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In: KulturPoetik 2005, Heft 1

Autor

Uwe Spörl

Titel

Konzeptionen von Performanz im Rück- und Ausblick
Uwe Wirth (Hg.), Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002 (stw 1575). 436 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

»Falls Sie bei PISA mal richtig performen wollen« – Mit diesem um zwei von »5000 neuen Wörtern« herum gruppierten Slogan wirbt der Duden-Verlag für die neueste Auflage des Rechtschreib-Dudens. Ich persönlich kann nur hoffen, dass sich das Wort »performen« nicht durchsetzen wird, auch wenn ich natürlich anerkenne, dass der ›performative turn‹ in den Sprach-, Kultur- und Medienwissenschaften längst ›im Vollzug‹ ist. Umso erfreulicher ist es, dass mit dem von Uwe Wirth herausgegebenen und ebenso kenntnis- wie umfangreich eingeleiteten Band zur Performanz nunmehr auch in deutscher Sprache ein repräsentativer Sammelband vorliegt, der dem an Kulturwissenschaften im weitesten Sinne interessierten Leser zu verstehen hilft, was es mit jenem für so zentral erklärten Performanzbegriff auf sich hat. Dass dies keine leichte Aufgabe ist, liegt an zwei Tatsachen, auf die der Band selbst und sein Herausgeber eingehen:

Erstens ist da die Vielzahl von Disziplinen und Theorie-Entwürfen, innerhalb derer Performanz-Konzepte entwickelt worden sind oder genutzt werden. Zu nennen sind hier nur die wichtigsten: Sprachphilosophie/Sprechakttheorie, Philosophie, Semiotik, Literaturtheorie, Kulturwissenschaft, Ethnologie/-graphie, Theaterwissenschaft, Medienwissenschaft – oder eben ›performance studies‹. Die Entwicklung und den an Interferenzen reichen, multidisziplinären Ausdifferenzierungsprozess des Performanzbegriffs, der mit John L. Austins Grundlegung der Sprechakttheorie in How to do Things with Words 1962 begann, zeichnet Wirth in seinem einführenden Aufsatz Der Performanzbegriff im Spannungsfeld von Illokution, Iteration und Indexikalität nach (S. 9-60; insbes. S. 9-42). Zugleich gibt Wirth dem Leser Gelegenheit, eben diese Entwicklung anhand einer klugen Auswahl einschlägiger Texte durch eigene Lektüre selbständig nachzuvollziehen: Gleich zwei große Kapitel des Sammelbandes sind dieser Dokumentation gewidmet – Der Performanzbegriff zwischen Sprachphilosophie und Literaturtheorie (S. 61-182) und Die ›kulturwissenschaftliche Wende‹ des Performanzbegriffs (S. 183-320) –, die allein einen linguistischen Beitrag zur ›Pragmatik‹ vermissen lassen.

Die zweite Schwierigkeit jeder Annäherung an den Performanz-Begriff liegt darin, dass weder der ›performative turn‹ noch die Ausbildung eines verlässlichen interdisziplinären Performanzbegriffs abgeschlossen sind. Weitere konzeptionelle Arbeit steht aus, noch sind offene Fragen und Probleme anzugehen, die mit dem Begriff selbst und seiner Nutzbarmachung in den einschlägigen Disziplinen und Forschungsparadigmen verbunden sind. Dieser Arbeit sind der abschließende Teil des Einführungsaufsatzes (S. 42-53) und die letzte Abteilung des Bandes »Übergänge und Perspektiven des Performanzbegriffs« (S. 321-433) gewidmet. Hierfür hat der Herausgeber eine Reihe von Originalbeiträgen – bzw. Überarbeitungen aktueller Forschungsbeiträge – eingeworben, die sich mit freilich unterschiedlichem Erfolg an »das noch auszuarbeitende Konzept medial-performativer Indexikalität« (S. 53) machen, das Wirth als das aktuell drängendste Defizit der ›Performanz-Studien‹ ausmacht.

Austin hat mit seiner Sprechakttheorie nicht nur die Sprachphilosophie, sondern auch verschiedene Nachbardisziplinen angeregt, von sprachlichen Zeichen und gedanklichen Propositionen mit ihren Wahrheits- und Referenzbedingungen abzusehen, um sich dem Handeln zuzuwenden, das in, mit und durch Sprache vollzogen wird und das mithin Gelingensbedingungen aufweist. Damit stehen nun nicht mehr die repräsentierten Bedeutungen von Zeichen, sondern deren indexikalischer Wert im Vordergrund. Anders gesagt: Das Zeichen im Modus der Performanz ist, was es bedeutet. Und damit steht seine materielle, mediale, in der Zeit verlaufende Präsenz im Fokus der Aufmerksamkeit. Als Zeichen ist derlei Präsentiertes (und nicht zwingend Repräsentierendes) aufzufassen, wenn es innerhalb eines entsprechenden Rahmens (etwa dem einer Theaterbühne) als solches aufzufassen ist; und als Zeichen konstituiert es sich, insofern es wiederholbar ist,  auch und gerade in anderen Rahmungen. – So könnte man, in aller Kürze, den von Wirths gesammelten Beiträgen dokumentierten Stand der Dinge des ›Performanzbegriffs heute‹ wiedergeben.

Dabei wird deutlich, was die Performanztheorien bis heute ausweist: ihre gleichsam ›von Geburt an‹ mitgegebene Nähe zu Sprach- und Texttheorien. Diese ist in zwei Hinsichten in Wirths Sammelband verankert: Zum einen sind in der ersten Abteilung der Performanz-Theorien nicht nur einige ihrer sprechakttheoretischen Gründungsdokumente von Austin und Searle zu finden – und ein die Transzendentalpragmatik repräsentierender Beitrag von Habermas zum daraus entwickelten Konzept der ›Diskusrethik‹ (S. 159-182) –, sondern auch verschiedene literaturtheoretische Beiträge mit zumeist dezidiert poststrukturalistischer Ausrichtung, etwa Barthes’ »Der Tod des Autors« (S. 104-110) oder de Mans »Semiologie und Rhetorik« (S. 140-158). Diese belegen das Interesse solcher Ansätze am anti-intentionalistischen und anti-repräsentationalistischen Potential des sprechakttheoretisch begründeten Performanzbegriffs, sie markieren aber auch den Import genuin texttheoretischer – und oft dezidiert dekonstruktivistischer – Theoreme in die Diskussion um den Performanzbegriff, etwa in Derridas »Unabhängigkeitserklärungen« (S. 121-128). Insofern ist zum anderen ein dekonstruktivistischer Grundzug – der sich oft durch Rückgriff auf Derrida’sche Überlegungen zu erkennen gibt – den meisten der von Wirth hier versammelten Beiträge gemein. Das entspricht sicherlich dem ›state of the art‹ aktueller Performanz-Theorien und ihrer Genese, es fördert aber ebenso gewiss deren begriffliche Schärfe nur bedingt; und es setzt die Ausrichtung der Performanz-Theorien am Modell von Text- und Zeichentheorien fort. Dadurch wird – in der Auswahl der Beiträge wie im gesamten Forschungsparadigma – offensichtlich der Aspekt des Handelns (How to do things) gegenüber dem von Text und Zeichen (with words) vernachlässigt. Anders gesagt: Eine Anbindung des Performanzbegriffs an die philosophische Handlungstheorie wäre sicherlich wünschenswert. Ein  entsprechender Beitrag fehlt im Band – vielleicht auch deshalb, weil mit diesem Ansatz eine der Grundannahmen aller mit dem Performanzbegriff arbeitenden Theorien in Frage gestellt wäre: ihr Anti-Intentionalismus.

Auf diesem gründen freilich die im engeren Sinne kulturwissenschaftlichen Verwendungen des Performanzbegriffs, und so arbeiten sie mit ›Konventionen‹, ›Formen‹, ›Symbolsystemen‹ usw. Für die ethnologische Forschung, die sich bevorzugt mit Ritualen beschäftigt, ist das sicherlich plausibel, wie die drei hier versammelten Beiträge von Erving Goffman (S. 185-192), Victor Turner (S. 193-209) und insbesondere Stanley J. Tambiah (S.210-242) zeigen. Ebenso plausibel ist das kultur- bzw. performanztheoretische Rahmen-Konzept, das die kontextsensitive Zeichenhaftigkeit von Handlungen (oder anderen in Raum und Zeit wahrnehmbaren Phänomenen) in Relation zu kulturell konstituierten ›Rahmen‹ modelliert – so programmatisch bei Goffmann und Umberto Eco (S. 262-276). Eine Unterscheidung von ›Performanz‹ und ›Performance‹ kann ohne die Annahme von Intentionalität aber kaum getroffen werden. Von Erika Fischer-Lichte (S. 277-300), die dafür plädiert, heutige, also moderne und postmoderne ›cultural performances‹ nach dem Paradigma des Theaters bzw. der ›Performance‹ zu modellieren, und Judith Butler (S. 301-320), die iterierte körperbezogene ›Performanzen‹ als Konstitutionsmodus für ›gender‹ ausweist, wird dies aber auch nicht beabsichtigt.

Die Originalbeiträge der letzten Abteilung des Bandes haben sich der »semiopragmatischen Kritik des Performanzbegriffs« (S. 42) verschrieben. Unter diesen ragen sicherlich die Aufsätze von Sybille Krämer (Sprache – Stimme – Schrift, S. 323-346), Niels Werber (Vor dem Vertrag, S. 366-382) und Uwe Wirth (Performative Rahmung, parergonale Indexikalität, S. 403-433) heraus, insofern sie das Problem der bislang fehlenden materiellen bzw. pragmatischen Ausrichtung des Performanzbegriffs ernst nehmen und angehen: Werber schließt seine vertragstheoretischen Lektüren von Hobbes und Luhmann mit einer resümierenden Sentenz zur Performanz – »die Umstände ihres Erfolges liegen nicht in ihrer Hand« (S. 382) – und verweist so auf das allen (politischen) Performanzen vorgängige Dritte (Macht, Staat, Öffentlichkeit). Wirth landet bei seiner am Herausgeberbegriff orientierten Analyse des performativen Rahmens von (elektronischen) Hypertexten schließlich auch bei dessen materiell-virtueller Basis in Form von Software. Krämer schließlich liefert die Skizze einer Medienphilosophie des Performanzbegriffs, in der sie »die nicht-repräsentationalen, vorprädikativen Bedingungen unserer Sprachlichkeit« (S. 329) analysiert und die zentrale Bedeutung der »verkörperten Sprache« als Schriftlichkeit und vor allem Mündlichkeit/Stimmlichkeit (S. 331) betont. Insbesondere dieser medienphilosophische Ansatz scheint mir für die vollständige Implementierung des Performanzbegriffs in den Kulturwissenschaften geeignet zu sein.

Umso bedauerlicher ist es, dass gerade dieser Beitrag, der im Untertitel »sieben Gedanken über Performativität als Medialität« (S. 323) verspricht, aufgrund eines Nummerierungsfehlers acht Abschnitte umfasst. Dies ist allerdings die berühmte Ausnahme, welche die sorgfältige Bearbeitung des gesamten Bandes eher bestätigt als in Zweifel zieht.

Dr. Uwe Spörl, Universität Bremen, FB 10 Sprach- und Literaturwissenschaften (Germanistik), Postfach 330440, D-28334 Bremen; E-Mail: uwe.spoerl@uni-bremen.de