Detailansicht

In: KulturPoetik 2004, Heft 2

Autor

Bernd Auerochs

Titel

Neues zu Sexualität und Liebessemantik
(1) Franz X. Eder, Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität. München: C.H. Beck 2002. 359 S.
(2) Niels Werber, Liebe als Roman. Zur Koevolution intimer und literarischer Kommunikation. München: Fink 2003. 493 S.
(3) Thomas Klinkert, Literarische Selbstreflexion im Medium der Liebe. Untersuchungen zur Liebessemantik bei Rousseau und in der europäischen Romantik. Freiburg: Rombach 2002. 283 S.
(4) Andreas Kraß/Alexandra Tischel (Hg.), Bündnis und Begehren. Ein Symposium über die Liebe. Berlin: Erich Schmidt 2002 (Geschlechterdifferenz und Literatur Bd. 14). 328 S.
(5) Urszula Bonter, »Wollen wir uns entkleiden?« Zur Präsenz des Erotischen im deutschen Roman zwischen 1747 und 1787. Hannover: Wehrhahn 2000. 199 S.

Kategorie

Rezension

Volltext


Franz X. Eder, Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität. München: C.H. Beck 2002. 359 S.

Zwei Bücher aus den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts werden im gegenwärtigen wissenschaftlichen Schrifttum zu Sexualität und Liebessemantik immer wieder genannt und als zentrale Referenzpunkte der Diskussion herangezogen: Niklas Luhmanns Liebe als Passion und Michel Foucaults Histoire de la sexualité.(1) Das geschieht aus guten Gründen: Luhmann bot eine plausible Konstruktion für die Entwicklung der Liebessemantik von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Foucault war einer der ersten, der ein Unbehagen an den Denkschemata von Repression und Emanzipation zur Erfassung der Geschichte der Sexualität artikulierte und die Rolle der Sexualität für den Selbstfindungsdiskurs des modernen Subjekts in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. Beide Bücher konnten zudem vor dem Hintergrund einer ganzen Gesellschaftstheorie gelesen werden, und: sie waren theoretisch ambitioniert. Sowohl die Systemtheorie wie auch die Diskursgeschichte durften (und dürfen weiterhin) als attraktive methodische Optionen gelten, an die auch diejenigen Anschluss suchten, die einzelnen Thesen Luhmanns oder Foucaults ihre Zustimmung verweigerten.

In der Kultur- und Sozialgeschichte ist Foucault mehr rezipiert worden als Luhmann. Geradezu von einer »Fixierung auf Foucault« (S. 22) spricht der Wiener Sozialhistoriker Franz X. Eder in seinem Buch Kultur der Begierde, das nach mehreren Jahrzehnten intensiver internationaler Forschung zur Sexualitätsgeschichte ein Resümee des Geleisteten bietet. Trotz der Distanz zu Foucault, die der Ausdruck »Fixierung« anzudeuten scheint, ist auch Eders Buch von der enormen Wirkungsgeschichte des französischen Philosophen alles andere als unbeeinflusst geblieben. Man sieht dies deutlich an den thematischen Schwerpunkten des Buchs. Neben zwei Kapiteln, die noch den Geist traditioneller Sozialgeschichte atmen (Kap. 2: »Gemieth und Lieb«. Die sexuelle Begierde in der bäuerlichen Kultur; Kap. 6: »Auf dem Weg zur Respektabilität«. Sexuelle Begierde in der Arbeiterschaft), stehen ausnahmslos Kapitel, die im weiteren Sinn als diskursgeschichtlich bezeichnet werden können. So findet man bei Eder Ausführungen zur Kriminalisierung des Sexuellen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, zur Onaniedebatte im 18. Jahrhundert, zum Verhältnis von bürgerlicher Geschlechterdifferenz und wissenschaftlichem Diskurs über Sexualität, zur Politisierung und Medizinierung des Sexuellen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und schließlich zur Liberalisierung und Kommerzialisierung des Sex nach 1945. Jeweils werden hier – ganz im Sinne des Foucaultschen Verfahrens – machtvolle, institutionengestützte und in der Regel, wie bei Foucault, leicht sinister erscheinende Diskurse rekonstruiert, die zu verschiedenen Zeiten verschiedene Konstruktionen von Sexualität und des sexuellen Subjekts entwickelt und durchgesetzt haben. Sowohl was die benutzte Forschung als auch was die zugrunde gelegten Quellen angeht, treten demgegenüber die Selbstdeutungen der wirklichen sexuellen Einzelsubjekte etwas in den Hintergrund. (Die Literatur, eine der wichtigsten Quellen für solche Selbstdeutungen, wird von Eder gar nicht zu Rate gezogen). Das Problem, das sich hier auftut – dass über Status und Relevanz rekonstruierter offiziöser Diskurse schwerlich entschieden werden kann, ohne das Maß ihrer lebensweltlichen Verankerung mitzubedenken –, ist Eder durchaus bewusst. Man trifft denn auch immer wieder ergänzende Ausführungen zur Interaktion von Lebenswelt und offiziösen Diskursen an – so etwa wenn Eder von der Zusammenarbeit von Patienten und Medizinern im Rahmen des Onaniediskurses des 18. Jahrhunderts handelt (S. 118 ff.) oder wenn er auf die Bedeutsamkeit der autobiographischen Form für den Diskurs über Homosexualität eingeht (S. 160 f.). Indes ändert dies nichts an der (durchaus legitimen) Schwerpunktsetzung Eders. Diese Geschichte der Sexualität ist vorwiegend eine Geschichte ihrer normativ-domestizierenden Regelungen und der Definitionsmacht von Diskursen.

Ein Schema kehrt dabei bei Eder immer wieder. Als sozial sehr wirksam erweist sich vom 18. bis zum 20. Jahrhundert ein Diskurstypus, der von einem versteckten Normalitätszentrum aus (das unschwer als der erwachsene bürgerliche Mann identifiziert werden kann) Abweichungen thematisiert, die indirekt dazu dienen, Normalität zu konturieren und zu stabilisieren. Überzeugend gelingt Eder in diesem Sinne etwa die Darstellung der Konstruktion des weiblichen Geschlechtscharakters im 18. und 19. Jahrhundert, der einerseits weniger triebhaft als sein männlicher Gegenpart sein soll, andererseits in allen seinen Lebensäußerungen umfassend durch die weibliche »Sexualität« bestimmt (S. 140 ff.). Ähnlich ist die Logik bei der Konstruktion des effeminierten Homosexuellen: »Indem bürgerliche Männer im 19. Jahrhundert die ›Homosexualität‹ effeminierten und die ›Homosexuellen‹ zu unmännlichen Männern erklärten, ummauerten sie ihr eigenes (hetero)sexuelles Leben und Phantasieren« (S. 169). Es ist ein Nebeneffekt dieser Verstecktheit der normativen Zentren der Sexualitätsdiskurse, dass sie auch weniger in den Blick der Forschung geraten sind. Eder diagnostiziert das hier vorhandene Defizit sehr klar: »Homosexualität, Prostitution, Illegitimität und all jene Formen des Sexuellen, die öffentlich problematisiert oder als ›Abweichung‹ von gesetzlichen Bestimmungen, von Sittlichkeit und Moral wahrgenommen wurden, haben in den historischen Quellen und in der Forschung überproportional Niederschlag gefunden. Die ›dunkle‹ Seite des Sexuellen wurde in den Archiven und Bibliotheken weit häufiger verzeichnet als das konsensuelle und konfliktfreie sexuelle Leben« (S. 24). Da Eders Buch als Forschungssynthese geschrieben ist, kann er aber selbstverständlich dieses Defizit auch nicht beheben. Überhaupt liest sich Kultur der Begierde gut als kundige und materialreiche Einführung in die Disziplin der Sexualgeschichte, ihre Themenschwerpunkte, ihre verschiedenen Forschungspositionen und ihre Debatten (hier zu empfehlen: das nachdenkliche Schlusskapitel über die noch laufende Debatte zwischen »Essentialisten« und »Konstruktionisten«). Das Buch zeigt aber auch an, wie weit wir noch von der Möglichkeit einer »Geschichte der Sexualität« (die dann z.B. auch Überlegungen zur Biologie der Sexualität und zur Geschichte der verschiedenen sexuellen Emanzipationsbewegungen mit einbegreifen müsste) entfernt sind.


Niels Werber, Liebe als Roman. Zur Koevolution intimer und literarischer Kommunikation, München: Fink 2003. 493 S.

Niels Werbers Studie transportiert die Anspielung auf Luhmann bereits im Titel. Der Autor ist bereits früher mit einschlägigen systemtheoretischen Veröffentlichungen hervorgetreten. Liebe als Roman ist seine Bochumer Habilitationsschrift. Anhand des thematischen Fokus ›Liebe‹ geht es um die Entwicklung der Gattung Roman im 18. Jahrhundert, die von Werber als größerer literarhistorischer Zusammenhang im Detail betrachtet wird. Innerhalb der systemtheoretisch orientierten Literaturwissenschaft markiert diese Herangehensweise einen deutlichen Fortschritt. Die Zeiten, als Siegfried J. Schmidt – unter Berufung auf einen angeblichen »Konsens« der »Forschungsdiskussion« – noch frisch-fröhlich bekannte, es gehe ihm lediglich darum, Forschungsliteratur zum 18. Jahrhundert systemtheoretisch auszuwerten, und eine »Überprüfung der Ergebnisse dieser Literatur an den Primärquellen« liege außerhalb seiner Absichten,(2) scheinen endgültig vorbei zu sein. Siegfried J. Schmidt bot in schwerfälligem Stil eine abgehobene neuscholastische Metaliteraturwissenschaft ohne rechte Quellenbasis. Werber hingegen möchte wirklich Ernst machen mit der systemtheoretischen Literaturwissenschaft.

Eine Annäherung an traditionelle Literaturwissenschaft kann man bereits darin sehen, dass es Werber nicht um die Entwicklung der Liebessemantik überhaupt geht – die man sich dann, wie bei Luhmann, aus den unterschiedlichsten Quellen erschließen könnte:

Soziologen und Diskursanalytiker mögen gleichgültig ihrem literarischen Status gegenüber Romane wie Dramen, Briefsammlungen wie Tagebücher als Quellen benutzen, um ihre Thesen zur Liebe zu illustrieren oder zu belegen, die Literaturwissenschaft darf sich aber damit nicht begnügen, denn sonst müßte sie eine Antwort schuldig bleiben auf die zentrale Frage, was denn die Liebesliteratur von der Intimkommunikation der Gesellschaft deshalb unterscheidet, weil sie Literatur ist. (S. 46)

Werber zieht daraus den Schluss, dass der Gattungsgeschichte der literarischen Form in der literaturwissenschaftlichen Untersuchung dasselbe hohe Gewicht zukommen muss wie dem Wandel der historischen Intimsemantik, »denn die intime und literarische Kommunikation der Gesellschaft stehen in einem Verhältnis der Koevolution. Sie stellen sich gegenseitig Strukturen zur Verfügung, um ihre Semantik weiterzuentwickeln«.

»Ich möchte in dieser Arbeit«, so skizziert Werber abschließend sein Programm, »abstecken, was der Roman der Liebe und die Liebe dem Roman zu verdanken hat. Man wird sehen: genau wie die Liebenden können beide nicht ohne einander sein« (S. 47). So weit, so gut. Indes: hat man Liebe als Roman zu Ende gelesen, so weiß man, dass Werber sein Programm auch nicht ansatzweise erfüllt. Von der Intimsemantik ist überhaupt nur insoweit die Rede, als sie sich in Romanen artikuliert, reale Intimkommunikation des 18. Jahrhunderts kommt in Liebe als Roman nicht vor. Möglicherweise hätte ein Seitenblick auf sagen wir: Meta Moller und Klopstock, Caroline Flachsland und Herder, Anna Schultheß und Pestalozzi, etc., etc. Werber das Maß dessen, was die Liebe dem Roman zu verdanken hat, etwas zurückhaltender einschätzen lassen. Doch das ist müßige Spekulation. Mit der »Koevolution« (die an sich ein interessanter Untersuchungsgegenstand wäre) ist es allein deshalb nichts, weil das eine Glied, auf das sich die »Koevolution« beziehen müsste, in Liebe als Roman einfach ausgelassen worden ist.

Sehen wir uns also anstelle der Realisierung des Programms der Studie an, was Werber wirklich tut. Nach einer Hinführung zum Thema folgen drei umfängliche Großkapitel, in denen die thematischen Schwerpunkte des Buches nacheinander abgearbeitet werden. Das erste von diesen Großkapiteln, »Poetologische Beschreibungen«, widmet sich anhand poetologischer Texte vorwiegend des 18., aber auch des 17. und frühen 19. Jahrhunderts dem zeitgenössischen Bild der Gattung Roman. Die Quellenauswahl (von Huet und Gotthard Heidegger bis zu Hegel) folgt den gängigen Anthologien,(3) die Ergebnisse sind konsensfähig (und bekannt): Der Roman erscheint als Gattung, die ihr thematisches Zentrum in einer Liebesgeschichte hat; die Liebesgeschichte liefert auch die formale Einheit des Romans (ermöglicht seine »operative Schließung«, in systemtheoretischer Terminologie); im Hinblick auf Stil und Figural gibt es eine Tendenz zur mittleren Ebene; der Roman konzentriert sich auf das Privatleben (immer öfter: von Zeitgenossen) und fügt sich mehr und mehr den entstehenden Normen realistischer Darstellung.

Ein Einwand muss jedoch gegen dieses Kapitel erhoben werden. Einige von Werbers Quellen, die das im 18. Jahrhundert vielfach reflektierte Verhältnis von Epos und Roman behandeln, verleiten ihn zu der Sicht, der Roman sei wesentlich das niedere Pendant zum Epos, stehe also zu diesem in einem Verhältnis wie die Komödie zur Tragödie (S. 75 ff.). Dadurch gerät nicht nur die gerade für die Liebesthematik sehr bedeutsame hohe Linie des Romans aus dem Blick. Werber verkennt damit auch, dass die von ihm zu Recht konstatierte Unterminierung des Stilhöhenprinzips im Roman des 18. Jahrhunderts kräftige Impulse sowohl von oben wie von unten bekommt. Dass der Roman sich im 18. Jahrhundert die Möglichkeit der ernsten Darstellung des Privatlebens von Menschen aus »mittleren Schichten« eröffnet, hat eben sowohl den Bruch mit der traditionell engen Bindung des Ernstes an idealisierende Darstellungsweisen wie auch umgekehrt den Bruch mit der Beschränkung von Realistik auf die komischen Gattungen zur Voraussetzung. Darüber hinaus ist die Abkehr von der Stiltrennungslehre im Roman des 18. Jahrhunderts nicht weniger und nicht mehr als eine Tendenz – die Differenz hoch/niedrig ist an den Romanen häufig noch recht gut beobachtbar, und das gilt auch und gerade für die Formen der Liebe, die im Roman thematisiert werden. Das zweite Großkapitel Werbers, »Die Ökologie des Romans: Umwelten der Gattung« ist vom Standpunkt einer systemtheoretischen Literaturwissenschaft sicherlich das zentrale des Buches. Werber versucht nun, der zunächst auf den Spuren der Poetologie des 18. Jahrhunderts beschriebenen Gattung eine soziale Funktion zuzuweisen und damit auch eine Erklärung für den Aufstieg gerade des Romans zum »Gattungssieger in der Moderne«(4) zu geben – eine Erklärung, wie sie nach Auffassung Werbers bislang weder die Sozialgeschichte der Literatur (S. 141 ff.), noch die Systemtheorie (S. 147 ff.), noch die neuere Mediologie und Medienanthropologie (S. 152 ff.) beibringen konnten. Das Angebot, das Werber hier zu machen hat, besteht in einer »funktionalen Theorie, welche die literarische Kommunikation auf ein genuin soziales Problem bezieht: die Unterhaltung freier Zeit« (S. 162). Diese Funktionszuweisung hat Werber bereits früher vertreten, und zwar in Bezug auf Literatur, ja Kunst überhaupt.(5) Nun ist es einerseits so, dass die Behauptung, Romanlektüre diene (wie tausend andere Dinge, die mit Literatur und Kunst nichts zu tun haben) der Unterhaltung freier Zeit, auf einer abstrakten und allgemeinen Ebene so gut wie unbestreitbar ist. Auf der anderen Seite ist es ungemein schwierig, diese funktionale Erklärung plausibel mit einer konkreten Gattungsentwicklung in Beziehung zu setzen. Wäre nicht schlechthin jede Entwicklung der Gattung, sofern sie nur an der Klippe der Langeweile vorbeischifft, mit ihr zu vereinbaren?

Das Bedürfnis nach historischer Konkretion seiner Generalhypothese sieht Werber sehr wohl. Der Begriff, der die Eigenschaften von Texten mit der Funktion der Unterhaltung freier Zeit verbinden soll, ist der der Neuheit. Über ihn bringt Werber den Roman mit den so genannten »neuen Zeitungen«, den frühen »Massenmedien« der Frühen Neuzeit, in Kontakt. Die »Novel«, so Werbers These, ist »literarisierte News« (S. 174 ff.), die »neuen Zeitungen« bereiten dem Roman den Boden; »evolutionär erfolgreich« ist der Roman, »weil er das literarische Terrain erst dann betritt, als das Umfeld gewissermaßen schon darauf wartet« (S. 263). Freilich: wenn z.B. Richardson und Fielding in je unterschiedlicher Weise für ihre sehr langen Romane Neuheit beanspruchen, schließen sie damit wirklich an die kurzlebigen Neuigkeiten der Presse und die Sensationslust des Publikums an? Auch anderweitig ist der Zusammenhang zwischen den »Journalen« und dem Roman gar nicht so leicht zu etablieren. Bekanntermaßen war im 18. Jahrhundert das Journal gerade (noch) nicht der bevorzugte Publikationsort von Romanen – Ausnahmen, wie etwa die (von Werber nicht erwähnte) von Wieland im Teutschen Merkur veröffentlichte Geschichte der Abderiten, die durch eher zufällige Publikationsumstände zum ersten deutschen »Fortsetzungsroman« wurde, bestätigen die Regel. Die Schwierigkeit, hier einen realgeschichtlichen Konnex herzustellen, hat Werber wohl auch dazu verleitet, in seinem Buch über den Roman immer wieder auch kürzere Erzählungen, Novellen ins Spiel zu bringen (S. 238 ff.: die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten; S. 404 ff.: J.M.R. Lenz’ Zerbin oder die neuere Philosophie) — Novellen, die in der Tat gerne und häufig in Journalen publiziert wurden.(6)

In seinem dritten Großkapitel, »Literarische Kommunikation des Romans«, kehrt Werber zur Liebe zurück. Dieses Kapitel bietet eine ganze Reihe von Interpretationen von Romanen des 17. und 18. Jahrhunderts – die Geschichte des Romans wird nun von Furetières Roman bourgeois über Schnabel, Johann Michael von Loen, Gellert, Sophie von La Roche, Goethes Werther und Hölderlins Hyperion bis zu Friedrich Schlegels Lucinde verfolgt. Die Entwicklung der Liebessemantik, die Werber hier herauspräpariert, bestätigt im Grunde Luhmann. »Die Liebe richtet sich auf ein Ich und ein Du, sofern sie beide in der Beziehung der Liebe stehen, das heißt eine solche Beziehung sich wechselseitig ermöglichen – und nicht, weil sie gut sind, oder schön sind, oder edel sind, oder reich sind«.(7) Darauf läuft es hinaus im 18. Jahrhundert, und wir sehen an Schnabel, Loen, Gellert, La Roche, wie dies noch nicht (ganz und gar nicht oder noch nicht ganz) da ist. Die Systemtheorie begnügt sich in diesem Kapitel mit einer bescheidenen dienenden Rolle, sie stellt vornehmlich ihr Vokabular zur Verfügung, um Romaninhalte zu paraphrasieren: »P. erwidert nur, er solle es durchaus unterlassen, seine Selbstbeschreibung an seiner Beobachtung der Beobachtung durch Dritte auszurichten« (S. 347 f.). Das mag gelegentlich amüsant sein, auf die Dauer ist es eher ermüdend. Zudem machen sich in diesem Kapitel auch hermeneutische Defizite geltend. Werkkontexte werden sehr selten berücksichtigt, und man wundert sich, in welchem Ausmaß, sobald es darum geht, das systemtheoretische Skelett mit dem Fleisch wirklicher Romane zu behängen, die gute alte werkimmanente Interpretation wiederkehrt. Verhängnisvoll wirkt sich das insbesondere bei den komplexeren Schriftstellern aus, die in diesem Kapitel behandelt werden. So unternimmt Werber etwa bei Schlegel den Versuch, nochmals auf seine These vom Zusammenhang zwischen Journal und Roman zurückzukommen. Der enzyklopädische Charakter des Romans (»er ist das Medium für alle Formen, ein Gattungshybrid, der in seiner flexiblen Gestalt beliebige Gattungen integriert und beliebige Diskurse versammelt«, S. 457) soll angeblich die strukturgleichen Journale kopieren: »der Roman als Journal« (S. 450). Eine etwas bessere Kenntnis des Werks von Friedrich Schlegel hätte Werber leicht darüber belehren können, dass die Reflexion über die »enzyklopädische Metagattung des Romans« (S. 456) bei Schlegel ganz konkret im Kontext von Überlegungen steht, den Roman als Nachfolger für zwei ältere Texttypen zu konzipieren, die in der Tradition als Inbegriff eines Kompendiums des Ganzen galten: das Epos und die Bibel. Auch für die Rolle, die die Liebe im Roman spielt, wären diese Überlegungen durchaus relevant gewesen. Sie verkörpern bereits die Tendenz, die sich im 19. und 20. Jahrhundert durchsetzen wird: dass der Roman nicht mehr ausschließlich als Liebesgeschichte definiert werden kann – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass er, indem er jeweils der zeitgenössischen Gesellschaft ihr Selbstbild gibt, zum »Gattungssieger in der Moderne« wird.

Niels Werbers Buch ist kenntnis- und materialreich, es berücksichtigt den europäischen (insbesondere den englischen) Kontext der Geschichte des deutschen Romans, es ist gut und ab und zu geistreich geschrieben. Wenn dennoch bislang die Kritik überwogen hat, so liegt das daran, dass offenbar weiterhin eine enorme Kluft zwischen der Systemtheorie und der interpretierenden Literaturwissenschaft besteht. Die Systemtheorie in ihrer Luhmannschen Fassung ist eine allgemeine Theorie der Gesellschaft, ja, nach Meinung mancher, eine würdige Nachfolgerin der Metaphysik.(8) Die literarische Hermeneutik hingegen widmet sich dem geduldigen Verständnis einzelner Texte. Der Versuch, beides zusammenzubringen, hat bei Werber dazu geführt, dass die einzelnen Großkapitel seines Buches wenig miteinander zu tun haben. Die abstrakte Funktion der Unterhaltung freier Zeit ist offensichtlich nicht vermittelbar mit einer konkreten Gattungsgeschichte.


Thomas Klinkert, Literarische Selbstreflexion im Medium der Liebe. Untersuchungen zur Liebessemantik bei Rousseau und in der europäischen Romantik. Freiburg: Rombach 2002. 283 S.

Auch Thomas Klinkert hat sich in seiner Regensburger Habilitationsschrift von Luhmann inspirieren lassen. Klinkert freilich plädiert für eine Arbeitsteilung zwischen Systemtheorie und traditioneller Literaturwissenschaft hermeneutischer und/oder strukturalistisch-semiotischer Prägung. Wie er sehr zutreffend feststellt, »gibt es keine von Systemtheorie und Diskursarchäologie entwickelte eigenständige Methode zur Analyse von Einzeltexten. An dieser aber führt aus literaturwissenschaftlicher Sicht kein Weg vorbei« (S. 43). Autoren wie Luhmann, Foucault oder Friedrich Kittler werden von Klinkert in einem ersten einleitenden Kapitel vorgestellt, um einen theoretischen Rahmen zu etablieren, aus dem sich die zentralen Fragestellungen von Klinkerts Arbeit generieren lassen. Diese werden dann in einer Reihe von Einzelinterpretationen zu literarischen Texten der europäischen Romantik mit Hilfe der klassischen Methoden der Literaturwissenschaft abgearbeitet. Das Verfahren hat den Nachteil, dass es zur unkritischen Übernahme von fremden Theoriestücken disponiert, die nirgends mehr in Frage gestellt werden; insbesondere Luhmann und Foucault sind die Garanten einer Rahmenwahrheit, die die gesamte Studie von Klinkert beherrscht. Es hat den Vorteil, dass es der Textinterpretation jene Freiheit lässt, die allzu oft bei theoriegeleiteten literaturgeschichtlichen Darstellungen in den Hintergrund tritt. Wie Klinkert selbst schreibt: »Vor dem historischen Hintergrund gewinnen die Einzeltexte dann ihr spezifisches Profil, das natürlich die übergreifenden Entwicklungen nicht immer in toto bestätigen muss, sondern durchaus widerständig und in Teilen sogar unverrechenbar sein kann« (S. 43).

Die drei genannten theoretischen Köpfe – Kittler, Foucault, Luhmann – sind von unterschiedlicher Bedeutung für Klinkert. Kittlers Lehre von den »Aufschreibesystemen«(9) ist allenfalls marginal relevant, sie hätte gut auch ganz aus dem Buch wegbleiben können. Foucault weiß Klinkert mit der gerade in der Literaturgeschichte, die ja ständig mit dem Problem der Epochenbildung konfrontiert ist, viel rezipierten Epistemenlehre von Les Mots et les choses und mit der Unterscheidung von Allianz- und Sexualitätsdispositiv aus der Histoire de la sexualité fruchtbar zu machen. Der entscheidende Autor aber für Klinkert ist Luhmann. Das Gerüst, in dem Klinkerts Romaninterpretationen Platz finden, stammt von ihm. Es sieht wie folgt aus:

Ausgangspunkt ist Luhmanns Theorem von dem sich im 18. Jahrhundert vollziehenden Umbau der Gesellschaft von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzierung. Für die Individuen bedeutet dies, dass sie keinem Teilbereich der Gesellschaft mehr dauerhaft und ausschließlich angehören, sozusagen als ganze Menschen nirgends mehr unterkommen. Individuum ist man nun außerhalb der Gesellschaft, das Verständnis von Individualität wird von »Inklusionsindividualität« auf »Exklusionsindividualität«(10) umgestellt. Die Defiziterfahrung eines solchen Ausschlusses wird kompensiert durch eine emphatische Thematisierung von Individualität, dem Faktum der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung antwortet ein Bedürfnis nach Entdifferenzierung, das darauf aus ist, totalisierenden Ersatz zu finden. Von hier aus ergibt sich eine »Homologie zwischen Literatur und Liebe« (S. 250): Denn so wie der romantisch Liebende im Anderen ein identitätsstabilisierendes Echo zu finden hofft, das ihm seine je individuelle Welt bestätigt und damit Ganzheit im Ausnahmefall wieder durch Rückkopplung erfahrbar macht, erhebt auch die Literatur – im kompensatorischen Gegenzug zu ihrer Institutionalisierung als autonomes Teilsystem der Gesellschaft – um 1800 zunehmend totalisierende Ansprüche, übersteigt diskursive Grenzen und versteht sich als Medium, in dem einzig die verloren gegangene Einheit der Gesellschaft wiedergefunden werden kann. Diese Homologie ist für Klinkert die Voraussetzung dafür, dass »die Literatur durch die Thematisierung von Liebe ihre eigenen Probleme reflektieren« kann (S. 250). Die Liebe also als Allegorie nicht des Lesens, sondern des Schreibens. Eine Überforderung denkt dabei Klinkert sowohl im Falle der Liebe wie im Falle des Schreibens immer schon mit: »Die scheiternde Liebe wird zu einem Tropus für die Ohnmacht der Literatur als autonomes Teilsystem in der modernen Gesellschaft« (S. 57).

Dieser Gedankengang bildet den Rahmen für eine Reihe von detaillierten Werkinterpretationen. Den Anfang macht sinnvollerweise Rousseaus Julie – in der Tat innerhalb der Romanliteratur ein Schlüsseltext für die moderne Entfremdungsproblematik und die Aporien radikaler, durchaus auch gegen die Gesellschaft gerichteter Liebe. Es folgen Kapitel zu Hölderlins Hyperion, zu Foscolos Ultime lettere di Jacopo Ortis, zu Mme de Staëls Corinne ou l’Italie und schließlich zu einigen ausgewählten Texten Leopardis zur Liebe. Die Interpretationen sind sorgfältig und mit großer hermeneutischer Umsicht gefertigt. Ein Schwerpunkt der Argumentation liegt naturgemäß jeweils im Nachweis von Selbstreflexivität, sowohl für die Liebe wie auch für das Schreiben. Glänzend gelingt dies Klinkert insbesondere in seiner Interpretation des Jacopo Ortis, den er sehr plausibel als einen »romantischen Metaroman« deutet (S. 159 ff.), mit einem reflexiven Rückbezug nicht nur auf den Werther, sondern eben auch auf Rousseau und Petrarca. Ebenfalls sehr überzeugend ist der Nachweis des Zusammenhangs von Liebe und Literatur für die Corinne geraten. Die Handlung der Corinne fasst Klinkert so auf, dass hier Corinnes anfänglich von ihr mündlich vorgetragene Dichtung »in ein Konkurrenzverhältnis zur Liebe tritt, um dann nach dem Verlust der Liebe wieder zurückgewonnen zu werden, allerdings nicht als Dichtung, sondern als moderne Literatur« (S. 225). Der Liebesverlust stiftet die Autorwerdung Corinnes, die zugleich als Übergang vom auratischen mündlichen Dichten/Singen zur modernen Schriftstellerei gelesen werden kann.

Die Art und Weise, wie Liebe und Dichtung in der Corinne aufeinander bezogen sind, deutet freilich bereits auf ein Problem hin, das sich Klinkert mit seiner zentralen Interpretationshypothese eingehandelt hat. In ihrer schwächeren Variante besagt sie, dass Liebe und Literatur im Verhältnis der Homologie zueinander stehen, dass sie um 1800 mit vergleichbaren Problemlagen konfrontiert sind und dafür vergleichbare Reflexionsinstrumente ausbilden. Diesen Zusammenhang hat Klinkert nachdrücklich an den von ihm behandelten literarischen Texten aufgewiesen. In ihrer stärkeren Variante will Klinkerts These aber darauf hinaus, dass die Liebe die Literatur bedeutet, dass sie, sei es in metaphorischer, sei es in metonymischer Weise, ein Tropus für die Literatur ist.(11) Der narrative Zusammenhang, der in der Corinne zwischen Liebe und Dichtung besteht, kann aber nur schlecht auf eine Bedeutungsbeziehung zwischen Liebe und Literatur reduziert werden. Ganz ähnlich liegt der Fall bei Klinkerts Hölderlin-Interpretation. Die harten Endlichkeitserfahrungen, die Hyperion zu machen hat (das politische Scheitern, der Tod Diotimas), bedeuten nicht etwa ein verwandtes Schicksal der Dichtung, sie bilden die narrative Voraussetzung dafür, dass die »dichterischen Tage«, die Diotima für Hyperion keimen sieht,(12) harte Gegensätze genug zu integrieren haben werden, wenn sie denn zukünftig kommen werden. Der Schlusssatz, mit dem Klinkert seine Interpretation des Hyperion resümiert (»Dieser Text thematisiert, indem er über Liebe und ihr Scheitern spricht, seine eigenen aporetischen Grundlagen, das heißt den Anspruch, die Zerrissenheit der Gegenwart durch ästhetische Erfahrung zu heilen, bei gleichzeitiger Einsicht in die Unerfüllbarkeit dieses Anspruchs«, S. 151), scheint denn auch mehr oder weniger unverhüllt den nüchternen Skeptizismus des heutigen Literaturwissenschaftlers gegenüber den Möglichkeiten der Literatur auf Hölderlin zu projizieren. Generell drängt sich an dieser Stelle auch ein Einwand auf, der zwar altbekannt ist, nichtsdestotrotz aber auch auf Klinkert zutreffen dürfte. Die Selbstreflexion in literarischen Texten ist nun einmal das Lieblingskind des Literaturwissenschaftlers, ihr chronischer Aufweis die allererste Berufskrankheit, an der er leidet. Den Gipfel seiner Bemühungen um die (häufig ja einfach nur mitlaufende) Selbstreferenz aber hat der Literaturwissenschaftler zweifellos jeweils dann erreicht, wenn er auch für das zentrale Sujet eines Textes nachweisen kann, dass in ihm vorrangig die literarische Selbstreflexion thematisiert wird. Der Versuchung, diesen Gipfel zu erklimmen, hat Klinkert wohl trotz der Genauigkeit und Differenziertheit, mit der er insgesamt gearbeitet hat, als Literaturwissenschaftler einfach nicht widerstehen können.


Andreas Kraß/Alexandra Tischel (Hg.), Bündnis und Begehren. Ein Symposium über die Liebe, Berlin: Erich Schmidt 2002 (Geschlechterdifferenz und Literatur Bd. 14). 328 S.

Der thematische Horizont dieses Sammelbandes (der aus dem Münchner Graduiertenkolleg »Geschlechterdifferenz und Literatur« hervorgegangen ist) ist tatsächlich so weit, wie es der Untertitel erlaubt. Das Feld der Liebe gliedern die Herausgeber so auf, dass nach eher grundsätzlichen Überlegungen zum Gegenstand eine Sektion zur Sublimierung des Sexuellen folgt und darauf drei weitere, die sich an dessen Kombinationsmöglichkeiten orientieren. Die erste Sektion des Bandes bringt demnach »Poetologische Einsätze: Liebe als Struktur, Metapher und Code«, die zweite thematisiert »Geistliche Liebe: Gott und Gatte«, die dritte »Homosoziale Liebe: Freundschaft und Sexualität«, die vierte »Heterosoziale Liebe: Ehe und Familie«, die fünfte »Selbstliebe: Narziß und Echo«. Wie sonst auch bei Sammelbänden gewährleistet diese Gliederung eine gewisse Ordnung, kann aber naturgemäß nicht wirklich den Zusammenhang der einzelnen unter ihr befassten Studien verbürgen.

Anhand von René Girards Freud-Kritik und zwei expressionistischen Vater-Sohn-Dramen (von Hasenclever und Bronnen) vertritt Albrecht Koschorke die These, es sei der geheime, uneingestandene Sinn der männlichen Rivalität in der Konstruktion des ödipalen Dreiecks, die Frau in diesem Dreieck zum Verschwinden zu bringen. Ulrike Landfester verfolgt das Rosenmotiv, sofern es Vaginalsymbolik repräsentiert, von den Anakreontikern des 18. Jahrhunderts über die Romantik und Platen bis hin zu Lasker-Schüler und Ingeborg Bachmann. Für Manfred Schneider ist Luhmanns Liebe als Passion selbst noch ein letzter Ausläufer jener romantischen Auffassung der Liebe, deren Genese Luhmann beschrieb. Gegen Luhmann sieht er an der Herausbildung von Kontingenz und Asymmetrie als strukturbildenden Momenten der Liebe im 18. Jahrhundert entscheidend die Statistik beteiligt, die ihrerseits in ihrem Einfluss auf das Begehren ihre Gender-Abhängigkeit nicht verleugnen kann. (Dieser Artikel enthält, nebenbei bemerkt, eine lesenswerte Interpretation der Verführung Gretchens durch Faust, S. 69 ff.).

Die zweite Sektion beginnt mit Eva Cescuttis Aufsatz zur mittelalterlichen Hoheliedexegese; im Zentrum steht hier die Tatsache, dass die Perspektive des männlichen Mönchs auch in der noch so sublimen geistlichen Deutung der Liebe nicht zum Verschwinden zu bringen ist, ja sich vielmehr immer wieder markant geltend macht. An den Briefen der Anne Bradstreet (die 1630 im Alter von 18 Jahren als Einwanderin nach Amerika gelangte) zeigt Ralph J. Poole, wie nahe eine Frau im Medium des von puritanischer Rhetorik überformten Briefes im 17. Jahrhundert dem Eingeständnis weltlicher Begierden kommen konnte.

Andreas Kraß leitet die dritte Sektion mit einem Versuch über Montaigne ein. Am Beispiel der Beziehung Montaignes zu seinem Freund Étienne de la Boétie kommt Kraß zu dem Ergebnis, dass die Idealisierung der Freundschaft, die Montaigne in seinen Essais vertritt und die auf einer strikten Abgrenzung von der Homosexualität beruht, eben das voraussetzt, was sie ausschließt: das Begehren des Körpers des Freundes. Erika Greber widmet sich der deutschen Barockdichterin Sibylle Schwarz (1621-1638) und hebt hervor, dass innerhalb des (natürlich an den Formen des männlichen orientierten) weiblichen Petrarkismus durch die Mechanismen von imitatio und aemulatio eine sozusagen konventionsgeschützte Artikulation von lesbischer Liebe möglich war. Auf diese Möglichkeit, petrarkistische Tradition zur Artikulation von homosexueller Liebe zu verwenden, konzentriert sich auch der folgende Beitrag von Horst Weich, der den Sonettzyklus Misteriosa presencia des valencianischen Dichters Juan Gil-Albert (1904-1994) als »Palimpsest« (S. 170) in die spanische Tradition des Petrarkismus zu Garcilaso und Góngora zurückverfolgt.

Den Übergang zur heterosexuellen Liebe macht Alexandra Tischel mit einer Analyse des Schwierigen von Hofmannsthal. Dass der traditionelle Komödienschluss der Eheschließung hier überhaupt noch möglich ist, geht nach Tischel wesentlich auf eine spezifische Nachkriegsmetaphysik der Ehe und auf die Existenz einer weiblichen Autorität zurück, die des Schwierigen Wünsche zu interpretieren versteht. Sylvia Mieszkowski konfrontiert Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut mit seiner literarischen Vorlage, Schnitzlers Traumnovelle, und vertritt die These, das (immer gesuchte und nicht zu findende) »richtige Wort« stünde im Zentrum der Liebeskommunikation in beiden Werken. Schnitzler und Kubrick kommentierten sich wechselseitig in der Entfaltung dieser Problematik, meint Mieszkowski. Karsten Uhl liest Alfred Döblins Fallgeschichte Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord vor dem Hintergrund zeitgenössischer kriminologischer Diskurse, die Verbrechen von Frauen mit weiblicher Liebe in Verbindung brachten. Trotz einer gewissen Sympathie Döblins für seine Protagonistinnen dominiert doch die Vorstellung der lesbischen Liebe als einer die Gesellschaft verwirrenden Unordnung, die dringend therapiert werden muss. Carola Blod-Reigl behandelt anhand von Texten von Fay Weldon und Michel Houellebecq die Verbindung des Klongedankens mit unseren religiösen und familialen Ideologien, insbesondere der Vorstellung von mütterlicher Liebe und dem Allmachtsideal eines Gottvaters, das in der »zweiten Schöpfung« des Klonens wiederkehre.

Die letzte Sektion konzentriert sich weitgehend auf Texte und Filme der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Andrea Gutenberg liest den lesbischen Klassiker Love Child von Maureen Duffy als Verkörperung eines Konzepts postmoderner Liebe. Wilhelm Trapp interpretiert die narzisstische Liebe in Kathryn Bigelows Film Strange Days als Zeichen für die Konsumgesellschaft und die Filmindustrie. Peter Teltscher beschäftigt sich mit neuen Formen des Fado, des traditionell von tiefer Melancholie (saudade) geprägten »traurigen Lieds des Südens« Portugals. Im Zentrum des modernen Fado steht nach Teltscher die unwillkürliche Erinnerung unwiderruflich verlorener Momente der Liebe. Die Sektion (und den Band) schließt Katrin Lange mit einer Interpretation zweier Texte der russischen Prosaautorin Valerija Narbikova (*1958), die den Akzent auf die innige Verflochtenheit des liebenden Begehrens mit dem Sprachbegehren bei Narbikova legt.

Die Herausgeber haben einen Satz Musils als Motto ihres Bandes gewählt: »Der Mensch, recht eigentlich das sprechende Tier, ist das einzige, das auch zur Fortpflanzung der Gespräche bedarf«. Zu Recht haben sie damit das Sprechen über die Liebe in den Mittelpunkt gerückt: auf die Vielfalt der literarischen Liebesdiskurse in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten wirft ihr Sammelband immerhin ein Schlaglicht.


Urszula Bonter, »Wollen wir uns entkleiden?« Zur Präsenz des Erotischen im deutschen Roman zwischen 1747 und 1787. Hannover: Wehrhahn 2000. 199 S.

Die Wroclawer Dissertation widmet sich einem eher vernachlässigten Feld: der deutschsprachigen erotischen Literatur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es ist das Anliegen der Verfasserin nachzuweisen, dass auch Deutschland – und nicht nur Frankreich – in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution einen substantiellen Erotizismus zu bieten hat. Zu diesem Zweck mustert Urszula Bonter Romanliteratur: Bekanntes und Kanonisiertes (z.B. Agathon, Ardinghello), Werke aus der zweiten Reihe, die aber gerade in den letzten Jahrzehnten vermehrt die Aufmerksamkeit der Forschung gefunden haben (z.B. Wezels Herrmann und Ulrike, Hermes’ Sophiens Reise von Memel nach Sachsen), und immer noch weitgehend Unbekanntes (etwa Gustav Schillings Denkwürdigkeiten des Herrn von H., eines teutschen Edelmannes, dem das Titelzitat der Arbeit entnommen ist). Das entscheidende Auswahlkriterium für Bonters Textauswahl scheint die einzelne erotische Szene gewesen zu sein. Nur so ist es zu erklären, dass sie erstens pornographische Romane, zweitens Romane mit einem deutlichen erotischen Schwerpunkt und drittens Romane, die gattungsmäßig insgesamt kaum als erotische Romane klassifiziert werden können, aber eben vereinzelt erotische Szenen enthalten, nebeneinander behandelt. Die gerade in diesem Feld so wichtige Gattungsfrage wird vor allem in den Detailanalysen, die die Arbeit enthält, komplett ausgeblendet. Insgesamt ist eine gewisse Hilflosigkeit der Verfasserin unverkennbar, die auch durch die Heranziehung theoretisch ambitionierter Literatur (etwa Bachtin, natürlich auch wieder Luhmann) nicht behoben werden kann. Wenn die Arbeit ein Verdienst hat, so dies, auf ein Forschungsdefizit in der Beschäftigung mit deutschsprachiger erotischer Literatur des 18. Jahrhunderts (vor allem solcher aus der zweiten und dritten Reihe) aufmerksam gemacht zu haben. Die Proben, die Urszula Bonter aus dieser Literatur vorgelegt hat, geben freilich wenig Anlass zu der Hoffnung, die These von der Überlegenheit der französischen erotischen Literatur des 18. Jahrhunderts über die deutsche des gleichen Zeitraums werde revidiert werden müssen.

PD Dr. Bernd Auerochs, Institut für Germanistische Literaturwissenschaft, Fürstengraben 14-18, D-07740 Jena; E-Mail: bernd.auerochs@uni-jena.de


Anmerkungen

(1) Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt/M. 1982; Michel Foucault, Histoire de la sexualité. 3 Bde. Paris 1976-1984. – Intensiv rezipiert wurde insbesondere der erste, 1976 erschienene Band des Foucaultschen Werks, La Volonté de savoir. [zurück]

(2) Siegfried J. Schmidt, Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert. Frankfurt/M. 1989, S. 84. [zurück]

(3) Vgl. etwa Eberhard Lämmert u.a. (Hg.), Romantheorie. Dokumentation ihrer Geschichte in Deutschland. 2 Bde. Frankfurt/M. 1988; Hartmut Steinecke/Fritz Wahrenburg (Hg.), Romantheorie. Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Stuttgart 1999. [zurück]

(4) Christian Berthold, Fiktion und Vieldeutigkeit. Zur Entstehung moderner Kulturtechniken des Lesens im 18. Jahrhundert. Tübingen 1993, S. 1. [zurück]

(5) Vgl. etwa Gerhard Plumpe/Niels Werber, Literatur ist codierbar. In: Siegfried J. Schmidt (Hg.), Literaturwissenschaft und Systemtheorie. Opladen 1993, S. 9-43, hier S. 33. [zurück]

(6) Vgl. Reinhart Meyer, Novelle und Journal. Bd. 1: Titel und Normen. Stuttgart 1987. [zurück]

(7) Luhmann (Anm. 1), S. 175. [zurück]

(8) Vgl. etwa Dirk Rustemeyer, Formen von Differenz – Ordnung und System. In: Friedrich Jaeger/ Burkhard Liebsch (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Bd. 1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Stuttgart, Weimar 2004, S. 76-91, hier S. 87 f. [zurück]

(9) Friedrich Kittler, Aufschreibesysteme 1800 · 1900. München 3. Aufl. 1995. [zurück]

(10) Niklas Luhmann, Individuum, Individualität, Individualismus. In: Ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 3. Frankfurt/M. 1989, S. 149-258, hier S. 160. [zurück]

(11) Vgl. das oben bereits angeführte Zitat von S. 57 des besprochenen Buches. [zurück]

(12) Friedrich Hölderlin, Hyperion, II, 2. In: Ders., Sämtliche Werke und Briefe. 3 Bde. Hg. v. Michael Knaupp. München, Wien 1992-1993, Bd. 1, S. 750. [zurück]