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In: KulturPoetik 2004, Heft 2

Autor

Manfred Engel

Titel

Gerald Gillespie, Proust, Mann, Joyce in the Modernist Context

Kategorie

Rezension

Abstract

Washington: Catholic University of America Press 2003. 324 S.

Volltext

Als Mittel der Wahl zur Emanzipation von Söhnen ist symbolischer Vatermord ein wohlbekanntes Phänomen. Wenn aber Zwerge auf Riesen folgen, die Leistungen der Söhne denen der Väter auf nur allzu offensichtliche Weise unterlegen sind, dann bekommt deren lustvolle Denunziation schnell einen faden Beigeschmack. Das, vielleicht, mag der Hintergrund sein für die Heftigkeit wie die Hohlheit der Kritik, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts an der ästhetischen Moderne geübt wurde. Gerald Gillespie referiert in seinem Einleitungskapitel (S. 1-21) den ganzen Katalog der wohlbekannten Vorwürfe: Vernachlässigung der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch Flucht in autonome Kunstwelten (als neulinke Reprise des altlinken Formalismus-Verdikts); Verrat an der westlich-aufklärerischen Tradition des Humanismus; nostalgische Fixierung an ›grands récits‹ und Werkgeschlossenheit; Eurozentrismus und Ausgrenzung des ›Anderen‹. Es ist wohltuend zu lesen, wie Gillespie all diese Anklagepunkte mit völlig unpolemischer Gelassenheit entkräftet. Zugleich widerlegt er – und das ist der vielleicht wichtigste Ertrag des Buches – eine inzwischen fast topisch gewordene Sicht der Moderne, die ich das ›Guernica-Syndrom‹ nenne: Kein Bild der Moderne wurde so bereitwillig und beifällig rezipiert wie Picassos La Guernica – zweifellos, weil hier das Bild-Sujet es dem Betrachter möglich machte, sich die fremde Formsprache der Moderne auf vertraut mimetische Weise zu erklären: ›de-formierendes‹ Malen als Abbild einer deformierten Welt. Der Blick auf auch nur ein weiteres Bild Picassos würde genügen, um dieses Deutungsschema zu falsifizieren – dennoch ist es geradezu epidemisch geworden. Ganz gängig wird moderne Kunst heute unter den Auspizien einer Ästhetik der Negativität begriffen – sei es als Abbild einer disparaten und zerstörten, sei es als bewußte Zerstörung (›Dekonstruktion‹) einer schlechten und daher zerstörenswerten Wirklichkeit.

Daß Gillespie Gegner wie einseitige Deuter der Moderne überzeugen wird, ist wohl kaum zu hoffen. Ihren Bewunderern aber bietet er weit mehr, als der Titel seines Buches verspricht: Zwar stehen die Werke von Proust, Thomas Mann und Joyce in der Tat im Zentrum; die Reihe der behandelten Autoren (und Texte) ist jedoch viel, viel länger: Baudelaire, Borges, Butor, Dos Passos, Hesse, Mallarmé, Kafka, Rilke, Woolf gehören dazu, aber auch nicht ganz so kanonisch gewordene Schriftsteller wie John Barth, Alejo Carpentier, Arthur Conan Doyle, Hamsun, José-Maria de Hérédia, Huysmans und Dorothy Sayers. Selbst wenn diese Liste vollständig wäre (was sie längst nicht ist), gäbe sie noch immer nur einen höchst unvollkommenen Eindruck von der Weite des Buches: Dem Leser begegnen auch zahllose Werke der vormodernen Literatur, die, auf ganz unterschiedliche Weise zu den Vorläufern oder Referenzpunkten der Moderne gehören (etwa Texte von Aphra Behn, Byron, Cervantes, Dante, Defoe, Goethe, Grimmelshausen, Hawthorne, Novalis, C.F. Meyer, Jean Paul, Sterne). Und auch andere Diskurse und Medien fehlen nicht: die philosophischen Schriften von Bergson, Nietzsche, Schopenhauer und Stirner, Gemälde von de Chirico, Caspar David Friedrich und Odilon Redon, Musikdramen von Bizet und Wagner, Filme von Cocteau, D.W. Griffith, Alain Renais, Roberto Rosselini, etc., etc.

Dieses wahrhaft enzyklopädische Material hat Gillespie auf eine Weise organisiert, die seinem Gegenstand durchaus kongenial ist: Er erzählt keine Geschichte der Moderne und er stellt auch nicht die Werke seiner drei Hauptprotagonisten Proust, Mann und Joyce in einer Reihe von Einzelinterpretationen vor. Das Buch ist vielmehr als »offenes Kunstwerk«, durchaus im Sinne Ecos, konzipiert: Unter wechselnder thematischer Optik werden immer neue Textgruppen gebildet, deren kleinste Schnittmenge die Werktrias von Recherche, Ulysses und Zauberbergdarstellt. Der titelgebende »modernist context« entsteht als Kaleidoskop aus diesen ständig wechselnden Konstellationen – oder, um eine andere, vom Autor selbst gebrauchte Metapher (»a stroll in the labyrinth«, S. 1) zu variieren: als Folge von wohlgeordneten Gängen durch ein zur Gänze unauslotbares Labyrinth.

Der reiche Ertrag dieser Kapitelfolge kann hier nur unvollkommen angedeutet werden. Im ersten, »Modernist Moments and Spaces« überschriebenen (und stärker kontextorientierten) Hauptteil werden unter anderem behandelt: Varianten der Epiphanie, der Naturbegriff und die Großstadtbilder der Moderne, ihre kulturelle Geographie, ihre die Verfahren des Films ebenso vorwegnehmende wie sich anverwandelnde Erzählweise. Die Kapitel des zweiten, »Metamorphosis, Play, and the Laws of Life« betitelten (und stärker werkorientierten) Hauptteils widmen sich u.a. zentralen literarischen und intellektuellen Archetypen (Bildungsroman, Familienkonstellation, Abstieg in die Unterwelt, die offene und die versperrte Tür), aus denen die Moderne ihre neue Mythologie zusammensetzt, und erörtern den Zusammenhang zwischen »structures of self and narrative«.

Das alles im einzelnen nachzuvollziehen, muß dem Leser überlassen bleiben. Was hier allein erörtert werden kann, ist der implizite Beitrag des Buches (vor allem seines ersten Teils) zur Praxis einer kulturgeschichtlichen Literaturwissenschaft. Er ergibt sich aus Gillespies Kontextbegriff, der das weite Feld der Kultur weder über einem globalen Intertext vergißt, noch es auf einen Quasi-Text reduziert, aber auch all die Platitüden aus zweiter Hand vermeidet, in die Literaturwissenschaftler unweigerlich verfallen, wenn sie sich auf das Feld der Soziologie begeben. Wie das gelingt, kann am besten an einem Beispiel verdeutlicht werden – etwa dem siebten Kapitel des ersten Teils, überschrieben »City of Wo/man. Labyrinth, Wilderness, Garden« (S. 129-147). Prosaischer gesagt, geht es hier natürlich um das Großstadtbild der Moderne, dessen literarische Gestaltung Gillespie an Texten von Joyce, Rilke, Kafka, Butor, Proust und Dorothy Sayers untersucht. Das wäre zunächst einmal ein durchaus traditionelles literaturwissenschaftliches Verfahren. Den Rahmen der Analyse bilden jedoch die großen symbolischen Raumkonzeptionen der (westlichen) Kulturgeschichte – etwa locus amoenus vs. locus terribilis, Garten vs. Wildnis, Jerusalem vs. Babylon, Land vs. Stadt, Utopie vs. Dystopie. Vor diesem Hintergrund werden die Großstadtbilder der modernen Literatur lesbar als Aneignung des neuen Lebensraumes mit Hilfe symbolischer Formen aus dem Repertoire der kulturellen Tradition. Ebenso erstaunlich wie konsequent ist, daß dabei für das Neue und Andere gerade das vertrauteste und älteste Deutungsmuster verwendet wird: Die Großstadt wird metaphorisch re-naturiert – wobei die Topologie der Natur-Bilder auch ihre Bildpartner mitbringt, besonders die Gleichsetzung von ›Natur‹ und ›Frau‹.

Was hier an nur einem Beispiel und in grober Vereinfachung skizziert wurde, prägt den ganzen ersten Hauptteil des Buches und weite Passagen seiner zweiten Hälfte. Wenn man will, kann man darin eine Variante des New Historicism sehen, die dessen wohlbekannte Schwächen erfolgreich vermeidet: Gillespie insistiert eben nicht darauf, bevorzugt die Aspekte auszuwählen, die im literarischen Werk peripher bleiben. Und er vermeidet die problematische Anknüpfung an die eigentlich sattsam diskreditierten, in den ›Cultural Studies‹ aber fröhliche Urstände feiernden Verfahren der Sozialgeschichte. Wenn Greenblatt von der Zirkulation sozialer Energie spricht, so könnte man bei Gillespie von einer Zirkulation kreativer oder, besser noch, symbolbildender Energie reden – was ich persönlich sowohl für interessanter wie für genuiner kulturwissenschaftlich halte.

Ein Problem freilich teilt Gillespies Vorgehen mit dem Greenblatts (und vielleicht mit kulturwissenschaftlichem Arbeiten überhaupt): Ein lehr- und lernbares Verfahren entsteht so nicht. Denn benötigt werden zum einen ein stupendes kulturelles Wissen, zum anderen ein hochentwickeltes kombinatorisches Vermögen, das man in der alten Rhetorik als ›Witz‹ (›ingenium‹) zu bezeichnen pflegte. Oder, um es mit einem von Golo Mann überlieferten Ausspruch seiner Schwester Erika zu sagen (ohne die zugehörige Anekdote mitzuerzählen): Wer kann, der tut. Gerald Gillespie hat es getan.

Prof. Dr. Manfred Engel, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: manfred.engel@mx.uni-saarland.de