{"id":224,"date":"2015-11-10T16:25:57","date_gmt":"2015-11-10T15:25:57","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturpoetik.germanistik.uni-saarland.de\/RomAnt\/?page_id=224"},"modified":"2015-11-10T16:30:55","modified_gmt":"2015-11-10T15:30:55","slug":"begriffswandel","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/kulturpoetik.germanistik.uni-saarland.de\/RomAnt\/index.php\/homepage\/begriffswandel\/","title":{"rendered":"Begriffswandel"},"content":{"rendered":"<h5>Historischer Lexikonartikel:<\/h5>\n<p><strong><em>Anthropologie<\/em><\/strong>, Menschenlehre, eine Wissenschaft, welche die physische und geistige Natur des Menschen umfa\u00dft. In neuern Zeiten hat man sie als Naturlehre des Menschen von der Naturgeschichte desselben abgesondert. Ihre Behandlung aber ist verschieden, je nachdem man die physische oder geistige Seite des Menschen mehr im Auge gehabt hat, oder beide zu verbinden suchte; ferner nach dem besondern Gesichtspunkte und Zwecke, aus und zu welchem man den Menschen betrachtet. Da man den Menschen in einer dreifachen Hinsicht betrachten mu\u00df: 1) nach seiner physischen Natur, 2) nach seiner geistigen Natur, 3) nach Dem, was er als freihandelndes Wesen aus sich macht, so hat man in ersterer Hinsicht eine somatische oder physiologische Anthropologie (die man, weil sie mehr der Heilwissenschaft dient, auch medicinische Anthropologie genannt hat); ferner eine psychische Anthropologie (s. Psychologie) und eine vergleichende Anthropologie oder Anthropologie ohne Beinnamen angenommen, die man jedoch mehr als philosophische Wissenschaft behandelt. Die letztere geht vorz\u00fcglich auf eine Kenntni\u00df des Menschen und f\u00fchrt zur richtigen Menschenkenntni\u00df (s. d.) hin. Doch ist sie verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig noch am wenigsten bearbeitet. Hartmann, Heinroth, v. Berger, Hillebrand haben Versuche ihrer Bearbeitung gemacht. Vgl. G. E. Schulze, &#8222;Psychische Anthropologie&#8220; (3 A., G\u00f6tting. 1826), und D. Choulant\u2019s &#8222;Anthropologie f\u00fcr Nicht\u00e4rzte&#8220; (Dresd. 1828, 2 Bde.).<\/p>\n<p><strong>Allgemeine deutsche Real=Encyklop\u00e4die f\u00fcr die gebildeten St\u00e4nde. Band 1. Reutlingen 1830, S. 319.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Aktueller Lexikonartikel:<\/h5>\n<p><em><strong>Anthropologie<\/strong> <\/em>[griech.] die, -, die Wissenschaft vom Menschen, bes. unter biologischem, philosophischem, p\u00e4dagogischem und theologischem Aspekt.<\/p>\n<p>V. a. im engl. Sprachgebrauch umfa\u00dft die A. als Erfahrungswissenschaft auch die Erscheinungen des kulturellen und sozialen Lebens, also die Soziologie, Sozialpsychologie, V\u00f6lker- und Volkskunde, auch z. T. Sprachwissenschaft, Vorgeschichte und Arch\u00e4ologie. In den USA wird z. B. als Sonderzweig die Kultur-A. (engl. Cultural anthropology) unterschieden, unter der die gesamte V\u00f6lkerkunde verstanden wird.<\/p>\n<p><strong>Biologische Anthropologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die biolog. A. ist die Disziplin der Biologie, die den Menschen als Organismus behandelt. Ihre Schwerpunkte liegen in der Erforschung der menschl. Phylogenese (Stammesentwicklung) und dem Studium der raumbezogenen Variabilit\u00e4t des heutigen Menschen (s. Menschenrassen) sowie dem Studium von Ontogenese (Individualentwicklung), Wachstum und Konstitution.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">[&#8230;] Die biolog. A. erhielt dann mit dem Aufbl\u00fchen der Naturwissenschaften, bes. von Biologie, Medizin und Anatomie, exakte Grundlagen. Ein Ereignis von grundlegender Bedeutung war im 18. Jh. die Eingliederung des Menschen in das System des Tierreichs durch C. von Linn\u00e9; er stellte in der 12. Auflage seiner &gt;Systema naturae&lt; (1766) den Menschen neben den Schimpansen in die Reihe der Primaten. &#8211; Als der eigentl. Begr\u00fcnder der neuzeitl. A. gilt J. F. Blumenbach, dessen Rasseneinteilung von 1775 im wesentlichen noch heute gilt. I. Kant erkannte bereits das \u00dcbergewicht der Vererbung f\u00fcr Stammesentwicklung und innerartliche Differenzierung. Im 19. Jh. wurde der Menschen auch in die neuen Vorstellngen einer Evolution (C. Darwin, E. Haeckel, T. Huxley) der gesamten Organismenwelt einbezogen. Schon fr\u00fcher (J. B: Lamarck, W. Lawrence) aufgetauchte Gedanken engerer stammesgeschichtl. Zusammenh\u00e4nge zw. Mensch und Primaten, bes. Menschenaffen, gewannen an Gewicht; sie wurden im 20. Jh. durch viele Fossilienfunde erh\u00e4rtet.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">[&#8230;] Mit der histor. Entwicklung der A. gingen Gr\u00fcndungen wissenschaftl. Gesellschaften und akadem. Vertretungen parallel. Mit der Gr\u00fcndung der &gt;Societ\u00e9 d&#8217;Anthropologie de Paris&lt; durch P. Broca (1859), der Enstehung einer &gt;\u00c9cole d&#8217;Anthropologie&lt; (1876) und \u00e4hnlicher Organisationen in vielen L\u00e4ndern (1860-90) begann die Bl\u00fctezeit der A., und zwar dank enger Zusammenarbeit von Anthropologen, Anatomen, Pr\u00e4historiker, Arch\u00e4ologen, Ethnologen u. a. 1886 wurde in M\u00fcnchen der erste dt. Lehrstuhl f\u00fcr A. (J. Ranke) eingerichtet.<\/p>\n<p><strong>Philosophische Anthropologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Philosoph. A. im weiteren Sinn umfa\u00dft die Geschichte der menschlichen Selbsdeutung von den Griechen bis heute. Der Terminus A. findet sich erstmals Ende 16. Jh. bei Otto Casmann (geb. 1562, gest. 1607) in dessen &gt;Psychologia anthropologica sive animae humanae doctrina&lt; (1594). W\u00e4hrend in Antike und Mittelalter die Frage nach dem Wesen des Menschen noch ganz in die Systeme der Ontologie und Metaphysik eingebaut war, vollzog sich in der Neuzeit bei R. Descartes und I. Kant eine radikale Wende zum Subjekt, zun\u00e4chst zum transzendentalen Subjekt, das die Erkenntnistheorien des dt. Idealismus, sp\u00e4ter des Neukantianismus und E. Husserls bestimmte, bei L. Feuerbach, S. A. Kierkegaard, M. Stirner und F. Nietzsche dann zum leibhaften Subjekt oder zur konkreten &gt;Existenz&lt;, was sich in der Lebensphilosophie , der Existenzphilosophie sowie den neomarxist. und strukturalist. Schulen fortsetzte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Indem Kant in seiner Logikvorlesung die drei zentralen philosoph. Fragen &gt;Was kann ich wissen?&lt;, &gt;Was soll ich tun?&lt; und &gt;Was darf ich hoffen?&lt; in die grundlegende Frage &gt;Was ist der Mensch?&lt; m\u00fcnden lie\u00df, formulierte er erstmals die Aufgabe einer philosoph. A., ohne sie freilich, ebensowenig wie der dt. Idealismus, eigens in Angriff zu nehmen. Erst Feuerbach vollzog die &gt;anthropolog. Wende&lt; im Gegensatz gegen G. W. F. Hegels Philosophie des absoluten Geistes, indem er an die Stelle der Theologie die A. setzte, worin ihm K. Marx folgte. Stirner radikalisierte diese Wende auf den &gt;Einzigen&lt; hin, Kierkegaard hinsichtlich der einzelnen Existenz. Nietzsche und die Lebensphilosophen W. Dilthey, H. Bergson und L. Klages thematisierten das leibhafte Leben und Erleben und erkannten ihm einen Primat vor dem rein intellektuellen Geist zu.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Philosoph. A. im engeren Sinn als philosoph. Disziplin entstand Ende der 1920er Jahre. [&#8230;]<\/p>\n<p><strong>P\u00e4dagogische Anthropologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die p\u00e4dagogische A. befa\u00dft sich mit der Bestimmung und dem Selbstverst\u00e4ndnis des Menschseins unter dem Zentralaspekt der Erziehung.<\/p>\n<p><strong>Theologie Anthropologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Grundlegend f\u00fcr die christli. theolog. A. ist die Aussage 1.Mos. 1,26 \u00fcber die Gottebenbildlichkeit (s. Imago Dei) des Menschen, der durch seine Geistbegabung zur Wahrheitserkenntnis und zur Verantwortung bef\u00e4higt ist. Die M\u00f6glichkeit, dieser Wesenbestimmung entsprechend zu leben, ist durch die S\u00fcnde (im traditionellen Sprachgebrauch: die Erbs\u00fcnde) nach kath. Lehre beeintr\u00e4chtigt (&gt;verwundet&lt;), nach ev. Auffassung in st\u00e4rkerem Ausma\u00df gesch\u00e4digt oder gar umfassend zerst\u00f6rt. Daraus ergeben sich Konsequenzen f\u00fcr die M\u00f6glichkeit und Schwierigkeit oder Unm\u00f6glichkeit nat\u00fcrlicher Gotteserkenntnis uns allgemein-menschlicher Ethik.<\/p>\n<p><strong>Brockhaus &#8211; die Enzyklop\u00e4die : in 24 B\u00e4nden. &#8211; 19., v\u00f6llig neuberarb Aufl., Bd 1. Mannheim 1986.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historischer Lexikonartikel: Anthropologie, Menschenlehre, eine Wissenschaft, welche die physische und geistige Natur des Menschen umfa\u00dft. In neuern Zeiten hat man sie als Naturlehre des Menschen von der Naturgeschichte desselben abgesondert. 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