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In: KulturPoetik 2004, Heft 2

Autor

Ralf Simon

Titel

Wolf Gerhard Schmidt, ›Homer des Nordens‹ und ›Mutter der Romantik‹. James Macphersons Ossian und seine Rezeption in der deutschsprachigen Literatur. 3 Bde.

Kategorie

Rezension

Abstract

Wolf Gerhard Schmidt, ›Homer des Nordens‹ und ›Mutter der Romantik‹. James Macphersons Ossian und seine Rezeption in der deutschsprachigen Literatur. 3 Bde. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2003.
Bd. 1: James Macphersons Ossian, zeitgenössische Diskurse und die Frühphase der deutschen Rezeption
Bd. 2: Die Haupt- und Spätphase der deutschen Rezeption. Bibliographie internationaler Quellentexte und Forschungsliteratur
Bd. 3: Kommentierte Neuausgabe deutscher Übersetzungen der Fragments of Ancient Poetry (1766), der Poems of Ossian (1782) sowie der Vorreden und Abhandlungen von Hugh Blair und James Macpherson.

Volltext

Eine Beschäftigung mit der Literatur des 18. Jahrhunderts wird sich früher oder später mit dem literarischen Phänomen Ossian konfrontiert sehen. Sie wird auf das Dreieck Shakespeare, Homer und Ossian treffen und zur Kenntnis nehmen, dass diese drei Namen das Feld einer neuen Literaturdebatte vermessen. Während Shakespeare und Homer aber selbstverständlich zum heutigen Kanon des Gelesenen gehören, ist der Weg zu einer Ossian-Lektüre erfahrungsgemäß weit. Für eine Erforschung der deutschen Ossian-Rezeption stellt sich zudem das Problem der durch vielfältige Diskussionen immer schon verstellten Zugänge. Erschwerend kommt hinzu, dass Ossian der Name für ein Textkorpus ist, dessen Status in Frage steht. Es resultiert eine doppelte Schwierigkeit – die der Rekonstruktion des Ossian-Diskurses im 18. Jahrhundert und die einer gegenwärtigen Unkenntnis. Geht man nicht den Weg über die komplexe angelsächsische Ossian-Forschung, dann gerät mangels Gegenstandskenntnis auch die Erforschung der deutschsprachigen Ossian-Rezeption schnell in eine Schieflage. Denn nur hartnäckig positivistische Ansätze werden z.B. Herders Auseinandersetzung mit Ossian gänzlich von der Frage frei halten können, ob Herder mit seinen Thesen denn nun recht oder unrecht gehabt habe. Zugleich sind aber von einzelnen Autoren ausgehende Untersuchungen von der spezifischen Einschränkung betroffen, den Ossian-Diskurs jeweils nur aus einer verengten Perspektive wahrnehmen zu können. Es fehlte bislang in der Tat die zusammenfassende Darstellung.

Aus dem Gesagten erhellt, dass eine Rekonstruktion der deutschen Ossian-Rezeption eine komplexe Aufgabe ist. Sie müsste vor allem Ossian als ›Diskurs‹ verstehen, d.h. als ein literarisches Phänomen, das nicht einfach ein Textkorpus darstellt, sondern vielmehr eine ständige Neuschreibung des Textes, in der Kommentare, Thesen und Debatten schon in die Konstitution des Gegenstandes eingewandert sind. Dieser Diskurs müsste sowohl systematisch wie historisch dargestellt werden. Die historische Darstellung hätte der Sache folgend zugleich ein Forschungsbericht zu sein. Erst in einem zweiten Schritt könnte die deutsche Rezeption angegangen werden, die konsequenterweise nicht die Rezeption eines Ossian-Textes sein kann, sondern die Rezeption des komplex angelegten Diskurses mit seinen wechselnden Textbegriffen. Diese Rekonstruktion der Rezeption müsste ihrerseits wieder systematisch wie historisch angelegt sein. Und endlich: Eine sorgfältig recherchierte Bibliographie der Quellen und der Forschung hätte das Gebiet allererst zu erschliessen.

Die an der Universität Saarbrücken bei Gerhard Sauder entstandene Promotion von Wolf Gerhard Schmidt leistet dies alles. Forschungsbericht, systematische Analyse und historische Darstellung nehmen zwei voluminöse Bände mit nahezu 1150 Textseiten in Anspruch, die von einer 250seitigen Bibliographie ergänzt werden. Ein dritter Band präsentiert das Textkorpus, das sein Zentrum in der 1782 veröffentlichten Prosaübersetzung von Johann Wilhelm Petersen findet, aber auch die Vorreden und Abhandlungen Macphersons und Blairs abdruckt. Petersens Übersetzung bietet, so die Begründung Schmidts, im 18. Jahrhundert denjenigen Text, der dem Original nahe kommt und gleichzeitig stark rezipiert wurde.

Die schon äußerlich mit dem Anspruch der Monumentalität auftretende Promotionsschrift enttäuscht nicht. Der Leser findet ein grundgelehrtes, intelligent argumentierendes, lesbares und bei aller Fülle übersichtlich geschriebenes Buch vor, das man guten Gewissens schon jetzt als zukünftiges Standardwerk wird bezeichnen können. Schmidts Eröffnungsschritte markieren sofort das Niveau, das einem so komplexen Phänomen einzig gerecht zu werden vermag. Ossian wird mit Foucault als »Diskursivitätsbegründer« zumindest für die Zeit zwischen Sturm und Drang und Romantik gedacht (S. 53). Die in diesem diskursiven Feld entstehenden Reden sind nicht einfach Reaktionen auf einen Gegenstand oder ein Ereignis oder einen Text, vielmehr schreiben sie selbst den Diskurs weiter, so dass Ossian zu einer Konstitutionsbedingung der Literatur und der Reden über sie wird. Dass er dies werden kann, ist in seiner, wie Schmidt es nennt, »Ästhetik der Ambivalenz« (Kap. A.2.) strukturell angelegt. Denn mit dem Ossian-Diskurs verbinden sich alle wichtigen Fragen der Zeit in durchaus widerspruchsvoller Verknüpfung: die nach dem Verhältnis von Nachahmung und Original, die nach der Totalität des Empfindens und der Fragmentarität der Texte, die nach der Verbindung von Empfindsamkeit und heroischer Erhabenheit, die nach einer nordischen Entsprechung zum griechischen Vorbild, die nach dem Verhältnis naiver Naturdichtung und modern-selbstreflexiver Ästhetik. Ossian kann jeweils für beide Seiten der genannten Unterscheidungen einstehen. Im Verlauf der Rezeption haben denn auch alle diese Bestimmungen ihre Realisationen gefunden. Schmidt führt in seiner These von der Ästhetik der Ambivalenz das Konzept der Iserschen Leerstelle weiter, indem er nicht nur Typen der Rezeption (S. 35) unterscheidet, sondern insbesondere verschiedene Diskurse, die allesamt die ossiansche Textur begleiten oder besser: realisieren. Denn Ossian wurde philologisch-historisch (S. 259-298) zum Katalysator einer ausgreifenden Echtheitsdebatte, ästhetisch-poetisch (S. 299-382) zum Paradigma des Geniebegriffs und der Differenz von Schönheit und Erhabenheit, ethisch-praktisch (S. 383-434) zum Diskussionsmedium gesellschaftstheoretischer Modelle bis hin zur Konstruktion von Frauenbildern, politisch-kulturell (S. 435-471) zum Referenzgegenstand einer nordisch-deutschen Kulturidee und philosophisch-transzendental (S. 472-483) zum Ausgangspunkt einer anthropologischen Debatte.

Das enggestrickte Raster, das Autorschaftsdebatte, Rezeptionsästhetik, Intertextualitätstheorie und Diskursanalyse verschaltet, kann das Diskursphänomen Ossian als hochkomplexes semantisches Gebilde verstehbar machen. So wird zum Beispiel deutlich, dass die Frage der Echtheit keine ist, die sich von außen auf Ossian anwenden ließe. Vielmehr ist sie in dieser Art selbst ein Teilmoment des Ossian-Diskurses, wirkt also nicht infragestellend, sondern vielmehr diskursverstärkend. Echtheit fächert sich auf in philologische, ästhetische oder ethische; sie findet ihre Referenz im geschriebenen Text oder in der aus der Mündlichkeit notierten Poesie; sie wird zur anthropologischen These oder zur historischen Allianz mit dem Alten (S. 291 f.). Wird Ossian diskursivitätsbegründend verstanden, dann sind die Echtheitsbegriffe Effekte einer semantischen Struktur und fallen dem in den Rücken, der einen dieser Begriffe benutzt, um Aussagen zu Ossian zu machen.

In glücklicher Weise trifft sich solche theorieerzeugte Komplexität mit historischem Wissen. Schmidt elaboriert seine These nicht freihändig, sondern aus der Kenntnis der Quellen, die in dieser Vollständigkeit zusammengetragen zu haben selbst schon eine Forschungsleistung ist. In einem historischen Durchgang widmet er sich in zuweilen längeren Kapiteln den wichtigen Etappen der Ossian-Rezeption: Klopstock, Gerstenberg, Göttinger Hain, Herder, Goethe, Lenz, Moritz, Schiller, Jean Paul, Hölderlin, Kleist, Romantik, Ausblick ins 19. und 20. Jahrhundert. In den zuweilen monographisch angelegten Kapiteln kann Schmidt den ganzen Reichtum historischer Bezüge auffalten. Je konkreter er dies tut, desto genauer löst er seine These von der Diskursivitätsbegründung Ossians ein.

In einer als kurz erbetenen Rezension kann eine derartige Fülle nicht besprochen werden. Ein paar Hinweise mögen genügen. In dem Kapitel über Herder (S. 642-722) geht Schmidt den vielen, zuweilen wörtlichen Zitaten nach, die Herder seinen Vorgängern im Ossian-Diskurs schuldet. Zugleich werden aber Herders spezifische Idee einer sympathetischen Lektüre und sein Anthropologiekonzept eingeführt, so dass das Zitieren zugleich als Weiterdenken erscheint. Die Rekonstruktion, wann Herder welche Texte in der Hand gehabt hat, führt zu einer genauen Positionierung Herderscher Theoreme im Diskursnetz Ossian. Es ist evident, dass Schmidt hier Theoreme und Bestimmungen seines systematischen Teils wiederholt. Aber dennoch ist das Erkenntnisinteresse nun ein anderes. Indem der Rezeptionsgang eines Autors im Fokus des hermeneutischen Interesses steht, findet gleichsam eine monadische Kristallisation der ossianschen Ästhetik der Ambivalenz statt. Deren spezifische Gestalt wird angesichts der gesamten Struktur allerdings nun erst sichtbar. Schmidt hat den historischen wie theoretischen Komplexitätsvorteil gegenüber denjenigen Vorgängerstudien, die jeweils nur den eingeschränkten Blick von ihrem Autor auf Ossian besitzen.

Schmidts opus magnum kann in allen Belangen überzeugen. Es wird sich als Nachschlagewerk (Bibliographie der Quellentexte) und als Edition (Band 3) überall dort als unverzichtbar erweisen, wo man über Ossian Informationsbedarf hat. Zugleich bietet es ein schlüssiges und komplexes Modell für das Phänomen Ossian an. Für die wichtigsten deutschen Autoren, allen voran Herder und Goethe, sind die peniblen Rekonstruktionen grundlegend. Ein überzeugendes Buch, das weit über das hinausgeht, was man von einer Promotionsschrift erwarten kann.

Prof. Dr. Ralf Simon, Universität Basel, Deutsches Seminar, Nadelberg 4, Engelhof, CH-4051 Basel; E-Mail: ralf.simon@unibas.ch