{"id":221,"date":"2015-11-10T16:20:01","date_gmt":"2015-11-10T15:20:01","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturpoetik.germanistik.uni-saarland.de\/RomAnt\/?page_id=221"},"modified":"2015-11-10T16:21:08","modified_gmt":"2015-11-10T15:21:08","slug":"definition","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/kulturpoetik.germanistik.uni-saarland.de\/RomAnt\/index.php\/homepage\/definition\/","title":{"rendered":"Definition"},"content":{"rendered":"<h5>Wie definiert man Anthropologie?<\/h5>\n<p>Heute w\u00fcrden wir beim Wort &#8222;Anthropologie&#8220; wohl entweder an die philosophische Betrachtung des Menschen und seiner Sonderstellung in der Natur denken oder an ethnologische Studien bei Naturv\u00f6lkern. Das deckt sich aber nur zum Teil mit dem Verst\u00e4ndnis, das Aufkl\u00e4rung und Romantik von diesem Fach hatten.<\/p>\n<p>Nicht ohne Grund liegen die Anf\u00e4nge der Anthropologie in der Renaissance &#8211; es ist eine neuzeitliche Wissensform, die ihr Interesse nicht mehr auf die Metaphysik, sondern auf das Hier und Jetzt menschlicher Existenz richtet und dabei philosophische Ambitionen mit physiologischen und psychologischen Fragestellungen verbindet; so vereint die Anthropologie von ihrem Beginn an Wissensgebiete, die heute der Medizin, der Psychologie, der Philosophie und der modernen Anthropologie zugerechnet w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Dieses Interesse am &#8222;ganzen Menschen&#8220; l\u00e4\u00dft die Anthropologie in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung, die sich ganz der empirischen Erforschung des Menschen verschrieben hat, zur Fundamentaldisziplin werden: Nicht mehr deduktiv, von universell g\u00fcltigen Vernunftwahrheiten ausgehend (wie es die f\u00fcr die deutsche Fr\u00fchaufkl\u00e4rung so ungemein pr\u00e4gende rationalistische Philosophie Christian Wolffs zu tun pflegte), sondern induktiv, auf der Basis von Selbstbeobachtung und gesammelten Fallgeschichten, soll nun untersucht werden, wie &#8222;Geist&#8220; und &#8222;K\u00f6rper&#8220; miteinander zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>So erscheinen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zahlreiche anthropologische Monographien &#8211; die erste und ber\u00fchmteste ist Ernst Platners Anthropologie f\u00fcr \u00c4rzte und Weltweise (1772) &#8211; und Zeitschriften &#8211; zum Beispiel das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde (1783-93, hg. von Karl Philipp Moritz). Aber auch die Schriftsteller der Zeit sind am Studium des ganzen Menschen interessiert und betrachten ihre literarischen Werke als Teil des anthropologischen Projekts; das gilt f\u00fcr Karl Philipp Moritz&#8216; Anton Reiser ebenso wie f\u00fcr Wielands Agathon, f\u00fcr Goethes Werther ebenso wie f\u00fcr Schillers R\u00e4uber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Worin liegt die Besonderheit der romantischen Anthropologie?<\/h5>\n<p>Die romantischen Anthropologen setzen die aufkl\u00e4rerische Tradition fort. An die Stelle des Empirismus tritt nun die neue Modedisziplin des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts: Schellings spekulative Naturphilosophie. Die romantische Anthropologie ist so Teil &#8211; und wohl auch Herzst\u00fcck &#8211; eines ersten Gegenentwurfs zur modernen, genauer exakten Naturwissenschaft. Vom ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an beginnt sie, die aufkl\u00e4rerische Anthropologie zu infiltrieren und schlie\u00dflich zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Damit treten Spekulationsfreude und idealistisches Systemdenken an die Stelle von Beobachtung und geduldiger Induktion. Anders als die strengen philosophischen Systemgeb\u00e4ude eines Schelling oder Hegel bleibt die Anthropologie des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts aber immer noch auf allgemeinverst\u00e4ndliche Mitteilung und Verbreitung ihrer Erkenntnisse bzw. Ansichten aus. Gerade deshalb vermischt sie spekulativ-naturphilosophische Ans\u00e4tze und Argumente mit medizinischer Beobachtung und mit Elementen christlicher Herkunft.<\/p>\n<p>Neu ist jedoch nicht nur dieses eklektische Verfahren, sondern vor allem die \u00dcbernahme der zentralen Denkfigur des Idealismus: der dialektischen Vermittlung von Gegens\u00e4tzen. Sie ist das wichtigste Merkmal der romantischen Anthropologie und ein potentes Hilfsmittel, um Geist und K\u00f6rper als eine Einheit aus Gegens\u00e4tzen zu denken &#8211; eine Aufgabe, an der die aufkl\u00e4rerische Anthropologie letztlich gescheitert war. Die dialektische Denkfigur wird aber auch auf alle anderen m\u00f6glichen Bereiche angewendet &#8211; etwa auf das Geschlechterverh\u00e4ltnis oder die &#8222;romantische Liebe&#8220;.<\/p>\n<p>Eine dritte Eigenheit romantischer Anthropologie ist ihr ausgepr\u00e4gt geschichtliches Denken. Nach dem Modell des dialektischen Dreischritts wird nicht nur das Leben des einzelnen Menschen mit seinen unterschiedlichen &#8222;Lebensaltern&#8220;, sondern auch die Entwicklung des Menschengeschlechts gedacht. Ein Lieblingsprojekt der romantischen Anthropologie ist der Entwurf umfassender Universalgeschichten, die die Entwicklung von Kosmos, anorganischer Natur, pflanzlichem, tierischem und menschlichem Leben als einen einheitlichen, dem gleichen Grundgesetz folgenden Proze\u00df darstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie definiert man Anthropologie? Heute w\u00fcrden wir beim Wort &#8222;Anthropologie&#8220; wohl entweder an die philosophische Betrachtung des Menschen und seiner Sonderstellung in der Natur denken oder an ethnologische Studien bei Naturv\u00f6lkern. Das deckt sich aber nur zum Teil mit dem Verst\u00e4ndnis, das Aufkl\u00e4rung und Romantik von diesem Fach hatten. 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