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In: KulturPoetik 2004, Heft 2

Autor

Gerhard Sauder

Titel

Geschichte[n] von Lesern und Büchern in Büchern
(1) Guglielmo Cavallo/Roger Chartier (Hg.), A History of Reading in the West. Amherst: University of Massachusetts Press 2003. 478 S.
(2) Sandrine Aragon, Des Liseuses en péril. Les Images de lectrices dans les textes de fiction de ›La Prétieuse‹ de l’abbé de Pure à ›Madame Bovary‹ de Flaubert (1656-1856). Paris: Éditions Honoré Champion 2003. 732 S.
(3) Dietmar Rieger, Imaginäre Bibliotheken. Bücherwelten in der Literatur. München: Wilhelm Fink Verlag 2002. 289 S.
(4) Jürgen Nelles, Bücher über Bücher. Das Medium Buch in Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002. 331 S.
(5) Günther Stocker, Schrift, Wissen und Gedächtnis. Das Motiv der Bibliothek als Spiegel des Medienwandels im 20. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 1997. 317 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Guglielmo Cavallo/Roger Chartier (Hg.), A History of Reading in the West. Amherst: University of Massachusetts Press 2003. 478 S.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Rezeption von Literatur und damit die Funktion des Lesers nicht etwa entdeckt, aber zum ersten Mal theoretisch reflektiert und als Rezeptionsästhetik und als Lesergeschichte disziplinär entfaltet und in den Kontext einer Sozialgeschichte der Literatur oder von Kulturwissenschaft integriert. In den 80ern sind zahlreiche Studien erschienen, die versucht haben, das Defizit an Leserforschung in Deutschland einigermaßen abzubauen. Die positivistischen Arbeiten von Rolf Engelsing, die theoretischen Schriften von H.R. Jauß und W. Iser und die noch kaum zu Ende diskutierten Thesen von Harald Weinrich bilden nach wie vor ein Fundament, auf dem manches Gebäude errichtet werden könnte.

Für italienische, französische und englische Leser gibt es schon länger eine Lesergeschichte, die ihresgleichen in deutscher Sprache sucht: 1995 erstmals als Storia della lettura nel mondo occidentale in Rom erschienen und von Guglielmo Cavallo and Roger Chartier herausgegeben, liegt nun, nach der französischen Übersetzung von 1997, auch die 1999 erstmals publizierte englische Fassung A History of Reading in the Westin einer neuen Auflage vor.(1) Die Herausgeber hatten den Ehrgeiz, das Lesen als eine geschichtliche Kulturtechnik in ihren Veränderungen und Revolutionen von der Antike bis zur Gegenwart darzustellen. Sie haben dafür ein internationales Team von Autoren gefunden, die sich nicht auf eine nationalliterarische Perspektive beschränken. Italienische, französische, englische, amerikanische und deutsche Autoren haben in 13 Kapiteln eine Synthese geschaffen.

Die Herausgeber begründen ihre Darstellung mit allen wesentlichen neuen theoretischen Einsichten in den europäischen und amerikanischen Literaturwissenschaften. Diese Lesergeschichte wird sowohl den Texten als auch den Bedeutungen gerecht, die aus der Inter­pretation von Lesern hervorgegangen sind. Als Axiom wird vorausgesetzt, dass ein Text nur deshalb vorhanden ist, weil ihm ein Leser eine Bedeutung gibt.

Der Sammelband versucht über die traditionellen Methoden der Leserforschung hinauszu­gehen. Die eher positivistischen älteren Studien über Buchbesitz oder gesellschaftliche Distribution von Bibliotheken sollen hier nicht im Vordergrund stehen. Statt der quantitativen und statistischen Erhebungen über die Zahl von Büchern in einer Sammlung oder statt einer thematischen Beschreibung von Sammlungen geht es um eine Akzentuierung der Veränderungen in der Lesepraxis. Großen Wert legt die Darstellung – zumindest in den Kapiteln über das archaische und klassische Griechenland und die römische Welt – auf die Formen des lauten Lesens und ihre Doppelfunktion der Kommunikation des geschriebenen Wortes an Analphabeten und die Verstärkung der Kommunikationsprozesse (Familie, literarische Zirkel, etc.). Nach Auffassung der Herausgeber darf sich eine Lesergeschichte nicht darauf beschränken, wie gegenwärtig gelesen wird. Die Aufgabe besteht wesentlich darin, vergessene Techniken und verloren gegangene Gewohnheiten zu rekonstruieren. Alle Kapitel stammen von Spezialisten der jeweiligen historischen Phase. So ist ein Kompendium entstanden, das sich durch Sachkenntnis, Interdisziplinarität und Internationalität der Autoren auszeichnet.

In der griechischen und hellenistischen Welt werden die unterschiedlichen Lesepraktiken herausgearbeitet. Es gibt nicht nur den gesprochenen, sondern auch den geschriebenen Diskurs. Zunächst ist dieser die Voraussetzung für eine differenzierte orale Kultur, in der individuelles Lesen noch selten war. Das laute Lesen war die verbreitete Form des Lesens in der alten Welt. Die ersten Zeugnisse für stilles Lesen stammen aus dem späten 5. Jh. v. Chr. Die Veränderungen des Lesestils und der unterschiedlichen Mischpraktiken im alten Griechen­land werden sorgfältig dargestellt. Noch handelt es sich um Buchrollen oder ›volumina‹. Die großen hellenistischen Bibliotheken waren keine Lesebibliotheken, sondern repräsentierten Reichtum und Ruhm der herrschenden Dynastie.

In Rom sind neue Texte und neue Bücher gefragt. In der Wende vom 3. zum 2. Jh. v. Chr. übernimmt Rom von den Griechen die Buchform des ›Volumen‹ und gewisse Lesepraktiken. Im 2. Jh. breitet sich die Verwendung des Buches aus. Meist waren es griechische Texte. Zunächst war die Lesepraxis völlig privat und auf die oberen Schichten beschränkt. Im 2. und 1. Jh. v. Chr. gelangten griechische Bücher als Beute nach Italien. Sie bildeten den Anfangsbestand privater Bibliotheken und wurden zum Zentrum für kleine soziale Gruppen. Während des Kaiserreichs kam es in der Lese­praxis zu Neuerungen. Die Schriftkultur breitete sich aus, obwohl es noch große Unter­schiede zwischen den Provinzen und den städtischen Zentren gab. Neben der offiziellen epigraphischen und administrativen, militärischen und höfischen Schrifttradition entsteht eine wachsende Nachfrage nach Büchern und eine Verbreitung der Lesekenntnis. Öffentliche Bibliotheken werden eingerichtet, private erweitert. Eine neue Form des Buches setzt sich allmählich durch: der Codex, der leichter produziert und verbreitet werden kann. Unter den neuen Lesern sind häufig Frauen, für die eigene Texte geschrieben werden.

Das Mittelalter wird charakterisiert durch das Schreiben der Mönche und die Entstehung des scholastischen Lesens. Der Codex stellt zunächst die Verbindung zwischen den Lesepraktiken der alten Welt und dem Mittelalter dar. Die Skriptorien der Klöster ermög­lichen eine leichtere Vervielfältigung von Texten. Noch immer wird auch die Rolle benutzt – so etwa für liturgische Zwecke und in Byzanz. Dort wird auch die alte Praxis des lauten Lesens beibehalten, während sich in der lateinischen Welt das murmelnde oder stille Lesen durchsetzt. Der mittelalterliche Leser findet sich nun vor allem in der Kirche, der Mönchszelle, in Refektorien und religiösen Schulen oder auch an Höfen. Meist war die Lektüre auf die Schrift und Texte religiöser Erbauung beschränkt. Der Wandel in der Lesepraxis hatte Folgen für die Codices: Die Wörter wurden nun deutlich voneinander getrennt, so dass auch der stille Leser keine Schwierigkeiten beim Identifizieren der einzelnen Wörter mehr hatte. Zahlreiche Zeichen und eine differenziertere Interpunktion halfen ihm überdies. Zwischen dem 11. und dem 14. Jh. entstehen neue Tendenzen der Lesepraxis. In den Städten werden Schulen zum Ort der Bücher. Europa erfährt eine wachsende Literarisierung und eine Ausbreitung der Schreibkultur. Man las, um zu schreiben. Das repräsentative Buch dafür ist die Kompilation, der charakteristische Buchtyp der Scholastik.

In dieser Zeit steigt der Bedarf an breiterem Wissen und damit die Zahl geschriebener Texte. Techniken zum schnellen Auffinden einer gesuchten Textstelle wie Überschriften, Trennung in Abschnitte, Kapitelüberschriften, Trennung von Text und Kommentar, Zusammen­fassungen, Register werden eingeführt. Der Aufbau der Bibliotheken wird mit Hilfe von Katalogen systematisiert. An der Schwelle zur Neuzeit (13./14. Jh.) entstehen neben den scholastischen Lesemodellen Formen höfischen Lesens. Die Bücher dienen am Hofe der Unterhaltung oder Erbauung, aber auch als Schmuck aristokratischer Sammlungen.

Vom 16. bis zum 19. Jh. ist die Geographie der Lesepraxis in der westlichen Welt von den Wechselfällen der Geschichte und spezifischen Determinanten ab­hängig: Alphabetisierung, herrschende Religion, Grad der Industrialisierung. In katholischen und protestantischen Gegenden gibt es Zensurunterschiede, eine unterschiedliche Verbreitung des Buchdrucks und -handels. Quellen dafür sind schon länger in Nachlassinventaren, Buchhändler- und Auktionskatalogen usw. ausgewertet worden.

Die Mitarbeiter an dieser Kollektivdarstellung sind offenbar darauf verpflichtet worden, die von ihnen bearbeitete Phase der Lesergeschichte in Verbindung mit einer der drei Leserevolutionen zu bringen. Sie fällt nicht etwa mit der Einführung des Buchdrucks zusammen, obwohl sich dadurch die Zirkulation von Texten, der Buchpreis und die Herstellungszeit für ein Buch beträchtlich änderten. Aber die elementare Struktur des Buchs wurde dadurch nicht tangiert. Bis Anfang des 16. Jahrhunderts orientiert sich das gedruckte Buch an der Gestaltung des Manuskripts. Die erste Revolution soll vielmehr in der Ausbreitung des stillen Lesens gesehen werden. Vom 14./15. Jh. an ist es nach einer langen Entwicklung seit dem frühen Christentum unter Aristokraten und Gelehrten übliche Praxis. Der Gegensatz zwischen lautem Lesen und stiller Lektüre markiert einen Bruch von äußerster Bedeutung. Stilles Lesen ermöglicht schnelle Lektüre. Die zweite Revolution in der Lesergeschichte wird nach traditioneller Auffassung in der Zeit des Übergangs vom ›intensiven‹ zum ›extensiven‹ Lesen um 1750 gesehen. Diese These, die in der deutschen Lesergeschichte lange akzep­tiert war, wird in diesem Sammelband bestritten. In Zeiten ›intensiven‹ Lesens habe es auch viele ›extensive‹ Leser gegeben (so etwa die literarisch interessierten Humanisten). Deren ›symbolische‹ Gegenstände, das Bücherrad und die Sammlungen von loci communes (commonplace books) demonstrieren diese Auffassung. Gerade in der berühmten deutschen Leserevolution des 18. Jahrhunderts sei intensivstes Lesen der Bücher von Rousseau, Richardson und Goethe bezeugt; deren Romane wurden nicht nur zweimal gelesen. Später folgten die Leser von Volksbüchern oder der dieser Gewohnheit. Dennoch wird auch im vorliegenden Band für die Zeit zwischen 1750 und 1800 dank der beobachtbaren Explosion der Buchproduktion, der Zeitungen, des Lesens, der Leihbibliotheken und Lesegesellschaften von der zweiten Leserevolution gesprochen. Die dritte Leserevolution bahne sich durch die elektronische Textübermittlung und die dadurch bedingten Lesestile an. Leser eines PC-Textes ähnelten Lesern der Antike, die eine Rolle entziffern (mit Richtungsunterschied). Der Unter­schied zwischen dem Ort des Textes und des Lesers werde annulliert. Dadurch gehe der Traum von einer universalen Bibliothek in Erfüllung.

Im Kontext der drei Revolutionen seien mehrere Lese-Modelle aufeinander gefolgt. Erstens das humanistische Lesen mit Bücherrad und commonplace book; zweitens das Lesemodell in Westeuropa, das sich durch die Ausbreitung eines neuen Corpus christlicher Texte veränderte. Dabei sei die These nicht länger haltbar, dass sich Katholizismus und Protestantismus als Religionen des Sprechens/Hörens und des geschriebenen Wortes unterschieden. Nur bei Pietisten entstand Vertrautheit mit der Bibel durch persönliche und familiäre Lektüre. Für Lutheraner und Katholiken war die Bibel das Buch der Pastoren und Pfarrer; es war nicht für die einzelnen Gemeindemitglieder gedacht. Im 19. Jh. gewinnt das Buch neue Schichten und wird von Frauen, Kindern und Arbeitern genutzt. Die Lesergeschichte beginnt als Soziologie der Schichtenunterschiede virulent zu werden.

Die einzelnen Kapitel sind mit Anmerkungen versehen. Eine bescheiden als Auswahlbiblio­graphie bezeichnete Liste der verwendeten Literatur, zunächst nach »General Studies«, dann nach den großen geschichtlichen Phasen geordnet, schließlich ein Index der Sachen und Namen erhöhen den Wert dieses bisher einmaligen interdisziplinären Sammelbands. Es ist erfreulich, dass nicht nur die angelsächsische, französische und italienische Spezial­literatur zu den wichtigen Epochen verzeichnet wurde, sondern auch die deutsche, die sonst in diesem Forschungsgebiet meist auf sich selbst verwiesen scheint. Eine Übersetzung ins Deutsche wäre diesem Gemeinschaftswerk dringend zu wünschen.

Nicht nur in der deutschen Literatur- und Lesergeschichte fehlen bisher sowohl die detaillierten als auch an Überblick interessierten Darstellungen. Zu einzelnen Autoren sind zwar immer wieder Untersuchungen erschienen, jedoch meist ohne Einsicht in die Prozesse der ›longue durée‹. Die Lesergeschichte ist für deutsche Verhältnisse weitgehend auf die erste Phase der Forschungsaktivitäten beschränkt geblieben – die verdienstvollen Arbeiten von Rolf Engelsing dürfen in ihrer Mischung aus Faktenmengen und schwächerer Strukturierung als repräsentativ dafür gelten.


Sandrine Aragon, Des liseuses en péril. Les images de lectrices dans les textes de fiction de ›La Prétieuse‹ de l’abbé de Pure à ›Madame Bovary‹ de Flaubert (1656-1856). Paris: Éditions Honoré Champion 2003. 732 S.

Die umfangreiche Studie von Sandrine Aragon versucht schon im Ansatz, methodologisch die ältere Forschungsorientierung hinter sich zu lassen. Sie hat sich ein riesiges Untersuchungsfeld vom 17. bis zum 19. Jh. gewählt. Das Thema, das im Deutschen etwa mit »Gefährdete Leserinnen« wiederzugeben wäre, erscheint gerade im Hinblick auf die spezifischen Profile der französischen Literatur reizvoll. Die Verfasserin fragt, ob die Literatur nicht überhaupt nur negativ bewertete Leserinnen darstellt. Die Identifizierung der Leserin mit einer sündigen Eva ist vielleicht eine Konstante der französischen Literatur? Wie ist das Anwachsen solcher Bilder in den fiktionalen Werken in dem Augenblick zu verstehen, in dem weibliches Lesen seine größte Förderung erfährt? Diese Studie beruft sich auf die Konstanzer Rezeptionsästhetik, die am intensivsten nach dem Leser gefragt habe. Die Untersuchungen von Fritz Nies über bildliche Darstellungen des Lesens sind der Verfasserin bekannt. Sie sucht nach der Ursache der Variationen von Lesehaltungen in dem angegebenen Zeitraum. Eine Studie über die ›longue durée‹, die Rechenschaft gibt über Veränderungen und Rekurrenzen, sollte über die Grenzen eines Jahrhunderts hinaus führen. Daher sind Bilder der Leserin ins Zentrum gerückt worden, die während der letzten drei Jahrhunderte am häufigsten dargestellt worden sind. Natürlich ist auch nach dem Kontext zu fragen. Welche speziellen Züge charakterisieren die einzelnen Epochen, die zu spezifischen Bildern der Leserin führen? Wie war das literarische Feld beschaffen, als diese Bilder zum ersten Mal in der Literatur erschienen? Untersuchungs­gegenstand sind fiktionale Texte zwischen 1656 und 1856. Methodisch wird eine »démarche sociopoétique« (Jacques Dubois, Pierre Bourdieu) gewählt. Hinzu kommt ein auf die Leserforschung bezogenes Verständnis von Rhetorik, eine »rhétorique de lecture«.

Als Leserinnen in fiktionalen Texten unterscheidet die Verfasserin Leseszenen in der Gruppe, Lektüren in der Gesellschaft und unter Freunden (unter mehreren oder zu zweit). Reduziert man die Lektüre auf eine Situation, in der sich die Leserin allein auf einen Text konzentriert, so unterschlägt man die wesentlichen Formen der Lesergeschichte in den vergangenen Jahrhunderten. Kollektive Lektüren müssen als wichtige Szenarien berücksichtigt werden, selbst wenn es nicht immer eine Frau ist, die das Buch in Händen hält. Zu unterscheiden ist auch eine Szene, in der erzählt wird, von einer Lektüreszene; ebenso zwischen Leserinnen, die erzählen oder einer Erzählung zuhören. Über die Frage, welche Texte in dieser Studie berücksichtigt werden sollen, hat die Verfasserin gründlich nachgedacht. In der Salonkultur zirkulieren häufig Manuskripte vor der Veröffentlichung. Auch diese Texte sollen wie die fragmentarische Lektüre berücksichtigt werden, jedoch keine Briefe. Die Leserinnen sind von virtuellen Leserinnen zu unterscheiden, die von den Autoren für ihre eigenen Werke eigens geschaffen werden, und von den realen Leserinnen, die tatsächlich die genannten Werke gelesen haben. Nicht zuletzt werden die Charakteristiken der Leserinnen, ihre Umgebung und ihre Kleidung beachtet. Die Studie beschränkt sich auf fiktionale Texte und schließt Bilder von Leserinnen aus, die in kritischen Abhandlungen und Autobiographien erscheinen. Romane, Novellen, Erzählungen und Komödien sind die Gattungen der hier gemeinten fiktionalen Texte. Tragödien gehören nicht zu diesem Textcorpus. Es enthält klassische ebenso wie kaum bekannte Werke von Autoren beiderlei Geschlechts. Insgesamt sind über 50 Texte genau untersucht worden; viele andere werden zitiert oder genannt. Im Fragenkatalog für die einzelnen Werke erscheinen: Sprache, literarisches Feld, Gattung, Autor, Adressaten. Überdies wird eine »rhétorique de la lecture« von Michel Charles benutzt, in der die fünf wichtigen Teile einer Rede auf die Lektüre appliziert werden: Wahl des Textes (inventio), Planung der Lektüre (dispositio), Sinnkonstruktion (elocutio), der Leseakt selbst (actio), das Memorieren des Gelesenen (memoria). Ein Raster spezifischer Fragen an die Leserinnen fördert die Vergleichbarkeit der Analysen. Es ergeben sich überraschende Analogien in der Entwicklung des Bildes der Leserin zwischen der zweiten Hälfte des 17. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Untersuchung setzt ein mit der Literatur, die von den Preziösen gelesen wurde (1656 f.). Sie findet ihr Ende mit dem Jahr 1856, der Veröffentlichung von Madame Bovary. Überlegungen zur Entfaltung des Lesepublikums vom 17.-19. Jh., ein Resümee der historischen Gliederungsvorschläge von Roland Barthes und Pierre Bourdieu, Hinweise auf die Gesetzgebung in Frankreich, die seit 1836 eine Erziehung von Mädchen und Frauen in Schulen ermöglicht, wobei jedoch erst 1880 auch der Besuch höherer Schulen eingeräumt wird, belegen die Weite des Horizonts dieser umfangreichen Untersuchung.

Der I. Teil (1656-1716) gilt der Entstehung des Bildes von Leserinnen in den Salons. Zunächst werden die Preziösen noch lächerlich gemacht, aber Romane und Erzählungen (z.B. von Mlle. de Scudéry) führen vornehme Heldinnen vor, die ihre Umgebung mit ihrem »bel-esprit« bezaubern. Je mehr Leserinnen es gibt, desto dringlicher wird die Frage nach einer weiblichen Erziehung in den Jahren nach 1660 gestellt. Die literarischen Texte weisen nun immer häufiger auf die Gefahren hin, die jungen Leserinnen ohne Schulbildung drohen, aber auch auf Übertreibungen der gelehrten Frauen. In den komischen Romanen tauchen junge Romanleserinnen als ›junge Närrinnen‹ auf, die sich insgeheim an verbotenen Büchern ergötzen. Neben der gelehrten Frau sind es die Preziösen, die in den Komödien vorgeführt werden. Bis 1680 gibt es nur Warnungen vor weiblicher Lektüre. Erst im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts können junge Leserinnen auch kluge Prinzessinnen sein. Die Werke von Marivaux kennen bereits fiktionale Leserinnen, die in Gesellschaft oder an der Seite des Mannes intensive und extensive Lektüren praktizieren.

Der II. Teil (1727-1802) beginnt mit einer Charakteristik der libertinen Leserin, die in der ersten Jahrhunderthälfte dominiert. Die Frau wird überwiegend als Objekt sexueller Lust beschrieben. Der Roman trägt dazu bei, eine sinnliche Atmosphäre zu schaffen. Das Lesen von Paaren ermöglicht erotische Begegnungen. Libertine Bücher wetteifern mit moralischer Lektüre, um das ›schwache Geschlecht‹ für sich zu gewinnen. Die jüngsten Leserinnen werden von geschickten Mentoren zu dem Vergnügen, nur mit einer Hand zu lesen, erzogen, während die älteren sich an Lektüren zu zweit und an verbotenen Spielen erfreuen. Rousseau löst eine moralische Revolution im Bild der Leserinnen aus. Die Heldin der Nouvelle Hélo?se ist keine Unschuldige ohne jede Leseerfahrung. Sie hat in Gesellschaft ihres Liebhabers gelesen und sich ihm hingegeben. Trotz ihrer Schuld gelingt es ihr, zur Tugend zurückzufinden, indem sie sich dafür hilfreicher Bücher bedient. Julie gibt den Leserinnen eine Lektion exemplarischen Lesens.

Prévost hat in seinen späten Werken ›kluge Leserinnen‹ gezeichnet. Rétif de la Bretonne und Mirabeau lassen ihre libertinen Lehrmeister weiterhin mit dem Buch arbeiten, um ihre ›Opfer‹ ganz nach ihrem Begehren zu erziehen. Choderlos de Laclos bietet dem Jahrhundert das berühmteste Bild einer ›klugen Frau‹: Mme. de Merteuil. Im Kontrast zu den übrigen Frauenfiguren verkörpert sie das extrem Böse. Im Gegensatz zur libertinen Tradition schreiben nun Schriftstellerinnen pädagogische Romane, in welchen Lektüreprogramme und Erziehungspläne zu finden sind. Offenbar haben sie Erfolg: Am Ende des Jahrhunderts gibt es zahlreiche Leserinnen, die den Schwierigkeiten des Lebens gewachsen sind.

Die Dominanz des Lesens zu zweit hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Das Modell des Hofmeisters und der Schülerin ist für die Frauen des 18. Jahrhunderts repräsentativ. Lesen zu zweit ermöglicht intellektuelle Gleichheit; das Gelernte kann die Leserin später als Mutter an die Tochter weitergeben. Marivaux verwendet in seinem Roman die Konstellation ›junge unschuldige Frau‹ – ›libertiner Hofmeister‹, oder die ›erfahrene Libertine‹ und der Liebhaber lesen gemeinsam im Bett. Marivaux warnt vor den Gefahren dieser Zweier- oder Dreierlektüren. An einem jungen Paar zeigt er, wie es zur tugendhaften Lektüre im Kreis der Familie kommen kann. Am Ende des Jahrhunderts tauchen Paare kluger Freundinnen in Emigrationsromanen auf. Junge Frauen lesen nun zum Vergnügen und zur Bildung. Sie können in Romanen Bildungsmodelle und nicht allein Bilder von gefährdeten Leserinnen entdecken.

Im dritten Teil (1802-1856), der mit dem Erscheinen von Madame Bovaryseinen Ziel- und Endpunkt erreicht, müssen die zahlreichen Leserinnen erwähnt werden, die nun aus allen sozialen Schichten kommen. Auch die Zahl der Leserinnen-Darstellungen in der bildenden Kunst hat stark zugenommen. Anfangs sind es noch die adligen Autorinnen wie Mme. de Genlis oder Mme. de Duras. Die Personen aus der vornehmen Gesellschaft als Leserinnen präsentieren Reflexionsfähigkeit: Solche Heldinnen gelten nicht als liebenswürdig und liebesfähig. Die Begierde nach Wissen, verbunden mit dem glühenden Wunsch nach Lektüre, taucht bei Leserinnen in der Unterschicht seit 1835 auf. Neue Bilder der Frau entstehen: Grisetten, Bäuerinnen, Arbeiterinnen, die lesen, ohne sich dadurch lächerlich zu machen. Der Feuilleton-Roman und Zeitungen, der Besuch von Lese-Kabinetten spielen eine große Rolle. George Sand warnt vor der Gefahr einer zu schnell vorangetriebenen Intellektuellen-Akkulturation. Andere Autoren warnen mit religiösen Argumenten vor dem Lesen der Frauen. Man fürchtet, dass die religiöse Lektüre völlig von profaner verdrängt wird. Die junge Leserin wird in diesem Kontext als ein engelgleiches Geschöpf beschrieben, dessen Reinheit durch ein einziges Buch besudelt werden kann. Im Gegensatz dazu erscheint Madame Bovary als die Inkarnation des Perversen. Sie hat sich in schlechten Büchern bereits als junges Mädchen ›gebadet‹ und lustvoll mit den Heldinnen ihrer Lektüren identifiziert. Sie kennt mehrere Arten verbotener Lektüre: im Verborgenen allein oder zu zweit mit einem verliebten Mann; dann liest sie, um ihren Ehemann fernzuhalten und um ihn ungestraft zu hintergehen. Flaubert kumuliert alle negativen Züge der Leserin im Sinne des Vorurteils, dass Romane die Massen verderben. Madame Bovary zieht sich von der Welt zurück, indem sie nur noch in Büchern lebt, die sie in ein künstliches Paradies entrücken. Sie kommt an Bedeutung Don Quijote gleich und gehört auch als Leserin zu den wichtigsten Figuren der französischen Literatur. Nach der Periode einer Bildung in der Gruppe, einer Lektüre zu zweit im 18. Jh., scheint die Leserin im 19. Jh. autonom zu werden. Die älteren Formen bleiben zwar erhalten – so in der Unterschicht-Lektüre oder im Zug. Die einsame Lektüre ist allerdings jetzt nicht mehr außergewöhnlich.

In der Zusammenfassung werden die »Bilder der Leserinnen« nach den Kategorien der »Rhetorik der Leserinnen« im Kontext sozialer Prozesse geordnet. Die Ähnlichkeiten zwischen Leserinnen des 17. und 19. Jahrhunderts werden differenziert. Mit den ›Bildern‹ der ›gefährdeten Leserinnen‹ verbinden sich weitreichende Debatten in der Geschichte der Alphabetisierung und der Schuldbildung für Mädchen. Zu Beginn des 19. Jh.s sind die Frauen von den Autoren umworbene Leserinnen geworden. Balzac ist ihr Anwalt.

Eine umfangreiche Bibliographie von nahezu fünfzig Seiten Umfang und ein Register der zitierten Autoren erleichtern die Benutzung der umfangreichen Studie. Ihre Thesen sind durch die Nutzung mehrerer methodologischer Modelle vielseitig und historisch einleuchtend. Allerdings ist der ›Methodenmix‹ für die Strukturierung der Arbeit nicht durchweg förderlich. Viele Passagen sind jedoch ohne enge Anlehnung an die methodologischen Vorgaben geschrieben – dies gereicht der Arbeit nicht zum Nachteil. Die einzelnen Analysen gehen oft über die speziellen Interessen der Lesergeschichte hinaus und haben kulturwissenschaftliche Bedeutung. Eine vergleichbare Studie liegt für die deutsche Literatur bislang nicht vor(2) und wäre wünschenswert.


Dietmar Rieger, Imaginäre Bibliotheken. Bücherwelten in der Literatur. München:  Wilhelm Fink Verlag 2002. 389 S.

Während die Studien zur Lesergeschichte in den letzten Jahren eher spärlich waren, ist das Interesse an der Bibliothek als Sujet fiktionaler Texte geradezu schlagartig gewachsen. Vor allem die Komparatistik hat sich dieses Themas angenommen. Die umfangreiche Untersuchung des Romanisten Dietmar Rieger beschränkt sich im Wesentlichen auf die französische und italienische Literatur; die englische und spanische wird gelegentlich am Rande zitiert. In sechs großen Kapiteln werden jeweils sechs bis sieben Abschnitte über zahlreiche Werke – beginnend mit dem Mittelalter – ohne eine verbindliche chronologische Ordnung zu typologischen Komplexen zusammengefasst. Der Verfasser vertritt die These, dass die fiktionalen Bibliotheken die Problematik und Dialektik der Wissensordnung oft präziser ausdrücken als der theoretische Wissensordnungsdiskurs. Die Einleitung gibt einen umfassenden Überblick über die bisherigen Forschungsansätze und die methodologischen Probleme des Sujets.

Kapitel I berichtet über Fiktion und Idee der Bibliothek im Mittelalter. Mit der Vie de saint Grégoire le Grand des Frère Augier von 1214 beginnt auch schon die Geschichte der Bibliothekszerstörungen und -verbrennungen in der französischen Literatur. Sie haben es meist auf Bibliotheken oder einzelne Bücher heidnischer oder häretischer Observanz abgesehen. Die mittelalterliche fiktionale Literatur kennt ›Bibliothek‹ als Motiv oder Thema noch kaum. In Ermangelung literarischer Zeugnisse wird die Ikonographie vom 15.-16. Jh. herangezogen. Dabei ist der allmählich sich öffnende Blick in die Außenwelt bedeutsam.

Nach der utopischen Bibliothek und der Bibliothek in der Utopie fragt das II. Kapitel. Als utopische Bibliotheken werden Mega- und Universalbibliotheken verstanden. Dazu gehört die Vorstellung einer Universalbibliothek in einem Buch, oder, in der Gegenwart, einer »ortlosen« virtuellen Bibliothek, wodurch jeder traditionelle Bibliotheksbegriff aufgelöst wird. In den literarischen Utopien tritt utopische Wirklichkeit an die Stelle der Bibliotheken. Allerdings ergibt sich dabei auch immer eine Ambiguität des Zukunftsentwurfs, so etwa bei Mercier. Das humanistische Bibliotheksideal wird negiert. Gelten soll nur noch Literatur, die den Kategorien »utilité«, Moral und Wahrheit entspricht. In den Uchronien des 20. Jahrhunderts, vor allem bei Bradbury, Huxley und Orwell, wird die Utopie fragwürdig. Die Unterdrückung jeder Individualität und geistiger Selbständigkeit ist an der Tagesordnung.

Im III. Kapitel wird der Aspekt von Macht und Zerstörung in Bibliotheken zum Thema. Immer wieder ist ihnen durch das kumulierte Wissen Macht zugeschrieben worden. Die Bibliothek kann allerdings auch Macht über ihren Benutzer ausüben – so bei Don Quijote. Die Subversion von Machtstrukturen durch Bibliothekszerstörung ist zuerst in fiktionaler Literatur dargestellt worden. Im frühen 19. Jh. haben Alfred de Vigny und Victor Hugo ihre konkreten Erfahrungen von brennenden Bibliotheken (1831 und 1871) in ihren bibliothekskritischen und -verherrlichenden Szenen verarbeitet.

Über den Zusammenhang von Bibliothek und literarischem Kanon handelt das IV. Kapitel. Die Leitfrage bezieht sich auf die Möglichkeit, ob Zukunftsproduktion prinzipiell affirmativ von den kanonisierten Bibliotheken ausgeht oder von der zumindest partiellen Zerstörung oder Deformation der Bibliotheken abhängig ist. In diesen Zusammenhang gehören die Bücherschlachten von Boileau, Swift und Hugo, die Verfremdung, die Montesquieus moderner Perser in den alten Bibliotheken erlebt, die Bibliothekskritik bei Voltaire, aber auch neue Wertvorstellungen (Manzoni). Gerade im italienischen Roman von Tozzi, Duranti und Bassani wird die Wiederherstellung und Verabschiedung des Kanons thematisch.

Um Formen der »poetologischen Bibliothek« geht es im V. Kapitel. Die Ambiguität wird nun auf eine metaphorische Ebene gehoben: Die Bibliothek bedeutet Tod und Leben, Auslagerung, Vergessen und Bewahrung, Erinnern: Präsenz und Latenz. Erst in der Romantik setzt die widersprüchliche poetologische Indienstnahme der Bibliothek als Metapher ein. An zahlreichen Schriftstellerbibliotheken – darunter denen Baudelaires, Victor Hugos, Nervals – wird die unterschiedliche poetologische Bewertung der Bibliothek demonstriert.

Das VI. Kapitel führt – einen Endpunkt der überschaubaren Entwicklung markierend – Ich, Bibliothek und Wirklichkeit zusammen. Einerseits verstärkt sich seit dem 17. Jh. die Bibliophilie und wird im 19. Jh. zur Manie – bis hin zu »livres feints« und einer fortschreitenden Fiktionalisierung der Bibliothek. Andererseits befindet sich die ›humanistische‹ Bibliothek im Niedergang. Dies illustrieren Spielarten der Infragestellung, Zerstörung und Umfunktionalisierung. Die Aversion gegen Bücher wächst, die Bibliothek ist nun ein Hort verzichtbaren Wissens, bestenfalls Prestigeobjekt: so in Balzacs César Birotteau, dem Kleinbürger, Parfümhändler und Nichtleser! Dagegen schirmt sich des Esseintes in Huysmans’ A rebours von der Außenwelt ab, lebt nur noch als Teil seines artifiziellen Buch-Paradieses. Daneben zählt der Verfasser weitere Spielarten dieser ambivalenten Beziehungen zur Bibliothek auf: die Bibliothek als Arcanum, die Deformation einer proletarischen Bibliothek und die Überwucherung einer Schlossbibliothek durch die Natur.

Der Verfasser hat bedauerlicherweise auf ein Literaturverzeichnis verzichtet und sich auf ein Namensregister beschränkt. Man darf rätseln, warum wissenschaftliche Arbeiten immer häufiger auf den einen oder anderen Standard verzichten. Im Zeitalter des PC hätte man annehmen sollen, dass weder Literaturverzeichnisse noch Register für den Autor ein Problem darstellen.

So angenehm essayistisch die Untersuchungen in ihren vielen Einzelanalysen angelegt sind, so unscharf wirkt auf die Dauer die Konfiguration der typologischen Komplexe. Eine präzisere Strukturierung hätte die Lektüre des Buches erleichtert. Bücherverbrennungen werden geradezu spielerisch als rekurrentes Motiv behandelt. Die Bücherverbrennung nationalsozialistischer Studenten am 10. Mai 1933 wird nicht erwähnt. Marinettis Aufruf, die Bibliotheken zu verbrennen, der als Motto eines Kapitels dient, klingt angesichts des historischen Fanals in Deutschland wie ein makabrer Scherz. Riegers Analysen sind sorgfältig, scharfsinnig und in sich schlüssig angelegt: insgesamt eine herausragende Arbeit.  


Jürgen Nelles, Bücher über Bücher. Das Medium Buch in Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002. 331 S.

Mit ähnlichen Interessen wie Dietmar Rieger hat sich der Germanist Jürgen Nelles dem Thema »Bücher über Bücher« zugewandt. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen Präsentations- und Funktionsweisen von Büchern in Büchern. Überdies soll die Konkurrenz des Buches zu den neuen Medien untersucht werden. Schließlich geht es auch um die Einschätzung des Buchs als Medium im Kontext mit anderen Medien. Ein längeres Kapitel gilt dem Thema »Bücher als Medien«. Dazu situiert der Verfasser das Buch in der Mediengeschichte und geht dabei bis zur Erfindung der Schrift, zum Runenalphabet, zu Rollen und Codices zurück. Die Druckkultur wird als Fortsetzung der Manuskriptkultur verstanden. Seine Texte wählt er aus einer Epoche, in der das Buch seine Monopolstellung gegenüber anderen Druckmedien noch unangefochten innehatte. Die weiteren Entwicklungen sieht er in der Ablösung des Leitmediums Buch durch neue Leitmedien wie Hörfunk, Fernsehen und Internet. Ausführlich beschäftigt er sich mit der Stellung der Bücher in Medientheorien. Die Medialität des Buches selbst reflektiert er mit Hilfe der Thesen von McLuhan, Enzensberger und N. Bolz. Sie alle kommen zu dem Ergebnis, dass das gedruckte Buch einen zunehmenden Funktionsverlust erlitten habe. Die Überlegungen zur Materialität des Buches stützen sich auf Foucault, Genette und Derrida. Das Buch sei im Verhältnis zur Schrift allmählich zu einem Medium neben anderen geworden, während sich die Schrift als das chronologisch erste und wichtigere und dauerhaftere Kommunikationsmedium erhalte.

Seine Beispiele wählt der Verfasser im Kanon des deutschen Romans vom 18.-19. Jh. So fragt er etwa in Schnabels Insel Felsenburg, wie das wichtigste dort vorkommende Buch, die Bibel, beschrieben und eingesetzt wird. Die Vorrede des Romans berichtet von den Umständen, die mit der Produktion des veröffentlichten Buchs zusammenhängen, so z.B. von Praktiken zeitgenössischer Drucker, Verleger und Buchhändler. Im Werther erregen nicht nur die Bücher, sondern auch Briefe, Zettel und Manuskripte seine Aufmerksamkeit. Romane von Defoe, Richardson, Gellert, Fielding, Sophie La Roche, die Meister-Romane Goethes und seine Wahlverwandtschaften, der Roman von Novalis, Texte von Arnim und Hoffmann werden herangezogen. Im Ergebnis überraschen die Analysen kaum. Es zeigt sich, was zu vermuten war, dass in vielen dieser Romane zahlreiche Bücher und Buchsorten genannt werden und dieses Medium in der Aufklärung an Bedeutung gewinnt. Seit 1770 werde die Bibel als zunächst dominantes Buch (neben Erbaulichem) von Romanen verdrängt. Im romantischen Reflexionsroman erreiche das ›Buch im Buch‹ seinen Kulminationspunkt. Bei Hoffmann komme es zu einer Radikalisierung durch Deformation des Mediums. Damit werde er zum Vorläufer von Autoren der Moderne und Postmoderne, die an die Zerstörung oder zunächst tendenzielle Auflösung des Mediums Buch anknüpfen.

Ein 32 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis zeigt, wie fleißig sich der Verfasser in der Forschung umgesehen hat. Die Beigabe eines Registers wäre bei einer Arbeit dieses Typus wahrhaftig kein medialer Luxus gewesen! Viel Mühe ist in diese Untersuchung investiert worden. Sie hat allerdings zu nicht viel mehr als einem allzu häufigen Referat des Bekannten geführt. Eine These muss man suchen. Was im Titel schon angedeutet wird, dass es um Bücher in Büchern geht, bestimmt die Darstellung. Die Analysen bleiben im Wesentlichen deskriptiv und paraphrasierend. So heißt es etwa: »Bücher erfüllen in Richardsons Romanen eine doppelte Funktion: Außer Trost in schwierigen Lebenslagen vermitteln Bücher Inspirationen für Intrigen und bieten mitunter die Möglichkeit, diese in die Tat umzusetzen« (S. 116). Zu Gellerts Roman schreibt der Verfasser: »Die Beschäftigung mit Büchern dient bei Gellert keinem Selbstzweck, sondern steht im Dienst der Vermittlung aufklärerischer Positionen« (S. 124). War dies nicht schon alles bekannt? Fleiß allein führt selten zu neuen Erkenntnissen. Die versprochene Charakteristik der Veränderung des Themas begnügt sich mit Andeutungen. Die Studie wurde in Bonn als Habilitationsschrift angenommen.


Günther Stocker, Schrift, Wissen und Gedächtnis. Das Motiv der Bibliothek als Spiegel des Medienwandels im 20. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 1997. 317 S.

Die Arbeit von Günther Stocker, die sich demselben Thema, wenn auch mit anderer Textbasis, widmet, ist bereits 1997 erschienen, jedoch wesentlich ambitionierter. Die Untersuchung konzentriert sich auf den Umbruch in der Medienszene. Sie möchte aus literaturwissenschaftlicher Perspektive zur Analyse und Reflexion des aktuellen Medienwechsels beitragen. Allerdings will sie auch die großen Erwartungen dämpfen, die sich an die Entfaltung der elektronischen Medien knüpfen. Fiktionale Literatur und speziell das Bibliotheksmotiv bieten sich dafür an. Ausführlich geht der Verfasser auf die Funktionen von Schrift, Wissen und Gedächtnis ein, die sich in der Bibliothek überlagern. Dafür schaltet er in einem ersten Teil (»Theoretische Zugänge«) umfangreiche Abschnitte über Schrift ein und fragt nach der theoretischen und historischen Bedeutung der Schriftkommunikation für eine Kultur. Der Medienwechsel betrifft auch Form und Status des Wissens in seiner historischen Dynamik. Schließlich sind die Schriften jeder Bibliothek Fundament jeden kulturellen Gedächtnisses. Alle drei Aspekte skizziert der Verfasser im Horizont der gegenwärtigen Diskussion. Es ist jeweils abzusehen, welche Autoritäten zu den einzelnen Aspekten aufgerufen werden. Nur im Gedächtniskapitel findet sich eine vorsichtige Kritik an den Thesen der Assmanns: sie würden einen zu engen Kulturbegriff vertreten.

Im II. Teil der Untersuchung wird die Bibliothek als Institution des kulturellen Gedächtnisses charakterisiert. Sowohl Bibliothekstypen als auch Aspekte des Gedächtnisses und Wissens der Bibliothek werden noch einmal erörtert. Ein Streifzug durch die Bibliotheksgeschichte darf nicht fehlen. Wäre auf solche Skizzen nicht mit Hinweis auf die reichlich vorliegende Literatur zu verzichten gewesen?

Im III. Teil erklärt der Verfasser seine methodischen Zugänge und warum er die Bibliothek sowohl als Motiv, Metapher und Kollektivsymbol versteht. Hier wird auch seine diskurstheoretische Orientierung reflektiert.

Der umfangreiche IV. Teil, der Hauptteil (ca. 170 S.), ist den Textanalysen vorbehalten. Zwölf Romane hat der Verfasser ausgewählt. Im Gegensatz zur Arbeit von Nelles beschränkt er sich auf Texte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkten um 1930 und 1990. Neben kanonischen Autoren wie Musil, Canetti, Sartre, Borges, Arno Schmidt und Umberto Eco finden sich auch Entdeckungen im Hinblick auf das Bibliotheksmotiv: Ingomar von Kieseritzky (Obsession. Ein Liebesfall), Gerhard Roth (Die zweite Stadt), Antonia Byatt (Besessen), Ermanno Cavazzoni (Mitternachtsabitur), Uta Treder (Die Alchimistin) und Thomas Lehr (Zweiwasser oder die Bibliothek der Gnade).

Der V. Teil der Untersuchung enthält eine Zusammenfassung in 16 Beobachtungen, die sich aus den Analysen ergeben haben. Hier werden die bereits genannten Schwerpunkte um 1930 und 1990 mit kulturellen und medialen Verunsicherungen dieser Jahre in Verbindung gebracht; die Thematisierung der Bibliothek erscheint als eine Selbstvergewisserung in der Bedrohung. Räume der Ordnung lösen sich auf. Bei den neuesten Texten dominieren Intertextualität und Remythisierung. Die Romanfiguren flüchten vor dem Bibliotheksalltag. Die Bücherwelt kann als Zuflucht und Tempel des Wissens, aber auch als Residuum der Weltfremdheit empfunden werden. Hauptfiguren der Bibliotheken sind Männer; Frauen werden weitgehend aus der Bibliothek verdrängt. Die Alchimistin stellt hier eine Ausnahme dar. Immer wieder geht es um die Suche nach Wissen, aber auch um Selektion und Gedächtnis und den Mythos von Vollständigkeit. Mit dem Mythos des Brandes hat der Verfasser einen wesentlichen thematischen Komplex mit Dietmar Rieger gemeinsam. Schließlich sind nahezu alle Romane mit der Selbstreflexion der Schriftkultur beschäftigt. Die Relativierung der Schriftkultur als Leitkultur findet ihren literarischen Ausdruck durch Distanzierungsmechanismen, komische Formen wie Ironie, Parodie und Groteske. Das Literaturverzeichnis von zwölf Seiten zeigt, dass sich der Verfasser vor allem intensiv mit den theoretischen Voraussetzungen seiner Fragestellung beschäftigt hat. Hier sind wohl auch am ehesten die Schwächen der Untersuchung zu finden: Wie bei Nelles wird Bekanntes und in der Mediendiskussion der letzten Jahre noch und noch Wiederholtes wieder einmal ausführlich referiert. Die theoretischen Teile der Untersuchung hätten ohne Not auf 20 Seiten reduziert werden können. Dennoch verdient die Arbeit Anerkennung. Durch die geschickte Auswahl der zu analysierenden Texte vermag sie ihre Intention weitgehend zu realisieren, die medialen Umbrüche im 20. Jahrhundert am Motiv der Bibliothek anschaulich zu machen und diesen Wandel mit Hilfe der fiktionalen Texte zu reflektieren.

Allem Anschein nach ist das Sujet der ›Bücher in den Büchern‹ inzwischen weitgehend untersucht. Neue Entdeckungen – abgesehen von sicher noch zu entdeckenden Romanen mit dem Bibliotheksmotiv – dürften kaum noch zu erwarten sein. Wichtig wären neue Leser-Studien, die dem Medienwechsel in den letzten zwei Jahrzehnten Rechnung tragen. Die Frage ist bislang eher spekulativ beantwortet worden, ob sich die Lesetechnik und -qualität junger Leser bereits nachhaltig verändert hat, ob dadurch erkennbare Verluste in der Rezeption älterer und schwierigerer Texte zu verzeichnen sind. Die Konsequenz, die Werner Fuld in seinem Buch Die Bildungslüge (2004) nahe legt, wäre traurig: Schwierige Romane wie etwa die von Jean Paul sind über Bord zu werfen; mit Texten, die nur mit Kommentarhilfe zu lesen sind, soll sich der künftige Leser nicht mehr belasten.

Prof. Dr. Gerhard Sauder, Universität des Saarlandes, FR 4.1 Germanistik, Postfach 151150, D-66041 Saarbrücken, Email: g.sauder@mx.uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) Gugliemo Cavallo/Roger Chartier (Hg.), Storia della lettura nel mondo occidentale. Rom u.a. 1995; frz. Ausgabe: Gugliemo Cavallo/Roger Chartier (Hg.), Histoire de la lecture dans le monde occidental. Paris 1997; erste engl. Ausgabe: Gugliemo Cavallo/Roger Chartier (Hg.), A History of Reading in the West. Übers. v. Lydia G. Cochrane. Cambridge u.a. 1999. [zurück]

(2) Die Kölner Habilitationsschrift von Susanne Barth beschränkt sich auf die Lektüreerfahrungen junger Mädchen im 18. und 19. Jahrhundert: Mädchenlektüren. Lesediskurse im 18. und 19. Jahrhundert. Frankfurt/M. u.a. 2002. [zurück]