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In: KulturPoetik 2004, Heft 1

Autor

Jutta Heinz

Titel

Wilhelm Meister als Lehrling bei Foucault
Franziska Schößler, Goethes Lehr- und Wanderjahre. Eine Kulturgeschichte der Moderne. Tübingen, Basel: Francke 2002. 379 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Es ist ein Topos speziell der Wanderjahre-Forschung, dass erst das frühe 20. Jahrhundert die Modernität des Goetheschen Spätwerks entdeckt habe. Seitdem überbieten sich die Interpreten in der Explikation eben dieser Modernität, die mal in der formalen Darbietung als ›Aggregat‹, mal in der ›Totalität‹ der dargestellten Inhalte gesucht wird. Franziska Schößler fügt dieser Tradition eine neue Variante hinzu: Sie liest die Lehr- mit den Wanderjahren als zusammengehöriges Projekt einer Kulturgeschichte der Moderne, das vor allem auf die Darstellung kulturellen Wandels zielt: »Goethes Romane führen Transformationen [...] innerhalb leitender kultureller Diskursformationen vor Augen und konturieren so das Profil der bürgerlichen Moderne; kultureller Wandel wird als Umstrukturierung und Neukonstellierung von Diskursen beschreibbar« (S. 9).

Ihr Verfahren konturiert Schößler in der Einleitung als eine heuristisch-eklektizistische Mischung aus Foucaultschem Diskursbegriff, dem Textbegriff des New Historicism und traditioneller »philologischer Genauigkeit« (S. 21) als literaturwissenschaftlicher Kernkompetenz; darüber hinaus wird die Studie an die aktuelle Gedächtnis und Medialitätsdiskussion angeschlossen. Die eher schwache Theoretisierung zeigt vor allem, wie stark die benannten methodischen Konzepte inzwischen in die Selbstverständlichkeiten einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Literaturwissenschaft integriert worden sind; sie ist auch für Schößlers Projekt insgesamt völlig hinreichend. Zudem legt die Autorin Wert darauf, dass das literaturwissenschaftliche gegenüber dem kulturwissenschaftlichen Erkenntnisinteresse »im Vordergrund« steht (S. 20): Letztlich ist die Studie vor allem eine Goethe-Interpretation vor dem Hintergrund verschiedener Leitdiskurse zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Trotz der Distanzierung von den literaturwissenschaftlich problematischeren Annahmen von New Historicism und Diskursanalyse (wie Tod des Autors, Einebnung der Literarizität der Texte) sind jedoch einige ideologische Folgelasten vor allem aus der Foucaultschen Erbmasse unübersehbar. So definiert Schößler zunächst Kultur noch recht allgemein als »Wissensformation« und »spezifisches Arrangement von Diskursen« (S. 21). In einem zweiten Schritt jedoch kommt eine funktionale Interpretation hinzu, die nicht mehr ganz so harmlos ist: Kultur diene nämlich gleichzeitig als »Domestikationsstrategie« und als »Medium der Normalisierung« (ebd.); dies werde vom literarischen Text als »Kommentar« reflektiert, der »Fragwürdigkeiten, Inkohärenzen und Widersprüche der kulturellen Ordnung« sichtbar werden lasse (ebd.). Nun ist man natürlich nicht gezwungen, die negativen Konnotationen von ›Domestikation‹, ›Normalisierung‹ oder ›Inkohärenz‹ tatsächlich zu aktualisieren; der machtkritische Impetus scheint mir jedoch willentlich impliziert. Damit aber hat der ›Kommentar‹ seine Unschuld verloren: Seine »Einsprüche« – eine wohl dem Verhandlungsmodell des New Historicism entstammende Lieblingsmetapher der Autorin (vgl. z. B. S. 344) – richten sich nämlich ausschließlich gegen die Diskursmodelle der Moderne, die damit gleichsam vorverurteilt erscheint. Dagegen sei, im Namen Goethes und unter Gefahr der intentional fallacy, ebenfalls Einspruch erhoben: Es erscheint kaum glaublich, dass jemand, der so stark auf das Leben und die produktiven Gestaltungsmöglichkeiten des Individuums in der konkreten Wirklichkeit unter allen Umständen vertraute, in seinem Roman-Hauptprojekt hauptberuflich Kritik betreiben sollte. Oder, um den Meister einmal selbst zu Wort kommen zu lassen: »Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muß sie positiv ausgesprochen werden; problematisches hab’ ich in mir selbst genug«(1).

Führen wir also eine Beweiserhebung durch. Im ersten Hauptteil ihrer Studie untersucht Schößler zunächst die Lehrjahre. Sie erzählt dabei die Krisengeschichte Wilhelms als eines exemplarischen Subjekts der Zeitgeschichte, das sich zunächst als Identität ›konstituiert‹, so entstehende Probleme ästhetisch ›kompensiert‹, jedoch von der diskursiven Realität eingeholt und ›normalisiert‹ wird, bis es schließlich am Schluss des Romans gänzlich ›aufgehoben‹ (im durchaus negativen Sinn des Wortes) erscheint. Als entscheidende diskursive Kontexte treten dabei Ästhetik, Pädagogik, Medizin und Ökonomie auf.(2) Erstere werde von letzteren immer stärker überwältigt. Ergebnis sei eine »Diskursverengung« (S. 185), in der vor allem die Medizin und die Ökonomie das alte emphatische Subjekt samt seiner künstlerischen und emotionalen Ansprüche sozusagen umprogrammieren. In diesem Zusammenhang gelingen Schößler einige überzeugende und geradezu mikroskopische Detailanalysen. Auch die dargestellten diskursiven Übergänge sind im Einzelnen argumentativ gut untermauert und erscheinen hinreichend signifikant für den kulturgeschichtlichen Kontext; das gilt beispielsweise für die Transformation des Liebes- in einen Leistungsdiskurs am Beispiel von Mitleid und Fürsorge oder bei der Medizinalisierung des Diskurses über den Wahnsinn.(3) Weshalb jedoch die dargestellten Prozesse zusammenfassend als »Diskursverengung« gedeutet werden müssen, bleibt unklar und beruht im Wesentlichen darauf, dass dem alten Subjektkonzept offenbar ein höherer – kultureller? emotionaler? ideologischer? – Wert unterstellt wird als den neuen diskursiven Usurpatoren aus Medizin und Ökologie. Deren Machtübernahme stellt ja, bei neutraler Betrachtung, zweifellos genauso eine Diskurserweiterung dar, wenn auch in eine neue Richtung. Problematisch ist zudem, dass wenig Raum für formale Textanalysen bleibt, da diese in das allgemeine diskursanalytische Schema nicht leicht integrierbar sind.Und selbst bei diesen wenigen Formanalysen schlägt das gleiche versteckte Wertungsmuster durch: So diagnostiziert Schößler, dass im Roman zunehmend emotionale Verwirrungen in »narrative Binnenräume gebannt« (S. 126) werden – was offensichtlich einer Art erzählerischer Internierung entspricht. Darüber hinaus wird der sich bereits in den Lehrjahren ankündigende Gattungswechsel zum ›Archivroman‹ als Indiz für eine Abkehr von der Kunst und eine Zuwendung zur unkünstlerischen Tradierung von eigentlich überkommenen kulturellen Werten denunziert; damit jedoch haben die Wanderjahre von vornherein keine Chance mehr, als Kunstwerk sui generis wahrgenommen zu werden.

Obwohl Schößler die beiden Wilhelm-Meister-Romane in zwei getrennten Teilen behandelt, ist es einer der Verdienste der Studie, einen sehr viel engeren, vor allem diskursiv begründeten Zusammenhang der beiden Romanteile nachzuweisen, als es der bisherigen Forschung gelungen war. Der zweite Teil von Schößlers Monographie ist – konsequent nach dem Verlust des Subjekts in den Lehrjahren – entlang diskursiver Formationen organisiert. Weiterhin stehen dabei Medizin und Ökonomie im Mittelpunkt, daneben gibt es auch Kapitel zu den im Roman enthaltenen allgemeineren Konzepten von Zeiterfahrung, Bildung und Transzendenz. Auch hier ist die Interpretation im Einzelnen wieder deutlich besser als die allgemeinen Schlussfolgerungen. Das gilt beispielsweise für das Kapitel über die Zeit, in denen verschiedene moderne Formen der Zeiterfahrung (Takt, Produktionszeit) mit anachronistischen Zeitformen (Zyklus, der Mythos vom längsten Tag) in Beziehung gesetzt werden. Auch die dargestellten Kontexte lesen sich als Einzelstudien interessant und aufschlussreich (beispielsweise die Entwicklung des Wundarztberufes). Über weite Strecken völlig unberücksichtigt bleibt allerdings die besondere poetische Struktur des Textes, die ja eigentlich die Herausforderung jeder Wanderjahre-Interpretation ist. Schößler bezieht sich beinahe ausschließlich auf die Rahmenerzählung, wo die diskursive Dichte der Außenbezüge ja auch am höchsten ist; die novellistischen Einlagen werden nur sporadisch erwähnt, die Spruchsammlungen tauchen praktisch überhaupt nicht auf. Das jedoch macht die Wanderjahre der Studie zu einem letztendlich verstümmelten Text.

Als strukturbestimmend für die Wanderjahre sieht Schößler ihre antagonistische Struktur: Der Roman sei nicht nur polyperspektivisch, sondern oppositorisch angelegt. Dem folgsamen Goethe-Adepten kommt dabei spontan das Goethesche Lieblingswort von der ›Polarität‹ in den Sinn; das findet sich jedoch nirgends bei Schößler – was zu verschmerzen wäre, wenn die dargebotene ›antagonistische‹ Strukturanalyse in gleichem Maße überzeugend wäre wie das im Begriff der ›Polarität‹ (und seines unzertrennlichen Goetheschen Komplements, der ›Steigerung‹) enthaltene Erklärungspotential. Hier erscheinen jedoch Zweifel geboten. Zwei Beispiele sollen das belegen. So interpretiert Schößler das Thema der plastischen Anatomie – wobei der Anatom bezeichnenderweise als »Organschnitzer« (S. 323) unterschwellig negativ konnotiert wird – als Beispiel für eine exemplarische diskursive Trennung von Ästhetik und Medizin. Dazu muss sie aber geradezu verschweigen, was der Anatom in den Wanderjahren programmatisch verkündet – und was, der opinio communis der Forschung gemäß, auch Goethes persönliche Ansicht war: »Sie sollen in kurzem erfahren, daß Aufbauen mehr belebt als Einreißen, Verbinden mehr als Trennen«(4). Der Anatom rechtfertigt seine Arbeit nämlich als genuin künstlerischen wie medizinischen Akt; es geht also gerade um die Verwandtschaft von Kunst und Technik, die beide ihre Basis in der Natur haben. Hier einen Antagonismus zu sehen, ist nicht nur Goethes Intentionen konträr entgegengesetzt, sondern auch dem Romankontext fremd, in dem das Verbinden gleichberechtigt neben dem Trennen steht.

Schößlers Arbeit gipfelt, wie noch jede Wanderjahre-Interpretation, in einer Interpretation Makaries. Hier ist der Schößlers Deutung zugrundegelegte Antagonismus am stärksten ausgeprägt, nämlich zwischen Alles und Nichts aufgespannt: Makarie kann entweder – im restaurativen Modell – die emphatische Verkörperung der Einheit von Mikrokosmos und Makrokosmos schlechthin sein oder – im innovativen Modell – die »leere Mitte« (S. 352) der dargestellten modernen Kollektive, eine reine Theaterinszenierung, um die »transzendentale Obdachlosigkeit« der Moderne zu verschleiern. Beides sind nach Schößler »Lesarten«, die im »Roman strukturell angelegt« (S. 344) sind. Eine Vermittlung oder Homogenisierung sei weder beabsichtigt noch möglich, da gerade die Spezialisierung und Ausdifferenzierung als wesentliche Strukturelemente der »Modernisierung« (S. 357) sozusagen das letzte telos der Darstellung seien. Zurück bleibt der »spezialisierte« Leser (S. 358), der nun zweifellos mehr weiß über diskursive Transformationsprozesse zu Beginn des 19. Jahrhunderts und der ebenso zweifellos interessante Interpretationsansätze zu einzelnen Figuren und Themenbereichen der Wilhelm-Meister-Romane bekommen hat. Wahrscheinlich wird er sich jedoch angesichts der Tendenz der Darstellung heimlich in die gute alte Zeit zurücksehnen, als das Subjekt noch mit sich selbst identisch, der Künstler noch inspiriert und die Natur noch ästhetisch war. Und er wird sich ein bisschen wundern, wie es Goethe schaffen konnte, dieser doch so allgegenwärtigen Spezialisierung zu entgehen, indem er nicht nur einen, sondern gar zwei zusammengehörige, umfangreiche Romane schrieb, in denen das kulturelle Wissen der Zeit nicht nur getrennt, sondern auch zu mindestens gleichen Teilen verbunden dargestellt wird; »zwar nicht aus Einem Stück, aber doch in Einem Sinn«(5).

PD Dr. Jutta Heinz, FSU Jena, Institut für Germanistische Literaturwissenschaft, Fürstengraben 14–18, D-07740 Jena; E-Mail:jutta.heinz@t-online.de


Amerkungen

(1) Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre. In: Goethe, Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens [Münchner Ausgabe = MA]. Bd. 17. Hg. v. Gonthier-Louis Fink, Gerhart Baumann u. Johannes John. München, Wien 1991, S. 522 (aus: Betrachtungen im Sinne der Wanderer). [zurück]

(2) Völlig vernachlässigt wird hingegen der philosophische Kontext der Transzendentalphilosophie, wie ihn Manfred Engel in seiner Studie Der Roman der Goethezeit (Stuttgart, Weimar 1993) mit einer umfangreichen Interpretation der Lehrjahre herausgearbeitet hat; bezeichnenderweise findet sich die Monographie auch nicht im Literaturverzeichnis. [zurück]

(3)Ein prinzipielles Problem dieser Art Mini-Diskursanalyse ist allerdings die relativ beliebige Auswahl von Kontexten aus relativ weiten Diskursfeldern: Warum welche Autoren zu welchem Thema herbeizitiert werden, wird kaum begründet. [zurück]

(4) Wanderjahre, MA 17 (Anm. 1), S. 557. [zurück]

(5) Tag- und Jahreshefte zu 1821; zit. nach MA 17 (Anm. 1), S. 1019. [zurück]