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In: KulturPoetik 2011, Heft 2

Autor

Björn Bühner

Titel

Die Psyche der Nachkriegszeit
Svenja Goltermann, Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg. München: DVA 2009. 592 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Lange Jahre war der Blick auf die Nachkriegszeit durch zwei einander entgegengesetzte Argumentationsmuster verstellt: Der These von der ›Stunde Null‹ stand die von der ›Restauration‹ nach 1945 unversöhnlich gegenüber. Beide Argumentationsmuster bedingten einen bloß einseitigen Blick auf die Jahre 1945–49. Beide stellten die Beschäftigung mit Problemen, vor die sich deutsche Kriegsheimkehrer in der unmittelbaren Nachkriegszeit gestellt sahen, unter Generalverdacht: Entweder passten diese nicht in die Vorstellung einer ruckartig gelungenen Überwindung der Diktatur; oder sie wurden gewissermaßen als gerechte Strafe für das Leid verstanden, das Deutschland in den Jahren des Nationalsozialismus verursacht hatte. Aus heutiger Sicht sind beide Deutungen unhaltbar. Sie scheinen ihrerseits nur noch von historischem Interesse zu sein. Seit den achtziger Jahren setzte sich stattdessen eine neue, historisierende Perspektive auf den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit durch.[1]

Die historische Forschung vollzieht seither eine Gratwanderung. Denn es ist gerade das Leid der Bewohner Deutschlands, das die Gemütslage im Land während der Gründungstage der Bundesrepublik vor allem anderen kennzeichnet. Sich mit diesem Leid zu beschäftigen, ohne dabei das Leid der Opfer des Nationalsozialismus zu relativieren, ist ein heikler, wiewohl notwendiger Akt. Er darf den Beifall von der falschen Seite nicht fürchten. Spätestens seit den neunziger Jahren und angeregt durch die Wende stieg indes die Bereitschaft, »individuelle Leiderfahrungen des Jahres 1945 anzuerkennen, ohne darin historische Relativierungen zu vermuten«.[2] Bisher wurden vor allem die gesellschaftlichen und historischen Gründe für dieses Leid untersucht. Eine Lücke allerdings blieb: Es fehlte eine Studie, die die psychischen, je individuellen Probleme ehemaliger Wehrmachtssoldaten und die Art und Weise, wie die Gesellschaft damit umging, in den Vordergrund rückt.[3] Es ist Svenja Goltermann mit Die Gesellschaft der Überlebenden gelungen, diese Lücke zu schließen.

Goltermanns Erkenntnisinteresse richtet sich nicht so sehr, wie der Untertitel des Buches vermuten lässt, auf die Gewalterfahrungen, die deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg machten. Ihr Anliegen ist vielmehr, »Einsichten in die persönlichen Weisen, den Krieg zu verarbeiten«, zu gewähren (S. 28). Folgerichtig stehen im Zentrum der Arbeit die Fragen: Erstens, welche Folgen zeitigten die Kriegserfahrungen für das Ich in der Nachkriegszeit? Zweitens, wie wurde damit medizinisch – also in Psychologie und Psychiatrie – umgegangen? Drittens, wie wurde in der Öffentlichkeit darüber gesprochen? Diesem Fragenkatalog folgt die Gliederung des Buches. Besonders im ersten Teil der Arbeit untersucht Goltermann dabei äußerst interessante, aber auch heikle Quellen: Mitschriften, die Psychiater von Gesprächssitzungen mit Kriegsheimkehrern anfertigten. Aus diesen Mitschriften etwas über Mentalitäten und Bewusstseinszustände der damaligen Patienten erfahren zu wollen, ist zweifellos ein waghalsiges hermeneutisches Unterfangen. Goltermann gelingt dieses Kunststück jedoch weitgehend, nicht zuletzt, weil sie im zweiten Teil der Arbeit den fachwissenschaftlichen psychologischen Diskurs der Nachkriegszeit aufarbeitet.

Goltermann untersucht zunächst die persönlichen »Erinnerungsfragmente« der Kriegsheimkehrer und die Lebenswirklichkeit, mit der sie es bei ihrer Heimkehr zu tun bekommen (S. 25). Sie isoliert dabei eine Reihe typischer Krankheitsbilder, die die ehemaligen Soldaten plagten: Zunächst träumten sie von ihren Erlebnissen im Krieg. Zudem erfuhren sie rational nur schwer zu erklärende Angstzustände. Beispielweise wurde auf die Kollektivschuldthese oft mit unbegründeten Verfolgungsängsten reagiert. Ferner ging mit dem Ende der Diktatur bei vielen Soldaten der Zusammenbruch eines Weltbildes einher, was zu erheblichen Krisen bei Prozessen der Identitätskonstitution führte. Daraus ergaben sich in den Augen Goltermanns zwei weitere Krankheitsbilder: Einerseits fiel es den Kriegsheimkehrern häufig schwer, zwischen »Wahn und Wirklichkeit« zu unterscheiden (S. 95), sich in ihrem Denken also rational auf Wirklichkeit zu beziehen. Andererseits – und eng damit verbunden – lasse sich bei vielen ehemaligen Soldaten eine spezifische Form der Ich-Dissoziation feststellen: Verbreitet war die Wahrnehmung, in sich selbst einen ›Doppelgänger‹ zu beherbergen. Goltermann führt das unter anderem darauf zurück, dass die Taten der Soldaten im Krieg mit ihrem Selbstbild eines ›guten Menschen‹ unvereinbar gewesen sein müssen. Schließlich trafen die persönlichen, sozusagen zwanghaften Erinnerungen an den Krieg einerseits und die daraus resultierenden Krankheiten andererseits auf die ›Zusammenbruchsgesellschaft‹ Deutschlands nach 1945. Wie Goltermann zeigt, verstärkte diese Konfrontation den Orientierungsverlust der Kriegsheimkehrer zusätzlich. Die Verfasserin widerlegt dabei überzeugend eine Forschungsposition, die in der These von der Unfähigkeit zu trauern ihre Wurzeln haben dürfte: Nach Goltermann ist Verdrängung ein psychischer Mechanismus, der den Kriegsheimkehrern augenscheinlich nicht gelang.

Im zweiten Teil ihrer Studie fragt Goltermann, mit welchen Methoden die zeitgenössische Psychiatrie diesen Krankheitsbildern begegnete und welche normativen Vor-Urteile sich dahinter verbargen. Die Analyse psychiatrischer Fachliteratur ergibt dabei, dass psychische Folgen des Krieges zunächst überhaupt nicht als eine eigene ›Krankheit‹ anerkannt wurden. Psychische Störungen ehemaliger Soldaten seien vielmehr auf eine individuelle erbliche Disposition für die je gezeigten Symptome zurückzuführen. Dahinter verbarg sich vor allem eine fachwissenschaftliche Position, die psychische Krankheiten ausschließlich auf endogene Ursachen zurückführte. Das setzte die ehemaligen Soldaten unter Druck. Denn zum einen widersprach es ihrer Vorstellung, im Krieg einen Dienst am ›Vaterland‹ geleistet und sich für dieses aufgeopfert zu haben. Zum anderen wurden ihnen damit Kriegsopferrenten verwehrt. Hinter der Gutachterpraxis scheint deswegen auch das Verlangen der Politik gestanden zu haben, etwaige Rentenansprüche nicht ausufern zu lassen. Goltermann zeigt überzeugend, dass sich nur sehr langsam ein wissenschaftlicher Paradigmenwechsel vollzog. Dieser Wandel war auch und vor allem einer »moralische[n] Herausforderung« geschuldet (S. 273). Denn in den fünfziger Jahren stieg der außenpolitische Druck, die Leiden der Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen und somit auch finanziell dafür einzustehen.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit, das zeigt Goltermann im dritten Teil des Buches anhand einiger Filmanalysen und einer Presseschau, widersprach es zudem den ›Sagbarkeitsregeln‹ der Öffentlichkeit, die Krankheiten als solche anzuerkennen. Wie im wissenschaftlichen Diskurs – und mit diesem begründet – war auch hier der Glaube an die Fähigkeit des Menschen grenzenlos, schwerste traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Erst zu Beginn der sechziger Jahre verschob sich, auch unter dem Druck des besagten moralischen Verlangens, die Sichtweise dahingehend, dass der Krieg zweifelsfrei zu psychischen Krankheitsbildern geführt habe. Indem diese Argumentation in der Öffentlichkeit zunehmend an Plausibilität gewann, wurde, wie Goltermann zeigt, zugleich der Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Diskurs befördert. Allerdings stellt sie eine »Zweigleisigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung und Anerkennung psychischer Folgeschäden« fest (S. 346). Anerkennungswürdig waren nur die Leiden zweifelsfreier Opfer des Nationalsozialismus, nicht die ehemaliger Wehrmachtssoldaten.

Während die ersten beiden Kapitel von Goltermanns Studie in jeder Hinsicht überzeugen, bleibt das dritte ausbaufähig: Die Verfasserin kündigt dort eine umfassende Untersuchung der »Sagbarkeitsregeln der öffentlichen Erinnerungskultur« an (S. 345). Diese wäre wohl nur mit einer noch breiteren Textgrundlage, als Goltermann sie in diesem Fall heranzieht, befriedigend zu leisten gewesen. Neben Filmen und Zeitungen lassen sich beispielsweise leicht einschlägige Romane nennen (etwa Hans Werner Richters Die Geschlagenen oder Gert Ledigs Die Stalinorgel), die zweifellos einen Blick wert gewesen wären. Sie hätten der Untersuchung sicher zu noch schärferen Konturen und mehr Belastbarkeit verholfen. Zugleich berücksichtigt die Verfasserin nicht hinreichend, dass sich in dem untersuchten Zeitraum auch ein Strukturwandel der Öffentlichkeit vollzog. Bis weit in die fünfziger Jahre hinein manifestierte sich dort gerade nicht die ›Erinnerungskultur‹ aller Deutschen, sondern nur die einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe.[4]

Insgesamt trägt Goltermann aber weitreichende Erkenntnisse zur Erforschung der Nachkriegszeit bei, die hier nur ausschnitthaft referiert werden konnten. Der Erkenntnisgewinn ist nur dadurch möglich, dass sie Alltags-, Wissenschafts- und Öffentlichkeitsgeschichte gekonnt ins Treffen führt. Und obschon sie erkenntnistheoretisch wie hermeneutisch auf angemessenem Niveau argumentiert, pflegt die Verfasserin einen angenehm unprätentiösen Stil, der auch einem nicht-fachwissenschaftlichen Publikum gut zugänglich sein dürfte. Daneben legt Goltermann ein beachtliches narratives Können an den Tag. Dass sich ein wissenschaftliches Buch um narrative Spannung bemüht, ist nicht nur legitim. Es verweist zudem auf ein erfreuliches wissenschaftliches Selbstverständnis, das darauf abzielt, für die eigenen Erkenntnisse ein möglichst großes Publikum zu interessieren. Allerdings bedingt diese Darstellungsweise, dass Primärquellen mitunter weitläufig referiert werden. Das steht zwar dem Verlangen des berufsmäßigen Lesers entgegen, auf möglichst wenigen Seiten möglichst viele Erkenntnisse ebenso überzeugend wie prägnant präsentiert zu finden, erscheint aus den genannten Gründen aber als gerechtfertigt. Festzuhalten bleibt noch: Der Paradigmenwechsel der Psychiatrie und der öffentliche Diskurs bis 1970 korrespondieren mit der Entwicklung der historischen Wissenschaften, die eingangs skizziert wurde. Indem Goltermann nun diese Arbeit vorlegt, vollzieht sie zugleich deren Paradigmenwechsel. Dieser erlaubt, wie ihre Arbeit eindrucksvoll belegt, die tatsächlich historisierende Erforschung des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit.


Björn Bühner M.A., Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: b.buehner@mx.uni-saarland.de



Anmerkungen

[1] Hervorzuheben ist hier klassisch: Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955. Göttingen 1982. Seit den neunziger Jahren hat sich besonders Axel Schildt verdient gemacht, vgl. beispielhaft: Ders., Kontinuität und Neuanfang im Zusammenbruch. Zu den politischen, sozialen und kulturellen Ausgangsbedingungen der Nachkriegszeit. In: Monika Estermann/Edgar Lersch (Hg.), Buch, Buchhandel und Rundfunk 1945–1949. Wiesbaden 1997, S. 9–33. [zurück]


[2] Jan-Holger Kirsch, »Wir haben aus der Geschichte gelernt«. Der 8. Mai als politischer Gedenktag in Deutschland. Köln, Weimar, Wien 1999, S. 206. Vgl. auch Christoph Kleßmann, 1945 – welthistorische Zäsur und »Stunde Null«, Version: 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 15.10.2010, URL: https://docupedia.de/zg/1945?oldid=76218. [zurück]

 

[3] Goltermann stellt fest, dass sich neuere Arbeiten besonders mit den »öffentlichen Erinnerungskonstruktionen« auseinandersetzen und darüber zum Ergebnis kommen, »dass die seit Kriegsbeginn von Deutschen begangenen Verbrechen in der Erinnerung – auch der persönlichen – keine Rolle gespielt hätten« (S. 23 f.). Gleichwohl stellen diese Arbeiten eine psychologisch inspirierte Argumentation infrage, die lange gepflegt wurde und in der Mitscherlich’schen These von der Unfähigkeit zu trauern wurzelt. In Anlehnung an Freud argumentierten die Mitscherlichs dort: »Die Unfähigkeit zur Trauer um den erlittenen Verlust des Führers ist das Ergebnis einer intensiven Abwehr von Schuld, Scham und Angst; sie gelingt durch einen Rückzug bisher stark libidinöser Besetzungen. Die Nazivergangenheit wird derealisiert, entwirklicht« (Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern. München 202007, S. 34.) [zurück]

 

[4] Vgl. Christina von Hodenberg, Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973. Göttingen 2006. [zurück]