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In: KulturPoetik 2004, Heft 1

Autor

Michael C. Frank

Titel

Alexander Honold/Oliver Simons (Hg.), Kolonialismus als Kultur. Literatur, Medien, Wissenschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden.

Kategorie

Rezension

Abstract

Alexander Honold/Oliver Simons (Hg.), Kolonialismus als Kultur. Literatur, Medien, Wissenschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden (Kultur – Herrschaft – Differenz, Band 2). Tübingen, Basel: A. Francke 2002. 291 S.

Volltext

Der deutsche Kolonialismus: eine zu vernachlässigende Episode angesichts der Flüchtigkeit des gesamten Unternehmens, bei dem Deutschland, der Nachzügler, seinen Konkurrenten England und Frankreich nachzueifern versuchte, das schnell Eroberte als Kriegsverlierer aber schon bald wieder verlor? Eine zu vernachlässigende Episode vor allem angesichts dessen, was danach kam? »Die deutsche Kolonialgeschichte scheint im Geschichtsbewusstsein der Deutschen und in der deutschen Geschichtsschreibung nach 1945 eher eine nebengeordnete und beiläufige Rolle zu spielen«,(1) stellt der Historiker Horst Gründer in seiner 1985 erschienenen Geschichte der deutschen Kolonien fest. Ähnliches lässt sich auch für die deutsche Literatur-und Kulturwissenschaft konstatieren. Denn zwar ist die Germanistik längst vielfach von den Post-Colonial und Cultural Studies affiziert und inzwischen fast routinemäßig dazu übergegangen, ihre Klassiker auf ›Alteritätsdiskurse‹ und ›Konstruktionen des Fremden‹ hin zu untersuchen. Die eigentliche Kolonialzeit – also die Periode zwischen den frühen 1880er Jahren und dem Ende des Ersten Weltkriegs – ist in dieser Hinsicht aber noch alles andere als gut erforscht. Und so gelingt es den Germanisten Alexander Honold und Oliver Simons, in dem ansonsten fast abgegrasten Themenfeld ›Literatur und Kolonialismus‹ ein Teilgebiet abzustecken, das noch viele Möglichkeiten bietet: Die zwölf Einzelbeiträge in dem von ihnen herausgegebenen Band Kolonialismus als Kultur: Literatur, Medien, Wissenschaft in der deutschen Gründerzeit des Fremden eröffnen immer wieder neue Perspektiven, zeigen überraschende Zusammenhänge auf und werden dadurch – nicht zuletzt auch aufgrund ihrer durchweg guten Lesbarkeit – zu einem anregenden und informativen Leseerlebnis.

Dafür sorgt nicht nur der Gegenstand, sondern auch die spezifische Fragestellung. Wie die Herausgeber in der Einleitung erläutern, soll »die kulturelle Dimension des Kolonialismus« (S. 9) in den Vordergrund gerückt werden. Damit wird einerseits an verschiedene Vorarbeiten namentlich in der englischsprachigen Forschung angeknüpft – zu nennen ist hier an erster Stelle Edward Saids Culture and Imperialism.(2) Zugleich geht die so formulierte Fragestellung aber über die von Said begründete Art der ›postkolonialen‹ Literaturkritik hinaus. War es das Ziel von Saids Orientalism aufzuzeigen, wie Literatur zu einem wichtigen Bestandteil des kolonialen Unternehmens werden konnte,(3) so demonstrierte sein Culture and Imperialism, wie umgekehrt der Imperialismus zum Teil von Kultur (und das hieß in den meisten von Said diskutierten Beispielen: Literatur) geworden ist. So offensichtlich letztere Sichtweise in den Band Kolonialismus als Kultur eingeflossen ist, so deutlich sind auch die Unterschiede. Positiv hervorzuheben ist hier zum einen die genaue Fokussierung auf den Gegenstand, zum anderen die konsequente Berücksichtigung des jeweils spezifischen Kontextes, die der Tendenz zu (vor allem historisch) stark generalisierenden Aussagen gegenübersteht, welche den Wert von Saids Arbeiten schmälert. Darüber hinaus wird in Kolonialismus als Kultur ein engeres Verhältnis zwischen Kultur und Kolonialismus behauptet als dies noch in Culture and Imperialism der Fall war: Gezeigt werden soll laut Herausgeber-Vorwort, wie der Kolonialismus in die deutsche Kultur inkorporiert, ja zu einem wesentlichen Bestandteil der Konstruktion ›Deutschlands‹ in der Gründerzeit wurde. Zwar können die Einzelbeiträge das damit implizierte Versprechen auch in ihrer Gesamtheit nicht ganz einlösen. Nichtsdestoweniger vermitteln sie jederzeit eine Ahnung vom hier angedeuteten größeren Zusammenhang und verdeutlichen so, was es auf diesem Terrain noch zu entdecken gibt.

Das gilt insbesondere für den Bereich der Literatur. Als exemplarische Fallstudien betrachtet, lassen die Beiträge zu diesem Thema zwei Potenziale der eingangs skizzierten Fragestellung erkennen: Mit ihr kann man, erstens, eine große Zahl bisher vernachlässigter Texte erschließen und, zweitens, vermeintlich wohl Bekanntes in neuem Licht betrachten. Längst überfällig war zum Beispiel eine Lektüre von Franz Kafkas In der Strafkolonie, die den Titel der Erzählung beim Wort nimmt und nach ihrem Verhältnis zum zeitgenössischen Kolonialismus fragt. Paul Peters leistet hier mit seinem Kommentar Pionierarbeit. In seinen Augen repräsentiert Kafka den »Prozeß des europäischen Kolonialismus als exterminatorisches Strafverfahren« (S. 59). Peters’ Analyse mag in ihrer Parallelisierung kolonialer Machtpraktiken und Kafkas »Apparat« manchem zu weit gehen oder zu assoziativ verfahren; sie bietet jedoch zweifellos wichtige Ansatzpunkte für eine Neuperspektivierung des Textes. Das trifft, mit Einschränkungen, auch auf einen weiteren Beitrag zu einem kanonischen Autor zu: In ihrer Lektüre des wenig bekannten Romans Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine von Alfred Döblin zeigt Ira Lorf, wie in diesem Text zweierlei Quellen ethnologischen Wissens literarisch verarbeitet wurden: die Ausstellungen des Berliner Museums für Völkerkunde und populärwissenschaftliche ethnographische Berichte. Lorfs Interpretation beschränkt sich allerdings auf die »Kostümfestszene« in der Typoskriptfassung des Buchs – und scheint so das Vorurteil zu bestätigen, der Kolonialismus sei in der deutschen Literatur nur marginal (oder, wie im Falle Kafkas, indirekt) thematisiert worden. Diesem Eindruck wirkt aber spätestens der hochinteressante, diskursanalytisch ausgerichtete Aufsatz von Thomas Schwarz entgegen, der sich mit ›Neurasthenie‹ und ›Tropenkoller‹ als krankhaften Symptomen eines spezifisch deutschen Kolonialeifers auseinandersetzt. Wie Schwarz darlegt, wurde die Überreizung der Kolonisten, die sich im schlimmsten Fall in Gewaltexzessen manifestierte (ein berühmter historischer Fall ist Carl Peters), wiederholt zum Gegenstand von Literatur – unter anderem in zwei Tropenkoller betitelten Romanen von Frieda von Bülow (1896) und Henry Wenden (1904) sowie dem Buch Tropen (1915) des Wiener Expressionisten Robert Müller. Bei Schwarz wird mithin nicht nur ein einzelner vernachlässigter Roman, sondern ein ganzes Korpus vergessener Texte in Erinnerung gerufen. Insbesondere der letztgenannte Roman von Robert Müller hätte – als das deutsche Heart of Darkness – eine größere Aufmerksamkeit von Seiten der Germanistik verdient.

Neben der Analyse von literarischen Werken stehen in Kolonialismus als Kultur Beiträge zu wissenschaftlichen Autoren – etwa dem Missionar und Übersetzer daoistischer Literatur Richard Wilhelm (Weijian Liu) und dem bis heute bekanntesten Ethnologen des Kaiserreichs, Leo Frobenius (Markus Joch). Es folgen Untersuchungen, die noch deutlicher als die bisher besprochenen erkennen lassen, worin die Differenz der eingangs geschilderten Fragestellung gegenüber früheren Arbeiten besteht. Gegenstand ist nun nicht mehr allein Literatur, sondern der weitere »kulturelle Resonanzraum kolonialer Bestrebungen« (S. 9 f.). Mit der Orientbegeisterung Kaiser Wilhelms II. wird dabei ein Thema berührt, das für die vorliegende Fragestellung von besonderem Interesse ist: der deutsche Orientalismus, den Edward Said in seiner einflussreichen Orien-talismus-Studie bekanntlich weitgehend ausspart (weil sich hier, anders als für England und Frankreich, keine unmittelbare Verbindung zwischen Wissenschaft und Kolonialismus aufzeigen lässt). Alexander Honold rekonstruiert die Umstände und den Verlauf von Wilhelms großer Orientreise im Oktober 1898 und porträtiert den reisenden Kaiser dabei als geschickten Vertreter wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Interessen. Auch im Bereich des Orientalismus, so Honold, war Deutschland ein Nachzügler mit dem Bestreben, möglichst schnell an Boden zu gewinnen, wenn in diesem Fall auch nicht als Kolonialmacht. Wie stark der Kolonialismus ideologisch und diskursiv auf andere Bereiche übergriff, wird auch im Beitrag von Oliver Simons deutlich, der aufzeigt, in welcher Weise sich die Ausweitung des Postwesens mit einer kolonialen Expansionslust verband, wenngleich die in Ägypten wirkenden deutschen Ingenieure letztlich nur dabei zusehen konnten, wie die anderen Kolonialmächte den Suezkanal eröffneten. Einen Blick auf die postkoloniale Periode, in die sich Deutschland nach dem Versailler Vertrag unfreiwillig versetzt sah, bietet Stephan Bresser: 1916 entwickelten deutsche Forscher das erste Heilmittel gegen die Schlafkrankheit, das später vielsagend »Germanin« getauft wurde. Diese Entdeckung kam allerdings zu spät, Deutschland konnte selbst nicht mehr als Kolonialmacht von der Erfindung profitieren. Der Wirkstoff begann stattdessen eine Karriere in Literatur und Film, wo er als »deutsche Großtat« gefeiert wurde und sowohl Tropenmedizinern als auch Lebensraum-Ideologen der NS-Zeit zur Legitimation kolonialer (Rück-)Eroberungsphantasien diente.

»Kolonialismus als Populärkultur« könnten zwei Beiträge betitelt sein, die sich im abschließenden Teil zum Thema »Medien« finden und die ergänzend zu den bisherigen Analysen deutlich machen, wie der Kolonialismus über Literatur und Wissenschaft hinaus eine Öffentlichkeit erreichte. Wie Sylke Kirschnick in einem für die Fragestellung des Bandes einschlägigen Beitrag zeigt, wurde in der Reichshauptstadt Berlin eine kolonialistische Schaulust zelebriert, wenn der Zirkus Busch in Form einer Großen Ausstattungspantomime in 3 Kriegsbildern Szenen aus Südwest-Afrika inszenierte – nur kurze Zeit nach dem folgenreichen »Vernichtungsbefehl« gegen die aufständischen Herero im Jahre 1904; trotz seiner Schattenseiten wurde der Kolonialismus so Teil reichsdeutscher Vergnügungskultur. Im Beitrag von Robert Tobin rückt schließlich noch einmal das deutsche »koloniale Begehren«(4) in den Mittelpunkt. Anders als bei Thomas Schwarz geht es diesmal um Samoa, eine Kolonie, die vielleicht noch stärker als die afrikanischen Besitzungen aus dem historischen Bewusstsein verschwunden ist, obwohl sie in der Wahrnehmung der deutschen Kolonialisten eine besondere Stellung hatte. Die oftmals auf Aktfotografien abgelichteten Samoaner wurden zum Inbegriff einer ›Reinrassigkeit‹, die zu bewahren man sich verpflichtet sah. Aller Grenzziehung zum Trotz ist der ›reinrassige‹ Samoaner dabei als »Spiegel des eigenen Selbstverständnisses« (S. 207) zu erkennen – zugleich Identifikationsfigur und Wunschprojektion. Zusammen betrachtet stellen die Beiträge von Schwarz und Tobin ein gewichtiges Argument für eine intensivere kulturwissenschaftliche Erforschung des deutschen kolonialen Begehrens um die Jahrhundertwende dar. In Anschluss an Robert Young (Anm. 4), aber auch an andere englischsprachige Autoren könnte die Germanistik hier ein breites und historisch äußerst gewichtiges Diskursfeld erschließen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der von Alexander Honold und Oliver Simons vorgelegte Band auf insgesamt überzeugende Weise das Verhältnis von Kolonialismus und Kultur im Deutschland der Gründerzeit darzustellen vermag. Es werden verschiedene Argumente gegen die noch immer gängige These von der relativen Irrelevanz oder Folgenlosigkeit des deutschen Kolonialismus gefunden. Der Kolonialismus, so wird gezeigt, war (und blieb) Teil der deutschen Kultur. Literarische Texte fanden im deutschen Kolonialleben einen Gegenstand und bezogen Material aus dem von Afrikaforschern übermittelten ethnologischen Wissen; verschiedene wissenschaftliche Disziplinen hatten in den neu gewonnenen Kolonien ein breites Betätigungsfeld; die Kolonien erweckten darüber hinaus das öffentliche Interesse. Kurz: Der Kolonialismus war in Deutschland und insbesondere in der Reichsmetropole Berlin präsent, und es existierte offensichtlich ein weit verbreitetes ›koloniales Bewusstsein‹, das sich im kulturellen Leben widerspiegelte – und festsetzte.

Die Archäologie einer »Gründerzeit des Fremden«, die Alexander Honold und Oliver Simons laut Klappentext intendieren, steht angesichts der Vielschichtigkeit und Breite des Gegenstands auch nach Kolonialismus und Kultur freilich erst am Anfang. Das zumeist mit erfreulicher dokumentarischer Sorgfalt argumentierende Buch bietet hierfür jedoch zahlreiche Ansatzpunkte und Anregungen.


Michael C. Frank, Universität Konstanz, Fachbereich Literaturwissenschaft – Anglistik, Fach D 161,D-78457 Konstanz; E-Mail: Michael.Frank@uni-konstanz.de


Anmerkungen

(1) Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien. Paderborn 2., verb. und erg. Aufl. 1991, S. 9. [zurück]

(2) Edward Said, Culture and Imperialism. London 1993. Der Zusammenhang von ›Kolonialismus‹ und ›Kultur‹ wird ebenfalls hergestellt in einem Buch des am Goldsmith’s College lehrenden Ethnologen Nicholas Thomas, Colonialism’s Culture. Anthropology, Travel and Government. Cambridge 1994. [zurück]

(3) Vgl. Edward Said, Orientalism. London 1978. [zurück]

(4) Robert J. C. Young, Colonial Desire. Hybridity in Theory, Culture and Race. London, New York 1995. [zurück]