunst als Lebenskultur, die Heinrich Schipperges erhellt (S. 5-12), bis hin zu den Fragen moderner Medizinethik und deren Verhältnis zu den Medien geführt, wie Giovanni Maio sie in seiner Analyse der durch das Fernsehen transportierten Moral in Bezug auf medizinethische Problemfelder (S. 273-284) aufgreift. Zugleich finden sich eine ganze Reihe ausgewählter literaturwissenschaftlicher Analysen, von denen einige besonderes Augenmerk verdienen: Horst-Jürgen Gerigk fragt in seinem Beitrag, wie im Spätwerk Dostojewkijs die Ekstase literarisch dargestellt wurde (S. 160-168), und Bettina Wahrig-Schmidt fokussiert den Spiel-Zwang und beschreibt die »Pathologie des Glücks bei E.T.A. Hoffmann« (S. 169-185). Auf Gottfried Benns und Rainer Maria Rilkes Lyrik kommt Ortrun Riha zu sprechen, wenn es ihr um Lyrik und den medizinethischen Diskurs geht (S. 186-200), und Hans Wisskirchen geht bei seiner Interpretation von Günter Grass’ Roman Örtlich betäubt vom Zahnarzt als Erzähler aus. Peter Voswinckel sieht sich literarische Arztfiguren näher an und zeigt hierbei das »Scheitern der deutsch-jüdischen Assimilation« von Dr. Sammet (Thomas Mann) bis Dr. Semig (Uwe Johnson) auf (S. 213-232); sehr hilfreich scheint mir hierbei vor allem auch eine von Voswinckel entworfene Übersicht zu jüdischen Arztfiguren in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu sein (S. 227-230).

Der Band bietet einen gelungenen Einblick in eben jenen Dialog von Natur- und Geisteswissenschaften, wie dieser über die Literatur, die Philosophie, aber auch über die Musik geführt werden kann, und der für ein soziokulturelles und anthropologisches Verständnis von Gesundheit und Krankheit wirbt.


Literature and Medicine 20 (2001). Science Fiction and the Future of Medicine. Issue editor Anne Hudson Jones. Baltimore, London: John Hopkins UP 2001. 95 S.

Das Forschungsfeld von Literatur und Medizin wird einerseits durch monographische Darstellungen bestimmt, die häufig einzelne Autoren zum Gegenstand haben oder thematische Fragestellungen behandeln. Oft gesellen sich dazu Sammelbände, wie die bereits besprochenen. Zentral für die Forschung zu Literatur und Medizin ist darüber hinaus die Zeitschrift Literature and Medicine, die von Rita Charon in Verbund mit anderen herausgegeben und von der John Hopkins University produziert und vertrieben wird.

Das hier zu besprechende Heft ist das erste des 20. Jahrgangs dieser zweimal im Jahr erscheinenden Zeitschrift und ist, wie fast jede  Frühjahrsausgabe ein Themenheft – diesmal zu Science Fiction and the Future of Medicine.

Die Zeitschrift Literature and Medicine ist wohl die renommierteste und einschlägigste Fachzeitschrift zum Forschungsfeld von Literatur und Medizin. Bei einer systematischen Auswertung der erschienenen Bände können rasch einschlägige, meist interdisziplinäre Fachbeiträge aufgefunden werden, die gerade aktuelle Themen behandeln.

So findet sich in der vorliegenden Ausgabe ein sehr anregender Beitrag von James J. Hughes und John Lantos mit dem Titel Medical Ethics through the »Star Trek« Lens (S. 26-38). Auch der Aufsatz von Tony Miksanek Microscopic Doctors and Molecular Black Bags: Science Fiction’s Prescription for Nanotechnology and Medicine (S. 55-70) ist positiv hervorzuheben, da hier gekonnt mit fachwissenschaftlichem Wissen Literaturwissenschaft betrieben wird.

In Literature and Medicine findet man bisher allerdings nur selten Beispiele aus der europäischen Literatur. Überzeugend ist hingegen der konsequent verfolgte methodische Ansatz gekonnter Interdisziplinarität, wie er für ein solches Forschungsfeld unabdingbar ist.


Fundamenta Psychiatrica 16 (2002) 4, Psychiatrie und Kunst. Stuttgart: Schattauer 2002. 60 S.

In der Zeitschrift Fundamenta Psychiatrica werden Psychiatrie und Psychotherapie über ein rein biologisches Verständnis hinaus wissenschaftlich diskutiert. In loser Folge finden sich in dieser Zeitschrift immer wieder Beiträge zu Psychopathologie, Kunst und Literatur. Heft vier des Jahres 2002 ist ganz dem Verhältnis von Psychiatrie und Kunst gewidmet.

Volker Roelcke verweist in seinem Beitrag Psychiatrie zwischen Wissenschaft und Kunst (S. 119-123) auf die zentrale Bedeutung von Subjektivität für ein Verständnis von Gesundheit und Krankheit und damit für Psychiatrie und Anthropologie. Er plädiert für eine humane Psychiatrie durch ein um die Kulturwissenschaften angemessen erweitertes naturwissenschaftliches Fundament.

Dietrich von Engelhardt stellt in einer Lektüre von Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften den ›geisteskranken‹ Sittlichkeitsverbrecher Moosbrugger vor (S. 124-130) und macht klar, wie begrenzt der Wert von Psychiatrie und Jurisprudenz für ein Verständnis von Verbrechen und Krankheit sind und wie reich literarisches Beschreibungspotential sein kann.

Auf den Wahnsinn im Musiktheater zwischen Barock und Romantik kommt Lorenz Welker zu sprechen (S. 131-134). Er erklärt in einer Rückschau die Popularität der Wahnsinnszene als Ort der Darstellung übersteigerter Affekte zu Beginn des 19. Jahrhunderts und stellt dabei fest, dass gerade psychische Ausnahmezustände durch Musik besonders adäquat dargestellt werden können. In einer überzeugenden Analyse interpretiert schließlich Peter Joraschky Edvard Munchs Darstellung von Verlust, Angst und Trauer als Modell symbolischer Traumverarbeitung (S. 135-143), wobei er modellhaft Möglichkeiten der Traumaverarbeitung vorstellt. Es folgen Beiträge zu Johann Hausers Leichenwagen, Friedrich Hölderlins »spätesten Gedichten«, Karl Jaspers als Pathograph und schließlich einer Untersuchung zum Wandel der Kontextualisierung von Psychiatrie in der Geschichte des Spielfilms.

Das thematisch gebundene Heft vereint eine Reihe wichtiger Beiträge zum Thema von »Psychiatrie zwischen Wissenschaft und Kunst«, in denen die Literatur in einem interdisziplinären Zugriff nicht zu kurz kommt.


Brigitte Weingart, Ansteckende Wörter. Repräsentationen von AIDS. Frankfurt/M.: Suhrkamp (edition suhrkamp 2250) 2002. 330 S.

Brigitte Weingart untersucht in ihrer hier in gekürzter Fassung vorgelegten Dissertation Ansteckende Wörter Austauschprozesse zwischen Medizin, Politik, Literatur und Film, indem sie eine Reihe besonders einschlägiger Figuren und Topoi im Rahmen des Diskurses über AIDS fokussiert. Zentrales Thema ist der (bundes-)deutsche Diskurs über »westliches AIDS«. Der Fokus liegt hierbei auf der »AIDS- Hysterie« und der »Katastrophenstimmung« in den 1980er Jahren, das heißt in einer Phase epistemologischer Unsicherheit vor der Entwicklung lebensverlängernder Therapien.

Weingart verfolgt die These, AIDS lasse sich als Resümee der Geschichte eines Phänomens lesen, die von der Geschichte seines Signifikanten nicht zu trennen ist. Dabei geht sie in ihrer Studie der Frage nach, ob die diskursive Auseinandersetzung mit AIDS retrospektiv als Geschichte einer »Normalisierung« aufgefasst, sowie die damit einhergehende linguistische Diagnose überprüft werden kann (S. 7-20).

AIDS wird als Schauplatz von Grenzverhandlungen thematisiert (S. 21-50). Als »Krankheit der anderen« wird es zum Auslöser einer allgemeinen Bestimmung von Grenzen, welche die Voraussetzung bestimmter Perspektiven auf die »Krankheit« darstellt. Unter Hinzunahme des diskurstheoretischen Instrumentariums von Jürgen Link kann Kommunikation zwischen ausdifferenzierten Spezialgebieten durch einen diskursübergreifenden Sprachvorrat (»Interdiskurs«) erfolgen. Künstlerische und literarische Praktiken stehen somit nicht nur in Beziehung zu den jeweils eigenen Darstellungstraditionen, sondern immer auch im wechselseitigen Austausch mit anderen Diskursen, das heißt sie sind in interdiskursive Konstellationen eingebunden; eine »Kollektivsymbolik« kann damit als Reintegration von Spezialdiskursen erfolgen. Die Beteiligung verschiedener Diskurse an der Konstruktion von »AIDS« resultiert in einer Bedeutungskonkurrenz, die das Aufkommen von AIDS als Zeichen provoziert. Die AIDS-Diskussion wird als Diskurs über Grenzen charakterisiert und durch die Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremden, mit der die Dichotomie gesund/krank verknüpft ist, als maßgeblich bestimmt (S. 51-102). Auf rein sprachlicher Ebene werden »Fremdkörper« durch ›sprachhygienische‹ Maßnahmen bekämpft, die als diskurspolitische Regulierungsweise für politisch-korrekte Bezeichnungen sorgen sollen. Doch lässt sich die Frage nach guten oder schlechten Wörtern/Metaphern im Diskurs über AIDS nicht a priori entscheiden, sondern muss im jeweiligen Kontext diskutiert werden. Links Modell der Interdiskursivität bietet in diesem Zusammenhang den Vorteil, das Zirkulieren von »fremdartigen Ausdrücken« zu beobachten, ohne das eigene exklusive Schema zugrunde zu legen. Damit kann beispielsweise der Begriff »Virus« als Träger unterschiedlicher Bewertungen fungieren, die nicht nur negative, sondern auch positive Reaktionen auslösen, beispielsweise wenn dieser als verheißungsvolle Identifikationsvorlage für Grenzgänger und Empathiker der »Subversion« im Rahmen der ›Postmoderne‹ angesehen wird. Im dritten Kapitel stellt Weingart die deutsche Debatte über gesundheitspolitische Maßnahmen gegen AIDS unter dem Vorzeichen der ›NS-Geschichte‹ dar, und thematisiert dabei vornehmlich den Gegensatz von gesund und krank (S. 103-138).

Während die Ausführungen in den ersten drei Kapiteln (S. 21-138) die Kollektivsymbolik zum Gegenstand haben und Kunst und Literatur berücksichtigen, sie aber nicht zum Ausgangspunkt nehmen, stehen in den folgenden Kapiteln exemplarische Lektüren literarischer und filmischer Repräsentationen im Vordergrund. Gekonnt führt Weingart hier als kulturwissenschaftlich arbeitende Literaturwissenschaftlerin verschiedene Texte von Hubert Fichte vor (S. 139-197). Fichte liefert mit seinen Aufzeichnungen eine Art Bestandsaufnahme der Mutmaßungen über »AIDS 1985«. Weingart stellt dabei heraus, dass die Texte Fichtes die traumatische Dimension von AIDS insbesondere für die Schwulenszene thematisieren, eine Situation epistemologischer Unsicherheit, die Fichte als Problem und Programm unter dem Präfix »Bi« thematisiert hat.

Im fünften Kapitel behandelt Weingart Texte (S. 198-251), die AIDS in Anführungszeichen setzen, indem sie die semantische Unzuverlässigkeit dieses Signifikanten mit den Mitteln der Parodie herausstellen. Wenn sie auf die »Anfälligkeit« von »AIDS« für diskursive »Mutationen« hinweisen, zielen sie so auf die Bloßstellung der über AIDS kursierenden Mythen ab. AIDS wird als soziales, massenmediales Syndrom begriffen. Die Leerstelle, welche die ironische Auseinandersetzung mit dem Diskurs über AIDS etwa in Praunheims Film lässt, soll durch dokumentarisches Material überbrückt werden.

Schließlich geht Weingart der Frage nach (S. 252-296), ob sich Anfang der 90er Jahre eine »Aids-Ästhetik« herausgebildet hat. Eine solche Ästhetik folgt einem Hang zur sogenannten »AIDS-Romantik«, wie sie von Thomas Mann vorbereitet und von Susan Sontag untersucht wurde. Symptomatischer Niederschlag einer solchen Romantik findet sich in der Foucault-Biographie von James Miller, welche sich von der Faszination des kranken Genies speist. In einem Ausblick skizziert Weingart die Tendenzen der kulturellen Auseinandersetzung mit AIDS in den 90er Jahren (S. 297-313). Weingart ist zu ihrer hochinteressanten und kulturwissenschaftlich hervorragend gearbeiteten Studie zu gratulieren.

Dr. Florian Steger, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Glückstraße 10, D-91054 Erlangen, E-mail: florian.steger@gesch.med.uni-erlangen.de