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In: KulturPoetik 2005, Heft 1

Autor

Jörn Glasenapp

Titel

Udo Göttlich/Lothar Mikos/Rainer Winter (Hg.), Die Werkzeugkiste der Cultural Studies. Perspektiven, Anschlüsse und Interventionen.

Kategorie

Rezension

Abstract

Udo Göttlich/Lothar Mikos/Rainer Winter (Hg.), Die Werkzeugkiste der Cultural Studies. Perspektiven, Anschlüsse und Interventionen. Bielefeld: Transcript 2001 (Cultural Studies 2). 348 S.

Volltext

»Cultural Studies behandeln Theorien als […] Ressourcen, die an das bestimmte Projekt anzupassen […] sind«,(1) konstatiert Lawrence Grossberg in seinem viel zitierten Definitionsversuch der Cultural Studies. Eine entsprechende Einschätzung der Cultural Studies und des von ihnen praktizierten offenen, dabei jedoch keineswegs beliebigen Theorie- und Methodeneinsatzes vertreten offenbar auch die drei Herausgeber der vorliegenden Aufsatzsammlung, in deren Vorwort ganz ähnlich wie bei Grossberg zu lesen ist: »Aus dem Pool der vorhandenen theoretischen Konzepte, Methoden und Auswertungsverfahren werden diejenigen ›Werkzeuge‹ ausgewählt, die für die jeweilige Aufgabe als geeignet erscheinen. Theorie wird in diesem Sinn als strategische Ressource benutzt. Werden neue Werkzeuge gebraucht, so werden diese hergestellt« (S. 7). Der im Bereich der Cultural Studies tätige Wissenschaftler wird demnach als eine Art Heimwerker verstanden, dessen Werkzeugkiste allerdings statt Zangen, Schrauben und Zollstock mit Diskurs- und semiotischer Textanalyse, teilnehmender Beobachtung oder narrativen Interviews aufwarten kann.

Der den Uneingeweihten möglicherweise etwas irritierende Titel des Bandes wäre also erklärt, doch birgt die so prominent herausgestellte Metapher der Werkzeugkiste Tücken: Wir alle haben schon Erfahrungen mit Werkzeugkisten gemacht, und diese waren meist schlechte: Letzteres liegt daran, dass sich Werkzeugkisten fast immer in einem notorisch chaotischen Zustand befinden, so dass man fast nie das Werkzeug findet, welches man zu finden hoffte. In gewisser Weise gilt dies auch für viele wissenschaftliche Sammelbände, die Lösungen für gewisse Probleme versprechen, statt dessen den Leser jedoch zu oft mit einem Chaos von Beiträgen konfrontieren, dessen Nutzwert vergleichsweise gering ist.

Zwar hält sich das Chaos im vorliegenden, die Anschaffung durchaus lohnenden Band in Grenzen, doch deutet bereits die extreme Kürze des Vorwortes (knapp zwei Seiten) darauf hin, dass sich das Herausgeberteam nicht recht dazu in der Lage sah, in der inhaltlichen Fokussierung der einzelnen Beiträge mehr Gemeinsamkeit auszumachen als jene, dass alle »das Projekt der Cultural Studies […] weiterführen und […] insbesondere die Schnittstellen mit Disziplinen wie Soziologie, Philosophie, Ethnologie, Medien- und Kommunikationswissenschaft, Germanistik, Sportwissenschaft, Erziehungswissenschaft, Kritischer Theorie und Kulturwissenschaft« diskutieren (S. 8). Dies alles freilich sagt noch nichts über die Qualität der Beiträge aus, die im Großen und Ganzen durchaus lesenswert sind, was allerdings zumeist eher ihrem informativen denn innovativen Potenzial geschuldet ist. Besonders offenkundig wird dies, wenn sich etwa Roman Horak und Otto Penz in ihren Ausführungen weitgehend darauf beschränken, die letztlich nur marginale Bedeutung Cultural Studies-informierter Ansätze innerhalb der österreichischen und deutschen Sportforschung herauszustellen (letztere »bleibt, was sie immer schon war – nicht allzu innovativ und sportwissenschaftlich hermetisch«; S. 110), wenn Manuela Ribeiro Sanches die Impulse nachzeichnet, welche die portugiesische Germanistik durch die Cultural Studies erfahren hat, oder wenn Richard Gebhardt – obgleich durchaus zu Recht – erneut darauf hinweist, dass auch das Musikmagazin Spex einen nicht unwesentlichen Anteil an der Verbreitung zentraler Cultural Studies-Positionen im deutschsprachigen Raum hatte.

Im Vergleich hierzu wesentlich ambitionierter präsentiert sich der Beitrag von Rainer Winter, dem in Deutschland wohl besten Kenner der Cultural Studies,(2) der in seinem Aufsatz zunächst daran erinnert, dass letztere bereits seit ihren Anfängen in den späten 50er Jahren – Winter nennt als Beispiel Richard Hoggarts The Uses of Literacy (1957) – eine große Affinität zur Ethnographie aufwiesen. Zugleich bewahre gerade die starke Tendenz der Cultural Studies zur Selbstreflexivität und ihr Bekenntnis zum ›radikalen Kontextualismus‹ (Grossberg) die in ihr tätigen Wissenschaftler davor, wie viele ihrer Kollegen in der deutschen ethnographischen Sozialforschung einem post-positivistischen Paradigma zu folgen, dem gemäß ethnographische Texte eine von ihnen unabhängige Wirklichkeit möglichst realistisch repräsentieren sollen. Anstelle dessen werde – und insbesondere Ien Angs ethnographische Arbeiten zur Rezeptionsforschung geben Winter hierbei Recht – »bei den Cultural Studies die Rolle des Forschers, seine Position als Beobachter und als Schreibender, radikal problematisiert und die zentrale Bedeutung der Interpretation hervorgehoben« (S. 43 f.). Dadurch seien sie in besonderem Maße befähigt, der von der modernen Anthropologie konstatierten ›Krise der Repräsentation‹ zu begegnen.

Einem ähnlichen Ansatz, nämlich Schwachpunkte anderer, ›etablierter‹ Disziplinen aus einer spezifischen Cultural Studies-Perspektive heraus aufzuzeigen, ist auch der ebenso umfangreiche wie gute Beitrag von Andreas Hepp verpflichtet. In diesem geht es dem Autor darum, ausgehend von einer gewissermaßen als Folie fungierenden Skizzierung unterschiedlicher, als defizitär kritisierter Positionen der interkulturellen und internationalen Kommunikationsforschung (unter anderem von Gerhard Maletzke, Horst Reimann und Marie-Luise Kiefer) die transkulturelle Medienforschung als einen der zunehmenden Deterritorialisierung in besonderem Maße Rechnung tragenden Ansatz der deutschsprachigen Medien- und Kommunikationswissenschaft zu profilieren, nicht zuletzt, da diesem eine besondere Affinität zu den Cultural Studies eigne und er somit »einen wichtigen Anschlusspunkt für das aktuelle Betreiben von Cultural Studies bieten kann« (S. 268). Hepp nimmt demnach in gewisser Weise die Aussage Grossbergs ernst, dem zufolge die einzige Art, Cultural Studies zu betreiben, letztlich jene sei, »ihnen immer wieder eine Heimstatt im Rahmen einer bestimmten Disziplin zu schaffen, auch wenn sie die Legitimität der bestehenden Einteilung der intellektuellen Arbeit in verschiedene Disziplinen in Frage stellen« (S. 254).

Sicher einen der gelungensten Beiträge liefert schließlich Lothar Mikos, der Cultural Studies-spezifische Überlegungen zur Medienaneignung literaturwissenschaftlich – bzw. genauer: rezeptionsästhetisch – fundiert. Hierbei weist er völlig zu Recht auf den im Kontext der Cultural Studies so oft vernachlässigten Umstand hin, dass der Aneignung eines Film- oder Fernsehtextes, das heißt der Übernahme desselben in den alltags- und lebensweltlichen Zusammenhang des Zuschauers, die Rezeption, also die konkrete, von Wolfgang Iser in Der Akt des Lesens theoretisch gefasste Interaktion zwischen Text und Zuschauer, notwendig vorausgeht, dass demnach eine »Rezeptionsästhetik der audiovisuellen Medien […] eine Voraussetzung für die Untersuchung diskursiver Praktiken [ist], wie sie von den Cultural Studies geleistet wird« (S. 337).

Abschließend sei erwähnt, dass es sich bei der hier zur Diskussion stehenden Aufsatzsammlung um Band 2 einer von Rainer Winter ins Leben gerufenen Cultural Studies-Reihe handelt, die mit einem hochwillkommenen, um nicht zu sagen: überfälligen John Fiske-Reader startete und einmal mehr bestätigt, dass die Cultural Studies nun endlich auch in der deutschen Wissenschaftslandschaft angekommen sind.

Dr. Jörn Glasenapp, Institut für Angewandte Medienforschung, Scharnhorststr. 1, D-21335 Lüneburg, glasenapp@uni-lueneburg.de


Anmerkungen

(1) Lawrence Grossberg, Cultural Studies. Was steckt in einem Namen? In: Ders., What's Going On? Cultural Studies und Popularkultur. Wien 2000, S. 253-286;hier S. 273. [zurück]

(2) Vgl. seine hervorragende Monografie Die Kunst des Eigensinns: Cultural Studies als Kritik der Macht  (2001). [zurück]