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In: KulturPoetik 2005, Heft 1

Autor

Matthias Buschmeier

Titel

Kann die Schrift vor Augen zaubern?
(1) Lambert Wiesing (Hg.), Philosophie der Wahrnehmung. Modelle und Reflexionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. 399 S.
2) Karlheinz Barck u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Stuttgart: Reclam 2002. 480 S.
(3) Jonathan Crary, Aufmerksamkeit: Wahrnehmung und moderne Kultur. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. 408 S.
(4) Max Ackermann, Die Kultur des Hörens. Wahrnehmung und Fiktion. Texte vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Nürnberg: Hans Falkenberg Verlag/Institut für Alltagskultur 2003. 519 S.
(5) Volker Mergenthaler, Sehen schreiben – Schreiben sehen. Literatur und visuelle Wahrnehmung im Zusammenspiel. Tübingen: Niemeyer 2002. 438 S.

Kategorie

Rezension

Abstract



Volltext

In den letzten Jahren ist ein Trend in kulturwissenschaftlichen Publikationen zum Thema Wahrnehmung und Sehen zu beobachten, der offensichtlich weiterhin anhält. Die Ansätze und Methoden zur Konzeptionalisierung driften dabei jedoch soweit auseinander, dass kaum noch ein integrierender Blick auf die Forschungslandschaft möglich ist. Wollte man einige herausstechende Publikationen wie Gernot Böhmes Aisthetik oder Martin Seels Ästhetik des Erscheinens als Beispiele nehmen,(1) so fällt auf, das sich die Diskussion verstärkt an phänomenologische Wahrnehmungskonzepte in der Folge von Husserl und Merleau-Ponty anschließt. Übersehen wird dabei allerdings allzu schnell, dass die phänomenologische Wahrnehmungslehre selbst nur ein Modell von möglichen Konzepten vorstellt und daher der Begründung bedarf.


Lambert Wiesing (Hg.), Philosophie der Wahrnehmung. Modelle und Reflexionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 1562) 399 S.

Lambert Wiesing hat einen Band herausgebracht, der Über- und Einblick in den Dschungel des theoretischen Wahrnehmungsdiskurses schaffen soll. Interessant ist, dass Wiesing nicht versucht, lediglich einzelne Beiträge eminenter Denker zum Thema Wahrnehmung zu versammeln, sondern in der langen aber gelungenen Einleitung dezidiert von »Wahrnehmungsphilosophie« spricht. Zwar sei diese »keine klassische Teildisziplin der Philosophie«, der Herausgeber verhehlt aber nicht, dass sie es durchaus verdient hätte. Wahrnehmung wird von Wiesing innerhalb der Philosophie, aber nicht nur dort, zu »einem dezidierten Grundlagenproblem« (alle S. 9) aufgewertet. Ein solches Grundlagenproblem sollte demnach auch in der Philosophiegeschichte an zentralen Stellen zu verorten sein.(2)

Der Aufbau der Textsammlung erfolgt chronologisch und versammelt zentrale Beiträge zum Thema aus nahezu 400 Jahren von Descartes über Locke, Kant, Hegel, von Helmholtz, Husserl, Merleau-Ponty und Armstrong bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zu Searle, um nur einige der 22 Autoren zu nennen.(3) Der Band versteht sich damit dezidiert als Einführung in die »interdisziplinäre Diskussion über Wahrnehmung« (S. 7). Anstatt den Diskurs aber lediglich in seiner Chronologie nachzuzeichnen, unternimmt Wiesing den Versuch, sowohl die Aufgabenstellung der Wahrnehmungsphilosophie herauszuarbeiten, als auch deren grundlegende Methoden zu beschreiben, um anschließend einzelne Positionen diesen zuordnen zu können. Durch diese diachrone Verortung wird dem Leser mehr als eine rein historische Zugriffsweise, wie sie die Anordnung der Texte suggeriert, ermöglicht.

Was also ist Aufgabe, Ziel und zugleich Problem der Philosophie der Wahrnehmung? Wiesing zufolge geht es grundsätzlich darum, Erklärungen zu geben, »was, wann und warum als Wahrnehmung bezeichnet werden kann« (S. 9). Eine alltagssprachliche Verwendung des Begriffs habe mit solchen Fragen kein größeres Problem, gilt Wahrnehmung uns doch allgemein als die Fähigkeit, vermittels unserer Sinnesorgane Informationen über die Welt zu erhalten und sich so in ihr orientieren zu können. Dass philosophische Begriffsklärung sich damit aber nicht zufrieden geben kann, wird schnell deutlich, wenn man zurückfragt, worin denn genau der Referenzbezug der Wahrnehmung zur Außenwelt besteht,(4) insbesondere hinsichtlich der Problematik ihrer sprachlichen Vermittlung. Nimmt man beispielsweise eine Halluzination nur wahr, wenn man sie für wahr hält und gibt es überhaupt einen Unterschied von veridischer und nicht-veridischer Wahrnehmung? Mit diesen Fragen geht man aber über eine Beschreibung des bloßen ›Was ist Wahrnehmung?‹ schon hinaus. Mit Wiesing lassen sich drei Grundfragen der Wahrnehmungsphilosophie präzisieren: (a) Was sind die Objekte der Wahrnehmung? (b) Welche epistemische Bedeutung kommt Wahrnehmung zu? (c) Was bedeutet die Aussage ›Ich nehme etwas wahr‹ im Sprachgebrauch.

Die Beantwortung dieser Fragen vollzieht sich, so sagt Wiesing in Anlehnung an Thomas Reids Inquiry Into the Human Mind (1764), bis heute in zwei grundsätzlichen Methoden: (1) ›the way of reflexion‹ und (2) ›the way of analogy‹ (vgl. S. 16). Der Weg der Reflexion falle weitgehend mit einer phänomenologischen Beschreibung von Wahrnehmung zusammen. Reflexion stelle dabei weniger den Ausgangspunkt für weitere Schlussfolgerungen dar, sondern die Beschreibungsmethode selbst. Merleau-Ponty, als prominenter Vertreter, bringt es in Phénoménologie de la Perception auf folgende Formel: »Was Wahrnehmung ist, kann einzig und allein die Struktur des wirklichen Wahrnehmens lehren« (S. 19).(5) Jede Beschreibung der Wahrnehmung muss sich also durch Reflexion des Wahrnehmenden auf seine eigene Wahrnehmung einlösen lassen, d. h. muss im Wahrnehmungsakt nachvollziehbar werden. Damit aber wird zugleich ein grundsätzliches Problem der phänomenologischen Methode deutlich: Zwischen die Reflexion der Wahrnehmung und ihrer Nachvollziehbarkeit tritt die sprachliche Beschreibung, die zunächst jede Unmittelbarkeit zerstört. Konrad Fiedler und auch Merleau-Ponty sehen hier die spezifische Funktion der Kunst als »Vollzugsform der Wahrnehmungsphilosophie« (S. 45). Kunst greife, so Merleau-Ponty in Das Auge und der Geist, »einen bestimmten Anstoß der Welt« auf und erstatte ihn »dem Sichtbaren durch die Züge der Hand«(6) zurück. Damit aber ist das genuine Problem der Wahrnehmungsphilosophie nicht gelöst, sondern allenfalls auf die darstellenden Künste verschoben. Insbesondere in Bezug auf Literatur und ihre Bild- und Sinnlichkeit(7) kehrt das Problem der Ekphrasis verschärft zurück.(8)

Paradigmatisch für die zweite Methode, den Weg der Analogie, steht das Modell der ›Camera obscura‹, das vor allem durch Descartes prominent geworden ist. Hier wird nicht in  phänomenologischer Reflexion versucht zu beschreiben, wie sich Wahrnehmung dem Wahrnehmenden selbst gibt, sondern über vergleichende Metaphern wird der sprachlich nur schwer vermittelbare Wahrnehmungsakt mit anderen Dingen und Vorgängen analogisiert. Damit soll eben jenes Problem der Ekphrasis umgangen werden. Wiesing lässt hier wenig Zweifel daran, dass er die analogisierende Beschreibung für unzureichend hält:

Metaphorische Sprache oder wissenschaftliche Modelle können die Frage nach der Wahrnehmung niemals philosophisch überzeugend beantworten. [...] es gilt zu beschreiben, was Wahrnehmung wirklich ist, und das kann nur ein Wahrnehmender wissen, indem er auf seine Wahrnehmung reflektiert. (S. 21)

Im dritten Teil der Einleitung gruppiert Wiesing nun die Texte zu Positionen und Argumentationsverfahren, die keineswegs historisch festgelegt zu sein scheinen. Im Vorgriff auf die Lektüre gibt der Herausgeber eine kurze Einordnung und Beschreibung der Positionen. So hilfreich dieses Vorgehen für den sich orientierenden Leser auch ist, so ärgerlich ist es zuweilen, dass lange Zitate aus den später folgenden Texten schon vorgeben, was eigentlich die Lektüre der Texte leisten sollte. Hier hätte man die Positionen besser einordnen können, auch durch Verweise auf unmittelbare Gegenreaktionen. So werden zwar sowohl die Sinnesdatentheorie, die adverbiale und intentionale Theorie der Wahrnehmung angesprochen, nicht aber die vorhandenen Gegenargumente aus der analytischen Sprachphilosophie.

Einen sehr guten und ebenfalls übersichtlichen Abschluss des Bandes bildet das weiterführende Literaturverzeichnis sowie die ›Hinweise und Literatur zu den einzelnen Autoren‹, die neben den Quellennachweisen einen Überblick über Gesamtwerk und Sekundärliteratur zu den Autoren gewähren.


Karlheinz Barck u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Stuttgart: Reclam 7. Aufl. 2002 (Reclam-Bibliothek 1352). 480 S.

Wenn etwas für die Popularität eines Forschungsthemas spricht, dann sind das Neuauflagen, insbesondere wenn nun Reclam Leipzig seit 1990 bereits die siebente Auflage von Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik vorlegt. Die Kapiteleinteilung und die Beiträge der überwiegend französischen Autoren (Foucault, Virilio, Lyotard, Barthes, Baudrillard, Deleuze) sowie neben anderen Friedrich Kittler und Heinz von Foerster machen deutlich, dass es hier weniger um Beschreibungsmodelle von Wahrnehmung geht, sondern um die Neuperspektivierung theoretischer Wahrnehmung.(9) Das Buch gliedert sich in vier thematische Kapitel: (1) Räume – Zeiten / Verkehr – Bewegung (2) Männlich / Weiblich (3) Medien / Simulacren (4) Kunst / Avantgarde / Lebenskunst, sowie ein vorgeschaltetes Interview mit Christian Delachamp und Böhringers Avantgarde-Aufsatz.(10) 14 Jahre nach der Erstauflage hingegen ist diese Neuperspektivierung so neu nicht mehr und längst im Methodenmainstream der Kulturwissenschaften angekommen. Anstatt eines Nachwortes findet sich der noch zu DDR-Zeiten geführte Briefwechsel zwischen den Herausgebern, aus denen sich die inhaltliche Konzeption des Bandes entfaltet.

Die Herausgeber gehen aus von dem Befund, dass sich der Ästhetikbegriff in seiner Tradition als Theorie des Systems der schönen Künste, wie er vor allem im deutschen Idealismus formiert wurde, für die Beschreibung künstlerischer Phänomene in einer immer künstlicher werdenden Welt nicht mehr eigne. Kern des idealistischen Ästhetikprogramms sei immer schon die Trennung von Kunst und Technik gewesen. Heute, wo Kunst, Technik und Pop »ein neues Mischverhältnis« (S. 448) eingehen,(11) soll die Entwicklung des 18. Jahrhunderts von Aisthesis als Theorie und Praxis der Sinnlichkeit zur (philosophischen) Ästhetik umgekehrt werden. Im Abstand zum ideologieverdächtigen Kanon einer schönen Kunst wird so mit dem Aisthesis-Begriff ein neuer Blick auf die Welt gerichtet werden »in bezug auf die Sinne/Sinnlichkeit und in bezug auf die Technik/Technologie« (S. 451). Ganz bewusst will Aisthesis keinen erneuten »Sonderbereich (oder Gebietsanspruch) der Kunst [...] behaupten« (S. 453). In diesem Sinn lassen sich die Beiträge nicht nur als ›andere Ästhetik‹, sondern als Gegen-Ästhetik lesen, als »Versuch [...] soziokulturelle Phänomene unserer Gegenwart entgegen traditionellen Gewohnheiten durch Perspektiven anderer Wahrnehmungsweisen zu verfremden« (S. 464 f.). Wahrnehmung meint hier also keineswegs eine perzeptuelle Eigenschaft unseres Kognitionsapparates, sondern, so könnte man mit Foucault sagen, eine konkrete diskursive Praxis, die sich in der Auseinandersetzung mit der Lebenswelt verändert.(12) Damit aber verkennen die Herausgeber, dass es nicht einer Reformulierung ästhetischer Theorie bedarf, um festgefahrene Wahrnehmungsmuster zu verändern, sondern dass es zum Kern von Kunst zu gehören scheint, Wahrnehmung gesellschaftlich neu zu perspektivieren und beide gleichermaßen historisch kontingent sind. Mitunter braucht hier die Theorie nicht zu leisten, was ihr Gegenstand bereits vollzieht. Ihre Aufgabe und weiter ausstehendes Desiderat hingegen wäre es, Modelle der Beschreibung, historisch wie systematisch, von künstlerischer Wahrnehmung und Sichtbarkeit bereitzustellen.



Jonathan Crary, Aufmerksamkeit: Wahrnehmung und moderne Kultur. Aus dem Amerikanischen v. Heinz Jatho. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. 408 S.

Als einer der Pioniere der aktuellen Forschungsdebatte um Wahrnehmung gilt sicherlich Jonathan Crary, Kunsthistoriker an der Columbia University, der mit Techniques of the Observer(13) bereits 1990 eine grundlegende Geschichte des Sehens vorgelegt hat. Nun hat Crary mit Aufmerksamkeit: Wahrnehmung und moderne Kultur(14) einen weiteren Band zur Problematik von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit in der modernen Kultur vorgelegt.

Crary geht davon aus, dass unsere Wahrnehmung historisch variant ist. Was Wahrnehmung ist oder meint, kann weder naturwissenschaftlich noch phänomenologisch angegeben werden. Vielmehr liest Crary Beiträge aus beiden Disziplinen mit Foucault als Diskursstränge, die sich gegenseitig beeinflussen und von technischen Entwicklungen abhängig sind. Wahrnehmung ist also immer ein »bereits neu konfiguriertes Feld von Techniken und Diskursen, die die Visualität und das betrachtende Subjekt betreffen« (S. 17 f.). Crarys Wahrnehmungsbegriff, wollte man ihn ausmachen, ist zugleich die grundlegende These seines Buches: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit(15) sind auf der einen Seite Versunkenheit und Hingabe an das Objekt, zugleich aber zwingen uns die Objekte unserer Aufmerksamkeit in der modernen Kultur, z. B. das Fernsehen, zur Zerstreuung. In dieser Paradoxie besteht für Crary das Charakteristikum moderner Wahrnehmung. Durch Philosophie, Psychologie und Physiologie hindurch betreibt er eine Archäologie der Wahrnehmung, die bis an die Schwelle zum 20. Jahrhundert führt, in der Aufmerksamkeit zunehmend automatisch, d. h. vor allem durch Automaten, erzeugt wird.

Die Frage des Automatischen ist innerhalb des spezifisch modernen Problems der Aufmerksamkeit entscheidend, weil dieser Begriff die Vorstellung des absorbierenden Zustandes nicht mehr im Zusammenhang einer Verinnerlichung des Subjekts, will sagen einer Intensivierung eines bestimmten Gefühls von Selbstheit, bestimmt. (S. 68)

Zugleich versteht er seine Arbeit durch die Offenlegung der Strukturen »neuer technologischer Formen des Stumpfsinns« als Horizont für die Generierung von »neuen kreativen Möglichkeiten« (S. 68).

Den entscheidenden Bruch sieht Crary, und damit ist wohl auch sein Begriff von Moderne datiert, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Forderte einerseits die gesteigerte technische Produktion Aufmerksamkeit unabdinglich ein, so machte sie zugleich aber ein reflexives Verhalten des Subjekts in der Aufmerksamkeit als dessen epistemische Voraussetzung, wie seit Descartes grundlegend, in der Ausrichtung auf den Automat zunichte. Eine solche These mag nicht überraschen, und Crary selbst führt die Paten der kritischen Analyse einer »Verkümmerung des Wahrnehmungsvermögens« (S. 47) mit Simmel, Benjamin, Kracauer, Adorno und Horkheimer an. So sehr Crary auch die Gegenwartsanalyse der Autoren teilt, so wirft er ihnen vor, selbst einem quasi normativ-regulativen Wahrnehmungsbegriff nachzuhängen, der Aufmerksamkeit und Zerstreuung nur in strikter Opposition denken kann.

Ich dagegen bin der Auffassung, daß es sich bei der modernen Zerstreuung nicht um die Zerstörung von stabilen oder ›natürlichen‹ Arten vertiefter, werthaltiger Wahrnehmung handelt, die seit Jahrhunderten existiert hatten, sondern um einen Effekt [...] bei menschlichen Subjekten Aufmerksamkeit zu produzieren. (S. 47)

Dem Aufmerksamkeitsbegriff scheint also eine merkwürdige Dialektik in der Moderne zu Grunde zu liegen, der Crary feinfühlig nachspürt. Sie kann zugleich »eine Kontrollstrategie und [meine Hervorhebung] ein Ort des Widerstands und Sichentziehens oder öfter noch ein Amalgam von beidem« (S. 64) sein. Und doch macht Friedmar Apel in seiner Rezension(16) völlig richtig darauf aufmerksam, dass Crary hier Oppositionen zwischen einer funktionalistischen Moderne und einem noch in alten Wahrnehmungsparadigmen verharrenden frühen 19. Jahrhundert sieht, die nur schwer zu halten sind. So ist eben Goethes Theorie des belebenden Blicks schon Zurücweisung eines bloß mimetisch-operativen Wahrnehmungsbegriffs.(17)

In den drei Hauptkapiteln zu Manet, Seurat und Cézanne sucht Crary die Bestätigung seiner Thesen in der modernen Kunst. Manets Der Balkon (1868) changiere noch an der Grenze zwischen einer Sehnsucht nach Präsenz des Unmittelbaren und der durch die Pariser Stadterneuerung schon gelenkten, rationalisierten und disziplinierten Aufmerksamkeit, die die Umwelt als kollektiv zusammenhängende Wahrnehmung nicht mehr sichtbar werden lässt. Kaum zehn Jahre später mit Im Wintergarten zeuge die Manet oft als Konservatismus vorgeworfene klare geradezu realistische Darstellung bereits von einer Reflexion, um die dissoziierten Dinge »zusammenzuhalten, die Dinge zu bändigen oder Desintegrationserfahrungen abzuwehren« (S. 78). Freilich geschieht dies nicht mehr im Idyll, sondern jene Modernitätserfahrungen von »Druck und Zwang« werden in das Bild hineingeholt, hier in der Gestalt der korsettierten, gegürteten Frau und des gekrümmt invertierten Mannes. Die wertvollen Einzelinterpretationen sollen hier nicht wiederholt werden, zumal der Verlag ein aufwendiges in Farbe gedrucktes Faltblatt mit Abbildungen der drei Hauptwerke beigelegt hat, so dass der Leser unmittelbar die Interpretation nachvollziehen kann. Crary schließt diese glänzende und nur zu empfehlende Arbeit, womit er sie begonnen hatte. Der Begriff der Aufmerksamkeit selbst, so wie er ihn vorgestellt hat, wird zu einer Theorie der ästhetischen Erfahrung der Moderne:

Die moderne Aufmerksamkeit schwankt unvermeidlich zwischen diesen beiden Polen: sie ist ein Verlust des Selbst, das sich unsicher zwischen einer emanzipatorischen Verflüchtigung von Innerlichkeit und Distanz und einer betäubenden Vereinahmung durch unzählige Figurationen von Arbeit, Kommunikation und Konsum hin und her bewegt. (S. 290)


Max Ackermann, Die Kultur des Hörens. Wahrnehmung und Fiktion. Texte vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Nürnberg: Hans Falkenberg Verlag/Institut für Alltagskultur  2003. 519 S.

Beklagt auch Crary den vielzitierten Primat des Visuellen in der westlichen Kultur – allerdings nur, um ihn letztlich einmal mehr zu bestätigen – so hat Max Ackermann mit seiner Dissertation zur Kultur des Hörens nun ein bisher sträflich vernachlässigtes Feld der kulturwissenschaftlichen Betrachtung eröffnet. Die Arbeit besteht aus zwei Hauptteilen; einer Untersuchung von Prousts A la recherche du temps perduund einer panoramahaften Untersuchung von Hörphänomenen in zahlreichen Texten der europäischen Literatur vom Ende des 19. Jahrhunderts bis weit hinein in die Klassische Moderne und die Anfänge der Avantgarde.

Ackermann nennt sein Projekt, »Mentalitätengeschichte« (S. 64) und sieht sich in methodischer Nähe zur Historischen Anthropologie. »Die in literarischen Texten fixierten Fiktionen können mentalitätshistorische Zeugnisse sein, insoweit nämlich die in ihnen kodierten Vorstellungen und Gefühle Teil eines vergangenen Alltags sind, den man nicht unbedingt ›Lebenswelt‹ nennen muß« (S. 49). Was aber ist der Unterschied zwischen literarischen Texten und Fiktionen? Wieso sind diese in jenen fixiert und wie? Wer kodiert was und wie? Was ist ein Alltag im Unterschied zur Lebenswelt? Über diese Fragen geht Ackermann in seiner theoretischen Selbstpositionierung allzu schnell hinweg. Auch die Diskussion von Theorieansätzen für eine »Kulturgeschichte der Sinne« verbleibt bei einer Reihung von Marx, Nietzsche und Benjamin, ohne die doch wesentlichen Unterschiede herauszuarbeiten:

Diese Überlegung [zu Benjamins These der Historizität von Wahrnehmung] wurde Grundannahme verschiedener Kunst- und Medientheorien, die fortan Kulturtechniken und künstlerische Aussagen auf ihr Wahrnehmungspotential hin untersuchten. [...] Die Reflexion über den kulturellen Teil der Wahrnehmung, auch der von Mentalitäten, kann retrospektiv geleistet werden. Sie kann sich in der Untersuchung von Literatur erweisen. Es lassen sich Topoi untersuchen. Von den Topoi ist es freilich nicht mehr weit zur Literaturwissenschaft. (S. 41)

Damit ist auch das Grundproblem der Arbeit benannt. Sie hat oft keinen Fokus und versammelt daher alles, was mit Hören und Sinnen in Literatur- und Geistesgeschichte zu tun hat. Wozu braucht eine Arbeit, deren Gegenstand das Hören in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts ist »Einige Bemerkungen zu Ur- und Frühgeschichte des Hörens«, »Einige Bemerkungen zum Musikhören im Verlauf der europäischen Geschichte« oder ein Kapitel zum »Versuch einer gemeinsamen Historie von Sprache, Schrift und Hören«? Die Reihung und Verhandlung solcher Globalthemen auf zwei bis drei Seiten Text kann nur unspezifisches Rauschen bleiben. Die Arbeit, so wertvoll die Einzelfunde auch sind, ist konzeptionell schlicht überfrachtet.

Dabei böte der Kern der Arbeit, die Besprechung von Prousts Recherche, einen idealen Fokus, um sich dem spannenden und weitgehend unerforschten Thema zu nähern. Hier gelingen Ackermann überraschende Beobachtungen, wenn er die oft besprochene ›mémoire involontaire‹ auf ihre besonderen Wahrnehmungsmodi hin untersucht. Das Verhältnis von impliziter Ästhetik und kulturgeschichtlichem Kontext fasst Ackermann in dem Begriffspaar Wahrnehmungsideologie versus Wahrnehmungsmentaliät.(18) Stellt die Recherche auf der einen Seite gesellschaftliche Wahrnehmungsmentalität radikal in Frage und versucht sich dieser zu entziehen, präsentiert sie auf der anderen Seite, so Ackermann, eine neue Wahrnehmungsideologie, die unter den transzendenzlosen Bedingungen der Moderne in Anschluss an Schopenhauer durch Sinnlichkeit Sinn und sinnhaftes Leben neu zu konstituieren versucht. Genau darin, so die Leitthese, aber bestehe letztlich das Grundproblem des ganzen Werkes. Wahrnehmungsmodi und besonders das Hören werden so zu ästhetischen Gestaltungsprinzipien bei Proust.

Der nächste Abschnitt »Das Hören in der Literatur um 1900« bleibt leider wieder recht allgemein gehalten. Kostprobe, Thema »Stadtgeräusche«: »Bei Virginia Woolf schließlich erscheint das Akustische als einende Gemeinsamkeit. Ob nun Straßenlärm, ein Flugzeug, Big Ben oder die Fehlzündung eines Autos, alle hören alles gemeinsam« (S. 300). Nicht, dass dies eine Zusammenfassung einer Textuntersuchung wäre, nein, es ist die Behandlung von Virginia Woolf zum Thema.

Ohne Zweifel vermag Ackermann lebendig auf eine Vielzahl bisher unentdeckter Stellen hinzuweisen und aus dieser Perspektive kommt der Arbeit als wahrer Fundus für Anschlussforschung durchaus Pionierstatus zu. Doch leider unterbleibt, vor allem im zweiten Teil, sowohl ein interpretatorischer Rückbezug auf die Texte, als auch eine klare Herausarbeitung jener Topoi, von denen seine Einführung spricht. Wohl aber ist man geneigt, den selbst formulierten Anspruch der Arbeit als eingelöst zu betrachten:

Die Aufgabe einer Untersuchung des Hörens in der Literatur könnte nun schon zu einem großen Teil nur darin bestehen, vorhandene, möglicherweise den Autoren einmal wichtige Zusammenhänge als bislang Übersehenes, durch eine neue Betonung, als lauschende Leseentdeckung zu präsentieren. (S. 53)


Volker Mergenthaler, Sehen schreiben – Schreiben sehen. Literatur und visuelle Wahrnehmung im Zusammenspiel. Tübingen: Niemeyer 2002 (Hermaea. Germanistische Forschungen, NF 96). 438 S.

Etliche der kenntnisreichen Arbeiten zum Verhältnis von visueller Wahrnehmung und Kunst/Literatur vermeiden es, einen systematischen Begriff für dieses Verhältnis anzugeben, so dass sie allzu oft (siehe oben) über eine detailreiche Zusammenstellung von Motiven wie Auge, Ohr etc. nicht hinauskommen. Volker Mergenthaler sucht in seiner 2002 erschienenen Dissertation dieses Verhältnis neu auszutaxieren. Methodisch weiß Mergenthaler sich in einem unauflösbaren Dilemma, das »unausweichlich in einen Begründungszirkel führt« (S. 12): Einerseits will er diskursarchäologisch »in die Breite« (S. 11), andererseits »an der operationalen Größe ›Text‹« (S. 9) festhaltend »in die Tiefe« (S. 11) gehen. Die Umgehung dieses Problems sieht Mergenthaler im Verfahren »weiträumig verstreuter ›Probebohrungen‹« (S. 12). Daraus ergibt sich auch der Aufbau der Arbeit in sechs Einzelstudien zu Schillers Geisterseher, Büchners Leonce und Lena, Raabes Chronik der Sperlingsgasse, Przybyszewskis Totenmesse, Musils Törleß und Kafkas Prozeß.

Anders als diskurstheoretische Arbeiten geht Mergenthaler zunächst von zwei getrennten Bereichen Wahrnehmung und Literatur aus. Damit stellt sich ein grundlegendes Kontextualisierungsproblem, das wohl gesehen, aber nicht angegangen wird. So heißt es im Abschlusskapitel,(19) die Wechselbeziehungen zwischen beiden Diskursen seien »in einem ersten Schritt osmotische Austauschprozesse« zu nennen, weshalb »literarische Texte sowohl als Reflex wahrnehmungsgeschichtlicher Konstellationen und Transformationen wie als deren Movens« fungierten (S. 394 f.). Damit aber wird Mergenthalers Ansatz als dezidiert hermeneutisch verfahrend sichtbar, dessen er sich keineswegs zu schämen und den er auch nicht mit diskursanalytischem Vokabular aufzupäppeln bräuchte, denn was als Ergebnis der Textlektüre dabei herauskommt, ist überaus lesenswert.(20) Auf der Ebene der Kontextualisierung aber zeigen sich Schwächen, die wohl dem methodischen Dilemma zu schulden sind. Oft willkürlich und instrumentell scheint die Auswahl der Bezugstexte aus dem Wahrnehmungsdiskurs. So wird zuweilen nicht deutlich, welchen Status diese Bezüge haben sollen, historisch-kontextuell oder als wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis menschlicher Wahrnehmung. Besonders gut zu sehen ist dies am Beispiel der psycho-physiologischen Schriften von Harro Münsterberg im Törleß-Kapitel. Einerseits sind sie nahezu zeitgleich publiziert und Musil dürfte sie gekannt haben, andererseits wird Münsterberg wiederholt als wissenschaftliche Autorität für eine wichtige Grundannahme der Arbeit aufgerufen, dass es ein Korrelat zwischen Lesephänomenen und Bewegungssehen, d.h. alltäglicher Wahrnehmung gebe.(21) Neuere Ansätze der Leseforschung werden indes kaum wahrgenommen.

Entlang der von Friedrich Kittler aufgestellten und inzwischen recht abgegriffenen Medienparadigmen der ›Camera obscura‹ und der ›Laterna magica‹ untersucht Mergenthaler die Texte auf deren Präsentationsstrategien. Anders als Kittler(22) aber geht Mergenthaler nicht von einer festlegenden Zuschreibung eines Paradigmas zu Produktions- bzw. Rezeptionsseite des literarischen Textes mit den entsprechenden Identifikationen Autor – Leser aus. Steht die ›Camera obscura‹ zwar zunächst für abbildende Mimesis und die ›Laterna magica‹ für Poiesis (vgl. S. 114), so kann aber erstere

sehr wohl auch für eine Schreibweise und die Laterna magica entsprechend auch für eine Lektürepraxsis einstehen. [...] Im Paradigma der Laterna magica sind die jeweiligen schöpferischen Aspekte von Autor- und Leserschaft betont, [...] im ›hereinsehenden‹ Paradigma der Camera obscura die jeweiligen rezeptiven Aspekte von Autor- und Leserschaft akzentuiert (S. 384 f.) [meine Hervorhebung].

Im Geisterseher, in der Chronik der Sperlingsgasse und in der abgewandelten Form des Kinematographen im Törleß liest Mergenthaler dementsprechend eine »metaphorische Ersetzung« (S. 385) für das selbstreflexive Verhalten der Texte auf ihre eigenen Entstehungs- und eben auch Rezeptionsbedingungen. Dafür steht die Formel des Titels: »Sehen schreiben – Schreiben sehen«, der offenbar zwei grundlegende Modi des Zusammenspiels von Wahrnehmung und Literatur beschreibt.

Als Figuration des ›Sehen-Schreibens‹ – vom Schreiben her gefragt – lassen sich zum einen diejenigen Varianten des Zusammenspiels von ›Wahrnehmung‹ und ›Literatur‹ fassen, die literarische Texte gegenüber dem Bereich des ›Sehens‹ als mimetisch bestimmen [...]. Dieser Variante lassen sich alle Formen stofflich-motivischer Adaption von Mustern und Konzepten visueller Wahrnehmung in literarischen Texte zuordnen. (S. 395 f.)

Als Figuration des ›Schreiben-Sehens‹ – vom Sehen her gefragt – lassen sich dagegen [...] diejenigen Varianten [...] begreifen, die ›Schreiben‹ sichtbar machen, und darin als ostentative Freilegung diskursiver Textstrategien, als Visualisierung der poetischen Faktur, wirksam werden. (S. 399)

Mit dieser Formel hat Mergenthaler ein Beschreibungsinstrumentarium gewonnen, um das oft wilde Durcheinandergehen von Motivforschung und Strukturanalyse zu trennen und eben dadurch fruchtbar aufeinander zu beziehen. Das sei kurz am Beispiel des Prozeß-Kapitels erläutert. Bekannterweise nutzt K. im Dom eine elektrische Taschenlampe, um das Altarbild sukzessive auszuleuchten und so sich einen Gesamteindruck davon verschaffen zu können. In der Syntheseleistung von nach und nach wahrgenommenen Einzelbildern zu einem Wahrnehmungsgegenstand, liegt – so Mergenthaler – die Analogie zur »Struktur mentaler Repräsentation visuell wahrgenommener Außenwelt« (S. 347). Die Szene stelle den ansonsten überblendeten konstruktivistischen Charakter der Außenwelt dem Leser anschaulich vor Augen. Zugleich weise dies auf die Entstehungs- und Editionsgeschichte des Textes selbst zurück und stelle eine implizite Leseanweisung dar.(23)

Die [...] zur Verknüpfung von Teilwahrnehmungen zu einem sinnhaften Ganzen auffordernde und in Variationen in fast allen ›Kapiteln‹ wiederkehrende Struktur fundiert somit Schreibweise, Bedeutungskomposition und –dekomposition in ihren Mikro- ebenso wie in ihren Makroaspekten und legt die Vermutung nahe, daß die in den Fensterblicken und in der Taschenlampenszene als im menschlichen Sehen verankert gezeigte Struktur auch den Gesamtplan des Romans bestimmt. (S. 367) 

Die Stärke und Anschaulichkeit der Arbeit liegt vor allem in der sorgfältigen und genauen Beschreibung der narrativen Formen – insbesondere der Fokalisationsverfahren – für die Ausfaltung der These, dass Wahrnehmungsreflexion zur Dichtungsreflexion, sowohl produktions- wie auch rezeptionsästhetisch wird. Den stets zur Ablenkung geneigten Leser werden überdies die zahlreichen illustrativen Abbildungen erfreuen und dem Buch die geneigte Aufmerksamkeit garantieren.

Dennoch bleibt die Frage, ob Mergenthaler wirklich Fallstudien vorgelegt hat und sich sein Begriffsinstrumentarium an anderen Texten bewähren kann.

Kunst macht Wahrnehmung für Kommunikation verfügbar, und dies außerhalb der standardisierten Formen der (ihrerseits wahrnehmbaren) Sprache. [...] Und gerade das gibt der Kunst ihre Bedeutung. Sie kann Wahrnehmung und Kommunikation integrieren, ohne zu einer Verschmelzung oder Konfusion der Operationen zu führen.(24)

Sollte diese Einschätzung Luhmanns zutreffen, so wäre weiterhin nach den historisch situierten erzähltechnischen Verfahren zu suchen, um das Zusammenspiel und die rekursive Angewiesenheit von Literatur und Wahrnehmung zu beschreiben.



Matthias Buschmeier, Universität Bielefeld, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft, Postfach 100131, D-33501 Bielefeld. Email: matthias.buschmeier1@uni-bielefeld.de


Anmerkungen

(1) Gernot Böhme, Aisthetik. Vorlesungen zur Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre. München 2001; Martin Seel, Ästhetik des Erscheinens. Frankfurt/M. 2000. [zurück]

(2) Die Forderung, Wahrnehmung ins Zentrum der Philosophie zu stellen, findet sich schon bei Karl Schlechta, Die Wahrnehmung – ein Stiefkind der Philosophie. In: Alexander Schwan, Denken im Schatten des Nihilismus. Festschrift für Wilhelm Weischedel. Darmstadt 1975, S. 366-371. [zurück]

(3) Erfreulicherweise gibt es keine textlichen Überschneidungen mit dem von Ralf Konersmann herausgegebenen Band Kritik des Sehens (Leipzig 1997), der über eine Einführung hinaus einen konstitutiven »Zusammenhang zwischen den geschichtlichen Veränderungen des Sehens und seiner Kritik« (Ders., ebd., S. 14) aufzeigen möchte und sich mit Wiesings Band hervorragend ergänzen lässt. [zurück]

(4) Ohne das hier weiter ausführen zu können, scheint mir Luhmanns Vorschlag (v. a. in Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/M. 1995), Wahrnehmung als Relais und Modus der strukturellen Koppelung von Welt, Bewusstsein und sozialem System zu konzipieren, um mit dem Kommunikationsbegriff zugleich ein Ineinanderfallen von Signifikat und Signifikant zu vermeiden, als aussichtsreiche Möglichkeit dem Dilemma radikal (de)konstruktivistischer Positionen zu entgehen. [zurück]

(5) Siehe auch S. 249. Ich folge hier dem für den Leser des Bandes sehr angenehmen Vorgehen und gebe als Zitatnachweis die Seitenzahl des Textes im Band selbst, anstatt jener der eigenständigen Publikation. [zurück]

(6) Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist. Hamburg 1967, S. 19. [zurück]

(7) Grundlegend: Lothar van Laak, Hermeneutik literarischer Sinnlichkeit. Historisch-systematische Studien zur Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. Tübingen 2003. [zurück]

(8) Dazu jüngst Renate Brosch, Verbalizing the Visual: Ekphrasis as a Commentary on Modes of Representation. In: Jutta Eming/Annette Jael Lehmann/Irmgard Maassen (Hg.), Mediale Performanzen. Historische Konzepte und Perspektiven. Freiburg 2002, S. 103-123. [zurück]

(9) Hannes Böhringer beschäftigt sich hingegen mit systemtheoretischem Vokabular in seinem Beitrag Attention im Clair-obscur: Die Avantgarde mit Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstrukturen künstlerischer Avantgarden, siehe S. 14-32. [zurück]

(10) Warum er sich nicht im gerade so betitelten Kapitel findet, bleibt Geheimnis der Herausgeber. [zurück]

(11) So Peter Gente im abgedruckten Briefwechsel zwischen den Herausgebern, siehe S. 446-468. [zurück]

(12) So schon Walter Benjamin in Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduktion (2. Fassung), wenngleich sehr viel materialistischer: »Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung«. In: Ders., Gesammelte Schriften. Bd. I. 2. Hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt/M. 1974, S. 478. [zurück]

(13) Dt.: Jonathan Crary, Techniken des Betrachters. Sehen und Moderne im 19. Jahrhundert. Dresden 1996. [zurück]

(14) Zuerst erschienen als: Suspension of Perception. Attention, Spectacle and Modern Culture. Cambridge 1999. [zurück]

(15) Wie der Originaltitel mit Perception andeutet, scheint Crary beide Begriffe häufig synonym zu verwenden. Im Deutschen führt dies zuweilen zu Verwirrungen, insbesondere dort wo Crary Aufmerksamkeit als eine spezifische Form der sinnlichen Wahrnehmung beschreibt. [zurück]

(16) Friedmar Apel, Erobert das Unsichtbare! In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2002, S. 38. [zurück]

(17) Zu Novalis’ Aufmerksamkeitsbegriff, der mit Crarys Beschreibung von der Dialektik der Wahrnehmung zu korrelieren scheint, vgl. demnächst: Friedmar Apel, Die Poetik der Aufmerksamkeit bei Novalis. In: Herbert Uerlings (Hg.), Novalis – Poesie und Poetik. Tübingen 2004. [zurück]

(18) Crary würde hier wohl von Ideologien sprechen. Zur näheren Unterscheidung der Begriffe ›Mentalität‹ und ›Ideologie‹ bei Ackermann siehe S. 38 ff. [zurück]

(19) Dieses Kapitel wäre im übrigen wesentlich besser als Einleitung geeignet gewesen, weil hier die eigentliche Begrifflichkeit der Arbeit erst entwickelt wird. [zurück]

(20) Freilich zieht er damit zugleich die bekannte Kritik am hermeneutischen Verfahren wieder auf sich, die er wohl zu vermeiden gesucht hat. [zurück]

(21) Ähnliches gilt für die Bezugnahme auf Helmholtz. [zurück]

(22) Friedrich Kittler, Die Laterna magica der Literatur: Schillers und Hoffmanns Medienstrategien. In: Athenäum 4 (1994), S. 219-237. [zurück]

(23) Insofern will Mergenthaler auch nicht an die philologische Diskussion, um den gerechtfertigsten Text anschließen. Alle Ausgaben sind vielmehr schon verschiedene Resultate der impliziten Leseanweisung zur Synthese. [zurück]

(24) Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1995, S. 82 f. [zurück]